Nordstadtblogger

An 80 Schulen in Dortmund gibt es nicht mal planmäßig genügend Lehrkräfte, um allen Unterricht durchzuführen

Unterricht in der Spiel- und Lernstube an der Nordmarkt-Grundschule. Dieses Angebot in der Trägerschaft der Stadtteilschule ist ein Zusatzangebot. Und die reguläre Versorgungsquote lag bei 117,4 Prozent.

Wie viele Lehrer*innen braucht eine Schule, damit kein Unterricht ausfallen muss? Und wie sind die Schulen in der Nachbarschaft eigentlich personell ausgestattet — sind sie gut besetzt oder herrscht dort bedenklicher Personalmangel? Die Daten, aus denen sich diese Fragen beantworten lassen, sind je nach Bundesland entweder nicht ohne weiteres öffentlich zugänglich oder tauchen irgendwo in unübersichtlichen Tabellen auf beziehungsweise unter. In einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV und nordstadtblogger.de haben wir uns die Daten für das letzte Schuljahr 2018/2019 beschafft und ausgewertet.

Quote der Versorgung mit Lehrkräften erstmals schulscharf aufgeschlüsselt

Politik den Profis zu überlassen – dafür plädieren auch Schüler*innen und üben Kritik an den Zuständen.

Landesschulbehörden fällt es zunehmend schwer, genügend Lehrer*innen zu verpflichten. Der oft prognostizierte Rückgang der Schüler*innen-Zahlen bleibt bislang aus. Um eine ausreichende Lehrerversorgung sicherzustellen, arbeiten die Behörden mit Planzahlen. Im Gegenteil gehen in Dortmund die Schüler*innen-Zahlen deutlich nach oben.

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Schon heute, so zeigt es unsere Datenauswertung, bewegt sich die Lehrer*innen-Versorgung von den Grundschulen bis zu den Gymnasien auf einem Niveau, das zu niedrig ist, um zuverlässig Unterrichtsausfälle zu vermeiden. 

Wenn die Lehrerversorgung in einer Schule beinahe 100 Prozent beträgt, klingt das wie „fast perfekt”. In Wahrheit zeigt dieser Wert, dass es bereits einen Lehrermangel gibt, der zu Unterrichtsausfällen führen kann. Denn die 100 Prozent markieren lediglich die Grundversorgung.

Erst ab einer Versorgungsquote von 105 Prozent können Ausfälle kompensiert werden

Die Politik kritisiert Schüler*innen für ihren Klimastreik. Dabei findet noch nicht mal planmäßig aller Unterricht statt, weil Lehrkräfte fehlen.

Schon bei kurzen Ausfällen, etwa wegen Fortbildungen, Krankheiten, Schwangerschaften oder Eltern- und Familienpflegezeiten, kann der Unterricht nicht mehr vollständig stattfinden. Deswegen fordern verschiedene Elternvertretungen und Gewerkschaften einen Versorgungsgrad von wenigstens 105 Prozent.

Der Grad der Lehrer*innen-Versorgung ist einer der wichtigsten Indikatoren zur Einschätzung der Qualität und Zukunftsfähigkeit einer Schule. Die direkte Vergleichbarkeit einzelner Schulen erlaubt es Eltern, sich gezielter als bislang zu informieren und auf dieser Grundlage wichtige Entscheidungen zu treffen. 

Allerdings sagt die Versorgungsquote noch nichts über die weiteren Herausforderungen, denen sich die Schulen stellen müssen. Sie gibt keinen Hinweis darauf, wie groß die Schulklassen an der jeweiligen Schule sind. Auch die nicht zu unterschätzende Herausforderung, wieviele Schüler*innen nicht Deutsch als Muttersprache haben und daher sogar mehr Lehrkräfte gebraucht würden. 

Fast 54 Prozent aller Schulen in NRW erreichen nicht einmal den Grundversorgungswert

„Ich will Veränderung sehen “ – doppeldeutig kommt diese Forderung auf einem, Schulhof daher.

Die allgemeine Auswertung zeigt unter anderem: dass fast 54 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Nordrhein-Westfalen einen Versorgungsgrad von unter 100 Prozent aufweisen, also nicht einmal den Grundversorgungswert erreichen der nötig wäre, um wenigstens theoretisch bei voller Personalstärke ohne Überstunden alle Unterrichtsstunden stattfinden zu lassen.

