August Siegel (1856-1936) – ein Pionier der Bergarbeiterbewegung

In Dortmunds Partnerstadt Zwickau geboren - vor 90 Jahren gestorben:

Eine Straße in Dortmund-Eichlinghofen erinnert an August Siegel. Foto: Horst Delkus

Von Horst Delkus
Ein Reichstagsabgeordneter verunglimpfte ihn als ,,Volksverführer und Hetzer“. Friedrich Engels hat er allerdings gefallen: ,,Das ist doch mal wieder ein deutscher Arbeiter, mit dem man sich vor allen anderen Nationen sehen lassen kann“, schrieb er begeistert an August Bebel. Und der ,,Jungborn“, das Jugendorgan des Verbandes der Bergarbeiter Deutschlands, feierte ihn als ,,einen der Geburtshelfer unseres Bergarbeiterverbandes“. Der Dortmunder Bergmann August Siegel hat wie nur wenige die Anfänge der Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet mitgeprägt. Als Sozialdemokrat, als Streikführer und als „Agitator“. Seine Lebensgeschichte ist ein Beispiel einer lebenslangen Rebellion gegen menschenunwürdige Verhältnisse. Eine gewerkschaftliche Organisation war dabei für ihn zwingend erforderlich, ihrem Aufbau widmete er sein Leben. Im deutschen Kaiserreich, im schottischen Exil und auf internationalen Bergarbeiterkongressen.

Geboren in Sachsen – in Zwickau, Dortmunds Partnerstadt seit 1988

Geboren wurde August Siegel am 1. April 1856 in Sachsen, in Schedewitz im Süden von Zwickau. Seine Mutter, eine Bergmannswitwe, musste von sechs Mark Witwengeld im Monat zeitweise sieben Kinder versorgen. ,,Irgendein Vermögen oder Besitz„, erinnert er sich Jahre später in seinem Lebensbericht, ,,war nicht vorhanden. so dass die Not aus allen Ecken grinste“. Um den Hunger zu stillen, ging er bei den Bauern in der Umgebung betteln. Schon mit elf Jahren, nach dem Schulunterricht, arbeitete er auf einer Zeche, siebte Kohlen im Akkord und verdiente bei fünf Stunden Arbeitszeit 30, 40 oder auch mal 50 Pfennig. ___STEADY_PAYWALL___

Ansicht von Zwickau-Schedewitz und Bockwa. Quelle: StA Zwickau

Als der ältere Bruder Wilhelm beim Rangieren der Kohlenwagen schwer verunglückte, stand für die Mutter fest: August soll kein Bergmann werden! Sie schickte den 14jährigen zu einem Bruder nach Chemnitz in die Lehre.

Dort lernte August in der Sandformerei einer Maschinenfabrik. In Chemnitz, einer Hochburg der frühen Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie, hatte er eine entscheidende Begegnung: Bei seinem Bruder wohnte ein etwa 30 Jahre alter Arbeiter. Dieser Kostgänger war Sozialdemokrat. Er gab dem jungen August die „Chemnitzer Freie Presse“ zu lesen, diskutierte mit ihm und nahm ihn auf Versammlungen und Arbeiterfeste mit.

Dort hörte er zahlreiche Vorträge, u.a. von Johann Most. Mit 16 Jahren schloss er sich der sozialdemokratischen Bewegung an. Ein Jahr später zog Siegel zu seiner Schwester, die in Dortmund-Sölde verheiratet war. Nach kurzen Stationen auf der Hörder Hüttenunion und in einer Maschinenfabrik arbeitete er als Bergmann auf verschiedenen Zechen im Raum Dortmund.

Anfangs für einen Lohn von 2,50 Mark pro Schicht. Waschkauen und Markenkontrollen gab es damals noch nicht. Kleinere und größere Grubenexplosionen, verursacht durch ,,schlagende Wetter“, kamen häufig vor. Willkür und ein ausgeklügeltes Strafsystem der Zechenbeamten hielten die Bergleute ruhig.

Als Sozialdemokrat im Dorstfelder Knappenverein „Glück Auf“

1881 zog Siegel nach Dorstfeld. Eine offene Arbeit als Sozialdemokrat war wegen des Sozialistengesetzes verboten, und eine gewerkschaftliche Organisation gab es ebenfalls nicht. Siegel wurde Mitglied des Dorstfelder Knappenvereins. Dieser war bereits 1867 als einer der ersten freien, nicht konfessionellen Knappenvereine gegründet worden und diente neben der Geselligkeit vor allem der gegenseitigen finanziellen Unterstützung bei Krankheit und Invalidität.

Aus dem Protokollbuch des Dorstfelder Knappenvereins: Am 7. Dezember 1884 wird August Siegel zum 1. Vorsitzenden (Präses) gewählt. Foto: Horst Delkus

Im Dezember 1884 wählten die Dorstfelder Knappen Siegel zum Präsidenten ihres Vereins. Bei der Wahl kam es zu tumultartigen Ausschreitungen: ,,Meine Gegner riefen: ,,Siegel ist Sozialdemokrat!“ Als Antwort ließen mich meine Freunde hochleben. Schließlich artete die Versammlung zu einer wüsten Schlägerei aus, wobei einer meiner Anhänger mit dem Messer derartig bearbeitet wurde, dass ihm die Eingeweide heraustraten. Er blieb nur durch sofortige ärztliche Hilfe am Leben.

