„Systemfehler“-Podcast mit PSZ-Leiterin Rodica Anuti-Risse: Zehn Jahre Hilfe im Systemchaos

Ein Gespräch mit Therapeutin Rodica Anuti-Risse

Thumbnail zur Podcastfolge "Wie macht man Psychotherapie mit Geflüchteten, Rodica Anuti-Risse?" Dazu steht noch das Zitat: "Wir müssen immer unsere Intervention anpassen. Was ist eigentlich die Lebensrealität unserer Klienten?"
Die Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dortmund, Rodica Anuti-Risse im Podcaststudio. Elija Winkler | Nordstadtblogger

Das Psychosoziale Zentrum (PSZ) Dortmund der Dortmunder AWO blickt in diesem Jahr auf sein zehnjähriges Bestehen zurück. Die Einrichtung ist eine der wenigen spezialisierten Anlaufstellen in der Region, die sich ausschließlich an geflüchtete Menschen richtet und psychologische Unterstützung sowie Psychotherapie anbietet. Im Podcast Systemfehler gibt die Leiterin des PSZ Dortmund, Rodica Anuti-Risse, Einblicke in die Entwicklung der vergangenen Jahre, die aktuellen Herausforderungen und die Perspektiven für die Zukunft.

Von einer Versorgungslücke zur festen Einrichtung

Als das PSZ 2016 seine Arbeit aufnahm, war die Versorgungslage für traumatisierte geflüchtete Menschen in Dortmund kaum vorhanden. Spezialisierte Angebote existierten nur vereinzelt in anderen Städten der Region.

Die Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dortmund Rodica Anuti-Risse im Podcast. Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

„Es gab weit und breit nichts“, beschreibt Anuti-Risse die Ausgangssituation. Erst durch Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen und eine Mitfinanzierung der Stadt Dortmund konnte das Zentrum aufgebaut werden. Im Oktober 2016 startete die Einrichtung mit einem kleinen Team.

In den folgenden Jahren entwickelte sich das PSZ zu einer festen Struktur in Dortmund. Neben dem personellen Wachstum veränderte sich vor allem die Zugänglichkeit. Während in der Anfangszeit viele Patient: innen anfangs über Vermittlungen den Weg in die Einrichtung fanden, melden sich Betroffene heute zunehmend selbstständig etwa über persönliche Netzwerke, Ärztinnen und Ärzte oder das Internet.

„Seit circa fünf Jahren ist es so, dass wir einen nennenswerten Anteil von Meldungen haben, wo geflüchtete Menschen sich direkt bei uns melden“, so Anuti-Risse. Dieser Wandel ist für sie ein zentraler Erfolg, weil er auch zeigt, dass Vertrauen gewachsen ist, sowohl in die Einrichtung als auch in die Möglichkeit psychotherapeutischer Hilfe überhaupt.

Kultursensible Psychotherapie: Anpassung statt Standardschema

Die Arbeit im PSZ unterscheidet sich in vielen Punkten von klassischer ambulanter Psychotherapie. Zwar arbeiten die Therapeut:innen vor allem mit psychischen Erkrankungen, wie Traumafolgestörungen, Depressionen und Angststörungen, die im Kontext von Flucht und Migration besonders häufig auftreten.

Das PSZ arbeite vor allem mit der „kultursensiblen Psychotherapie“, diese ist damit keine völlig andere Therapieform, sondern eine Anpassung bestehender Methoden an Lebensrealitäten, die sich deutlich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden.

Das beginnt bereits bei grundlegenden Annahmen über Alltag, Ressourcen und Lebensgestaltung. Viele Standardempfehlungen aus der Psychotherapie, etwa Aktivierung bei Depressionen durch Freizeitaktivitäten oder soziale Teilhabe, greifen bei geflüchteten Menschen oft nicht ohne Weiteres. „Ich kann das bei geflüchteten Menschen nicht einfach mal so anregen“, erklärt sie.