Außerdem belegen die Zahlen, dass es in den Haupt-, Real-, Grund- und Förderschulen bei der Lehrer*innen-Versorgung die größten Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen gibt. Außerdem wird deutlich, dass unter den Grund- und Förderschulen besonders viele (36,8 bzw. 38 Prozent) eine bedenklich niedrige Versorgungsquote von unter 95 Prozent aufweisen, während es bei den Gymnasien gerade einmal 6,2 Prozent sind.

Die Zahlen offenbaren, dass es in Nordrhein-Westfalen bei der Versorgung mit Lehrkräften kein relevantes Gefälle zwischen Großstädten, kleineren Städten und der ländlichen Fläche gibt.

Sehr unterschiedliche Situation an den 89 Grundschulen in Dortmund

Im Mittel liegt der Versorgungsgrad der 89 Grundschulen in Dortmund 2,2 Prozentpunkte über dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen. Besonders gut ist die Lage der Grundschule Kruckel. Der Versorgungsgrad mit Lehrkräften liegt bei 131,8 Prozent, 

An der Bodelschwinghschule liegt die Versorgungsquote bei 127,5 Prozent, an der Harkortschule 123,7 Prozent, an der Eichlinghofer Grundschule 122,2 Prozent, an der Kreuz-Grundschule 119,6 Prozent, an der Schubertschule 118,8 Prozent, an der Emschertalschule 116,7 Prozent, an der Nordmarktschule 117,4 Prozent, an der Grafenschule 116,5 Prozent und der Friedrich-Ebert-Schule 115,1 Prozent.

2018.07.03 Dortmund Wir bewegen Zukunft – IT an Dortmunder Grundschulen/ Die Stadt der Zukunft“

„Wir bewegen Zukunft – IT an Dortmunder Grundschulen“ im Rahmen von „Die Stadt der Zukunft“. Der Alltag sieht vielerorts anders aus.

An 22 weiteren Grundschulen lag die Versorgungsquote mit Lehrkräften im vergangenen Schuljahr bei 105 bis 115 Prozent. Zumindest theoretisch können dort Krankheit und Fortbildung kompensiert werden, ohne das Unterricht ausfallen muss. 

Besonders schlecht war im vergangenen Schuljahr die  Versorgungsquote in der Grundschule Hangeneyschule – dort lag der Versorgungsgrad bei 72,8 Prozent. Dort gab es 7,8 Lehrkräfte, davon fehlten rechnerisch 2,9 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen.

Bei der Grundschule Buscheischule lag der Versorgungsgrad bei 78,5 Prozent. Von den 15,2 Lehrkräften fehlten im vergangenen Jahr 4,2 Lehrkräfte. Und in der Eichwaldschule fehlten von 10,9 Lehrkräften 2,9. Der Versorgungsgrad mit Lehrkräften lag bei 78,8 Prozent. 

Weitere Negativbeispiele in Sachen Versorgung mit Lehrkräften: Hoechstener Schule (80,9 %), Evangelische Liebigschule (81,4 %), Libellen-Grundschule (84,6 %), Grundschule Comenius (85,8 %), Katholische Grundschule Marienborn (86,4 %), Grundschule Olpketal (86,9 %), Bach-Grundschule (88,2 %) und Grundschule Regenbogen (88,9 %). 

Die Realschulen in Dortmund sind überwiegend unterversorgt

Sportschnuppertag im Rahmen der Sportförderung an der Marie-Reinders-Realschule. Foto: Stephan Schütze

Es gibt 14 Realschulen in Dortmund. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 12,6 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen. Über 105 Prozent – und damit rechnerisch gewappnet für Engpässe, sind die Albert-Schweitzer- und die Wilhelm-Röntgen-Realschule.

Während sich die Albrecht-Dürer-, Robert-Koch- und Wilhelm-Busch-Realschule noch im Korridor von 100 bis 105 Prozent befinden, sind Albert-Einstein-, Gertrud-Bäumer-, Johann-Gutenberg-, Marie-Reinders-, Max-Born-, Ricarda-Huch-, Theodor-Heuss- und die Max-von-der-Grün-Realschule im roten Bereich.  

