Kunst jenseits der Komfortzone: MO-Kunstpreis 2026 geht an Performancekünstlerin Nezaket Ekici

Zwischen persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Themen

© Stadt Dortmund / Silke Hempel MO-Kunstpeis für Nezaket Ekici (Mitte). Es gratulieren (v.l.): Regina Selter, Dr. Nicole Grothe, Benjamin Sieber und Prof. Dr. Sarah Hübscher.

Nezaket Ekici hat den MO-Kunstpreis 2026 erhalten. Noch bis zum 14. Februar 2027 sind vier ihrer Werke im „MO-Schaufenster“ des Dortmunder U zu sehen. Zwischen Kaffeeklatsch und Migrationsgeschichte fragt sich nicht nur die Performancekünstlerin: Was bleibt, was wird?

Eine Energie zwischen Wut, Liebe und Humor

Distanz ist nichts, was eine Performance-Künstlerin wie Nezaket Ekici sich leistet. Sie gibt Vollgas und wenn sie über ihre Arbeiten spricht, spürt man die Energie, die in ihnen steckt erneut.

„Eingebildeter Europäer, unser Name ist Ausländer, Gastarbeiter. Die Demokratie ist in der Krise, aber ist das unsere Schuld? Himmel und Meer sind immer noch blau“ – Textzeilen, die sie beim Rundgang durch die kleine Ausstellung leidenschaftlich zitiert und die einem Gedicht ihres Vaters entstammen. 

Eine Künstlerin erklärt interessierten Besuchern ihre Installation
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de Nezaket Ekici widmet sich performativ einem Gedicht ihres Vaters

In ihrer Drei-Kanal-Installation „Papas Poem“ trägt sie dieses Gedicht in drei Sprachen vor: türkisch, deutsch und englisch. Die Arbeit entstand 2016, 55 Jahre nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei.

Ekici gibt darin den Gedanken des Vaters ihre Stimme: „Es ist keine richtige Übersetzung“, erzählt die Künstlerin. Sie ist in Duisburg aufgewachsen, ihr Türkisch sei nicht perfekt, auch ihr Englisch habe sie sich bei ihren internationalen Projekten erst angeeignet – aber: „Ich sage es so, wie ich es verstehe, ich übersetze seine Sehnsucht in die Sprache der Tochter.“ Man spürt die Energie, spürt Wut und auch Liebe

„Vielleicht doch lieber was Lustiges?“ fragt sie die Besucher:innen des Rundgangs und geht dann lachend weiter zum nächsten Werk.

Kaffeekränzchen der weiblichen Selbstbestimmung

Das Video „Kaffeeklatsch“ entstand drei Jahre später als „Papas Poem“ und zeigt drei Damen in Tracht an einer Kaffeetafel. „Ich habe lange nach einem deutschen Ritual gesucht“, so Ekici – mit „Kaffee und Kuchen am Sonntag“ hat sie es gefunden

© videostill by Branka Pavlovic and Julian David Bolivar Nezaket Ekici: Kaffeeklatsch, Videoperformance 2019

Alle drei Frauen werden von ihr selbst dargestellt, die Kleider erinnern an Trachten aus Schwarzwald, Spreewald und Thüringen. Ekici hat sie selbst genäht und sich dabei an Trachtenpuppen orientiert, die inzwischen aus China kommen – die Tradition ist längst fehlerhaft.

Aber ist das noch wichtig? Das Video funktioniert ohne Sprache, nur die Kuckucksuhr tickt. Ein humorvoller Blick auf eine Damenrunde, mit der Ekici auch Fragen nach weiblicher Gemeinschaft und Selbstbestimmung thematisiert sehen will. 

20.000 Euro Preisgeld und zwei Werke für die MO-Sammlung

Über 300 Performances auf der ganzen Welt hat die Künstlerin bereits inszeniert – vor großem Publilkum oder auch am Küchentisch. Ekici näht ihre Kostüme, hat auch Malerei studiert, war drei Jahre Meisterschülerin bei „Performance-Königin“ Marina Abramovic. 

Videostill by Branka Pavlovic, Nikola Polic Nezaket Ekici: Menopause, Videoperformance, 2023

Alltagshandlung interessieren sie, sie nutzt alltägliche Materialien und Ausgangspunkt ihrer Performances ist der eigene Körper – damit steht sie in der Tradition der Fluxus-Bewegung und der feministischen Body Art. 

Der mit 20.000 Euro dotierte MO_Kunstpreis würdigt diese langjährige und intensive Arbeit und ist auch mit dem Ankauf von zwei Werken für die Sammlung verbunden.

„Papas Poem“ ist eine davon und laut Dr. Nicole Grothe, Leiterin der MO-Sammlung, „das erste Werk, das wir überhaupt zur Arbeitsmigration haben.“

Auch über die zweite Arbeit freut sie sich, denn sie bricht ein Tabu: „Menopause“ entstand 2023 und es geht darin um die Wechseljahre und den alternden Frauenkörper. Ein beschriebene Glasplatte unter der die Künstlerin sich windet und schwitzt wird zum ausdrucksstarken Symbol für traumatische Nächte. Die Schrift verschmiert, aber die Frage bleibt: Was bedeutet es Frau zu sein?

Kalouti: „Kunst kann, ich finde ja: muss unbequem sein.“

Trotz der sehr persönlichen und privaten Themen eröffnet Nezaket Ekicis Kunst auch neue Perspektiven auf gesellschaftliche Debatten, findet Oberbürgermeister und Kulturdezernent Alexander Kalouti bei der Preisübergabe: „Kunst kann, ich finde ja: muss, unbequem sein und gerade uns als Zeitzeugen aus unserer eigenen Komfortzone rausholen. Sie muss irritieren und soll auch provozieren, vor allem soll sie Fragen stellen und keine einfachen Antworten geben“.

Portrait einer Frau
Foto: Sigrid Kreische für Nordstadtblogger.de MO-Kunstpreis 2026 für Nezaket Ekici

Wer die Künstlerin erleben will kann dies bei einem Gespräch am 4. Dezember um 18 Uhr. Dann spricht Nezaket Ekici mit MO_Sammlungsleiterin Dr. Nicole Grothe über ihre künstlerische Entwicklung, biografische Bezüge und die gesellschaftliche Dimension ihrer Arbeiten. Flux-Inn, Ebene 4 (Eingang: Ebene 5), Museum Ostwall im Dortmunder U.

Gemeinsam ins schwitzen kommen könnte man auch bei der Veranstaltung „Kollektives Schwitzen“ am 19. November. Die Autorin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Nesrin Tanç und die Bildungsreferentin und Moderatorin Zeynep Kartal sprechen über Kunst und Gesellschaft, Sprache, Arbeit, Körper, Herkunft und kollektive Erinnerung.

Noch bis 14. Februar 2027, Museum Ostwall im Dortmunder U, MO_Schaufenster, Eintritt: frei


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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