Nordstadtblogger

„Blumen statt Hass!“ – Mutige Kunstaktion im öffentlichen Raum auf dem Wilhelmplatz in Dortmund-Dorstfeld

FH-Studentin Birgit S. macht sich – durch künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum – stark gegen Fremdenhass und Nazi-Hetze. Hier sät sie „Blumen statt Hass“ in Dortmund-Dorstfeld. Fotos (8): Alexander Völkel

Dortmund-Dorstfeld: der traditionsreiche Vorort mit seiner langen Bergarbeitergeschichte leidet – unter den dort und in der Umgebung ansässigen Neonazis. Wenn sie Andersdenkende, MigrantInnen oder Menschen jüdischen Glaubens durch fortgesetzte Übergriffe drangsalieren, teils terrorisieren. Sie sind der braune Pfahl im Fleische einer toleranten Gesellschaft, in der sich unterschiedliche Menschen friedlich und mit Respekt begegnen wollen. – Doch ein demokratischer Staat kann nicht „kurzen Prozess“ mit ihnen machen, so wie sie es mit ihren politischen GegnerInnen täten. Sein Recht schützt und verpflichtet alle Menschen gleichermaßen, möge die Gesinnung Einzelner auch noch so widerwärtig daherkommen. Allein: Wer Unrecht duldet, stärkt es, sagte einmal Willi Brandt. Das nahm sich eine mutige, junge Künstlerin zu Herzen. Und präsentierte ihre Installation inmitten jenes Raumes, den die Neonazis als ihren „Kiez“ in Dorstfeld für sich beanspruchen. Nordstadtblogger hat sie interviewt.

Einleitender Kommentar von Thomas Engel

Zeichen – dort, wo sie hingehören: Kein Platz für Hass und Gewalt, auch im öffentlichen Raum!

Dorstfeld widersteht den Neonazis – von den QuartiersdemokratInnen bis zur Dame von nebenan, die ihre bunten Balkonblumen als Zeichen verstanden wissen will.

Die Neonazis reklamieren Dorstfeld und speziell das Viertel um den Wilhelmplatz für sich.

Die praktische Solidarität von künstlerischer Seite an diesem Freitagvormittag trägt eine zentrale Botschaft: „Blumen statt Hass“, lautet sie. Eine Botschaft, die Nazis wie dem Teufel das Weihwasser vorkommen muss – wäre es nicht teils vergiftet, weil es leider auch für strukturell verankerten Missbrauch steht.

Die Dorstfelder Neonazis verschlafen offenbar zunächst, als die Studierende an der FH mit dem Aufbau für ihre einmalige Aktion beginnt. Hier, just auf dem Wilhelmplatz am Rande des Wochenmarktes – gerade einige hundert Meter von den Wohnstätten der Neonazis entfernt. Es blühen Blumen, da ist Erde, da ist Vielfalt und offene Heimat zugleich.

Irgendwann taucht ein älterer Mann auf, der sich auf einen Stock stützt. Die besten Jahre sind offenbar vorüber, der Lack ist ab. Analog zeigten dies jüngst die Ergebnisse seiner Partei bei den Europawahlen. – Nichts ist mit den Zeiten, von denen ihr spärlicher Nachwuchs zuweilen noch im Stadtrat tönt; bis es demnächst auch dafür vermutlich nicht mehr reichen wird: „Die Rechte“ kommt mit ihren menschenverachtenden Parolen und ihrer Demagogie bei Dortmunder BürgerInnen nicht an.

Das Ruhrgebiet: eine lebendige Gemeinschaft der Kulturen – das ist der seit jeher bunte „Pott“

Dennoch: ihre neofaschistische Energie ist nicht zu unterschätzen. Ein paar geistig Vernagelte findest Du immer. Die haben sich auf die Fahnen geschrieben, den öffentlichen Raum zu erobern und ihn zu ihrem zu machen. Um ihn mit ihren xenophoben Parolen zu belegen, und dabei selbst vor der Leugnung industriell-systematisch gesteuerten Massenmordes nicht zurückschrecken. Der Hass, den sie damit zu sähen suchen – selbst die rohe Gewalt der Steinzeit war ehrenhafter.