Schlusslicht ist die Droste-Hülshoff-Realschule mit nur 88 Prozent Versorgungsquote. Im vergangenen Schuljahr lehrten lehren 38,7 Lehrkräfte an dieser Schule, wovon 5,3 Lehrkräfte fehlten, um den Unterricht planmäßig durchzuführen.

Sehr unterschiedliche Versorgungsquote bei den acht Hauptschulen in Dortmund

Ein leerer Fachraum – viel zu oft fällt an Schulen in NRW der Unterricht aus.

In Dortmund gibt es derzeit noch acht Hauptschulen. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 13,5 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen. Die beste Versorgung mit Lehrkräften gibt es an der Hauptschule Kley. Der Versorgungsgrad liegt bei 115,4 Prozent.

Im Bereich einer Versorgungsquote von 100 bis 105 Prozent, wo erkrankte oder Lehrkräfte in Fortbildung noch kompensiert werden können, liegen die Emscherschule Aplerbeck, die Jeanette-Wolff-Schule und die Hauptschule Scharnhorst. 

Im roten Bereich, wo noch nicht einmal statistisch der Unterricht zur Gänze stattfinden kann, liegen die Hauptschule am Externberg, die Konrad von der Mark-Schule, die Schule am Hafen sowie die katholische Hauptschule Husen.

Die Dortmunder Gesamtschulen liegen überwiegend im negativen Bereich

Der Bundespräsident nebst Gattin informierte sich über die Aktivitäten der Anne-Frank-Gesamtschule in der Nordstadt.

Der Bundespräsident nebst Gattin informierte sich über die Aktivitäten der Anne-Frank-Gesamtschule in der Nordstadt.

Es gibt neun Gesamtschulen in Dortmund. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 7,5 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen. 

Eine Versorgungsquote mit Lehrkräften von mehr als 105 Prozent weist nur die Europaschule Dortmund auf. Im positiven Bereich (100 bis 105 Prozent) liegen die Gesamtschule Brünninghausen, die Geschwister-Scholl- und die Martin-Luther-King-Gesamtschule. 

Im negativen Bereich liegen hingehen die Anne-Frank-Gesamtschule, die Gesamtschule Gartenstadt, die Gustav-Heinemann-Gesamtschule, die Heinrich-Böll-Gesamtschule sowie die Gesamtschule Scharnhorst.

Nur Reinoldus und Schiller-Gymnasium im deutlich positiven Bereich

Schüler helfen Schülern - und der Rotary-Club Dortmund Hörde hilft mit. Für das Nachhilfe-Projekt des Helmholtz-Gymnasiums, der Gertrud-Bäumer-Realschule und der Albrecht-Brinkmann-Grundschule, bisher mit Mitteln des Programms "Soziale Stadt - Dortmund Nordstadt" gefördert, sagten Ubbo De Boer und Johann Jaeger (2. u. 4. v.l) die Finanzierung für die nächsten zwei Jahre zu. Sie schauten Projektleiterin Kerstin Kiehl (Helmholtz-Gymnasium), Ardit und Serafina veim "Büffeln" über die Schulter.

Schüler helfen Schülern – ein Nachhilfe-Projekt des Helmholtz-Gymnasiums in der Nordstadt.

Es gibt 14 Gymnasien in Dortmund. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 9,0 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen. Im Bereich über 105 Prozent liegt nur das Reinoldus und Schiller-Gymnasium. 

Im Bereich von 100 bis 105 Prozent, wo erkrankte oder Lehrkräfte in Fortbildung noch kompensiert werden können, liegen Bert-Brecht-, Heinrich-Heine-, Heisenberg-, Helene-Lange-, Immanuel-Kant-, Leibniz- und Stadt-Gymnasium.

Im negativen Bereich, wo noch nicht mal statistisch alle Stunden gegeben werden könnten, liegen hingegen das Goethe-, Helmholtz-, Käthe-Kollwitz-, Max-Plank- und das Phoenix-Gymnasium sowie das Gymnasium an der Schweizer Allee.

Im Bereich der Förderschulen steht Dortmund vergleichsweise gut da

Die Kielhorn-Förderschule erlebte in der Inklusionsdebatte unruhige Zeiten. Jetzt soll Ruhe einkehren.

