
Die Nachfrage nach Schulplätzen an Gymnasien und Gesamtschulen ist in Dortmund weiterhin hoch. Das geht aus dem aktuellen Sachstandsbericht der Stadtverwaltung zum Anmeldeverfahren für das Schuljahr 2026/27 hervor. „Die Nachfrage nach Schulplätzen an Gymnasien und Gesamtschulen ist in Dortmund unverändert hoch“, so Schuldezernentin Monika Nienaber-Willaredt. Die Verwaltung verweist zur Entlastung auf das „Sofortpaket Weiterführende Schulen“. Doch insbesondere bei den Gesamtschulen gibt es viel zu wenig Plätze. Druck gibt es auch bei Gymnasien und beim „Gemeinsamen Lernen“.
Gesamtschulen: 269 Kinder ohne Platz an Wunschschule
Bei den Gesamtschulen standen 1.895 Anmeldungen 1.626 tatsächlichen Aufnahmen gegenüber. Damit blieben 269 Kinder ohne Platz an ihrer Wunschschule. Der rechnerische stadtweite Anmeldeüberhang liegt bei 211 Plätzen.
Die Stadtbezirke Aplerbeck und Eving verfügen derzeit über keine eigene Gesamtschule, wodurch Kinder aus diesen Bezirken auf Schulen in Nachbarbezirken ausweichen müssen. An der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Brackel standen 331 Anmeldungen 161 Aufnahmen gegenüber, an der Anne-Frank-Gesamtschule in der Nordstadt 228 Anmeldungen 161 Aufnahmen.
An der Europaschule in Brackel wurden 172 von 220 angemeldeten Kindern aufgenommen, an der Reinoldi-Gesamtschule in Mengede 108 von 153 und an der Gesamtschule im Süden in Hörde 112 von 142.
Gemeinsames Lernen bei 107 Prozent Auslastung
Besonders angespannt ist die Lage beim „Gemeinsamen Lernen“ (GL), der schulformübergreifenden Beschulung von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Die in der Regionalkonferenz abgestimmte Platzkapazität lag laut Anlage 4 des Sachstandsberichts bei 444 Plätzen. Angemeldet wurden jedoch 479 Kinder – ein Überhang von 35 Kindern gegenüber der eigentlich vorgesehenen Obergrenze.

Die Verwaltung reagierte darauf, indem sie nach eigenen Angaben 477 der angemeldeten Kinder in bestehende GL-Klassen aufnahm und zusätzlich acht Kinder im Rahmen von Einzelintegrationen an Gymnasien unterbrachte – also außerhalb der regulären GL-Klassenverbände, an Schulen, die diese Form der Einzelförderung zusätzlich übernommen haben.
In der Summe ergibt das eine Auslastung von 107 Prozent gegenüber der ursprünglich abgestimmten Kapazität. Wie sich diese Überbelegung auf die personelle und räumliche Ausstattung der einzelnen Standorte auswirkt, benennt der Sachstandsbericht nach aktuellem Stand nicht im Detail.
Gymnasien: Höchstwert von 29 Schülern pro Klasse angewendet
Um die hohe Nachfrage aufzufangen, griff die Verwaltung an den Gymnasien nach eigenen Angaben an vielen Standorten auf den gesetzlich zulässigen Höchstwert von 29 Schülerinnen und Schülern pro Klasse zurück. Der in der Schulentwicklungsplanung eigentlich vorgesehene Richtwert liegt bei 27 Kindern pro Klasse – die Differenz von zwei Kindern pro Klasse macht sich bei mehreren Parallelklassen pro Jahrgang in der Summe deutlich bemerkbar.

