
Kaum eine Region in Europa ist so stark durch Zuwanderung geprägt wie das Ruhrgebiet. „Hier war keine andere Branche so sehr auf die Anwerbung von Arbeitskräften angewiesen wie der Bergbau“, erklärt die Historikerin Gabriele Unverferth. Vor allem auf den großen neuen Zechen in der Emscherzone ab etwa 1860 und später in der Lippezone verschärfte sich der Arbeitskräftemangel zunehmend. Die einheimische Bevölkerung allein konnte den steigenden Bedarf nicht decken.
Um 1910 lebten schätzungsweise 500.000 Zugewanderte im Ruhrgebiet
Wie stark die Zuwanderung war, zeigt ein Beispiel aus Eving. „Der Evinger Geschichtsverein fand heraus“, sagt der Vorsitzende Wolfgang Skorvanek, „dass auf der Zeche Minister Stein im Jahr 1901 bereits mehr als 1.800 Arbeiter beschäftigt waren – mehr als das Dreieinhalbfache der gesamten Evinger Bevölkerung von 1871.“

Um 1910 lebten schätzungsweise 500.000 zugewanderte Männer, Frauen und Kinder aus Oberschlesien, Masuren und der Provinz Posen im Ruhrgebiet. In Eving ließen sich vor allem Menschen aus der Region Posen nieder.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsandten Bergwerksgesellschaften Agenten in die ländlich geprägten und von Armut betroffenen preußischen Ostprovinzen. Die professionellen Werber versprachen den Menschen im „goldenen Westen“ gut bezahlte Arbeit, bessere Wohnungen und häufig sogar die Möglichkeit, ein kleines Stück Land zu bewirtschaften.
Viele ließen sich davon überzeugen und machten sich auf den Weg ins Ruhrgebiet. Die Bahnfahrt in der vierten Klasse kostete etwa einen Wochenlohn. Oft wurde das Geld von den Bergwerksgesellschaften vorgestreckt oder geliehen.
Probleme und Herausforderungen dieser frühen Migrationsbewegung als Thema
Das rasante Bevölkerungswachstum stellte Städte, Gemeinden und Bergwerksgesellschaften vor große Herausforderungen. Wohnungen mit Licht-, Wasser- und Abwasseranschlüssen mussten ebenso geschaffen werden wie Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Kirchen und soziale Einrichtungen.

Gleichzeitig war für viele der Neuankömmlinge die industrielle Arbeitswelt zunächst ungewohnt. Sie stießen teilweise auf Ablehnung in der einheimischen Bevölkerung und waren häufig staatlichen Auflagen und Kontrollen ausgesetzt. Eine Rückkehr in die alte Heimat erwies sich oft als schwierig, weil der preußische Staat dort inzwischen Land an neue Siedler vergeben hatte.
Mit den Problemen und Herausforderungen dieser frühen Migrationsbewegung ins Ruhrgebiet beschäftigt sich Gabriele Unverferth. Sie war von 1980 bis 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund und ist dort weiterhin ehrenamtlich tätig.
Seit Jahrzehnten befasst sie sich mit der Wirtschafts-, Technik-, Architektur- und Sozialgeschichte des Ruhrbergbaus – besonders mit den Bergarbeitersiedlungen, die bis heute das Gesicht vieler Orte im Revier prägen.
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Der Vortrag findet am Montag, 16. März, um 18 Uhr im Evinger Schloss statt, dem ehemaligen Wohlfahrtsgebäude der Zeche Minister Stein am Nollendorfplatz 2. Der Eintritt ist frei.