Die frommen und patriotischen Dorstfelder Bürger hatten zwar von den Vorgängen im Knappenverein gehört, aber noch keinen waschechten Sozialdemokraten gesehen. Kein Wunder, dass sie gespannt waren, bei dem ersten öffentlichen Auftreten des Vereins dessen Präsidenten und Kommandeur mal ordentlich bestaunen zu können. Es gab ein allgemeines Glotzen; denn der Mann hatte weder Hörner noch Pferdefüße, spazierte vielmehr stolz neben dem Verein her und kommandierte, als wäre er lange Jahre in der Armee gewesen, obgleich er gar nicht gedient hatte.“

Bis 1890 wurde August Siegel jedes Jahr gegen nur wenige Stimmen wiedergewählt. Als seine wesentlichste Aufgabe sah er es an, ,,den Mitgliedern eine freie Gesinnung beizubringen“. Der Dorstfelder und andere freie Knappenvereine übernahmen während des Sozialistengesetzes zunehmend gewerkschaftliche Aufgaben. Dabei ging es noch nicht um höhere Löhne, sondern – laut einer Petition des Delegiertentages der Knappenvereine im Bezirk des Märkischen Knappenvereins Bochum (Aug. 1888) – um eine bessere ärztliche Versorgung der Bergleute und ihrer Familienangehörigen. Auf dem 2. Delegiertentag der Märkischen Knappenvereine am 13. Januar 1889 diskutierten die Knappen bereits den Tagesordnungspunkt „Wie organisieren wir uns im ganzen Reiche gemeinschaftlich?“.

Siegel und der als Gast anwesende Vorsitzende des Zwickauer Bergarbeiterverbandes Karl Ebert plädierten eifrig für einen lockeren Zusammenschluss von selbständigen Bezirksorganisationen. Bindeglied sollte die Zwickau erscheinende Bergarbeiterzeitung „Glückauf“ sein.

Der Streik von 1889 und die Gründung des Bergarbeiterverbandes

Völlig unerwartet für die Knappenvereine, ja für die gesamte Öffentlichkeit, entlud sich Anfang Mai 1889 der Unmut der Bergleute einer spontanen Streikbewegung. Sie umfasste nicht nur fast alle 180 Zechen des rheinisch-westfälischen Industriegebietes sondern auch die Reviere in anderen Teilen des Deutschen Reiches und war mit rund 90.000 Streikenden der größte Arbeitskampf der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Gefordert wurden vor allem Lohnerhöhungen sowie eine Schichtzeit von acht Stunden.

Die drei „Kaiserdelegierten“ der Bergarbeiter: Friedrich Bunte, Ludwig Schröder und August Siegel Foto: Sammlung Horst Delkus

Innerhalb weniger Tage schufen sich die Streikenden demokratische Strukturen: In Vollversammlungen wurden auf den Zechen jeweils drei Delegierte als Sprecher gewählt; lokale Versammlungen und Streikkomitees ermöglichten eine Koordination auf örtlicher, Delegiertenversammlungen sowie ein Central-Streik-Komitee die Koordination auf überörtlicher Ebene.

Auf einer Bergarbeiterversammlung in Dorstfeld, zu der Siegel eingeladen hatte und die er leitete, wurden Bunte, Schröder und Siegel beauftragt, als Vertreter der 14.000 Bergleute des Dortmunder Reviers nach Berlin zu fahren. Dort sollten sie dem Kaiser die Not der Bergleute schildern und ihre Forderungen vortragen.

1889: Ein Hofdiener bereitet die Delegierten der streikenden Bergleute, Friedrich Bunte, Ludwig Schröder und August Siegel, auf ihren Besuch beim Kaiser vor. „Ihr habt nur zehn Minuten. In dieser Zeit muss auch der Kaiser reden.“ Sammlung Horst Delkus

Die Audienz fand wenige Tage später, am 14. Mai, statt. Ludwig Schröder, mit 41 Jahren der älteste der drei Delegierten, trug die Forderungen der Bergleute nach der 8-Stunden-Schicht und einem Verdienst, ,,dass wir unsere Familien ehrlich und ordentlich ernähren können“, dem Kaiser vor.

Darauf antwortete Wilhelm II., wie Siegel in seiner Autobiographie berichtet:

,,Ihr habt den Kontrakt gebrochen und dadurch die Werksbesitzer schwer geschädigt. Ich habe bereits Schritte getan, die Sache untersuchen zu lassen! Ich habe alle meine Regierungsorgane beauftragt, die Sache genau zu untersuchen, wen die Schuld trifft. Sollte die Sache aber eine Parteiverschiebung werden, hauptsächlich zur Sozialdemokratie – ein Sozialdemokrat ist mir ein Reichs- und Vaterlandsfeind -, so werde ich alle meine Macht einsetzen. Und meine Macht ist stark. Dann werde ich alles über den Haufen schießen lassen.“

Diese Drohung schüchterte die drei ,,Kaiserdelegierten“ so ein, dass sie es nicht wagten, eine Einladung des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Paul Singer zu einem Gespräch anzunehmen.

