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(K)Eine Spinnerei: Globales Denken und lokales Handeln für ein nachhaltiges, modernes Wirtschaftsquartier in Dortmund

Die Bausubstanz der alten Spinnerei wurde so verändert, dass die ursprüngliche Nutzung der Textilbranche weiterhin erkennbar bleibt. Die weitere Gestaltung ist an den Bedürfnissen der KundInnen orientiert. Fotos: Alexander Völkel

Die Bausubstanz der alten Spinnerei wurde so verändert, dass die ursprüngliche Nutzung der Textilbranche erkennbar bleibt. Die weitere Gestaltung ist an den Bedürfnissen der KundInnen orientiert. Fotos: Alexander Völkel

Von Sascha Fijneman

Die Städte der Metropole Ruhr befinden sich in einem beständigen Prozess, der Landschaft, Infrastruktur, Architektur und Umwelt verändert – der Strukturwandel. Doch wie schaffen wir es, diese Transformation auch ökologisch und ökonomisch sinnvoll und nachhaltig umzusetzen? Auf Phoenix-West nimmt sich der niederländisch-kanadische Investor World of Walas dieser Aufgabe an. Um zu veranschaulichen, wie Innovation und Tradition verknüpft werden können, wie Altes erhalten bleibt,  während Neues entsteht und wie eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft gebildet wird, die sich der Notwendigkeiten unserer Zeit bewusst ist, lud das Unternehmen VertreterInnen der Dortmunder Wirtschaftsförderung und JournalistInnen aus Dortmund in die Spinnerei Oosterveld in den Niederlanden ein. 

Neue Ideen und Verknüpfungen sorgen für Aufbruchstimmung in historischem Umfeld

Der Empfangsbereich der Spinnerei mit den Logos der vielen unterschiedlichen bisher sesshaften Unternehmen und Projekte im Hintergrund.

Der Empfangsbereich der Spinnerei.

Denn in Twente/Enschede haben sie bereits ihre Vision eines modernen Wirtschaftsquartiers auf der Basis vorhandener industrieller Strukturen verwirklicht. Auf rund 20.000 Quadratmetern haben hier bisher rund 90 Betriebe ein neues Zuhause auf dem Gelände der ehemaligen Textilspinnerei gefunden. Dabei kommen die Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen und bereichern sich gegenseitig.

An und in den Gebäuden, die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurden, sind die charakteristischen Wurzeln der Textilindustrie noch immer greifbar. Doch wo einst Menschen Garn in der Fabrik gesponnen haben, gibt es heute eine wachsende Gemeinschaft innovativer und erfolgreicher High-Tech-Unternehmen neben ökologischen Laboratorien und sozialen Projekten.

„Wir sind in die Spinnerei gezogen, weil unser Unternehmen wuchs und wir hier einfach die optimalen Räumlichkeiten gefunden haben. Außerdem saßen einige unserer Kunden mit ihren Firmen schon hier und wir freuen uns über die wirtschaftliche Gemeinschaft, die hier entstanden ist und die jedes Unternehmen für sich nutzt“, so der Geschäftsführer von Golden Egg Check, einem Unternehmen, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Start Ups zu analysieren und sie an die richtigen Investoren für ihr Geschäftsmodell zu vermitteln.

Gerben van Straaten: „Die Zukunft unseres Planeten wird in den großen Städten entschieden“

Gerben van Straaten erläutert die Planungen für die Hochofenanlage und das alte Schalthaus 101 auf Phoenix-West.

Gerben van Straaten erläutert die Planungen für die Hochofenanlage und das alte Schalthaus 101 auf Phoenix-West.

Und diese Gemeinschaft ist nicht zufällig entstanden, sondern erklärtes Ziel von World of Walas. Der Investor ist laut eigener Aussage nicht daran interessiert, die Gebäude zu sanieren und dann schnellstmöglich zu veräußern. Ganz im Gegenteil, World of Walas ist mit einer Anzahl kleinerer Tochterunternehmen selber Teil dieses wirtschaftlichen Bündnisses.

