
Fast 60 Jahre nach dem Start am Hafen, zu Spitzenzeiten mit fast 2.000 Beschäftigten, soll Schluss sein: Der Automobilzulieferer Schaeffler will das Dorstfelder Werk der Vitesco Technologies AG & Co. KG komplett schließen. Nach den Unternehmensplanungen, die IG Metall und Konzernbetriebsrat wiedergeben, fallen am Standort rund 460 Stellen in Produktion und Werkzeugtechnik weg. Dortmund ist dabei nur ein Baustein in einem größeren Kahlschlag.
IGM-Chefin Hölter: „Wir werden um diesen Standort kämpfen“
Im November 2024 hatte der Konzern bereits den Abbau von rund 2.800 Stellen in Deutschland angekündigt, vor wenigen Wochen folgte ein Altersteilzeitprogramm mit rund 1.800 Verträgen. Nun sollen netto rund 2.660 weitere Stellen entfallen, elf Standorte stehen im Fokus. Vier davon sollen ganz schließen: neben Dortmund auch Berlin, Schwalbach und Morbach.
Am heutigen Dienstag (3. November) erfuhren die Beschäftigten davon. Noch am selben Tag legten sie die Arbeit nieder. In Dorstfeld versammelten sich die Beschäftigten zur Protestkundgebung. IG Metall, Betriebsrat, Oberbürgermeister Alexander Kalouti und die SPD-Landtagsabgeordneten Volkan Baran und Ralf Stoltze sagten ihnen Unterstützung zu und kündigten an, um den Standort zu kämpfen.
„Wir werden nicht einfach aufgeben, wir werden um diesen Standort kämpfen“, betonte die Dortmunder IG Metall-Chefin Ulrike Hölter vor den Beschäftigten. Sie verwies auf die laufende Tarifrunde in 14 Dortmunder Betrieben, in der die IG Metall Standort- und Beschäftigungssicherung fordert, und kritisierte, dass Arbeitgeber dort einen „Solidarbeitrag“ der Beschäftigten verlangten, während Schaeffler den Standort schließen wolle.
Die Geschäftsführung habe gewusst, dass in Dortmund Produkte für den Verbrennungsmotor entstehen, und nicht rechtzeitig auf Elektromobilität umgestellt: „Die Fehler haben die Manager gemacht, und die Leidtragenden sind wir.“
Nach ihren Angaben stehen rund 250 Beschäftigte kurz vor der Rente, an jedem Industriearbeitsplatz hingen fünf weitere. Außerdem sagte sie, Schaeffler wolle trotz der Schließungen bis 2030 jährlich 300 Millionen Euro mehr Gewinn erzielen.
Betriebsrat Opl: „Fast 60 Jahre Industriegeschichte“
Andreas Opl, Betriebsratsvorsitzender, arbeitet seit fast 40 Jahren am Standort, seine Familie kommt auf mehr als 100 Jahre Beschäftigung im Werk. Der Standort habe 1969 am Hafen begonnen, sagte er. „Die machen hier fast 60 Jahre Industriegeschichte der Stadt kaputt.“
Viele Beschäftigte in unteren Lohngruppen würden es schwer haben, ähnlich gut bezahlte Stellen zu finden. Opl sagte zu: „Wir werden verhandeln – natürlich, bis aufs Letzte!“
Das Unternehmen habe die Zeichen der Zeit zu spät erkannt und zu lange auf den Verbrenner gesetzt. Konzernweit seien in den vergangenen drei Jahren 6.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Er widersprach der Darstellung, die Politik trage die Verantwortung.
Kalouti und Baran: Stadt will Gespräche führen
Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) kam nach eigenen Worten direkt aus dem Verwaltungsvorstand zur Kundgebung.
Die Stadt werde „alles versuchen“, dass der Standort mit den Beschäftigten weiter bestehe. Die kommenden Tage und Wochen würden von Gesprächen geprägt sein. „Wir stehen bei euch, hinter euch und vor euch“, sagte der CDU-Politiker.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Volkan Baran, der den Standort noch als Siemens VDO kennt, sagte, nach seiner Darstellung seien die Zahlen für Dortmund immer gut gewesen, der Betriebsrat habe regelmäßig nachgefragt, ohne dass es eine Warnung gegeben habe.
Er verwies auf den Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ und kritisierte, dass auch Forschung und Entwicklung geschlossen würden. Er kündigte an, das Thema auf kommunaler und Landesebene zu vertreten.
Mit ihm war der Landtagsabgeordnete Ralf Stoltze gekommen. Ein Beschäftigter aus dem Vertrauenskörper rief zu weiteren Arbeitsniederlegungen auf. Das Unternehmen habe nach seiner Aussage erklärt, für die Verlagerung der Produktion bis 2027 zu brauchen.
Von VDO über Siemens und Continental zu Vitesco: Ein Werk mit vielen Besitzern

Das Dortmunder Werk geht auf VDO zurück und gehörte später zu Mannesmann, dann zu Siemens, zuletzt zu Continental. Vitesco war die frühere Antriebssparte von Continental, die im Herbst 2024 in Schaeffler aufging. Seitdem führt der fränkische Konzern den Standort.