Die Delegierten der streikenden Bergleute Friedrich Bunte, Ludwig Schröder und August Siegel tragen am 14. Mai 1889 im Berliner Schloss dem Kaiser ihre Forderungen vor. Die Audienz dauerte zehn Minuten. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Vor ihrer Abreise nach Dortmund setzten sich Bunte, Schröder und Siegel mit dem Vorsitzenden des ,Vereins für bergbauliche Interessen“, Dr. Friedrich Hammacher, zusammen und vereinbarten im ,,Berliner Protokoll“ die Erfüllung folgender Forderungen: eine Erhöhung der Löhne in „angemessener Weise“, eine ,,normale, achtstündige Schicht“ und die Wahl eines ,,Ausschusses

von Vertrauensmännern“ zur Regelung von Überstunden mit der Grubenverwaltung. Eingehalten wurde diese Vereinbarung sowie die ,,Essener Erklärung“ des Vorstandes des Bergbaulichen Vereins vom 18. Mai jedoch nicht.

Am Sonntag, den 19. Mai, fand eine Bergarbeiter-Delegiertenversammlung in Bochum statt, auf der über den Abbruch oder die Fortsetzung des Streiks entschieden werden sollte.

In einem Zeitungsbericht über diese entscheidende Bergarbeiterdelegiertenversammlung ist folgendes zu lesen: „Siegel, welcher mit in Berlin war, betonte, dass er nach wie vor fest auf dem Boden des Berliner Protokolls stehe, aber wenn man den Streik noch acht Tage anhalten wollte, dann hätten die Arbeiter verspielt, denn ein großer Teil derselben krieche schon jetzt wieder in das Loch. Es sei deshalb besser, schleunigst einen ehrenvollen Frieden zu schließen. In den Versammlungen, in denen er dieser Tage gesprochen, habe man allgemein erklärt: „Wir fahren Dienstag wieder an. Er und seine Genossen hielten fest an den an höchster Stelle gesprochenen Worten; wenn etwa des Streikes wegen gemaßregelt werde, dann solle es einer solchen Grubenverwaltung teuer zu stehen kommen. Die Lohnbücher, welche er und seine Genossen mit nach Berlin genommen, hätten ergeben, dass ein Bergmann durchschnittlich täglich 14½ Stunde in der Grube gewesen wäre.

Aus der Versammlung gemachten Einwänden gegenüber, betonte Siegel, dass er nicht etwa von einer Zeche gekauft sei, um die Leute zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Die Agitation zur Vereinigung sämtlicher deutscher Bergarbeiter müsse nach wie vor mit Ernst betrieben werden. Jeder möge, ehe er abstimme, bedenken, welches Elend entstehen müsse, wenn zu den streikenden Bergleuten noch die vielen tausend Fabrikarbeiter kämen, die wegen Kohlenmangels brotlos würden.“

Das Ende des Streiks wurde daraufhin mit großer Mehrheit beschlossen.

Kaum nahmen die Bergleute die Arbeit wieder auf, war das Unternehmerversprechen nicht mehr das Papier wert, auf dem es geschrieben stand. Hunderte Sprecher der Bergleute wurden gemaßregelt und verloren ihre Arbeit, Lohnerhöhungen wurden in der Regel nicht bewilligt. Am 24. Mai beschlossen die Zechendelegierten auf einer weiteren Versammlung, den Streik wieder aufzunehmen. Doch dieser Beschluss spiegelte schon nicht mehr die Stimmung auf den einzelnen Zechen wieder. Zahlreiche Belegschaften ignorierten den Aufruf. Bunte. Schröder und Siegel sowie fünf weitere Streikführer erließen einen Appell an die Dortmunder Bergarbeiter, den Streik am 31. Mai endgültig zu beenden.

Nach dem Streik: Streikführer wie August Siegel werden entlassen

Der Streik wurde auf den meisten Zechen des Ruhrgebiets ergebnislos abgebrochen. August Siegel wurde, wie auch Ludwig Schröder, Friedrich Bunte und viele andere Streikführer, entlassen.

August Siegel eröffnet in Dorstfeld nach seiner Entlassung im Juli 1889 einen Flaschenbierhandel. Sammlung Horst Delkus

„Mit dem 3. Juli 1889 hatte mein 16jähriges Bergmannsleben sein Ende erreicht“, berichtete Siegel in seiner Autobiografie „Mein Lebenskampf“. Ende August schrieb Siegel, wohl auch um seinen ehrenvollen Ruf zu schützen, einen Leserbrief an die Dortmunder Lokalpresse. Darin heißt es: „Es ist vielfach unter meinen Kameraden das Gerücht verbreitet worden, ich bekäme Arbeit auf Zeche Dorstfeld, der Herr Grubenverwalter habe selbst gesagt, er nähme mich an. Wenn der Herr Grubenverwalter das gesagt hat, dann hat er aber sein Wort nicht wahr gemacht. Denn ich bin am Freitag, den 16. August bei ihm gewesen und habe ihn um Arbeit gebeten. Die Antwort war: „Nein!“ Dies meinen Kameraden zur Kenntnis.“

Gemaßregelte Bergleute, die Mitglied der Sozialdemokratie waren. erhielten aus der Parteikasse 300 Mark, um eine selbständige Existenz gründen zu können.

August Siegel eröffnete damit in Dorstfeld einen Flaschenbierhandel; Friedrich Bunte und Ludwig Schröder übernahmen gemeinsam ein Tabak- und Zigarrengeschäft.