Die Kielhorn-Förderschule hatte die schlechteste Versorgungsquote aller Dortmunder Förderschulen.

Im Bereich der Förderschulen steht Dortmund überdurchschnittlich gut da. In den 15 Förderschulen liegt der Versorgungsgrad im Mittel 11,2 Prozentpunkte über dem Wert vergleichbarer Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Elf Schulen liegen im positiven Bereich. Tremonia-, Adolf-Schulte-, Dellwig- und die  Martin-Buber-Schule sowie die Förderschule am Marsbruch verfügten über eine Versorgungsquote von 100 bis 105 Prozent. 

Ab 100 Prozent können alle Unterrichtsstunden theoretisch stattfinden, ab 105 Prozent ist eine Schule auch praktisch gegen Ausfall (z.B. Krankheit, Fortbildung) gerüstet. In diesem Bereich liegen die die Förderschule Froschlake, die Mira-Lobe-Schule, die Rheinisch-Westfälische Förderschule, die Paul-Dohrmann-Schule, die Martin-Bartels-Schule und die Johannes-Wulff-Schule. 

Im roten Bereich, wo noch nicht mal theoretisch aller Unterricht stattfinden könnte, liegen die Max-Wittmann-, die Wilhelm-Rein-und die Frida-Kahlo-Schule. Schlusslicht mit einem besonders schlechten Versorgungsgrad war die Kielhornschule in der Nordstadt. Im vergangenen Schuljahr lehrten dort 18,4 Lehrkräfte an dieser Schule. Davon fehlten jedoch 3,2 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen. Der Versorgungsgrad lag lediglich bei 85,2 Prozent.

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Mehr Informationen: 

  • Im föderalen Bildungswesen herrscht immer noch zu viel Intransparenz. Die Aussagekraft öffentlich verbreiteter Zahlen ist oft nicht sehr hoch, sie dienen in vielen Fällen vor allem der positiven Außendarstellung. 
  • Da wird zum Beispiel beim Thema Unterrichtsausfall getrickst, indem die durch eine Bastelstunde ersetzte Mathestunde nicht als Unterrichtsausfall in die Schulstatistik einfließt, oder es werden zur Lehrer*innen-Versorgung nur landesweite Durchschnittswerte genannt, mit denen Eltern beim Blick auf die für sie relevanten Schulen gar nichts anfangen können. 
  • Der Grad der Versorgung mit Lehrkräften an einer Schule stellt dagegen einen Wert mit konkreter Aussagekraft dar. CORRECTIV und nordstadtblogger.de haben sich die Daten für das letzte Schuljahr 2018/2019 beschafft und sie in zwei nutzerfreundlichen Datenbanken aufbereitet.
  • Im ersten Element können Leser*innen im oberen Suchfeld den Namen einer konkreten Schule eingeben und erfahren dann die Zahl der dort tätigen Lehrer*innen sowie den erreichten Lehrer*innen-Versorgungsgrad.

Falls sich die Suchmaske nicht darstellt, bitte das Seitenfester neu laden!

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von Nordstadtblogger.de mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert wird. Mehr unter correctiv.org

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Ein Gedanke zu “An 80 Schulen in Dortmund gibt es nicht mal planmäßig genügend Lehrkräfte, um allen Unterricht durchzuführen

  1. Ruhr Reisen

    Das ist wohl schon Hannelore Kraft und dieser grünen Löhrmann? zu „verdanken“. Für Misswirtschaft haben ja weder solche Gestalten, noch Wirtschaftsmanager etwas zu befürchten – im Gegenteil.
    Wenn man dann weiss, dass die so genannten Aushilfslehrer schlecht bezahlt und prekär vor den Ferien zum Amt gehen müssen, treibt das Zorn in die Adern. Das Einzige, was im Pott politisch planbar ist, sind die pünktlichen Diätenerhöhungen der unfähigen Politiker. Da es jetzt aber der Mittelschicht immer mehr an den eigenen Kühlschrank geht, wird es nicht mehr lange dauern, bis ihnen entgültig der Kragen platzt. Die Hofnung stirbt zuletzt, dass dann nicht aus Mangel an Alternativen und blinder Wut die Rechten gewählt werden.

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