Sie, die sie gern über das staatliche Unterstützungssystem vom gewachsenen Reichtum der Hände Arbeit auch jener unzähligen Menschen leben, die sie verleumden – die ins Ruhrgebiet einst eingewandert sind. Aus dem Süden, vor allem dem Osten. Aus Sorge ums Überleben bleiche Familien, die hier heimisch wurden. Rufen ihren „Nazi-Kiez“ aus. Wo die Dummheit regiert. Und nur durch Einschüchterung von BürgerInnen, nur mit der Angst – ihr Unwesen weiter treiben kann.

Sie sind eine verschwindend kleine Minderheit, aber brüsten sich mit ihrem alltäglichen Trara, wie der Unsäglichkeit, „Israel“ sei „unser Unglück“. Sie verunglimpfen die vielfältigen Symbole des Heiligen Landes. Und obwohl von ihnen vermutlich niemand weder hebräisch, noch arabisch spricht, meinen sie mit ihren Dünnbrettbohrer-Parolen komplexe Weltkonflikte nach Dortmund importieren zu können.

Ein künstlerisches Zeichen gegen den „Raumkampf“ der Neonazis in Dortmund-Dorstfeld

Für die Erhaltung rechtsstaatlicher Strukturen in diesem Land ist es unabdingbar, dass Demokratiefeinde wie die Dorstfelder Nazis – ist der Gehalt ihrer Hetze auch noch so lächerlich – nicht einfach „entsorgt“, sondern ihnen mit jenen Mitteln, die der Rechtsstaat zur Verfügung hat, zwingend Grenzen aufgezeigt werden.

Doch letztendlich gilt es, nicht nur den Phänomenen zu wehren, sondern ihre Ursachen aufzuspüren. Bildlich gesprochen: Unliebsame Zeitgenossen wirksam loszuwerden, funktioniert eigentlich nur, indem der Sumpf trocken gelegt wird, der die reaktionären Plagegeister regelmäßig produziert. Das ist Nachhaltigkeit, ernst genommen.

DorstfelderInnen, DortmunderInnen, usf. – ob jüdischen Glaubens, als ChristIn, MuslemIn oder als AtheistIn, gleich welcher Herkunft oder Identiät – sie alle haben das unteilbare Recht, in Frieden zu leben und zu arbeiten, sich zu entfalten, zu wachsen. Dafür braucht es in der Zivilgesellschaft Mut und Kraft, den Neonazis zu widerstehen. – Eine engagierte KünstlerIn, die gerade ihre Abschlussarbeit an der FH Dortmund schreibt, hat sich nun mit einer bemerkenswerten Aktion im Zentrum Dorstfelds solidarisch gezeigt.

Es ginge ihr darum, gegen den „Raumkampf“ der Neonazis in dem Stadtteil ein Zeichen zu setzen, betont sie in der Planungsphase ihres Vorhabens gegenüber Nordstadtblogger. – Am vergangenen Freitag war es endlich soweit. Gegen 10 Uhr baut Birgit S. ihre Installation während des Wochenmarktes auf dem Wilhelmplatz auf. Es blüht und Wundersames scheint allenthalben, wo auf dem steinernen Untergrund Erde verstreut ist. – Wir waren vor Ort und fragten nach.

INTERVIEW mit der Künstlerin Birgit S. zu Motiven und Zwecken ihrer Aktion

Aktion für ein friedliches und soziales Miteinander auf dem Dorstfelder Wilhelmplatz

Nordstadtblogger: Ich sehe Blumen, ich sehe Erde, ein Schild. Was möchtest Du mit der Aktion bezwecken?

Birgit: Es ist eine Aktion, die für ein soziales, buntes Miteinander plädiert. Sie stellt sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Damit will ich zeigen, was Kunst im öffentlichen Raum tun kann, Impulse geben. Was sie vielleicht unterscheidet von anderen Formaten, weil eine politische Botschaft ist trotzdem dahinter: sie ist niederschwelliger, auch für mehr Leute erreichbar als ein Europaplakat oder so.