Häufig fehlten finanzielle Mittel, sprachliche Zugänge oder überhaupt Erfahrungen mit Freizeitstrukturen wie Vereinen, Kulturangeboten oder stabilen sozialen Räumen.Hinzu kommt die massive materielle Einschränkung vieler Klient:innen. Selbst alltägliche Dinge wie Kino, Veranstaltungen oder Mobilität seien oft nicht realistisch. Therapie müsse deshalb an einem anderen Ausgangspunkt beginnen, näher an der konkreten Lebensrealität der Menschen, nicht an idealtypischen Alltagsannahmen eines westlichen Kontextes.

Scham, Stigma und der lange Weg ins Gespräch

Ein zentraler Aspekt der Arbeit im Psychosozialen Zentrum ist der Umgang mit Scham und der starken Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, besonders im Kontext von Flucht und Migration. Viele Menschen kommen mit erheblichen inneren Hürden in die Einrichtung, nicht nur wegen ihrer Symptome, sondern auch wegen der Angst vor Bewertung, Abwertung oder fehlendem Verständnis.

Thumbnail zur Podcastfolge "Wie macht man Psychotherapie mit Geflüchteten, Rodica Anuti-Risse?"
Elija Winkler | Nordstadtblogger

Das PSZ hat deshalb über Jahre hinweg gezielt in Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit investiert. Ziel war es, die Hemmschwelle überhaupt erst zu senken und „die Tür begehbar zu machen“, wie Rodica Anti-Risse es beschreibt. Dazu gehört auch, psychische Erkrankungen nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in einen verständlichen Zusammenhang zu setzen.

Diese Perspektive soll vor allem Scham abbauen und das Gefühl von „Kaputtheit“ auflösen. „Wir haben immer versucht darzustellen: Es ist nicht das Gehirn, was kaputt ist, sondern es ist der Film, der abgespielt wurde, der verrückt ist“, so Anuti-Risse.

Die Definition von Erfolg in einer Therapie unterscheidet sich für Anuti-Risse deutlich von klassischen medizinischen Maßstäben. Eine vollständige Heilung sei in den meisten Fällen innerhalb der begrenzten Behandlungszeit nicht realistisch. Stattdessen wird Erfolg viel kleinteiliger gedacht. Als Vertrauensaufbau, emotionale Entlastung oder erste Schritte zurück in den Alltag. „Wenn Menschen beim zweiten Termin wiederkommen und schon lächeln, dann weiß ich: Wir hatten Erfolg“, sagt die Leiterin.

Community-Arbeit als Schlüssel zum Vertrauen

Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Psychosozialen Zentrum Dortmund die Community-Arbeit. Dabei geht es darum, Menschen nicht nur über offizielle Stellen zu erreichen, sondern über ihre bestehenden sozialen und kulturellen Netzwerke.

„Wir nutzen letztendlich das Vertrauen, das Menschen in ihrer Community haben“, erklärt Rodica Anuti-Risse. Gerade für geflüchtete Menschen seien diese Strukturen oft der wichtigste Informations- und Unterstützungsraum, etwa über Freundeskreise, religiöse Gemeinschaften oder Sprachgruppen.

Gleichzeitig spielt auch die eigene Position im Erstkontakt eine Rolle. Anuti-Risse beschreibt dabei die Herausforderung, als weiße Therapeutin Vertrauen aufzubauen. „Das beginnt mit der Angst, rassistisch diskriminiert zu werden, die Sorge, ob ich dieser Frau überhaupt vertrauen kann, kann ich diesen Menschen überhaupt vertrauen.“ Entscheidend sei deshalb, von Anfang an transparent und zugewandt zu arbeiten, um Vertrauen überhaupt erst entstehen zu lassen.

Das PSZ setzt deshalb gezielt auf Schlüsselpersonen aus den jeweiligen Communities, die als Brücken fungieren, Informationen weitergeben und Zugänge erleichtern. Besonders bei isolierten oder schwer erreichbaren Menschen sei dieser Zugang oft der einzige Weg, überhaupt Kontakt herzustellen.

Grenzen des Systems: Therapie zwischen Bedarf und Realität

Die Arbeit im Psychosozialen Zentrum ist stark geprägt von strukturellen Grenzen des deutschen Gesundheitssystems. In der Regel erhalten geflüchtete Menschen dort nur eine Akutbehandlung mit rund zwölf Terminen. Eine längerfristige Psychotherapie ist nur durch eine Überweisung in eine andere Praxis möglich, etwa wenn eine reguläre Krankenversicherung besteht und die entsprechenden Abrechnungswege greifen.

