Frauen, Widerstand und Stahl: „Keiner schiebt uns weg!“ beleuchtet Dortmunder Industriegeschichte

Dokumentarfilm über Hoesch-Fraueninitiative am 8. Mai im Taranta Babu

Hungerstreik der Hoesch-Fraueninitiative direkt vor dem Werkstor der Westfalenhütte. Film: „Keiner schiebt uns weg!“

Ein Filmabend im Kulturhaus Taranta Babu erinnert an den Arbeitskampf rund um die Dortmunder Stahlindustrie und rückt dabei insbesondere die Rolle von Frauen in den Mittelpunkt. Gezeigt wird am Freitag, 8. Mai, um 18.30 Uhr der Film „Keiner schiebt uns weg!“. Der Eintritt ist frei.

Vom Schatten der Hochöfen: Frauen in der Geschichte der Schwerindustrie

Die Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets war über Jahrzehnte ein Ort harter, körperlicher und oft gefährlicher Arbeit. Tausende Beschäftigte prägten diese Geschichte – doch die Rolle von Frauen blieb lange im Hintergrund.

Die Verwaltungspraktikantin Maria Johnson und ihre Kollegin Rosemarie Rüschenschmidt. Maria Johnson war eine von drei internationalen Praktikantinnen aus Liberia, die 1976 in Dortmund für ihre Verwaltungsätigkeit in einer Erzmine in Liberia qualifiziert wurden.
Die Verwaltungspraktikantin Maria Johnson und ihre Kollegin Rosemarie Rüschenschmidt (1976). Foto: Hoesch-Museum Dortmund

Gerade im Umfeld der Dortmunder Westfalenhütte der Hoesch AG lassen sich jedoch vielfältige Einblicke in weibliche Arbeitsrealitäten gewinnen.

In Friedenszeiten arbeiteten Frauen vor allem in Bereichen, die traditionell als „weiblich“ galten. Dazu gehörten Tätigkeiten in Werkskantinen, Nähereien oder der Verwaltung. Sie kochten, reinigten, organisierten und hielten den Betrieb im Hintergrund am Laufen. Viele von ihnen kamen aus unterschiedlichen Lebenssituationen ins Ruhrgebiet, fanden über Umwege in die Industrie oder waren als Arbeitsmigrantinnen Teil der Belegschaft.

Zwischen Kriegswirtschaft und Rückkehr in alte Rollen

Mit Beginn der Weltkriege änderte sich dieses Bild. Der Mangel an männlichen Arbeitskräften führte dazu, dass Frauen zunehmend auch in der Produktion eingesetzt wurden. Sie arbeiteten als ungelernte Kräfte in der Stahlverarbeitung, wurden angelernt und übernahmen Aufgaben, die zuvor Männern vorbehalten waren.

Der Lautsprecherwagen der Hoesch-Fraueninitiative (HFI) am 9.4.1981 vor der Hoesch-Hauptverwaltung an der Rheinischen Straße; unterstützt von der Aktivistin und Sängerin Fasia Jansen.
Der Lautsprecherwagen der Hoesch-Fraueninitiative 1981 vor der Hoesch-Hauptverwaltung an der Rheinischen Straße. Foto: Hoesch-Museum Dortmund

Doch in der Nachkriegszeit wurden viele dieser Frauen wieder aus der Produktion verdrängt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ging eine Rückbesinnung auf traditionelle Rollenbilder einher.

Frauen arbeiteten erneut überwiegend in Verwaltung, Pflege oder im privaten Haushalt – trotz ihrer nachgewiesenen Fähigkeiten in der Industrie.

Seltene Karrieren und schwierige Arbeitsbedingungen

Nur wenige Frauen schafften es in Führungspositionen. Einzelne Ausnahmen wie leitende Angestellte in der Verwaltung blieben selten und waren häufig mit persönlichen Einschränkungen verbunden.

Die Kranführerin Maria Kreuch (links) und ihre Kolleginnen auf dem Werk Phoenix (1979). Die Führung der Werkskräne war eine risikoreiche und doch schlecht bezahlte Tätigkeit. Viele männliche Kollegen wollten diese Arbeit nicht ausüben, so stellte der Konzern weibliche Arbeitskräfte an.
Die Kranführerin Maria Kreuch (links) und ihre Kolleginnen auf dem Werk Phoenix (1979). Foto: Hoesch-Museum Dortmund

Gleichzeitig übernahmen Frauen weiterhin körperlich anspruchsvolle und wenig beliebte Tätigkeiten, etwa als Kranführerinnen in den Werkshallen. Unter schwierigen Bedingungen steuerten sie Maschinen, oft bei großer Hitze und in belastender Umgebung.

Dennoch waren Frauen nicht nur Teil der Arbeitswelt, sondern auch des politischen und gewerkschaftlichen Engagements. Sie setzten sich für bessere Arbeitsbedingungen ein und beteiligten sich aktiv an betrieblichen Auseinandersetzungen.

Die Hoesch-Fraueninitiative und der Kampf um Arbeitsplätze

Ein Höhepunkt dieses Engagements war die Gründung der Hoesch-Fraueninitiative Anfang der 1980er-Jahre. Nachdem Pläne für ein neues Stahlwerk aufgegeben wurden, formierte sich Widerstand in der Belegschaft und darüber hinaus.

„Keiner schiebt uns weg!“ so betitelten die Hoeschfraueninitiative im Jahre 1980 ihren da beginnenden Kampf um die Arbeitsplätze. Film: „Keiner schiebt uns weg!“

Frauen aus unterschiedlichen Lebensbereichen organisierten sich, sammelten Unterschriften, verteilten Flugblätter und beteiligten sich an Demonstrationen.

Der Film „Keiner schiebt uns weg!“ dokumentiert diesen Einsatz eindrucksvoll. Er zeigt, wie die Initiative zu einer wichtigen Stimme im Kampf um Arbeitsplätze wurde und wie stark sie die Stadtgesellschaft mobilisierte. Gleichzeitig beleuchtet er die persönlichen Folgen des Konflikts für Familien und Nachbarschaften.

Musik als Stimme des Widerstands und der Solidarität

Eine prägende Figur dieser Bewegung war die Sängerin und Aktivistin Fasia Jansen. Sie begleitete die Proteste mit ihren Liedern, unterstützte Streiks und Demonstrationen und wurde zu einer wichtigen Identifikationsfigur.

Fasia Jansen engagiert sich viele Jahre für Rechte von Arbeiter.innen, Frauen und Frieden. Foto: Familienfilmarchiv

Ihre Musik verlieh dem Widerstand eine emotionale Kraft und stärkte den Zusammenhalt der Beteiligten.

Der Filmabend im Taranta Babu greift diese vielschichtige Geschichte auf. Er erinnert an den oft übersehenen Beitrag von Frauen zur Industriegeschichte des Ruhrgebiets und würdigt ihren Einsatz im Arbeitskampf. Gleichzeitig macht er deutlich, wie eng soziale Bewegungen, Arbeitswelt und Stadtgesellschaft miteinander verbunden waren.

Unterstütze uns auf Steady

 Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Der Nachlass von Fasia Jansen liegt jetzt im Archiv des Fritz-Hüser-Instituts in Dortmund

Fasia Jansen: Sängerin, Antifaschistin, Friedensaktivistin – Ausschreibung für Recherchen zu ihrem Werk und Wirken

Schwerarbeiterinnen und Hausfrauen der Betriebe – Frauenarbeit in der Schwerindustrie

Betriebliche Sozialpolitik: Sie diente der Bindung an das Werk und war Stolz der Belegschaft

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert