Beratungsstellen dokumentieren mehr Angriffe, Gewalt gegen politische Gegner nimmt deutlich zu

Rechte Gewalt erreicht neuen Höchststand: Dortmund besonders betroffen

Banner von Demo gegen rechte Gewalt
Banner von Demo gegen rechte Gewalt. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt hat in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2025 einen Höchststand erreicht. Die Beratungsstellen BackUp und Opferberatung Rheinland melden insgesamt 623 Gewalttaten, so viele wie nie zuvor seit Beginn ihrer Erfassung. Dabei ist besonders die Entwicklung in Dortmund auffällig: Die Stadt gehört weiterhin zu den Orten mit den höchsten Fallzahlen in NRW. Vor allem Angriffe auf politische Gegner sowie rassistisch motivierte Gewalt prägen das Bild.

Rechte Gewalt auf höchsten Stand seit Beginn der Dokumentation

Für das Jahr 2025 dokumentierten die Beratungsstellen 623 Fälle rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten in Nordrhein-Westfalen. Ein Plus von rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die häufigste Erscheinungsform blieb dabei rassistische Gewalt. Mit 313 dokumentierten Angriffen war mehr als die Hälfte der Vorfälle rassistisch motiviert. Gleichzeitig stiegen Angriffe auf politische Gegner:innen stark an: Mit 181 Fällen lag die Zahl fast doppelt so hoch wie im Vorjahr.

Die Anzahl rechter Angriffe ist seit Beginn der Erfassung auf einen neuen Höchststand gestiegen. Aus dem Jahresbericht von OBR und BackUp

Die dokumentierten Fälle reichen dabei von Einschüchterungen bis hin zu schwersten Gewalttaten. So wurden 316 Körperverletzungen erfasst, darunter 100 gefährliche Körperverletzungen sowie drei schwere Körperverletzungen beziehungsweise versuchte Tötungen. Bedrohungen und Nötigungen stellten mit 280 erfassten Fällen allerdings die größte Deliktgruppe.

„Dass wir bereits zum zweiten Mal in Folge einen historischen Höchststand seit Erfassungsstart durch die Beratungsstellen dokumentieren, darf niemand als neue Normalität hinnehmen“, erklärt BackUp NRW mit Blick auf diese Zahlen. Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt sei kein vorübergehendes Phänomen, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der menschenfeindliche Positionen zunehmend sichtbar würden.

Gewachsene Strukturen: Dortmund bleibt Schwerpunkt rechter Gewalt

Diese Entwicklung zeigt sich auch mit Blick auf Dortmund. Nach Angaben der Beratungsstellen wurden hier 47 rechte Gewalttaten dokumentiert. Damit entfielen rund 20 Prozent aller in Westfalen-Lippe erfassten Fälle auf die Stadt, obwohl dort nur rund 7 Prozent der Bevölkerung der Region leben.

Im Frühjahr 2025 attackierten Neonazis den Eingangsbereich der Szene-Kneipe Hirsch Q. Klaus Hartmann für nordstadblogger.de

Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der dokumentierten Fälle in Dortmund um 9,3 Prozent. Von diesen wurden 18 Fälle als rassistisch eingeordnet, 19 richteten sich gegen politische Gegner. Damit weiß Dortmund bei Angriffen auf politisch engagierte Menschen die höchsten Zahlen unter den kreisfreien Städten und Landkreisen in Westfalen-Lippe auf.

Die Beratungsstellen verweisen auf die historisch ausgeprägten rechten Strukturen in der Stadt. Gewachsene Netzwerke, feste Treffpunkte und eine überregionale Vernetzung rechtsextremer Akteur:innen würden die Bedingungen schaffen, die Einschüchterungen und Angriffe begünstigen.