„First in, last out“ lautet das Motto der Unternehmensphilosophie. Hauptgeschäftsführer Gerben van Straaten will nicht einfach nur Profite generieren, er möchte etwas hinterlassen. Er vertritt die Ansicht, dass die Voraussetzungen für die Zukunft unseres Planeten in den großen Städten dieser Welt geschaffen werden.

Deshalb wird die wirtschaftliche Entwicklung so geplant, dass sie ökologische und ökonomische aber vor allem auch soziale Gegebenheiten unserer Zeit berücksichtigt. „85 Prozent der Menschen auf unserem Planeten leben in den Großstädten und in Zukunft wird diese Zahl weiter steigen. Deshalb werden in den Städten die Weichen für unsere Zukunft gelegt. Moderne Stadtbauentwicklung muss Themen wie Arbeitsplätze, Nahrungsmittelversorgung, Klimaerwärmung, Sicherheit, Abfallentsorgung und vieles mehr berücksichtigen“, so der Niederländer.

World of Walas verfügt über internationale Erfahrungen und kompetente Geschäftspartner

Sheltersiut ist ein soziales Projekt, dass wind- und wasserfeste Jacken für Bedürftige produziert und kostenlos verteilt.

Sheltersiut ist ein soziales Projekt, dass wind- und wasserfeste Jacken für Bedürftige produziert und kostenlos verteilt.

Van Straaten weiß wovon er redet und ist in vielen unterschiedlichen Organisationen und Initiativen aktiv engagiert. So vertritt er weltweit Nachhaltigkeitsfragen für verschiedene Fraktionen der UN, die „Earth Charta Initiative“ und gehört zu Al Gores „Climate Reality Leadership Core“.

Neben den New-Economy und Start-Up-Unternehmen sind also auch soziale und ökologische Projekte, Firmen und Initiativen in den alten Gebäuden untergebracht. Ein besonders ambitioniertes und soziales Projekt läuft unter dem Namen Sheltersuit. 

„Nachdem in den Medien zu lesen war, dass ein Obdachloser an Unterkühlung verstorben war, mussten wir was unternehmen. So was darf in Holland einfach nicht passieren. Auf diesem Weg entstand die Idee für Sheltersuit“, so der Projektleiter. Aus recycelten und Upcycling-Materialien werden hier wind- und wasserfeste Jacken für Obdachlose genäht, die zum Schlafsack umfunktioniert werden können und kostenlos an Bedürftige nicht nur in Holland verteilt werden. 

In den letzten drei Jahren konnten auf diesem Wege über 3.000 Sheltersuits an Menschen in Not zum Beispiel auf der griechischen Insel Lesbos verteilt werden. Das Projekt finanziert sich über Spendengelder und verfügt mittlerweile über 15 feste MitarbeiterInnen und rund 50 freiwillige HelferInnen. Die für die Produktion benötigten Materialien stammen beispielsweise aus Überresten und Verschnitten aus der Automobilindustrie. Reißverschlüsse und Knöpfe werden über die Spendengelder selbst finanziert.

Soziale Projekte neben New Economy und Wirtschaftswachstum

Bei Sheltersuit finden viele AsylbewerberInnen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt.

Bei Sheltersuit finden viele AsylbewerberInnen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt.

In die Produktion sind vor allem Flüchtlinge und MigrantInnen involviert, die auf diesem Weg einen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen und ihre Sprachkenntnisse aufpolieren können. Im selben Gebäudekomplex werden neben den Unterhaltungen mit Kolleginnen und Kollegen auch extra Sprachkurse von dafür qualifizierten Unternehmen angeboten. 

So findet vieles unter einem Dach statt. Wartezeiten und behördliche Vorgänge werden positiv verkürzt und die Menschen haben Teil am gesellschaftlichen Leben. Ein weiteres Konzept, dass den sozialen Charakter der Entwicklungspläne von World of Walas unterstreicht, ist die Tatsache, dass das Unternehmen in enger Zusammenarbeit mit seinen Klienten genau auf deren Bedürfnisse eingeht. 