Nach dem Streik: Bergleute des Ruhrgebiets gründen die Bergarbeitergewerkschaft in Dorstfeld

Wegen des Streiks wurde die ursprünglich für Anfang Juni vorgesehene Delegierten-Versammlung zur Gründung eines Bergarbeiterverbandes verschoben. Sie fand erst am 18. August 1889 im „Dorstfelder Garten“ des Wirtes Schemmann statt.

Dorstfeld – das alte Dorf. Links der Gasthof Ziegler; rechts der Gasthof „Dorstfelder Garten“ des Wirts Schemmann (später „Zum Deutschen Hause“; zuletzt „Burg Heisterkamp“). Hier, nicht wie immer wieder behauptet wird bei Ziegler, wurde der Bergarbeiterverband gegründet. Quelle: StA Dortmund

August Siegel eröffnete und leitete diese Versammlung, auf der der „Verband zur Wahrung der bergmännischen Interessen in Rheinland und Westfalen“ gegründet wurde. Daraus ging 1890 in Halle der Verband deutscher Bergleute, dann der Verband der Bergarbeiter Deutschlands und, nach dem II. Weltkrieg die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE) hervorgegangen ist, die 1997 mit der IG Chemie zur IGBCE fusionierte.

200 Delegierte von 66 Zechen und 44 Knappenvereinen, Abgeordnete aus Sachsen, Schlesien, dem Saarland und dem Aachener Revier nahmen an dieser Gründungsveranstaltung der Bergarbeitergewerkschaft teil. Auf einer Versammlung am 20. Oktober in Bochum sollte ein

Vorstand gewählt werden. Doch die Angriffe der katholischen Zentrumspresse gegen die Sozialdemokraten Bunte, Schröder und Siegel führten zu einer langen und kontroversen Personaldebatte.
Schließlich wurde die Versammlung auf Grund des Sozialistengesetzes aufgelöst. Eine Woche später konnte der Vorstand endlich zusammengestellt werden. Vorsitzender des Verbandes wurde Friedrich Bunte; Ludwig Schröder und August Siegel kandidierten nicht für den Vorstand, sie wollten sich voll und ganz der Agitation widmen. Agitation – das hieß zunächst einmal Versammlungen abhalten und Zahlstellen des Verbandes gründen. Es gab wohl kaum ein Bergarbeiterrevier im Deutschen Reich, das August Siegel damals nicht besucht hat.

Wahlkampf für die Sozialdemokratie und eigene Kandidatur für den Reichstag

Agitation – das hieß aber auch Wahlagitation für die Sozialdemokratie. August Siegel und Ludwig Schröder waren beide Mitglieder des „Vereins für volksthümliche Wahlen“, eines am 3. März 1889 gegründeten Wahlvereins der Dortmunder Sozialdemokraten. Die Polizei zählte Siegel und Schröder zu den Führern und Agitatoren dieses über 130 Mitglieder starken Vereins.

führender Sozialdemokrat in Dortmund
Karl Wilhelm Tölcke (1817-1893). Von 1865 bis 1866 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Er hatte seit 1878 seinen festen Wohnsitz in Dortmund. Quelle: AsD

August Siegel galt auch als „Wanderredner“, der zugunsten des „Arbeiterkandidaten Tölcke“ auftrat. In der Presse und wohl auch bei vielen christlich eingestellten Bergarbeitern kam dieses politische Bekenntnis nicht gut an. So war zu lesen:
„Der bekannte Kaiserdelegierte August Siegel ist ebenfalls offen in das sozialdemokratische Lager übergegangen indem er vorgestern Abend in einer sozialdemokratischen Versammlung sich für die Wahl Tölckes erklärte, da für die Arbeiter das Heil nur bei der Sozialdemokratie liege. Schröder hatte bekanntlich den Anfang gemacht. Bleibt von den drei Delegierten also noch Herr Bunte, der Vorsitzende des Bergarbeiterverbandes, dessen Kassierer Meyer schon offen sozialdemokratische Geschäfte besorgt hat.“

Zu dieser Reichstagswahl am 20. Februar 1890, kandidierten auch Schröder und Siegel: Schröder in Essen und Siegel im Mansfelder Kreis in Sachsen, einer Diaspora der Sozialdemokratie und des Bergarbeiterverbandes.

Ludwig Schröder erhielt über 3.000 Stimmen und konnte damit den Stimmenanteil der Sozialdemokratie fast versiebenfachen.

August Siegel war der erste Sozialdemokrat in seinem Wahlkreis und bekam auf Anhieb rund 2.000 Stimmen. Insgesamt war die Wahl für die Sozialdemokratie ein Riesenerfolg: 1,4 Millionen Stimmen im gesamten deutschen Reichsgebiet. Die Zahl der Stimmen hatte sich damit im Vergleich zur vorhergehenden Wahl fast verdoppelt. Für den jungen Bergarbeiterverband aber bedeutete das offene Bekenntnis und Engagement eines exponierten Teils des eigenen Führungspersonals zugunsten der Sozialdemokratie, spalterischen Bestrebungen von klerikal-konservativer Seite neue Nahrung zu geben.
Durch diesen und einige weitere Fehler „verdarb man sich einen großen Teil des Zuspruchs, den der Verband unter den Arbeitern gefunden hatte; denn der überwiegende Teil der Bergleute stand der Sozialdemokratie ablehnend oder doch gleichgültig gegenüber“, urteilte Max Koch in seiner von der „Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus und des Parlamentarismus“ 1954 herausgegebenen Arbeit „Die Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet zur Zeit Wilhelm II.“. Die Mitgliederzahlen des jungen Verbandes gingen so schon Ende 1890 zurück. Und es nutzte kaum etwas, dass der Vorstand öffentlich erklärte, dass das politische Engagement seiner Führung für den Verband gleichgültig sei.

