„Finger weg vom Acht-Stunden-Tag“: Protest gegen den Umbau des Arbeitszeitgesetzes

Eine ver.di-Demonstration vor der Katharinentreppe Dortmund:

15.04.2026 Demonstration Verdi, Finger weg vom 8 Stunden Tag
„Finger weg vom Acht-Stunden-Tag“ – der Schutz einer mehr als 100 Jahre alten Errungenschaft steht im Mittelpunkt. H. Sommer für Nordstadtblogger

Mit dem Motto „Mit Macht für die Acht“ versammelten sich jetzt zahlreiche Menschen vor der Katharinentreppe am Hauptbahnhof in Dortmund, um für den Erhalt des Acht-Stunden-Tages zu demonstrieren. Aufgerufen hatte der Fachbereich E (Postdienste, Speditionen und Logistik) der Gewerkschaft ver.di in NRW. Sie warnen vor der aktuelle Debatte in der Bundesregierung, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen.

Die Debatte um die Aufweichung des historischen Arbeitsgesetzes

Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), plant derzeit eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, welches die tägliche Höchstarbeitszeit aufweichen oder abschaffen soll. Merz spricht sich dafür aus, die starren täglichen Arbeitszeitgrenzen zu lockern und durch flexiblere Modelle zu ersetzen. Künftig soll anstelle der bisherigen Tageshöchstgrenze eine wöchentlich festgelegte Höchstarbeitszeit gelten, die Betrieben und Beschäftigten mehr Flexibilität ermöglichen soll. Die Gründe dafür, laut Merz, seien vor allem wirtschaftlicher Art. Nach ihm müsse Deutschland produktiver werden, wettbewerbsfähiger bleiben und den Wohlstand sichern.

Bild zeigt engagierte Teilneher:innen
Engagierte Teilnehmer:innen bei der Demonstration. H. Sommer für Nordstadtblogger

Die Gewerkschaften jedoch sehen dies als problematisch: Der Acht-Stunden-Tag ist eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung und wurde in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg durch die Arbeitszeitverordnung vom November 1918 eingeführt und trat zum 1. Januar 1919 verbindlich in Kraft.

„Gerade in Zeiten zunehmender Flexibilisierung der Arbeitswelt dürfe dieser historische Fortschritt nicht infrage gestellt werden und der Schutz für Arbeitnehmer:innen muss gewährt bleiben“, betont Gewerkschaftssekretär Oliver Bertelt (52).

Mit Bannern, Plakaten und Redebeiträgen machten die Demonstranten deutlich, dass die Acht-Stunden-Reglung nicht nur ein arbeitsrechtlicher Richtwert, sondern ein zentrales Schutzrecht der Arbeitnehmer:innen ist, um Gesundheit, Freizeit und gesellschaftliche Teilhabe zu vergewissern.

Das Leitmotiv der Demonstration: „Heute mit Macht für die Acht“

Der Acht-Stunden-Tag ist für Thomas Großstück kein Luxus, sondern eine hart erkämpfte Errungenschaft der Arbeiterbewegung seit 1918: „Heute mit Macht für die Acht“, ruft der Landesfachbereichsleiter deshalb gleich zu Beginn seiner Rede und bringt damit die zentrale Forderung der Demonstration auf den Punkt.

Das Bild zeigt Thomas Großstück Landesbezirksfachbereichsleiter Verdi
Thomas Großstück ist Landesbezirksfachbereichsleiter bei ver.di NRW. H. Sommer für Nordstadtblogger

Für den Gewerkschafter ist die alte Leitformel „8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf“, kein Zufall, sondern eine Schutz für alle Arbeiter: innen. „Wer diese infrage stellt, gefährdet die Gesundheit und Lebensqualität aller Beschäftigten“, steht auch auf einem der Plakate.

Im Gespräch mit Nordstadtblogger erläuterte Großstück die Problematik der Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes in zwei Hauptthematiken: Der erste Punkt, der auch Zentrum seiner Rede war, sei das Wohlbefinden der Beschäftigten.

„Zeit für Erholung, Familie und Freizeit ist nicht verhandelbar, denn man lebt nicht nur zum Arbeiten“, verdeutlicht Großstück. Der zweite Punkt sei die Teilumverteilung des Geldes: Die „reichen ein Prozent“ profitierten, während es den Arbeitnehmer:innen zur Last fallen würde. Das sei „schlichtweg ungerecht“ so der Gewerkschafter.

Die Gesetzesänderung darf nicht still ohne Widerstand passieren

Andelina Hacker aus der Edeka-Logistik macht auch in ihrer Ansprache deutlich, wie groß der Druck im Arbeitsalltag bereits heute sei. Denn die Arbeit in der Logistik ist sowohl psychisch als auch körperlich belastend, genau deswegen gibt es den Acht-Stunden-Tag als Schutz.

Bild zeigt Andelina Hacker, Verdi, Fachbereich Handel Edeka
Andelina Hacker arbeitet bei Edeka als Logistikerin. H. Sommer für Nordstadtblogger

 Längere Arbeitstage würde zu einem Verlust von Freizeit, Familien und Lebenszeit führen, deshalb appelliert sie: „Unsere Zeit gehört uns nicht den Konzernen.“

Unterstützung kam ebenso von weiteren Rednerinnen und Rednern. Ulrich Piechota, von der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeit (Afa), äußerte Sorge. Er hält es für völlig abwegig, den Acht-Stunden-Tag überhaupt infrage zu stellen.

