
Eine Woche lang haben sich Schüler:innen der Heinrich-Böll-Gesamtschule (HBG) in Lütgendortmund mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt stand die Begegnung mit jüdischen Menschen. Unter anderem wurde die Synagoge in Dortmund besichtigt. Ein Rabbiner aus Oldenburg besuchte die Neuntklässler:innen ebenso wie zwei Jüdinnen die aus ihrem Alltag berichteten. Ziel der Projektwoche war es, jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen, Vorurteilen entgegenzuwirken und für das Thema Antisemitismus zu sensibilisieren.
Auch abseits der Projektwoche: Schule gegen Rassismus-Schule mit Courage
Der Einsatz für ein respektvolles Miteinander, sowie Toleranz und Vielfalt sind zentrale Anliegen der Heinrich-Böll-Gesamtschule. Seit 2011 ist man aktives Mitglied im Netzwerk „Schule gegen Rassismus-Schule mit Courage“.

„Wir haben ein Team an der Schule, die auch „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ organisieren und dort generell Projekte, die in den Rahmen passen, mit der Schulgemeinschaft teilen. Und da habe ich gesehen, dass es für den achten und neunten Jahrgang Angebote gab. Da haben wir uns für die Projektwoche gegen Antisemitismus bei der Deutschen Gesellschaft in Berlin beworben“ berichtete Janet Schultz, Lehrerin an der HBG.
Auch in Dortmund hätten Feindseligkeiten gegenüber Jüdinnen und Juden stark zugenommen, erklärte sie. Deshalb habe man es auch als sehr wichtig empfunden sich im schulischen Rahmen mit dem Thema auseinander zusetzen. „Um die Distanz ein bisschen aufzubrechen, um die Religion kennen zu lernen, Vorurteile abzubauen und den Schüler:innen auch die Möglichkeit zu geben, zu fragen, was sie gerne fragen möchten“, erklärte Schultz.
Besonders interessiert seien ihre Schüler:innen an den alltäglichen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in Deutschland gewesen und welche Gefahren ihnen dabei begegneten. „Das ist natürlich etwas was sie beschäftigt und was sie auch nicht nachvollziehen können. Wobei da auch immer wieder aufkam: Aber warum denn? Die haben doch gar nichts gemacht“, so Schultz.
Hohe Nachfrage bei begrenzten Mitteln
Catalin Dyckhoff vom bildungspolitischen Verein „Deutsche Gesellschaft“ aus Berlin hat zusammen mit einer Kollegin die Projektwoche begleitet. Das besondere an dem Projekt sei, dass man sich eine ganze Woche intensiv mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen könne.

Die Nachfrage sei dementsprechend groß gewesen. Wegen begrenzter Mittel konnte man deutschlandweit nur zehn Workshops anbieten. Angefragt hatten rund 40 Schulen. Man habe versucht geografisch und nach Schulform ausgewogen auszuwählen.
Auch die jeweiligen Zeiträume müssten aufeinander abgestimmt werden. Schulen, die keine Zusage bekommen hätten würde man nach Möglichkeit andere Workshops zum Thema anbieten, so Dyckhoff.
Echte Begegnungen helfen dabei Vorurteile abzubauen
Wie die Projektwochen konkret ausgestaltet werden hänge auch immer von den örtlichen Gegebenheiten ab, sagte sie. An der HBG lernten die Schüler:innen zunächst, was Vorurteile sind, wie sie entstehen und wie sie auf Betroffenen wirken. Dazu nutze sie gerne Vorurteile gegenüber Jugendlichen, damit diese sich in die Lage der Betroffenen hinein versetzen können, so Dyckhoff.

Im Anschluss daran befassten sich die Schüler:innen mit der Geschichte und den gesellschaftlichen Funktionen des Antisemitismus. „In der Schule setzt man sich mit dem Thema Antisemitismus meistens in der Vergangenheit auseinander, mit dem Nationalsozialismus, was sehr wichtig ist, erklärte Dyckhoff.
„Aber dann entsteht manchmal bei den Schüler:innen der Eindruck, das wäre damit abgeschlossen. Vielen ist tatsächlich nicht bewusst, dass das Thema auch sehr stark in der Gegenwart ist.“
Deshalb würden auch immer die aktuellen, „virulenten“ Formen des Antisemitismus behandelt. Dazu zählten Israel bezogener Antisemitismus, antisemitisches Othering, Post-Shoa-Antisemitismus und moderner Antisemitismus. Zusätzlich habe man mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammengearbeitet. Über die Organisation „JEWLIF“ fand der Besuch eines Rabbiners aus Oldenburg statt. Er erzählte über sein eigenes Leben und jüdisches Leben im allgemeinen. Im Anschluss daran gab es einen Besuch der Dortmunder Synagoge mit Führung.

Zusätzlich fand über die Organisation „Meet a Jew“ ein Treffen mit zwei Jüdinnen statt. „Die meisten haben noch nie eine jüdische Person getroffen und können sich darunter gar nichts vorstellen“, erklärte Dyckhoff. Auch deshalb setze man auf Begegnungen, wenn diese möglich seien.
„Es gibt natürlich auch nicht viele Jüdinnen und Juden in Deutschland“, erläuterte sie und fuhr fort: „Und dann sind sie häufig auch nicht sichtbar, weil sie nicht religiös genug sind, oder weil sie es verstecken.“ Es gäbe Statistiken, nach denen etwas 40 Prozent der Schüler:innen ihre jüdische Identität verbergen.
Von den Erfahrungen sollen auch andere profitieren
Da der Israel bezogene Antisemitismus durch den Nahost-Konflikt sehr präsent sei, habe man sich dem Thema einen ganzen Tag lang gewidmet. Dabei wurde die Geschichte des Konflikts beleuchtet und Mechanismen identifiziert, warum Jüdinnen und Juden auch in Deutschland verantwortlich gemacht werden und wie sich dies ausdrückt.

Abschließend wurden die Informationen der gesamten Projektwoche zusammengefasst. Die Schüler:innen erarbeiteten gemeinsam Handlungsmöglichkeiten wie man Antisemitismus entgegen wirken kann. Die Ergebnisse wurden zusammengetragen und innerhalb der Schule ausgestellt. So sollen auch andere Schüler:innen von den Erfahrungen ihrer Mitschüler:innen profitieren.
Auch für Lehrkräfte bietet der Verein Online-Workshops an. Hier geht es neben dem Erkennen von Antisemitismus darum, besonders erfolgreiche Methoden der Prävention zu vermitteln und Erfahrungen auszutauschen. Die „Schulwochen gegen Antisemitismus“ sind Teil des Programms „Demokratie leben!“ und werden gefördert durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