Je nach Gewerbe wird analysiert, wie groß die Räumlichkeiten sein müssen, was an technischer Infrastruktur vorausgesetzt wird, wie Symbiosen mit den anderen Firmen und Projekten im Quartier eingegangen werden können. Auch bei der Raummiete orientieren sich die Preise an der Wirtschaftlichkeit der Unternehmen, so dass soziale Projekte weniger pro Quadratmeter zahlen, als Big Player der New Economy.

Eindrucksvolle Projekte zur modernen Landwirtschaft im urbanen Umfeld 

Pascal Ledune und Henk Jan Hoekman im Gespräch auf den Dächern der alten Spinnerei. Im Hintergrund sind die Solarpaneele zu sehen.

Pascal Ledune und Henk Jan Hoekman im Gespräch auf den Dächern der alten Spinnerei. Im Hintergrund sind die Solarpaneele zu sehen.

Bei der Umgestaltung der alten Spinnerei und auch bei der Planung der Baumaßnahmen für die Hochofenanlage und das Schalthaus auf Phoenix West wurden neue, optimale Nutzungskonzepte entwickelt. Van Straaten spricht in diesem Zusammenhang von einer regelrechten „Programmierung der Gebäude“.

Neben gewerblicher Nutzung bleibt auch genügend Raum für Veranstaltungsflächen, Ruheoasen, Gastronomie und mehr. Auf den Dächern der ehemaligen Spinnerei wurden über 600 Solarpaneele installiert, die die Gebäude mit Energie versorgen. Überschüsse werden umgehend ins öffentliche Stromnetz eingespeist. Der Hersteller der Paneele ist mittlerweile selber in der Spinnerei ansässig und hat in sie investiert. Zusätzlich zu den Solarpaneelen, werden hier einige Bienenstöcke bewirtschaftet, die ihren eigenen Honig produzieren.

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel ökologischer Nachhaltigkeit im Sinne eines modernen Wirtschaftsquartiers ist das World of Walas-Projekt „Farm2Future“. Hier wird erforscht und erprobt wie Landwirtschaft und Anbau im urbanen Umfeld funktionieren können. Ziel der Arbeit ist es, effiziente Wege zu finden, um mehr Nahrung mit weniger Umweltauswirkungen auf kleineren und alternativen Räumen zu produzieren.

Vertikaler Anbau und urbane Gärtnerei bieten interessante neue Möglichkeiten

Wirtschaftsförderer Pascal Ledune war begeistert von den Möglichkeiten urbanen Anbaus und vertikaler Agrarkultur.

Wirtschaftsförderer Pascal Ledune war begeistert von den Möglichkeiten urbanen Anbaus und vertikaler Agrarkultur.

Während in den Gebäuden der Spinnerei selbst vertikaler Anbau betrieben wird, bei dem Pflanzensprößlinge in gebrauchten PET-Flaschen, die aufrecht ineinander gesteckt sind, gezüchtet werden, wird im Labor nebenan an Maßnahmen zur Bodenschonung geforscht. Das Thema Nachhaltigkeit wird gerade im Bereich Umwelt und Ressourcen groß geschrieben..

Beim Einsatz von Farben wird auf Emissionsfreiheit geachtet, wodurch die Luftqualität verbessert wird, bei den Baumaßnahmen kommen Cradle-to-Cradle-Produkte zum Einsatz, die auch nach ihrer vorbestimmten Nutzung weiterverarbeitet bzw. recycelt werden können.

Durch die Solarpaneele auf dem Dach gibt es Biostrom und genügend Ladestationen für die Beschäftigten in der alten Spinnerei, um gegebenenfalls ihre Elektroautos aufzuladen. Und auch über die Heizenergie wird sich der Kopf zerbrochen. So ist in Zukunft die Installation einer Algenheizung angedacht.