Was können die Leute hier machen? Was steht denn auf den Schildchen dort?

Birgits kleine Samen-„Monster“. Foto: Alex Völkel

Auf den Schildern steht ganz klar: „Macht mit!“. Es ist eine Aufforderung mit einer aktivistischen, partizipativen Strategie dahinter, die aktivierend sein soll. Dass die Menschen, nicht einfach vorbeigehen, dass da nicht nur was in den Köpfen passiert, sondern sie auch wirklich zum Handeln angeregt werden, sie mitmachen, ein Zeichen setzen, sich einfach engagieren: gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit.

Dann kann ich mir so eine Blume mitnehmen?

Man kann sowohl die Blume mitnehmen, als auch die Samenbombe, meinetwegen auch direkt auswerfen. Den Monstern sollte man, wenn möglich ein neues zu Hause geben, Inobhutnahme …

Heimat?

Heimat, genau. Der Heimatbegriff ist ja auch wieder auf die linke Seite gerückt, weg vom Rechtsextremen, wie auf den NPD-Plakaten.

Also Heimat – da, wo man sich zu Hause fühlt?

Und wo sich jeder auch hier zu Hause fühlt …

 … und auch fühlen kann?

Genau

Der Raum gehört allen: Künstlerische Intervention in aktivierender, partizipativer Absicht

Das ist ja jetzt eine künstlerische Installation. Was bezweckst Du damit, dass Du es genau auf diese Weise machst? Was für ein Kunstbegriff steckt dahinter?

Es ist eine künstlerische Intervention, ich nehme hier quasi einen temporären Eingriff vor, um jetzt im von Nazis oder rechts denkenden Menschen besetzten Raum eine Unterbrechung hervorzurufen – und zu sagen: „Ey, der öffentliche Raum gehört uns allen!“ Und deswegen interveniere ich mit diesen künstlerischen Mitteln.

Widerstand gegen Neonazis beim Ostermarsch 2017 auf dem Wilhelmplatz

Also, es ist nicht unbedingt Zufall, dass Du jetzt gerade hier mitten auf dem Wilhelmplatz in Dorstfeld bist

(lächelt) Nein, ich habe es extra hier platziert und lasse es wirken.

Ist es dann nicht so, dass Kunst in diesem Sinne nicht eigentlich immer politisch ist …?

Kunst im öffentlichen Raum ist es in der Regel. Also, es gibt kein einheitliches Motivprofil. Aber immer steckt mehr dahinter, meist eine politische Botschaft. Weil gerade mit der Kunst im öffentlichen Raum sehr viel ausgedrückt und bewirkt werden kann.

Ich habe irgendwo gelesen, dass auch ein Motiv von Dir ist, dass du den Atomismus in der Gesellschaft, in der Stadtgesellschaft vor allem, die Vereinzelung irgendwie aufbrechen möchtest. Wie stellst Du Dir das vor? Dass die Leute dann miteinander kommunizieren, über die Installation?

Das Kunstwerk als zeitlich begrenzte Eröffnung von Kommunikationsräumen für alle

Genau, sobald ich mich an die Installation stelle, präsent bin, mich davorstelle, kommen auch andere Leute. Dann bildet sich eine Traube, die Leute kommen untereinander ins Gespräch. Zum Beispiel ist mir das in der Münsterstraße in Dortmund sehr aufgefallen. Da waren nämlich auch Menschen aus anderen Kulturen, die das Kunstwerk nicht verstanden haben, oder, was auf den Schildern steht, und die haben dann andere gefragt: „Was heißt das denn?“ Oder „Was soll das hier?“ – Es ist wirklich ein Kommunikationsmedium, was anhand der künstlerischen Mittel erzeugt wird.