August Siegel 1889. Sammlung Horst Delkus

Am 19. Dezember 1889 erhielt Ludwig Schröder eine Anfrage aus England, ob die deutschen Bergarbeiter an einem ersten internationalen Bergarbeiterkongress teilnehmen würden. August Bebel sagte, dass seine eine wichtige Sache, da müssen die deutschen Bergarbeiter unbedingt vertreten sein und schickte für jeden Teilnehmer 100 Mark. Schröder wurde in einer öffentlichen Bergarbeiterversammlung als Teilnehmer für Dortmund gewählt, Siegel in Recklinghausen, drei weitere Bergleute in Gelsenkirchen, Moers und Zwickau.

Der Kongress fand vom 20. bis 23. Mai in Jolimont im belgischen Kohlenrevier statt, im Versammlungssaal einer Genossenschaftsbäckerei. Es war der erste europäische Bergarbeiterkongress. Vertreten waren dort 111 Delegierte aus England, Belgien, Frankreich und Deutschland. „Wir wurden herzlich begrüßt, aber ein Sturm von Applaus brach aus, als die französischen Delegierten und wir Deutsche uns zum Gruß die Hand reichten. Ich werde diesen Augenblick und den Jubel, so lange ich leben werde, nie wieder vergessen“, erinnerte sich August Siegel noch viele Jahre später. Hauptthema des Kongresses war der Kampf für die Acht-Stunden-Schicht.
In der Diskussion verlangten die schottischen Delegierten einen internationalen Bergarbeiterstreik zur Durchsetzung dieser Forderungen. Die Deutschen sprachen dagegen. Laut Kongress-Protokoll erklärte Siegel, dass sie „einstimmig die Einmischung des Staates für notwendig“ hielten. Sie wären für gesetzliche und friedliche Mittel und schreckten vor dem Blutvergießen zurück, welches folgen könnte, wenn die 8-Stunden-Schicht durch Arbeitseinstellungen und jene Gewerbevereinigungen, welche in Deutschland ungesetzlich seien, erzwungen werden sollten.

Die Entscheidung über einen internationalen Generalstreik wurde auf den nächsten Kongress vertagt, der 1891 in Paris stattfand. Siegel vertrat dort die Bergarbeiter aus Dorstfeld, Sachsen und Schlesien. Bunte und Schröder waren ebenfalls Delegierte. Der Kongress beschloss einstimmig eine Resolution, in der ein internationaler Streik für die 8-Stunden-Schicht als „notwendig“ erklärt wurde. Bevor zu diesem ,,äußersten Mittel“ gegriffen werde, seien die Regierungen ,,eingeladen“, sich über eine gesetzliche Einführung der 8-Stunden-Schicht durch eine,,internationale Konvention“ zu einigen. Mit diesen Kongressen waren die Bergarbeiter die ersten, die sich in der Arbeiterbewegung gewerkschaftlich international organisierten. Bunte, Schröder und Siegel gehören damit hier ebenfalls zu den Pionieren.

Verfolgung durch die Behörden und Exil nach England

Im April 1891 kam es erneut zu einer spontanen Streikbewegung im Ruhrbergbau. 27 Zechen standen bereits im Streik, als am 26. April in Bochum eine Delegiertenversammlung des Bergarbeiterverbandes stattfand, auf der 274 Abgeordnete von 166 Zechen vertreten waren. Die Versammlung sollte über eine Ausweitung der Streiks auf das gesamte Ruhrgebiet entscheiden. August Siegel hatte die Aufgabe, die Delegierten auf einen Streikbeschluss einzustimmen.

Wegen ,,indirekter Aufreizung zum Ungehorsam“ wurde er danach zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Für seine Agitation unter den Bergleuten hatte Siegel innerhalb kurzer Zeit noch weitere Gefängnisstrafen erhalten; u.a. sechs Wochen wegen Beleidigung des Knappschaftsvorstandes, vier Wochen wegen Beleidigung der Knappschaftsältesten als ,,dumme Strohköpfe“ und sechs Monate wegen Beleidigung von Grubenbeamten. Drei kürzere Gefängnisstrafen hatte er bereits abgesessen. Damit war August Siegel wohl der am meisten verfolgte Vertreter des jungen Bergarbeiterverbandes.

Als seine Einsprüche gegen eine insgesamt achtmonatige Gefängnisstrafe abgewiesen wurden und fünf weitere Anklagen ihm noch drohten, drängte Schröder seinen Kameraden, nach England zu fliehen und sich dort Arbeit zu besorgen. Am 12. Januar 1892 reiste Siegel aus Dorstfeld ab. Drei Tage später, am 15. Januar meldete der ,,Vorwärts“ seine Flucht. Einen Tag darauf wurde er bereits steckbrieflich gesucht.

August Siegel wird nach seiner Flucht jahrelang mit einem Steckbrief gesucht. Sammlung Horst Delkus

Im Bergarbeiterverband führte Siegels Flucht, so die ,,Westfälische Freie Presse“, zu ,,starker Erregung“. Etliche Bergleute traten enttäuscht aus dem Verband aus und forderten, ,,dass Siegel seinen fehlerhaften Schritt durch ungesäumte Rückkehr nach Deutschland wieder ausgleichen“ möge.