Von insgesamt 1.953 Anmeldungen an den städtischen Gymnasien wurden 1.944 Kinder aufgenommen. Zwei Schulen mussten dafür kurzfristig zusätzliche Eingangsklassen einrichten: Das Heisenberg-Gymnasium in Eving erhöhte die Zahl seiner Eingangsklassen von fünf auf sechs Züge und konnte damit 179 der 213 angemeldeten Kinder aufnehmen.
Am Immanuel-Kant-Gymnasium in Brackel stieg die Zahl der Züge von sechs auf sieben; hier fanden 209 von 219 angemeldeten Kindern einen Platz. In beiden Fällen bedeutete die zusätzliche Klasse laut Bericht eine kurzfristige Anpassung der Schulorganisation, um die Aufnahmekapazität zu erhöhen.
Realschulen und Hauptschulen
Auch bei den Realschulen reichten die vorhandenen Kapazitäten nicht ohne Weiteres aus. Zusätzliche Klassen wurden an der Albert-Schweitzer-Realschule in Mengede sowie an der Robert-Koch-Realschule in Hombruch eingerichtet, um die Nachfrage in diesen Stadtbezirken aufzufangen.
An den Hauptschulen zeigt sich demgegenüber auf den ersten Blick ein anderes Bild: Die Übergangsquote von den Grundschulen lag bei lediglich 3,6 Prozent, was 204 Erstanmeldungen entspricht.
Die Verwaltung weist in ihrem Bericht jedoch selbst darauf hin, dass sich die Schülerzahl in den Klassen 7 bis 9 an fast allen Hauptschulen verdoppele – ein Hinweis darauf, dass ein erheblicher Teil der Hauptschüler nicht direkt nach der vierten Klasse, sondern erst im Laufe der weiterführenden Schulzeit über einen Schulformwechsel an die Hauptschule kommt, etwa nach einem gescheiterten Übergang an Gymnasium oder Realschule.
Ausblick auf 2027/28
Für Entlastung soll nach Darstellung der Stadtverwaltung das Schuljahr 2027/28 sorgen: Mit dem Gymnasium Brackel und der Gesamtschule Eving sollen zwei neue Standorte an den Start gehen und zusammen 14 zusätzliche Züge in das System einbringen.

Beide Schulen befinden sich in den Stadtbezirken, die aktuell zu den am stärksten belasteten zählen beziehungsweise – im Fall von Eving – bislang über gar keine eigene Gesamtschule verfügen.
Ob diese zusätzlichen Kapazitäten ausreichen, um den Druck spürbar zu senken, lässt sich anhand der Prognose einordnen: Demnach soll die Zahl der Übergangskinder in Dortmund bis zum Schuljahr 2031/32 konstant nahe der 6.000er-Marke bleiben, mit einem prognostizierten Höchstwert von 6.135 Kindern im Jahr 2031/32.
Die zusätzlichen Züge ab 2027/28 träfen demnach auf eine Nachfrage, die in den Folgejahren nach aktuellem Planungsstand nicht sinkt.
KOMMENTAR
Bildungsstadt auf Bewährung
Von Alexander Völkel
269 Kinder ohne Platz an der Gesamtschule ihrer Wahl, ein Inklusionsbereich bei 107 Prozent Auslastung, Gymnasialklassen am gesetzlichen Höchstwert von 29 statt am Richtwert von 27 – die Zahlen aus dem aktuellen Sachstandsbericht lesen sich nüchtern. Was sie bedeuten, ist es nicht: Für 269 Familien in Dortmund war die freie Schulwahl in diesem Jahr keine, sondern eine Verwaltungsentscheidung, an der sie nichts ändern konnten.
Besonders deutlich wird das Missverhältnis in Aplerbeck und Eving, wo bis heute keine eigene Gesamtschule existiert – und in der Nordstadt, wo an der Anne-Frank-Gesamtschule fast jedes dritte angemeldete Kind abgelehnt wurde, in einem Stadtteil, der auf gelingende Bildungswege in besonderem Maße angewiesen ist.

Die Verwaltung verweist auf das Schuljahr 2027/28 und 14 zusätzliche Züge durch neue Standorte in Brackel und Eving. Das mag helfen. Doch die eigene Prognose der Stadt zeigt: Die Zahl der Kinder, die eine weiterführende Schule suchen, bleibt bis mindestens 2031/32 nahe dem heutigen Niveau. Wer jetzt plant, plant für ein Problem, das nicht vorübergeht, sondern bleibt.
Dass Kapazitätsengpässe in einer wachsenden Stadt entstehen, ist nicht per se ein Skandal. Zum Problem wird es, wenn Klassengrößen dauerhaft am gesetzlichen Maximum statt am pädagogischen Richtwert liegen und wenn Inklusion – laut Gesetz eine Pflichtaufgabe, kein Kann – bei einer Auslastung von 107 Prozent stattfindet. Beides sind keine Ausnahmen mehr, sondern Regelbetrieb.
Dortmund nennt sich Bildungsstadt. Der Anspruch lässt sich nicht an Hochglanzbroschüren messen, sondern daran, ob ein Kind aus Eving oder der Nordstadt dieselbe Chance auf einen wohnortnahen Platz an der Wunschschule hat wie ein Kind aus einem besser versorgten Stadtbezirk. Danach beurteilt, ist noch Luft nach oben.
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