Also die Leute, die sich untereinander nicht kannten …

Genau …

Reden über das Thema, das sie gegenständlich vor der Nase hatten …

Richtig

Wie bist Du denn jetzt auf die Idee mit den Blumen und den Samen gekommen? Es wächst, keimt, es entwickelt sich Leben. Das ganze versinnbildlicht ja auch irgendwie „Natur“ …

Auf jeden Fall …

Die Nazis haben ja jetzt auch so was in ihrer Ideologie wie: „Es gibt Sachen, die bleiben so, wie sie sind. Alles mögliche kann sich verändern, aber es gibt ein Volk als Entität oder bestimmte feste Rollen in der Gesellschaft, die so bleiben sollten.“ Haben also ebenso etwas mit diesem Natürlichen zu tun, das ja auch immer für eine Konstante steht. Das wäre hier das Gegenbild, oder?

Kontrastierende Assoziationen: verschiedene Elemente der Installation regen zum Nachdenken an

Genau, und es wäre vielleicht sogar auch ein bisschen provozierend. Ich will mich gerade nicht in diese Ideologie einfügen, sondern sagen: Aus dem Samen entsteht was Neues, aber wir sind trotzdem alle gleich bzw. haben die gleichen Rechte. Und anhand so einer Samenbombe ist Vielfalt zu erkennen, da aus ihr Unterschiedliches wächst. Auch die kleinen Monster, weil sie handgemacht sind, haben ein paar „Fehler“. Das symbolisiert: Wir haben auch alle solche „Fehler“, d.h. sind individuell. Aber wir sollten trotzdem alle gleich sein. Der Ansatz widersetzt sich damit vollständig dem rechtsextremen Denken.

Etwas scheint gleich als Samenbomben, aber …

… es kommt was unterschiedliches heraus.

Also der Schein trügt erst einmal, sozusagen. Und trotzdem ist es gleich, sofern es gleich behandelt werden sollte.

Ja, und zugleich verstecken sich darin wieder kontrastierende Assoziationen. Zum Beispiel „Samenbombe“; das wäre dann einmal die Bombe im Krieg, aber aus Samen entsteht was Neues; und sie symbolisieren das Gegenteil vom Tod, das Leben. Genauso wie „Monster“ für verschiedene Kulturen stehen und auch nicht alle gleich sind. Ich habe auch extra keine Hinweisschilder gemacht; jeder kann sich da auch selber einbringen. Da ist ein hoher Interpretationsspielraum: jeder kann sich seine Gedanken dazu machen und das Kunstwerk auf seine Weise interpretieren …

Haben die Leute Gelegenheit, da irgendwas zu hinterlassen, ein Statement, oder beobachtest Du einfach nur, was passiert?

Ich beobachte nur, was passiert und protokolliere.

Du hast das ja schon mehrmals gemacht in Dortmund. Bis Du auch schon Mal, anders als geplant, hingegangen zu den Leuten und hast mit ihnen gesprochen, oder warst Du immer in dieser Distanz?

Ich war eigentlich immer in der Beobachterrolle, obwohl ich mir im Nachhinein auch überlegt habe, dass es auch interessant wäre, dabei zu sein. Weil doch sehr viele Fragen entstehen. Wenn ich aufbaue, bin ich schon sichtbar und es kommen viele Leute. Aber Kunst im öffentlichen Raum steht auch einfach für sich. Deshalb wollte ich persönlich nicht eingreifen. Nicht erklären; das soll einfach da stehen und jeder kann ungezwungen mitmachen, oder auch nicht.

Also der Prozess soll sich sozusagen in gewisser Weise autonom entwickeln?

Ja

Und Deine bisherigen Erfahrungen – abgesehen davon, dass Du festgestellt hast, dass Leute miteinander ins Gespräch kommen, die sich vielleicht nicht kennen? Gab’s da auch Menschen, ich sag’s Mal vorsichtig, die dem sehr kritisch gegenüber standen? Ablehnung gezeigt haben, oder vielleicht sogar Aggression?

Bislang zwei solcher Kunstaktionen in Dortmund: in der Innenstadt und auf der Münsterstraße

Also, ich hab’s bisher einmal in der Dortmunder Innenstadt aufgebaut und einmal in der Münsterstraße. In der Innenstadt gab es, auch von den unterschiedlichsten Leuten, nur positive Reaktionen, auch beim Abbauen oder beim Aufbauen. Gute Reaktionen wie: „Wir sollten mehr Menschen haben, die so was machen!“ Oder: „Ich unterstütze das total!“ Auf der Münsterstraße kam Kritik, die ich auch gerechtfertigt fand: „Hier leben doch voll viele Ausländer, die verstehen doch gar nicht, was da drauf steht. Du kannst das hier doch nicht einfach nur in Deutsch hinschreiben.“ Dann habe ich denen gesagt: „Man kann ja untereinander ins Gespräch kommen!“ Wie es dann ja auch vonstatten ging.