Die Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dortmund Rodica Anuti-Risse im Podcast der Nordstadtblogger: „Systemfehler“. Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Gleichzeitig ist das Versorgungssystem insgesamt stark überlastet. Wartezeiten von Monaten oder sogar Jahren seien keine Seltenheit. Für geflüchtete Menschen verschärfen sich diese Hürden zusätzlich durch Sprachbarrieren, bürokratische Anforderungen und fehlende Vermittlungsstrukturen. Das PSZ versucht diese Lücken durch enge Kooperationen mit Kliniken und therapeutischen Fachkräften zu überbrücken, etwa mit Psycholog:innen, die Sprachkompetenzen mitbringen.

Ein besonders zentrales strukturelles Problem ist dabei die Sprachmittlung. Sie ist im deutschen Gesundheitssystem nur unzureichend und nicht systematisch geregelt, was die therapeutische Arbeit erheblich erschwert. „Sie ist absolut ungeregelt“, betont Anti-Risse deutlich. Zwar gebe es eine pauschale Förderung für Dolmetscherkosten im PSZ, diese reiche jedoch bei Weitem nicht aus.

Rund 5.000 Euro pro Vollzeitstelle im Jahr seien vorgesehen, ein Betrag, der professionelle Sprachmittlung im therapeutischen Kontext nicht annähernd abdecke. Um diese Lücke zumindest teilweise zu schließen, arbeitet das PSZ mit verschiedenen pragmatischen Lösungen: mehrsprachige Mitarbeitende, eigens aufgebaute Dolmetscher*innen-Netzwerke sowie die Bündelung von Terminen, um vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen.

Belastung im Team, Fortschritte und ein Blick in die Zukunft

Die Arbeit im PSZ ist emotional anspruchsvoll. Das Team arbeitet regelmäßig mit extrem belastenden Lebensgeschichten, die starke psychische Beanspruchung mit sich bringen. Gleichzeitig beschreibt Anuti-Risse die Arbeit nicht nur als Belastung, sondern auch als Ressource. „Wir bekommen auch unglaublich viel von unseren Klient:innen zurück“, sagt sie.

Die Leiterin des PSZ Rodica Anuti-Risse. Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Ebenfalls setzt das Zentrum auf Supervision, kollegiale Beratung und schnelle interne Entlastungsstrukturen. Auch spontane Gespräche im Arbeitsalltag gehören dazu um das Erlebte zu verarbeiten. „Wir sind  nur Menschen, das heißt, unsere Gehirne funktionieren an der Stelle genauso wie unsere Klient:innen. Über das Reden findet eine Selbstregulation statt“, betont Anuti-Risse.

Aus Sicht der Leiterin gibt es in den vergangenen Jahren sowohl Fortschritte als auch deutliche Rückschritte. Besonders kritisch bewertet sie die zunehmende Verschärfung von Asyl- und Sozialpolitik sowie die wachsende Bürokratisierung von Hilfesystemen. Zugleich fehle es an langfristiger finanzieller Absicherung für spezialisierte Einrichtungen wie das PSZ. Statt verlässlicher Regelfinanzierung seien Projekte häufig von jährlichen Bewilligungen abhängig, ein Zustand, der Planungssicherheit erschwert.

Für die kommenden Jahre formuliert Anuti-Risse einen klaren Wunsch: eine Versorgung, die sich am medizinischen Bedarf orientiert, nicht am Aufenthaltsstatus oder an administrativen Hürden. „Dass wir Menschen nicht aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer Papiere bewerten, sondern nach dem Schweregrad der Erkrankung“, sagt sie. Es ist ein Anspruch, der weit über die aktuelle Praxis hinausgeht und gleichzeitig den Kern der Arbeit des Psychosozialen Zentrums beschreibt. Psychische Gesundheit dort zu ermöglichen, wo das System eigentlich nicht vorgesehen hat, dass sie stattfindet.


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