Besuch aus der „Überlebensfabrik“: Klinikum Dortmund empfängt ukrainische Ärzt:innen

Fachlicher Austausch zu Verbrennungsmedizin und Kriegsverletzungen

Gruppenbild der Mediziner:innen
Im Schockraum des Zentrums für Schwerbrandverletzte: Eine Delegation ukrainischer Ärztinnen und Ärzte hat das Klinikum Dortmund besucht. Foto: Lukas Wittland/Klinikum Dortmund

Fünf Ärztinnen und Ärzte aus der Ukraine haben das Zentrum für Schwerbrandverletzte am Klinikum Dortmund Nord besucht. Die Delegation kam aus dem Mechnikov Hospital in Dnipro und aus einer Klinik in Kiew. Im Fokus standen der fachliche Austausch und Einblicke in Strukturen und Ausstattung der Verbrennungsmedizin.

Spezialisierte Versorgung von Schwerbrandverletzten

Das Mechnikov Hospital in Dnipro wird in der Ukraine als „Überlebensfabrik“ bezeichnet. Seit Beginn der vollständigen Invasion Russlands im Februar 2022 sind dort rund 58.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten behandelt worden. Nach Angaben der Klinik konnten 95 Prozent gerettet werden. Dennoch werden jede Nacht zwischen 50 und 100 Schwerverletzte eingeliefert.

Das Zentrum für Schwerbrandverletzte am Klinikum Dortmund Nord ist eine von 19 spezialisierten Verbrennungszentren in Deutschland. Auch in Dnipro ist der Aufbau einer solchen Station geplant. Daher waren die fünf Ärztinnen und Ärzte aus der Ukraine besonders interessiert an den Strukturen und dem medizinischen Equipment am Klinikum Dortmund.

Dr. Fatma Topcuoglu, Leiterin der Verbrennungsmedizin, führte die ukrainischen Gäste durch die spezialisierte Intensivstation inklusive des auf Brandverletzungen ausgerichteten Schockraums und des Operationssaals, in dem zu diesem Zeitpunkt ein ukrainischer Soldat operiert wurde.

Besondere Struktur der Unfallklinik in Dortmund

Eine Besonderheit in Deutschland ist die Eingliederung der Schwerbrandverletztenstation in die Unfallklinik unter der Leitung von Dr. Jens-Peter Stahl. Seit dem vergangenen Jahr ergänzt zudem eine Sektion für Plastische-, Rekonstruktive- und Handchirurgie die Struktur.

Ärzt:innen im Austausch
Dr. Fatma Topcuoglu (l.), Leiterin Verbrennungsmedizin, erklärt den ukrainischen Ärzten die Strukturen auf der Station für Schwerbrandverletzte. Foto: Lukas Wittland/Klinikum Dortmund

„Wir sind dadurch sehr gut darauf eingestellt, Patientinnen und Patienten mit schweren Spreng- und Explosionsverletzungen, schweren Weichteilverletzungen und offenen Knochenbrüchen zu versorgen“, sagt Prof. Dr. Tobias Hirsch, der die Sektion für plastische Chirurgie gemeinsam mit PD Dr. Farhad Farzaliyev leitet.

Über Prof. Hirsch kam der Kontakt des Klinikums Dortmund und der ukrainischen Delegation zustande, die auf Initiative des Vereins Blau- Gelbes Kreuz nach Nordrhein-Westfalen kam.

Mehr Brandverletzungen durch veränderte Kriegsführung

Wie die ukrainischen Ärztinnen und Ärzte berichteten, die auch das Krankenhaus in Köln-Mehrheim besuchten, ist die Zahl der Verbrennungsopfer im Laufe des Kriegs deutlich gestiegen. Rund 22 Prozent der im Mechnikov Hospital behandelten Verletzungen sind Brandverletzungen oder gehen mit Verbrennungen einher.

„Die veränderte Form der Kriegsführung mit Drohnen hat zur Folge, dass durch Explosionen insbesondere mehr Verbrennungsverletzungen entstehen“, sagt Dr. Topcuoglu. Solche Patienten würden vor allem im Klinikum Dortmund behandelt.

Häufig hätten diese Patientinnen und Patienten weitere Verletzungen wie Knochenbrüche, sagt die Leiterin des Verbrennungszentrums. „Wir freuen uns über den Besuch aus der Ukraine. Es geht darum, die Interaktion zwischen beiden Ländern weiter zu intensivieren, um die Versorgung von Verletzten aus der Ukraine zu verbessern.“

Fachlicher Austausch und große Erfahrung aus dem Kriegsalltag

Nach dem Rundgang lag der Fokus auf dem fachlichen Austausch. Bei dem Besuch unterstützten Ehrenamtliche vom Förderkreis der ukrainischen Veteranen NRW, die auch immer wieder für verletzte Soldaten im Klinikum Dortmund übersetzen.

Ärzt:innen im Austausch
Die Ukrainische Delegation mit Spezialisten des Klinikums Dortmund auf der Station für Schwerbrandverletzte. Foto: Lukas Wittland/Klinikum Dortmund

Die ukrainischen Ärztinnen und Ärzte bringen allein durch die hohe Zahl an Kriegsverletzten umfangreiche Erfahrung mit.. „Wir haben es mit allen Arten von Kriegsverletzungen zu tun – großen Knochendefekte, Hautverletzungen und Verbrennungen“, sagt Taras Hatsenko, Unfallchirurg am Mechnikov Hospital.

Die Behandlungstechniken in Deutschland und der Ukraine seien ähnlich, sagt der Arzt nach einem Vortrag von Dr. Philippus Schötte, Leitender Oberarzt der Unfallchirurgie, zur Knochenrekonstruktion. „Es ist sehr interessant. Dieses Wissen kann man nicht mit Geld aufwiegen.“

Klinikum baut Konzepte aus und würdigt Einsatz in der Ukraine

Auch das Klinikum Dortmund arbeitet fortlaufend an seinen Konzepten zur gleichzeitigen Versorgung zahlreicher Schwerverletzter. „Dabei können wir viel von den Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine lernen“, sagt Prof. Hirsch.

„Wir haben sehr großen Respekt vor dem, was die Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern fachlich, aber auch darüber hinaus leisten.“ Denn medizinisches Personal und Krankenhäuser werden im Krieg in der Ukraine immer wieder Ziele von Angriffen. „Sie riskieren täglich ihr Leben, um Patientinnen und Patienten zu versorgen.“

Fatma Topcuoglu sagt: „Wir sind froh, dass wir die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen mit unseren Möglichkeiten in Dortmund unterstützen können.“

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