Ich hatte auch gesehen, da steht ja nicht nur Deutsch …

Richtig, da steht auch „Friede“ und „Liebe“ in unterschiedlichen Sprachen. Kritik habe ich eigentlich erst hier erfahren.

Was ist passiert?

Ein junger Mann kam eben vorbei und hat etwas böse geguckt und meinte: „Ernsthaft, hier in unserem Viertel?“ Das war bisher das einzige; sonst ist hier noch alles chillig.

Und das hat dann ja wohl eher bedeutet: „Na ja, es gibt in unserem Viertel vielleicht Leute, die was dagegen haben könnten.“

Ja, es könnte auch ein lieb gemeinter Hinweis gewesen sein.

Und wie endet diese Aktion dann? Wie machst Du das?

Eigentlich steht Kunst im öffentlichen Raum die ganze Zeit, verwittert oder wird abgerissen. Ich habe hier jetzt einen temporären Eingriff unternommen, das heißt, ich werde das heute Abend wieder abbauen. Aber erst einmal steht es viele Stunden. Manchmal waren die Monster schon nach zwei Stunden weg, manchmal passiert die ersten zwei Stunden gar nichts. Das gilt es dann zu beobachten.

Bist Du denn die Monster immer alle losgeworden?

Bis jetzt schon, jeweils so über 30, die gingen sehr gut weg. Trotz der Hinweisschilder wie „Macht mit!“ trauen sich aber manche Leute auch nicht, weil sie denken, dass es so schön arrangiert ist, da nehm’ ich nichts weg.

Och doch, guck Mal, die junge Frau dort gerade … Das wäre vielleicht noch eine interessante Frage: Meine erste Vermutung – das mag jetzt vorurteilsbelastet sein, aber ich äußere sie trotzdem: die wäre, dass mehr Frauen positiv reagieren, weil sie in der Regel etwas kommunikativer sind als Männer und sich deshalb eher dort beteiligen und auch was mitnehmen …

Das habe ich auch erst vermutet und das war auch mein Gedanke, als ich die erste Aktion in der Innenstadt gemacht und protokolliert habe. Die erste Notiz war: 95 Prozent Frauen machen mit. Aber das stimmte dann hinterher nicht mehr. Da gab es auch viele junge Männer, die nehmen sich so ein kleines Tierchen mit; und auch ältere Leute. Also durch die Bank weg gemischt, über die Generationen hinweg.

Danke, wir fragen später noch einmal nach, wie es war!

Nach der Kunstintervention im Öffentlichen Raum: Erfahrungen auf dem Wilhelmplatz

Du warst jetzt im Anschluss an unser Gespräch noch gut sechs Stunden hier. Was ist passiert, wie ist es abgelaufen?

Es haben weniger Menschen mitgemacht als in der City. Ich nehme aber dennoch schöne Eindrücke mit, auch von den Feedbacks. Ein Mann aus dem Auto hupte zum Beispiel und ich erhielt von ihm einen „Daumen hoch“ für die Aktion. Einige haben die Aktion bzw. künstlerische Intervention fotografiert, es wurde stehen geblieben, auch wenn viele einfach dran vorbei gingen und nichts bemerkten. Zu beobachten waren oftmals freudige Gesichter, bei dem ein oder andern, der sich ein Monster oder eine Samenbombe einsteckte.

Gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse?

Irgendwie witzig war die kritische Bemerkung von den Stadtwerke-Reinigungsleuten aus dem Auto: „Hörn’se ma’ junge Frau, machen’se das auch wieder weg?“ Als man schon dachte, die Aktion würde auf dem Wilhelmplatz ganz ohne Nazis auskommen, gesellte sich ein älterer Mann [Anm.: es war vermutlich „SS-Siggi“] eine Bank weiter neben uns. Anscheinend hielt das Polizeiaufgebot einen von ihnen nicht ab, ihren selbsternannten Nazi-Kiez zu verteidigen.