In einem Brief an Julius Motteler, den legendären ,,Roten Feldpostmeister“, der während des Sozialistengesetzes das Auslandsblatt der Sozialdemokratie in alle Winkel des deutschen Reiches verbreitete, übernahm Ludwig Schröder die Verantwortung für Siegels Abreise: ,,Ich habe ihm den Rat erteilt, nachdem ich eingesehen habe, wie er in letzter Zeit geistig gelitten hat. So oft Siegel nach Hause kam, sah er seine Lieben von Schmerz aufgelöst in Tränen. Dieses, und noch dass man ihm das allererbärmlichste aller Gefängnisse – Siegburg, welches früher eine Verrücktenanstalt war – zur Abbüßung seiner Strafe ausgesucht hatte, wirkte auf ihn ein.“

Über Motteler, der in London lebte, lernte August Siegel Friedrich Engels und Eleonore Aveling, die Tochter von Karl Marx, kennen. Engels unterstützte Siegel finanziell und bat den schottischen Bergarbeiterführer Keir Hardie, Siegel Arbeit im schottischen Bergbau zu besorgen. So konnte er am 14. März 1892, drei Jahre nach seiner Entlassung in Deutschland. wieder seine erste Schicht verfahren. In Muirkirk. einem schottischen Bergbaudorf mit fünf Kohlenschächten. Ende März war es ihm möglich, seine Familie nachkommen zu lassen.

Friedrich Engels riet ihm, intensiv Englisch zu lernen: ,,Wenn Sie im Geist der Arbeitersache fortwirken wollen, so tun Sie alles mögliche, um das Englische so weit zu lernen, dass Sie sich ohne die Gefahr eines Missverständnisses mit den Schotten verständigen können, und behalten Sie ja täglich und wo möglich stündlich Fühlung mit den schottischen Arbeitern. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein Mann wie Sie der deutschen Bergarbeiterbewegung nicht ganz verloren ginge. Ein Reichstagsmandat wäre Ihnen ja doch ziemlich sicher, und wenn Sie im Lauf der Zeit wieder zurückkämen, die paar Monate absäßen und dann das Ihrige täten, die Bergarbeiter im richtigen Gleise zu halten, so könnte das nur von Vorteil sein.“

Dieser Wunsch Friedrich Engels‘ ging nicht in Erfüllung. August Siegel blieb in Schottland und wurde Mitglied der Bergarbeitergewerkschaft, mit der er 1894 seinen ersten Streik durchstand. Er dauerte insgesamt 18 Wochen; Streikgelder gab es so gut wie keine. August Siegel wurde in die Streikleitung gewählt, sammelte Unterstützungsgelder und schrieb Spendenaufrufe für die deutsche Arbeiterpresse. Der Streik endete mit einer Niederlage; Siegel und mit ihm elf weitere Deutsche wurden nicht wieder eingestellt. Wenig später fänden sie jedoch Arbeit auf anderen Zechen.

Meldung im „Vorwärts“ von 1895, dass August Siegel im schottischen Bergbau schwer verunglückt ist. Sammlung Horst Delkus

Am 1. November 1895 verunglückte Siegel unter Tage und war deshalb mehrere Wochen arbeitsunfähig. Da er während des Streiks keine Krankenkassenbeiträge zahlen konnte, erhielt er kein Krankengeld. Die schottischen Bergarbeiterführer Robert Smillie und Keir Hardie unterstützten ihn mit einer Geldsammlung, und durch einen Bericht im „Vorwärts“ erfuhren auch deutsche Freunde von seinem Schicksal und sandten Geld. Als Siegel genesen war, besorgte ihm Robert Smillie Arbeit auf einer Zeche im Bezirk Lanarkshire.

August Siegel 1931. Eine Radierung des Grafikers Hermann Kätelhön. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Dort, nach einem erfolgreichen Streik gegen eine Lohnkürzung, der erheblich zur Organisierung der Bergarbeiter beigetragen hatte, wählten die Schotten Siegel in die lokale Gewerkschaftsleitung. Dass seine Gewerkschaftsarbeit bei ihnen Anerkennung fand, zeigte sich, als er im Januar 1899 als einziger Ausländer zur Generalversammlung der „Miner’s Federation of Great Britain“ nach Edinburgh geschickt wurde, um einen Antrag zu vertreten, dass Kinder unter 14 Jahren nicht mehr auf der Zeche arbeiten durften.

Denn damals war es im schottischen Bergbau noch üblich, dass selbst Neun- oder Zehnjährige, ja sogar Siebenjährige unter Tage arbeiteten. Welches Ansehen August Siegel bei seinen schottischen Kameraden genoss, zeigte sich auch, als sie ihn 1911 als einen ihrer Delegierten zum Internationalen Bergarbeiterkongress nach London schickten. Eine freudige Überraschung für die deutsche Delegation ihn dort wiederzusehen.

Im Mai 1902 schrieb August Siegel eine dringende Warnung vor falschen Versprechungen von Anwerbern an seine Kameraden in allen Bergbaurevieren: „Im Reichsgebiet treiben augenblicklich Agenten ihr Unwesen. Sie suchen Bergleute nach Schottland anzuwerben. Den Leuten wird erzählt, dass es hier infolge des Krieges in Südafrika an Leuten mangele.