Dessen Aufweichung würde viele Berufe deutlich unattraktiver machen und den Fachkräftemangel weiter verschärfen. Für Piechota bedeutet Fortschritt daher nicht, länger zu arbeiten, sondern effizienter zu arbeiten und zugleich die Lebensqualität zu verbessern.

Die nächste große Demo findet symbolisch am Tag der Arbeit statt

Abgerundet wurden die Ansprachen mit einem kurzen Statement von Oliver Kolberg, dem Stellvertretenden Geschäftsführer der ver.di-Region Westfalen, welcher die Demonstration mitorganisierte. Er hob ebenfalls die zentrale Bedeutung der Acht-Stunden-Regelung hervor.

Oliver Kolberg, Verdi, stv. Geschäftsführer Westfalen
Oliver Kolberg ist der stellvertretende Geschäftsführer der ver.di-Region Westfalen. H. Sommer für Nordstadtblogger

Zugleich machte er auch anschaulich, wie der Fachkräftemangel den Druck in den Betrieben erhöht und damit die Zukunft tausender Arbeitsplätze beeinflusst. Wie bereits Ulrich Piechota ist auch Kolberg überzeugt, dass das Problem nicht in einer zu geringen Arbeitsleistung liegt, sondern vielmehr in strukturellen Herausforderungen wie Managementfehlern und den Folgen der Energiekrise.

Damit die Debatte weiterhin Gegenwind bekommt, sind weitere Proteste bereits geplant. Die nächste Demonstration findet am Sonntag, den 19. April 2026 in Köln statt.

Darauf folgt die große Auftaktkundgebung zum Tag der Arbeit am 1. Mai 2026 ab 10.30 Uhr im Westfalenpark in Dortmund, an der auch Felix Banaszak, dem Bundesvorsitzenden der Grünen, teilnehmen wird.

Was denken die Beschäftigten der Gewerkschaft ver.di über die Debatte

In verschiedenen Interviews am Rande der Demonstration wurde genauso deutlich, wie persönlich das Thema für viele ist. Christian Seyda (56), der zwar erst seit vier Jahren bei ver.di beschäftigt ist, aber bereits mehreren Kommunen betreut, sprach von einer „Grenze zur Belastbarkeit“, die längst erreicht sei.

Bild zeigt Detlef Penzek der sich solidarisiert
Gewerkschaftsmitglied Detlef Penzek. H. Sommer für Nordstadtblogger

Detlef Penzek (59), seit 43 Jahren Gewerkschaftsmitglied, sieht im Acht-Stunden-Tag eine zentrale soziale Errungenschaft: „Es geht um Familien, um Gesundheit, darum Leiden zu verhindern.“

Auch jüngere Beschäftigte zeigen sich besorgt: Eine junge Frau, die anonym bleiben möchte, berichtet von einer bereits jetzt hohen Arbeitsbelastung, die durch verlängerte Arbeitszeiten noch weiter zunehmen und zu erheblichen psychischen sowie körperlichen Problemen führen könnte.

Kevin Kallinna (34), der ehrenamtlich seit 2020 bei ver.di arbeitet und im Betriebsrat ist, verwies auf anstehende Tarifverhandlungen: „Wir müssen jetzt ein klares Statement gegen eine Ausweitung setzen.“

Unterstützung von Außerhalb, gemeinsam gegen die Reformsdebatte

Unterstützung kam auch von nicht direkt Betroffenen: Gabrielle Geck (54), arbeitet bei Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Vorstand und Betriebsrat. Sie selbst ist nicht von den Änderungsentwürfen betroffen, denkt aber an ihre zwei Kinder. „Die jüngere Generation muss vernünftige Arbeitsbedingungen haben.“

Bild zeigt Gisela Herzog und Irmela Niebuhr, Attac Region Dortmund
Gisela Herzog und Irmela Niebuhr von Attac Region Dortmund. H. Sommer für Nordstadtblogger

Ebenfalls Gisela Herzog und Irmela Niebuhr von Attac Region Dortmund, welches sich für eine ökologische, solidarische und friedliche Weltordnung einsetzt, waren vor Ort. Die Zwei Frauen setzen sich für „Gute Arbeitsbedingungen und ein gutes Leben für alle“ ein.

Für die Teilnehmenden ist klar, der Kampf um den Acht-Stunden-Tag ist noch lange nicht vorbei. Gewerkschaftssekretär Oliver Bertelt, nahm sich nach der Veranstaltung die Zeit für ein kurzes Interview. Er appelliert: „Was unsere Vorfahren erkämpft haben, müssen wir heute verteidigen.“

„Finger weg vom Acht-Stunden-Tag“ – die Botschaft von ver.di ist ebenso alt wie aktuell. H. Sommer für Nordstadtblogger

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady

 Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Das „System Amazon“: So viel Ausbeutung steckt hinter der schnellen Online-Bestellung

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert