Erste Bewohner:innen ziehen in inklusives Wohnprojekt „Die Stadt im Kleinen“ ein

Der Elisabeth Vormfelde Verein eröffnet eine weitere Wohnanlage

Blick auf den Innenhof und Wohnhäuser
Die Laubengänge verbinden die drei Wohnhäuser. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Von Carl Brüggemann und Fenja Horstmann

Hier entsteht mehr als bloßer Wohnraum: In Eving hat „Die Stadt im Kleinen“ seine Stadttore eröffnet und seine ersten Bewohner:innen willkommen geheißen. „Die Stadt“ ist das neue inklusive Wohnprojekt des Elisabeth Vormfelde Vereins. Seit März 2026 sind die ersten Wohnungen fertig und die ersten Bewohner:innen ließen nicht lange mit dem Umzug auf sich warten. Teilhabe und Miteinander sollen hier Grundstein des Alltags sein. Die Nordstadtblogger haben sich vor Ort umgesehen. 

„Teilhabe gilt nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung. Teilhabe gilt für Menschen“

In der Wohnanlage in der Gärtnerstraße sind insgesamt 37 Wohnungen entstanden, die Raum für rund 80 Bewohner:innen bieten. In der „Stadt im Kleinen“ wohnen Menschen miteinander – ganz egal, ob sie mit einer Einschränkung leben oder nicht. „Teilhabe gilt nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung. Teilhabe gilt für Menschen“ sagt Esther Vergara, Geschäftsführerin der „Werkstatt Über den Teichen“ (WÜT).

Porträt von Esther Vergara
Esther Vergara freut sich auf die Gemeinschaft, die in der Anlage entstehen wird. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Andrea Terwey, ebenfalls Geschäftsführerin der WÜT, hat das Projekt bereits 2017 angestoßen. Neben der Geschäftsführung der Werkstatt, die zum Elisabeth Vormfelde Verein gehört, übernahmen Terwey und Vergara die Projektleitung der Baustelle. 

Der Name ist Programm: „In einer Stadt gibt es ganz unterschiedliche Personengruppen mit Stärken und Schwächen, Vorlieben und Hobbys“, die einander unterstützen können, erklärt Terwey. Genau das soll es auch in der Wohnanlage geben – nur eben im Kleinen. 

Porträt von Andrea Terwey
Für Geschäftsführerin Terwey ist die Wohnanlage ein Herzensprojekt. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Bis zum Sommer 2026 werden alle zukünftigen Bewohner:innen in „Die Stadt im Kleinen“ eingezogen sein und gemeinsam einen Neustart wagen.

Unter ihnen sind Menschen aller Altersklassen und eine „ganz bunte Mieterschaft“ hat sich zusammengetan, sagt Vergara. Von Familien mit Kindern über Menschen mit Einschränkungen bis zu Senior:innen. 

„Die Stadt im Kleinen“ schafft Raum für den gemeinsamen Alltag

Unter den 37 Wohnungen befinden sich etwa 20 Single-Apartments von denen zwei rollstuhlgerecht ausgebaut sind und sieben Familienwohnungen, die bis zu 120 Quadratmeter groß sind. Der restliche Wohnraum ist für Wohngemeinschaften von zwei bis vier Mieter:innen ausgelegt.

Blick in einen der Laubengänge
Das gemeinschaftliche Leben soll in den Laubengängen stattfinden. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Alle Wohnungen haben einen Balkon oder Gartenzugang, Parkettboden und Holzdecken, dreifach verglaste Fenster und Lüftungen in allen Räumen. Die Fußbodenheizung wird von Wärmepumpen betrieben und Strom generiert der Wohnkomplex über die eigene Solaranlage auf dem Dach.

Eines jedoch haben alle Wohnungen gemeinsam: Den Zugang zu den Laubengängen, auf denen das gemeinschaftliche Leben stattfinden soll. „Meine Vision des Projekts war es, dass jeder von einander profitiert“, sagt Terwey. Sie ist vielen Menschen begegnet, die ihr von Vereinsamung berichteten. „Viele wohnen alleine irgendwo in einem großen Haus und kennen weder den linken noch den rechten Nachbarn“, berichtet die Projektleiterin.  Mit den Laubengängen teilen die „Stadt“-Bewohner:innen sich einen Teil ihres Wohnumfelds. 

Laubengänge sind der „Clou“ des Wohnprojekts

Die Laubengänge sind im Grunde offene Flure, die die beiden Wohnhäuser mit dem Gemeinschaftshaus miteinander verbinden. In Absprache mit der Feuerwehr wurden sie so breit gebaut, sodass Bewohner:innen einem Tisch und zwei Stühle dort hinstellen können. Von dort haben sie nicht nur einen Überblick über den grünen Innenhof, sondern sind direkt mitten drin im Treiben der Wohnanlage.

Schiefertafel neben Haustür
Auf den Schiefertafeln neben den Haustüren sollen die Bewohner:innen Botschaften oder Angebote drauf schreiben. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Auf den Schiefertafeln neben den Haustüren können die Bewohner:innen Nachrichten an ihre Nachbar:innen schreiben und zum Beispiel zum Kuchen einladen oder nach Unterstützung beim Einkaufen fragen. Terwey hofft, dass ein gelebtes Miteinander entsteht. „Unsere Vorstellung ist, dass unsere starken Menschen den älteren Herrschaften unter die Arme greifen und mal im Supermarkt um die Ecke Wasser kaufen gehen.“ 

Bereits in den ersten Wochen wird klar: die Vision und das Konzept der Wohnanlage gehen auf.  Terwey und Vergara konnten das gemeinschaftliche Leben bereits wahrnehmen. Der eine Bewohner dusche zum Beispiel beim anderen, weil die Dusche bei ihm noch nicht eingebaut worden sei. Der kurze Weg über die Laubengänge macht die Frage nach Hilfe niederschwellig. „Man kennt sich, man unterstützt sich, man winkt vom Laubengang runter. Das sind dann so die Momente, wo man weiß ‚okay, dafür hat es sich jetzt gelohnt’“, sagt Vergara.

Gemeinschaft entsteht jedoch auch nicht aus dem Nichts heraus. So hoffen die Projektleiterinnen darauf, dass die Bewohner:innen künftig regelmäßig gemeinsam spazieren gehen oder Spieleabende im Gemeinschaftsraum organisieren. Dabei soll in Zukunft Jan Ballhorn helfen. Der gelernte Sozialpädagoge ist der neue Quartiersmanager und unterstützt die Mieter:innen in allen Belangen. Gerade in der Anfangszeit sei es auch Teil seiner Verantwortung, eine Gemeinschaftsbildung unter den neuen Nachbar:innen zu unterstützen. 

Das Herzstück der Anlage ist das hauseigene Café

Ein Herzstück der „Stadt im Kleinen“ ist das Café Spezial, das im Gemeinschaftshaus der Anlage wiederbelebt werden soll. Das Café Spezial hat schon ein Leben hinter sich: zwischen 2011 und 2021 wurde es bereits an einem anderen Standort in Eving von der WÜT und Menschen mit Beeinträchtigung betrieben. Freudig erwartet wird nun die Wiedereröffnung auf dem Gelände der Wohnanlage – unter der Woche soll es Kaffee und Kuchen im Gastraum oder auf der Terrasse geben. An den anderen Tagen stehen die Räumlichkeiten als Gemeinschaftsraum den Anwohner:innen frei zur Verfügung. 

Fahrradparkplatz
In dem überdachten Fahrradparkplatz werden außerdem Lademöglichkeiten für E-Bikes angebracht. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Eingeweiht werden soll „Die Stadt im Kleinen“ mit einer Eröffnungsfeier und bald soll sich das Café Spezial mit seiner Eröffnung anschließen. Dann steht dem ersten gemeinsamen Sommer in der „Stadt im Kleinen“ nichts im Wege.

Der Elisabeth Vormfelde Verein schafft hier einen Ort des gemeinschaftlichen Wohnens. Mit 80 Prozent öffentlich geförderten Wohnungen stellt die Anlage außerdem bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung. Die restlichen 20 Prozent der Wohnungen werden frei finanziert. 

Die Anlage in Eving ist das vierte inklusive Wohnprojekt des Vereins

Dass das Projekt gut ankommt, zeigt der Andrang auf den Wohnraum, denn die Warteliste füllte sich seit Bekanntmachung des Projekts. Manche der Bewohner:innen, die nun einziehen, warten seit 2017 auf die Fertigstellung der Anlage. Auch heute stehen noch zahlreiche Interessierte auf einer Warteliste, die darauf hoffen, dass in den nächsten Jahren eine Wohnung in der „Stadt im Kleinen“ für sie frei wird.

Bagger auf der Baustelle
Im Sommer soll die Baustelle auf der Wohnanlage abgeschlossen sein. Foto: Fenja Horstmann für Nordstadtblogger.de

Bauherr der Wohnanlage ist der Elisabeth Vormfelde Verein und realisiert damit sein viertes inklusives Wohnprojekt in Dortmund. 1961 entstand der Verein durch die Initiative von Eltern. Sie hatten den Anspruch, dass Menschen mit geistigen Beeinträchtigung an Bildung und Pflege teilhaben sollen. Durch ihr Engagement konnte zum Beispiel die inklusive Max-Wittmann-Schule gegründet werden. Mit der WÜT bieten sie seit 1979 Menschen mit Beeinträchtigung Arbeitsplätze in Dortmund.

Das Bauprojekt hat die Projektleiterinnen Vergara und Terwey einiges gekostet. Der Bau habe sich um einiges verzögert, immer wieder kamen neue Schwierigkeiten auf sie zu. Die Umsetzung ihres „Herzensprojekt“ habe sich jedoch gelohnt. „Ich stand letztens in einer Wohnung eines Werkstatt-Mitarbeiters und sie war schon perfekt eingerichtet. Und er war total aufgeregt und stolz“, sagt Terwey. „Dafür hat es sich gelohnt“, betont sie.

Weitere Informationen: 


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