In der Stadtentwicklung sollte global gedacht und lokal gehandelt werden

Die bisherigen Entwürfe sind grobe Skizzen, die gemeinsam mit dem Dortmunder Architekten Udo Greif erarbeitet wurden.

Die bisherigen Entwürfe sind grobe Skizzen, die gemeinsam mit dem Dortmunder Architekten Udo Greif erarbeitet wurden.

„Wir wollen Städte weltweit inspirieren und ihnen beibringen, global zu denken und lokal zu handeln“, erläutert van Straaten die Vorgehensweise von World of Walas. Aus diesem Grund involviert das Unternehmen auch die lokalen Akteure in die Entwicklung der Umstrukturierung. Gemeinsam werden Daten erhoben und gesammelt, um die bestmöglichen Lösungen für Fragestellungen zu finden. Es geht um langfristige Entwicklung und Investion und nicht um die schnelle Profitmaximierung.

Diese Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren steht auch in Dortmund von Anfang an auf dem Programm. So wurde der Entwurf der Bauvorhaben rund um den Hochofen in enger Zusammenarbeit mit dem renommierten Dortmunder Architekten Udo Greif erarbeitet. Van Straaten und Kollegen betonen, dass die bisherigen Ansichten lediglich Skizzen und Entwürfe seien und sich das letztendliche architektonische Konzept noch ändern kann. Der Kontrast zwischen Tradition und Moderne sei allerdings bewusst entschieden worden und bleibt auch bei den weiteren Planungen erhalten.

World of Walas rechnet auf Phoenix-West mit einer Investitionssumme von 75 Millionen Euro. Die Erfahrungen der Niederländer in Holland und in Vancouver/ Kanada, haben gezeigt, dass viele Unternehmen Folgeinvestitionen tätigen. Auf diesem Wege könnte noch einmal dieselbe Summe in den ehemaligen Industriekomplex fließen.

Große Pläne : Dortmund soll Heimstadt der „Earth Embassy“ werden

Mittlerweile ist World of Walas auch in Dortmund ansässig geworden. Bisher gab es nur eine Geschäftsstelle in Hamburg. Rene Papier kümmert sich hier vor Ort um die Bedürfnisse interessierter Unternehmen. Die Spinnerei Oosterveld ist zu über 95 Prozent belegt. Momentan stehen unzählige interessierte Unternehmen und Projekte auf einer Warteliste.

Mittlerweile ist World of Walas auch in Dortmund ansässig geworden. Bisher gab es nur eine Geschäftsstelle in Hamburg. Rene Papier kümmert sich  vor Ort um die Bedürfnisse interessierter Unternehmen.

Mittlerweile ist World of Walas auch in Dortmund ansässig. Bisher gab es nur eine Geschäftsstelle in Hamburg. Rene Papier kümmert sich hier vor Ort um die Bedürfnisse interessierter Unternehmen. Die Spinnerei Oosterveld ist übrigens zu über 99 Prozent belegt. Momentan stehen unzählige interessierte Unternehmen und Projekte auf einer Warteliste.

In Dortmund wir die Planung weiter vorangetrieben. Neben dem Exzellenzzentrum, das im neuen Quartier dafür sorgen soll, für Vernetzungen zwischen den unterschiedlichen Firmen auf Phoenix-West zu sorgen, für diese Marktforschung und Akquise betreiben wird, ist die Errichtung einer sogenannten „Earth Embassy“ geplant, in der sich internationale Projekte, Initiativen, Vereine, private Akteure, Städte und Unternehmen unter den Aspekten ökologischer Nachhaltigkeit und ökonomischer Existenzsicherung vereinen sollen und gemeinsam den zu beschreitenden Weg für die Zukunft festlegen.

Ein großes Vorhaben, dass Dortmund über die Region hinaus international zum Vorzeigemodell in Bezug auf städtebauliche Entwicklung, schonenden Umgang mit Ressourcen, umweltschützender industrieller Produktion und vor allem sozialer und  gesellschaftlicher Teilhabe für alle Menschen machen würde. Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg.

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