
In vielen Ländern Europas gehen junge Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren, machen auf Missstände aufmerksam und fordern bessere Lebensbedingungen. Insbesondere in Frankreich kam es bei Protesten auch zu gewaltsamen Ausschreitungen. Nun greifen auch in Deutschland junge Menschen den Gedanken auf, für ihre Rechte, ihre Interessen und ihre Zukunft einzutreten. In der öffentlichen Diskussion darüber kommt mir allerdings die demokratische Perspektive zu kurz.
Demonstrierende Jugendliche sind Ausdruck einer lebendigen Demokratie
Demonstrierende Jugendliche sind kein Problem für die Demokratie, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Die Versammlungsfreiheit gehört zu den grundlegenden Freiheitsrechten unserer Verfassung.
Junge Menschen, die auf die Straße gehen, um für ihre Zukunft einzutreten, tun etwas, das wir uns eigentlich wünschen sollten: Sie nehmen ihre Rolle als politisch handelnde Bürgerinnen und Bürger ernst.
Politisches Engagement ist Erfolg und das Gegenteil von Politikverdrossenheit
Politisches Engagement ist ein demokratischer Erfolg. Es ist das Gegenteil von Politikverdrossenheit und mangelnder gesellschaftlicher Beteiligung. Demokratie erschöpft sich schließlich nicht darin, alle vier oder fünf Jahre ein Kreuz auf einem Wahlzettel zu machen.
Gerade junge Menschen haben gute Gründe, sich einzumischen. Sie müssen mit den langfristigen Folgen heutiger politischer Entscheidungen leben. Marode Schulen, Lehrkräftemangel, ungleiche Bildungschancen und die Ergebnisse der PISA-Studien sind schließlich keine erfundenen Probleme einer Protestbewegung, sondern seit Jahren bekannte gesellschaftliche Missstände.
Ist eine Demonstration ein Fest der Demokratie?
Ja. Eine friedliche Demonstration ist nicht nur ein Fest der Demokratie, sondern gelebte demokratische Auseinandersetzung.
Dazu gehören unterschiedliche Meinungen und Forderungen. Sie müssen einem nicht gefallen. Aber die politisch Verantwortlichen könnten die Demonstrationen als Chance begreifen, mit der Jugend in einen Dialog zu treten, ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich mit ihren Forderungen auseinanderzusetzen.
Politische Teilhabe ist Teil der politischen Sozialisation
Für junge Menschen, die sich vielleicht zum ersten Mal politisch engagieren, gemeinsame Interessen formulieren und Öffentlichkeit herstellen, sind solche Erfahrungen ein wichtiger Teil ihrer politischen Sozialisation.
Stattdessen erleben sie, wie ihre Demonstrationen unter den Generalverdacht extremistischer Einflussnahme gestellt werden. Wenn dabei pauschal vor sogenannten Migrantenmilieus gewarnt oder sogar ein Einsatz der Bundeswehr ins Spiel gebracht wird, wie von der Jungen Union Berlin-Mitte, ist das wohl kaum geeignet, Vertrauen in demokratische Institutionen zu wecken. Dabei wäre gerade dieses Vertrauen für die Zukunft unserer Demokratie von entscheidender Bedeutung.
Vielleicht sollte sich eine Demokratie mehr Sorgen um eine Jugend machen, die aufgehört hat, sich für ihre Zukunft zu interessieren, als um eine Jugend, die friedlich für ihre Zukunft auf die Straße geht.
Zum Autor: Helmut Sommer ist seit 2024 ehrenamtlicher Fotograf bei den Nordstadtbloggern.
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