Immer mal wieder gesellten sich zwei bis drei Kumpanen zu ihm auf die Bank. Nachdem sich die Polizei mit einem Händeschütteln bei mir verabschiedete und mir weiterhin noch viel Erfolg wünschte, wurde ich kurzerhand als Akteurin der künstlerischen Aktion identifiziert. Siggi und seine Mini-Crew schauten immer mal rüber zu uns und dann wieder weg. Sie waren anscheinend in der gleichen Rolle wie ich – die des Beobachters. Mit uns hat er kein Wort gewechselt, lediglich über uns und die Aktion; und mit seinen Anhängern, die neben ihm auf der Bank saßen: „Na willst’e dir nicht auch’n Blümchen holen?“ Oder: „Die will doch nur provozieren!“

Sonst blieb es friedlich?

Zwischendurch raste ein Mann extra!! mit seinem Fahrrad durch die Aktion und meinte aber: „Sorry, hab ich nicht gesehen.“ Irgendwann gab’s einen Versuch von einem Nazi, mit mir ins Gespräch zu kommen: „Was soll das? Hast Du zu viel gekifft?“ Und faselte, alkoholisiert, noch irgendeine stupide fremdenfeindliche Scheiße daher… Interesse zeigte sich also auch von Seiten der Nazis für die Aktion. Hin und wieder kam einer von ihnen zur Installation, schaute kurz und ging rüber zur Bank, wo sich sich dann drüber unterhielten.

Was ist Dein Resümee?

Es hat wie immer Spaß und Freude bereitet. In manchen Situationen hat man sich ein wenig unwohl gefühlt. Aber an sich habe ich festgestellt, dass ich am heutigen Tage keine Angst in Dorstfeld haben musste und alles ganz friedlich abgelaufen ist, fernab vom Polizeiaufgebot. Und ein Nazi-besetzter Raum war es auch nicht, vielmehr ein demokratischer und öffentlicher Raum. Das war schön zu erfahren. Naja, Nazi-besetzt war er schon, aber in deutlicher Unterzahl [lächelt].

Doch wurde mir heute wieder bewusst, was es mit den Nazis und ihrem Denken auf sich hat. Wenn auf einmal zu beobachten war, wie sich SS-Siggi eine neue Tasche auf dem Wochenmarkt kaufte – bei zwei Nicht-Deutschen Verkäufern.

Verabschiedet wurde ich beim Abbau mit einem Gruß aus einem vorbeifahrenden Auto: „Euren ‚Dreck‘ brauchen wir hier nicht!“. Wobei unklar war, ob die ganze Aktion oder nur die Erde gemeint war. Dann hätte er sich aber keine Sorgen machen müssen, genauso wenig wie die Leute von der EDG.

 

 

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Ein Gedanke zu “„Blumen statt Hass!“ – Mutige Kunstaktion im öffentlichen Raum auf dem Wilhelmplatz in Dortmund-Dorstfeld

  1. Fritz-Johannes Carstensen

    Es gibt doch noch ernstzunehmende Initativen gegen rechte Gesinnungen. Dafür sage ich hier Danke an alle, die sich gegen Rechts zusammenschließen. Ich denke, dass wir darauf zu achten haben, dass diese rechte Unkultur nicht etabliert wird, noch sich in die Mitte unserer Gesellschaft einnistet. Genau darum trete ich für eine offene politische Gesellschaft mit multikulturellen Hintergrund ein. Es wäre ziemlich öde, wenn rechte Propaganda und rechte Floskeln „wie Deutschland den Deutschen“ unseren Alltag bestimmen.
    Die Unternehmen in einer freien Gesellsachft fordere ich dazu auf, die Rechten Untriebe aus der Arbeitswelt zu entfernen-eben zu kündigen. Die Wirtschaft ist auf inernationale und tolerante Beziehungen angewiesen – darum statt „Rechts denken eben Global denken.“

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