Es wird den Hauern 15 Mark und den Schleppern 9 Mark pro Schicht garantiert. Ferner sollen die Lebensmittel viel billiger sein wie in Deutschland. Die Angeworbenen werden an ein Büro in Glasgow verwiesen, welches gar nicht existiert. Ein Kamerad, ein Österreicher, ist bereits damit hereingefallen. Als er in Glasgow ankam, um das Büro aufzusuchen, fand er eine Frau vor, welche ihm in gutem Deutsch erklärte, die Firma hätte Bankrott gemacht. Er kam dieser Tage hier an und erzählte uns, dass er dem Agenten 3 Mark 50 Pfennig dafür habe zahlen müssen.
Es seien noch mehr Kameraden dort, meinte er, die nachkommen wollen, sogar mit Frau und Kindern. Ich warne die Kameraden hiermit ernstlich, wenn sie nicht in Elend kommen wollen, zu bleiben, wo sie sind. Denn hier sind ohnehin Arbeitslose genug. Wer nicht Englisch sprechen kann, erhält hier keine Arbeit. Und die Deutschen, die hier sind, sind froh, dass sie selbst Arbeit haben. Die können keinem zur Arbeit helfen. Ich ersuche alle arbeiterfreundlichen Blätter in den Bergrevieren Deutschlands um Abdruck.“

August Siegel Quelle: Bergbaumuseum Bochum

Als 1911 in deutschen Zeitungen ein Bericht erschien, dass August Siegel tödlich verunglückt sei, hob die Dortmunder Staatsanwaltschaft im September 1911 den Steckbrief auf und verkündete die „Steckbrieferledigung“: „Der gegen den Bergmann August Siegel 1892 wegen Beleidigung erlassene Steckbrief ist erledigt und wird hierdurch zurückgenommen.“

Nach 20 Jahren Exil konnte Siegel so zum ersten Mal nach Deutschland zurückkehren. Er besuchte alte Kampfgefährten, insbesondere seinen schon schwer erkrankten Freund Ludwig Schröder. Im Ruhrgebiet, in Sachsen und Schlesien hielt er mehr als zwei Dutzend Versammlungen ab, in denen er über den kurz vor seiner Abreise erfolgreich abgeschlossenen größten Arbeitskampf in der Geschichte der britischen Bergarbeiter berichtete.

Siegel führte die Erfolge der britischen Bergarbeiter in seinen Vorträgen in erster Linie auf ihre einheitliche Organisation zurück: „Sozialdemokratische und christliche Arbeiter sind nicht für sich abgeschlossen und schwächen nicht durch Sonderorganisationen die Macht der Arbeiterschaft.“ In seinen Versammlungen forderte er immer wieder auch für Deutschland eine Einheitsorganisation.

August Siegel, Dortmunder Bergarbeiterführer und Gewerkschaftsgründer – portraitiert von von Emil Stumpp. Quelle: Emil Stumpp Archiv

Ende Mai 1912 kehrte Siegel nach Schottland zurück. Zwei Jahre später kam er erneut ins Ruhrgebiet, zur Beerdigung seines Freundes, Lehrmeisters und Kampfgefährten Ludwig Schröder, der am 18. Mai 1914 im Alter von 65 Jahren gestorben war. Nach seiner Beerdigung fuhr Siegel wieder nach Schottland zurück, mit dem festen Vorsatz, zur 25-Jahr-Feier des Bergarbeiterverbandes wieder ins Ruhrgebiet zu kommen. Wegen des I. Weltkrieges fiel die Jubiläumsfeier aus. Siegel wurde Opfer der Anti-Deutschen-Hetze, verlor seinen Arbeitsplatz und als Zivilist gefangen genommen. Ende August 1918 wiesen die Behörden ihn ,als lästiger Ausländer“ zusammen mit seinen beiden Töchtern aus England aus.

August Siegel kehrt im Januar 1919 nach Dortmund zurück

Am 16. Januar 1919 kam Siegel im Ruhrgebiet an. Ohne Hausrat, ohne Möbel, nur ein paar Mark in der Tasche. ,,Wir begrüßen unseren alten Genossen in der freien Republik Deutschland und heißen ihn willkommen“, schrieb die ,,Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung“ bei der Ankunft des 63-jährigen in Dortmund und bat ihre Leser um Möbelspenden.

Sammlung Horst Delkus

Gerade angekommen, stürzte Siegel sich gleich in den Wahlkampf. Als Versammlungsredner für die ,,Preußenwahl“ am 26. Januar 1919, der ersten Wahl zum preußischen Landtag nach dem Sturz der Monarchie und der Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts. Das „Hörder Volksblatt berichtete von seiner Verfolgung und Flucht nach England:


„Dort hat er auch keine goldenen Zeiten gefunden; er hat schwer um sein Brot ringen müssen. Jetzt ist er als alter Mann zurückgekehrt, nachdem er als Zivilgefangener ausgeliefert worden war. In den Versammlungen der Mehrheitssozialisten tritt er nun als Redner auf. Solche Forderungen, wie heute [1918/19] von der Arbeiterschaft gestellt werden, hätte er damals für unmöglich gehalten. – Wie sich die Zeiten ändern!“

