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Aktives Gedenken und Mahnen in Dortmund gegen Krieg, Nationalismus, Populismus und gesellschaftliche Spaltung

Stadt Dortmund und Volksbund luden zum Gedenken auf den Hauptfriedhof ein. Fotos: Alex Völkel

Weltweit wurde an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erinnert. Auf dem Dortmunder Hauptfriedhof befinden sich tausende Gräber von Menschen, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Mit der Zeit geraten die Geschichten dieser Personen in Vergessenheit. Gleichzeitig werden Forderungen nach nationaler Abgrenzung wieder lauter und Ausgrenzungstendenzen nehmen zu. Deshalb haben die Stadt Dortmund, der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag ein starkes Zeichen für ein weltoffenes und tolerantes Dortmund setzen. 1.000 ewige Lichter wurden an den 9.036 Kriegsgräbern beider Weltkriege aufgestellt. 

Volkstrauertag als Tag des Engagements für ein gelingendes Miteinander in Europa

„Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens, der stillen Einkehr und der Trauer. Aber er ist auch ein Tag der kritischen Reflexion, der Immunisierung gegen billige Parolen, die Menschen anderer Herkunft, Religion oder Hautfarbe abwerten. Er ist auch ein Tag des Engagements für ein gelingendes Miteinander in Europa“, zitierte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau den Präsidenten des Volkswohlbundes, Wolfgang Schneiderhan. 

„Es ist unser aller Aufgabe, uns dafür einzusetzen, dass dieser Zustand des Friedens, in dem wir leben, erhalten bleibt“, sagte Sierau mit Blick auf die seit Jahrzehnten währende Geschichte des Friedens innerhalb der Europäischen Union. „Es ist unsere Verpflichtung, aus der Vergangenheit zu lernen und Verantwortung für die Erhaltung des Friedens zu übernehmen.“ 

Weltweit würden Menschen den Opfern von Krieg und Gewalt gedenken – so auch am vergangenen Wochenende während des „Remembrance Sunday“ in Dortmunds britischer Partnerstadt Leeds, an der auch Dortmunds Oberbürgermeister teilnahm. 

Warnung: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit und Krieg keine Lösung

„Wir alle wissen, dass Frieden noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Und so setzen wir mit dieser Gedenkveranstaltung zugleich ein Zeichen. Ein Zeichen für die friedliche Ordnung in Europa und weltweit. Das ist derzeit so notwendig wie lange nicht“, so der OB. 

„Frieden, wir ihn in unserem Land genießen dürfen, ist ein wertvolles Gut, welches es zu schützen gilt. Das führen uns die weltweiten politischen Konflikte jeden Tag aufs Neue vor Augen. Kriegerische Auseinandersetzungen sind jedoch nie eine Lösung. Denn sie erzeugen nur mehr Not und Leid auf allen Seiten“, so Sierau.

Um so erschreckender sei es, dass das friedliche Miteinander derzeit mehr und mehr in den Hintergrund gerate. Weltweit schotteten sich Staaten ab und stellten nationale Eigeninteressen in den Vordergrund. 

OB Ullrich Sierau: „Diese populistischen Hetzer spalten unsere Gesellschaft“

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

„Diese Entwicklung führt dazu, dass rechtspopulistische und rechtsextremistische Elemente bewusst Zwietracht zwischen den Menschen säen. Das erleben wir auch in Deutschland. Diese populistischen Hetzer spalten unsere Gesellschaft – und das, ohne selbst Lösungen für vermeintliche Probleme anzubieten“, machte Sierau unter dem Applaus der teilnehmenden DemokratInnen deutlich. 

„In Dortmund sagen wir ganz klar: Die ewig Gestrigen sind nicht erwünscht, nicht an diesem Ort, nicht in unserer Stadt und nicht in unserem Land“, richtete der OB seine Worte vor allem an die ebenfalls anwesenden Neonazis. 

Demokratie, Rechtsstaat und soziales Miteinander seien die Grundpfleiler einer friedlichen Gesellschaft. In Dortmund setze sich ein breites und engagiertes Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure dafür ein. „Und eines kann ich Ihnen versichern: Wir werden nicht nachlassen, gegen Nazis in unserer Stadt mit allen uns zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln vorzugehen“, so Sierau.

Denn die bitteren Erfahrungen aus der Vergangenheit hätten gezeigt: „Faschismus führt zu Krieg. Daher sage ich: Nie wieder Faschismus und nie wieder Krieg!“

Volkstrauertag ist ein fester Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur

„Die schändlichen Kapitel unserer eigenen Geschichte müssen uns Mahnung und Verpflichtung sein, über alle auf der Welt für den Frieden einzutreten“, mahnte das Stadtoberhaupt. Besondere Bedeutung käme dabei Gedenktagen wie dem Volkstrauertag zu. 

„Er ist beileibe kein rückwärtsgewandtes Ritual, sondern fester Bestandteil unserer Erinnerungskultur.“ Dies wurde auch bei der Aktion des Volkswohlbundes deutlich, die an die Opfer des Krieges und auch die Taten des Mörderregimes erinnerten. Jung und Alt stellten auf dem Hauptfriedhof Kerzen auf.

100 Jahre ist es her, seit mit dem Ende des 1. Weltkrieges die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu Ende ging. Zehn Millionen Todesopfer unter den Soldaten und geschätzte sieben Millionen zivile Opfer waren das erschütternde Ergebnis. 

Nur 21 Jahre später, nachdem der nicht verhinderte Aufstieg der Nationalsozialisten in kürzester Zeit aus einer Demokratie eine mörderische Diktatur und aus einer hoch entwickelten Zivilisation eine entmenschlichte Barbarei machen konnte, begann der Zweite Weltkrieg.

65 Millionen Tote als Bilanz des nationalsozialistischen Größenwahns

„Wenn wir an die Toten und die Folgen der NS-Diktatur erinnern, blicken wir in das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte. Die Bilanz: Weltweit rund 65 Millionen Kriegstote“, resümierte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange und erinnerte dabei auch an die unrühmliche Rolle von Polizei und Justiz.

„Das, was wir heute tun, ist deshalb auch kein Heldengedenken – so haben die Nazis den Volkstrauertag der Weimarer Republik umfunktioniert. Wir erinnern  – 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – an die Toten, weil sie uns mahnen, Verantwortung zu übernehmen für das, was heute geschieht und in Zukunft geschehen wird“, so Lange. 

Diese Verantwortung für ein „Nie wieder“ hätten auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes gesehen. „Wir leben auf diese Weise seit vielen Jahrzehnten in dem besten Deutschland, dass es jemals gab. Das weiß die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung“, so Lange. 

„Aber es gibt populistische und extremistische Minderheiten, die unsere liberale Demokratie unter lärmenden Beschuss nehmen und dem friedlichen und freiheitlichen Deutschland, so wie wir es kennen und lieben, schweren Schaden zufügen wollen. Solche gefährlichen rechtsextremistischen Minderheiten gibt es auch bei uns in Dortmund“, machte der Polizeipräsident deutlich.

Klare Forderungen: „Für die Demokratie streiten“ – gegen Hass und Ausgrenzung eintreten

Polizeipräsident Gregor Lange

Es gelte „Für die Demokratie streiten“ – das Motto von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Dabei komme es auf jeden von uns an.

„Wir alle sind es, die die Grundwerte von Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit und Schutz von Minderheiten immer wieder gegen Hass und Ausgrenzung, gegen aufkeimenden Antisemitismus und fremdenfeindliche Parolen verteidigen müssen“, so Lange.

„Hier sind wir auch als Polizei in Dortmund in der Pflicht. Wir nehmen diese Aufgabe mit großem Ernst an. Die Demokratie braucht neben einem durchsetzungsfähigen Staat eben auch Demokraten, die sich aktiv für diese Grundüberzeugungen und Werte einsetzen.“

Lange bezeichnet Neonazis als „integrationsunfähige, hasserfüllte Außenseiter“

„Sehr geehrte Anwesende: Jeder von uns hat die freie Entscheidung darüber, wo er stehen will. Die, die aus der Geschichte lernen und unser friedliches Zusammenleben in Dortmund mitgestalten wollen, genauso wie die, die aus der Geschichte nichts lernen wollen und als integrationsunfähige, hasserfüllte Außenseiter in unserem Land und unserer Stadt auch ihrer eigenen glücklichen Zukunft im Wege stehen“, sagte Lange mit Blick auf die zahlreichen Neonazis, die den Volkstrauertag erneut zum Heldengedenken missbrauchten.

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