Dortmund ist nicht allein: Wo Schaeffler sonst streichen will
Nach den Planungen sollen neben Dortmund Berlin (259 Stellen) und Schwalbach (375), beide Entwicklungsstandorte, sowie Morbach (151) schließen. An sieben weiteren Standorten sind Kapazitätsanpassungen geplant, die größten in Herzogenaurach (642 Stellen), Höchstadt (548) und Nürnberg (256).
Thomas Höhn, Unternehmensbeauftragter der IG Metall für Schaeffler, sagte: „Das ist kein Zukunftskonzept für den Industriestandort Deutschland.“ IG Metall und Konzernbetriebsrat fordern ein belastbares industrielles Zukunftskonzept mit Investitionen und verbindlichen Zusagen für Standorte und Beschäftigung. Erst danach könne über Beiträge der Beschäftigten gesprochen werden.





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Reaktionen
Dortmunder SPD fordert Verantwortung von Schaeffler ein: Rund 430 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz (PM)
Der Automobilzulieferer Schaeffler streicht europaweit rund 3.500 Stellen, davon etwa 2.660 in Deutschland. Vier deutsche Standorte sollen geschlossen werden, darunter das Werk in Dortmund mit rund 430 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Der Konzern begründet den Abbau mit dem anhaltend schwierigen Marktumfeld in der Automobilindustrie, den im Vergleich zum Ausland überdurchschnittlich hohen Personalkosten in Deutschland sowie einer komplexen Organisationsstruktur mit zu vielen Führungsebenen. Die Schließung des Dortmunder Standorts ist Teil eines größeren Abbauprogramms, durch das ab 2030 rund 300 Millionen Euro jährlich eingespart werden sollen.
Aus Sicht der SPD Dortmund und der SPD-Ratsfraktion ist die Schließung des Werks ein schwerer Einschnitt für die betroffenen Familien und für den Industriestandort Dortmund. Hinter jeder der rund 430 Stellen stehen Menschen, die Verantwortung für ihre Familien tragen und die sich auf ihren Arbeitsplatz verlassen haben.
Die Zukunft industrieller Arbeitsplätze sicherzustellen, darf nicht allein den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen überlassen werden.
Jens Peick, Vorsitzender der SPD Dortmund:
„Die Nachricht trifft die Beschäftigten und ihre Familien hart. Die IG Metall und der Konzernbetriebsrat haben völlig zurecht darauf hingewiesen, dass ständig neue Restrukturierungspläne und Standortschließungen kein Zukunftskonzept für Deutschland sein können. Wer in Dortmund Industriearbeit leistet, muss sich darauf verlassen können, dass Unternehmen Verantwortung für ihre Belegschaften übernehmen.“
Carla Neumann-Lieven, Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion Dortmund:
„Ein erfolgreiches Unternehmen muss langfristig und vor allem gemeinsam mit seinen Beschäftigten planen und handeln. Ein Konzern, der Milliardenumsätze erwirtschaftet und gleichzeitig Standorte schließt, muss in die Pflicht genommen werden, eine Zukunftsperspektive für die wegfallenden Stellen zu bieten.“
Die SPD Dortmund und die SPD-Ratsfraktion schließen sich der Forderung der IG Metall und des Konzernbetriebsrats an: Statt bestehende Strukturen immer weiter zu verkleinern, ist der Konzern in der Pflicht, ein belastbares Zukunftskonzept für die deutschen Schaeffler-Standorte zu entwickeln, das konkrete Investitionen beinhaltet und aufzeigt, wie neue Produkte, Technologien und Wertschöpfung diese Standorte erhalten und Arbeitsplätze sichern können.
„Schwerer Schlag“: OB Kalouti zeigt sich solidarisch mit den Vitesco-Beschäftigten in Dorstfeld (PM)
Die Pläne des Automobilzulieferers Schaeffler, das Vitesco-Werk in Dorstfeld perspektivisch zu schließen, sorgen in Dortmund für große Betroffenheit. An dem Standort arbeiten laut Unternehmensangaben derzeit rund 430 Menschen. Oberbürgermeister Alexander Kalouti hat den Betrieb am Dienstag besucht und den Beschäftigten seine Solidarität und Unterstützung bekundet.
„Die Nachricht von der geplanten Schließung des Vitesco-Standorts ist ein schwerer Schlag für die Beschäftigten, ihre Familien und den Wirtschaftsstandort Dortmund. Hinter den 430 Arbeitsplätzen stehen 430 Menschen mit ihren ganz persönlichen Lebensgeschichten und Zukunftsplänen. Entsprechend groß sind die Sorgen und offenen Fragen. Mir war es deshalb wichtig, heute persönlich vor Ort zu sein, den Beschäftigten zuzuhören und ihnen zu zeigen: Sie sind mit dieser Situation nicht allein. Die Gespräche sind mir sehr nahegegangen. Meine Solidarität gilt allen Mitarbeitenden und ihren Familien. Die Stadt Dortmund wird die weitere Entwicklung aufmerksam begleiten. Ich erwarte, dass das Unternehmen gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretungen alle Möglichkeiten prüft, um die Folgen für die Beschäftigten so sozialverträglich wie möglich zu gestalten“, betont Oberbürgermeister Alexander Kalouti.