Und der „Dortmunder Generalanzeiger“ schrieb: „Nach seinem damaligen Gebaren und Auftreten hätte man wohl annehmen können, er werde sich dem linkesten Flügel der Sozialdemokratie anschließen. Das hat er nicht getan. In den 30 Jahren seit 1889 hat er viel erfahren und eingesehen, dass man mit dem Kopf nicht durch die Wand gehen kann. Er tritt als Redner in den Versammlungen der Mehrheitssozialdemokraten auf.“

August Siegel 1923 im Archiv des Bergarbeiterverbandes in Bochum. Sammlung Horst Delkus

Anfang der 20er Jahre zog Siegel nach Bochum um. Dort, in der Hauptverwaltung des Bergarbeiterverbandes, arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 1929 in der Bibliothek und im Archiv. In den Jahren 1920/21 erschienen im ,,Jungborn“, der Jugendzeitung des Bergarbeiterverbandes, in 30 Fortsetzungen seine Lebenserinnerungen. Sie wurden auch in der ,,Westfälischen Allgemeinen Volks-Zeitung“, später auch im „Vorwärts“ und anderswo abgedruckt, und, wie es im „Jungborn“ heißt, „von den Lesern viel beachtet“. In die Tagespolitik und in gewerkschaftliche Auseinandersetzungen der Weimarer Republik hat sich August Siegel nicht mehr eingemischt.

Gedicht für August Siegel zu seinem 70. Geburtstag von der Hauptverwaltung des Verbandes der Bergarbeiter Deutschlands, dem Vorläufer der IGBE (heute IGBCE) Sammlung Horst Delkus

Anlässlich seines 70. und seines 75. Geburtstages, bei der 40-Jahr-Feier des Verbandes 1929 und bei seinem 60jährigen Parteijubiläum 1932 überhäufte man ihn mit Glückwünschen und Ehrungen.

Die ,,Bergarbeiter-Zeitung“, die sozialdemokratische Parteipresse und der Dortmunder ,,Generalanzeiger“ widmeten August Siegel längere Glückwunschartikel. Fritz Waldhecker, stellvertretender Vorsitzender des Bergarbeiterverbandes, würdigte ihn in einem ganzseitigen Artikel als ,,einen unbeugsamen Streiter für Bergarbeiterrechte und Volksfreiheit“.

Der später im KZ Bergen-Belsen ermordete SPD-Landtagsabgeordnete Karl Otter erinnerte 1932 daran, wie Siegel trotz seines hohen Alters oft zu gut besuchten Versammlungen eingeladen wurde: ,,Gern und dankbar wurde seinen Erzählungen zugehört, und wenn Siegel sprach, dann sprach der Mann, der es in zäher und unermüdlicher Arbeit verstanden hat, die Bergarbeiter als Machtfaktor gegen das kapitalistische System zusammenzuschweißen. Groß ist die Zahl derer, die in August Siegel den Vorkämpfer des Sozialismus und des wahren Menschentums erblicken.“

Der alte Siegel war als ,,Pionier der Bergarbeiterbewegung“ in der Weimarer Republik der populärste Arbeiterveteran des Ruhrgebiets. Ungebrochen blieb noch im hohen Alter seine Hoffnung auf eine Befreiung des Proletariats, auf eine sozialistische Zukunft: ,,Mag auch im Augenblick die innere Zerrissenheit die Arbeiterschaft noch nicht zu der Geschlossenheit geführt haben, dass einer für alle und alle für einen steht. Die Zeit wird sie zusammenbringen. Ob nun in zehn, in zwanzig oder in hundert Jahren die Entscheidung fällt, das ist für die Weltgeschichte unbedeutend. Aber sicher ist, dass der Kapitalismus überwunden wird, dass er Platz machen muss der großen Menschheitsidee, dem Sozialismus.“

Das letzte Foto von August Siegel. Auf einer Jubilarfeier in Dortmund-Dorstfeld ca. 1934. August Siegel vorne rechts. Sammlung Horst Delkus

Die Besetzung und Verwüstung der Hauptverwaltung des Bergarbeiterverbandes durch die SA am 11. März 1933, die ,,Gleichschaltung“ und Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung wenige Wochen später, die Ermordung von Fritz Husemann und anderen Bergarbeiterfunktionären im KZ – all das musste August Siegel noch miterleben. Über seine letzten Lebensjahre wissen wir leider wenig.

Berichtet wird, dass der nationalsozialistische „Arbeiterverband des Bergbaus“ August Siegel im Oktober `33 eine monatliche Zuwendung von 100 Reichsmark bewilligt hat, „damit der alte Kämpe den Lebensabend sorgenfrei verbringen kann“.

Traueranzeiger vom 10. Oktober 1936 im „Bochumer Anzeiger“.

August Siegel starb im Alter von 80 Jahren am 5. Oktober 1936 in Bochum. Seine Urne wurde am 13. Oktober auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Auf dem selben Friedhof, auf dem auch Fritz Husemann beerdigt ist. In Dortmund-Eichlinghofen erinnert eine Straße an August Siegel. In Dortmund-Dorstfeld eine Bronzeplatte an einem ehemaligen Bergarbeiterhaus.

In Dorstfeld trägt ein Haus eine Gedenktafel zur Erinnerung an August Siegel und die Gründung des Bergarbeiterverbandes in diesem Stadtteil. Foto: Horst Delkus

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