Ein Beispiel dafür ist der Angriff auf die alternative Kneipe Hirsch Q in der Dortmunder Innenstadt im Mai 2025. Nach einem Treffen der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei Die Heimat in Dortmund-Dorstfeld, sollen etwa 20 Personen aus der rechtsextremen Szene in Richtung Innenstadt gezogen sein. Dort kam es zum Angriff auf die Kneipe. Die Neonazis setzten beim Versuch in das Gebäude einzudringen massive Gewalt ein. Noch in der Nacht verhaftete die Polizei vier Tatverdächtige.

Das Ziel ist Einschüchterung: Rassismus bleibt häufigstes Tatmotiv

Besonders häufig dokumentierten die Beratungsstellen antimuslimischen Rassismus. So richteten sich 62 Gewalttaten gegen Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen muslimischen Zugehörigkeit angegriffen wurden.

Die Tatmotive unterscheiden sich, doch die Auswirkungen sind katastrophal. Aus dem Jahresbericht von OBR und BackUP

Darüber hinaus wurden unter anderem sieben anti-Schwarze, vier antiziganistische und zwei antiasiatische Gewalttaten dokumentiert. Es wurden zudem 21 Angriffe auf geflüchtete Menschen erfasst. Nach angeben der Beratungsstellen lassen sich allerdings die Motive für diese Angriffe nicht immer klar nachweisen.

So finde rassistische Gewalt in unterschiedlichen Lebensbereichen statt: im öffentlichen Raum, im Wohnumfeld, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Teilhabe. Ziel sei es häufig, Betroffene einzuschüchtern und aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.

Angriffe auf politische Gegner verdoppeln sich

Besonders stark stieg 2025 die Gewalt gegen politische Gegner:innen. Mit 181 dokumentierten Fällen hat sich die Zahl gegenüber den 91 Fällen von 2024 nahezu verdoppelt. Fast jede dritte dokumentierte Gewalttat richtete sich also gegen Menschen, die politisch, gesellschaftlich oder zivilgesellschaftlich aktiv sind.

Besonders die Gewalt gegenüber politischen Gegner:innen ist gestiegen. Aus dem Jahresbericht von OBR und BackUp

Die Beratungsstellen unterscheiden dabei zwischen verschiedene Gruppen: 68 Angriffe richteten sich gegen Ativist:innen, 26 gegen politische Mandatsträger:innen und 14 gegen Journalist:innen. Ein großer Teil der Taten ereignete sich im Zusammenhang mit Demonstrationen und politischen Versammlungen.

Diese Entwicklung zeigt nach Einschätzung der Beratungsstellen, dass rechte Gewalt zunehmend darauf abzielt, demokratisches Engagement einzuschüchtern. Davon seien nicht nur einzelne Personen oder Gruppen betroffen, sondern die Meinungsfreiheit und die demokratische Kultur als Ganzes.

Gewalt richtet sich gegen die gesellschaftliche Teilhabe

Die Beratungsstellen dokumentierten neben rassistischen und antisemitischen Angriffen auch 54 queerfeindliche Gewalttaten. Daneben wurden auch Angriffe gegen wohnungslose Menschen erfasst. Dies zeige laut den Beratungsstellen, dass rechte Gewalt unterschiedliche Gruppen betrifft und sich insgesamt gegen gesellschaftliche Vielfalt richtet.

Eine besondere Bedrohung bestünde darin, dass viele Angriffe an Orten des alltäglichen Lebens stattfinden. So würden etwa Bildungseinrichtungen oder politischen Veranstaltungen gezielt angegriffen.  Darüber hinaus würde rassistische Angriffe immer öfter im öffentlichen Raum stattfinden. Dies wirke sich nicht nur auf die unmittelbaren Betroffenen aus. Ganze Gruppen würden damit eingeschüchtert werden.

„Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum“, erklärt Fabian Reeker, Projektleiter der Opferberatung Rheinland. Sie entwickle sich in einem gesellschaftlichen Klima, in dem menschenfeindliche Ideologien verbreitet, relativiert oder politisch instrumentalisiert würden.


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