Das Institut für Zeitungsforschung feiert Jubiläum: 100 Jahre im Dienst nicht nur der Pressegeschichte

Ein Rückblick von der Gründung und Eröffnung am 14. Mai 1926 bis heute

Im Institut für Zeitungsforschung. Foto: IfZ

Ein Gastbeitrag von Astrid Blome

Das Institut für Zeitungsforschung feiert sein 100jähriges Bestehen und wirft einen Blick auf seine faszinierende Entstehungsgeschichte. Von den bescheidenen Anfängen in Dortmund bis hin zur heutigen umfangreichen Sammlung deutscher Zeitungen und Zeitschriften aus dem 19. und 20. Jahrhundert bietet das Institut einen einzigartigen Einblick in die Entwicklung der Massenpresse. Gegründet haben es mutige Pioniere, die den Grundstein für die internationale Forschung legten. Heute bewahrt es vielfältige Schätze – nicht nur alte Zeitungen. Das bundesweit einzigartige Institut ist nicht nur ein wichtiges Archiv für die historische Forschung sondern auch eine wichtige Einrichtung für  Bildung und Öffentlichkeit.

Zur Vorgeschichte des Instituts und seiner Sammlungen

Die Ursprünge des Instituts reichen zurück bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als Erich Schulz, Direktor der 1907 eröffneten Wilhelm-Auguste-Viktoria-Bücherei der Stadt Dortmund, mit der Sammeltätigkeit begann. Heute besitzt das Institut eine der größten deutschen Zeitungs- und Zeitschriftensammlungen, wobei der Schwerpunkt auf der deutschen Massenpresse des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart liegt.

Ein Pionier: Erich Schulz, Leiter der ersten – 1907 gegründeten – Stadtbibliothek, begann in Dortmund Tageszeitungen zu sammeln. Foto: IfZ

Neben der Zeitungssammlung wurde bereits zu Beginn eine Presseausschnittsammlung angelegt, und die Bibliothek erwarb Fachliteratur zum Thema Presse und Druck. Ergänzend wurden Frühdrucke des 16. und 17. Jahrhunderts gesammelt, die bis heute im Institut verwahrt werden. Der Entschluss, eine solche Sondersammlung aufzubauen, war damals mutig, da Journalismus und Zeitungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts weder in der historischen Forschung noch bei wissenschaftlichen Bibliothekaren Ansehen genossen. Zudem erfordert eine Zeitungssammlung erhebliche Investitionen in Raum-, Personal- und Materialkosten.

Doch dieser Entschluss war auch weitsichtig: Mit der Etablierung der Zeitungswissenschaft – der Vorläuferin der heutigen Kommunikationswissenschaft – in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand eine neue Wissenschaft, die aufgrund der Ressentiments gegen die Massenpresse noch nicht über ausreichendes Quellenmaterial verfügte. Schulz war ein Pionier, und die von ihm initiierten Quellensammlungen bilden bis heute die Grundlage internationaler Forschungstätigkeit.

Der Zeitungswissenschaftler Karl d`Ester (1881-1960) gründete das Institut für Zeitungsforschung in Dortmund. IfZ

Die Initiative zum Aufbau dieser Sammlung ging von Karl d’Ester aus, einem der ersten Zeitungswissenschaftler. D’Ester hatte in Münster mit einer Studie zur Pressegeschichte Westfalens promoviert und war ein Freund von Erich Schulz.

Bis 1919 lehrte er am Hörder Realgymnasium, baute anschließend als erster Privatdozent für Historische Zeitungskunde ein zeitungswissenschaftliches Seminar und Archiv an der Universität Münster mit auf und wurde 1924 außerordentlicher Professor am neu gegründeten Lehrstuhl für Zeitungswissenschaft der Münchener Universität.

Dort baute er das Institut für Zeitungswissenschaft auf und trug eine umfangreiche Fachbibliothek und Quellensammlung zusammen. D’Esters überlieferter Nachlass mit seiner eigenen, umfangreichen Studiensammlung für Lehrzwecke wird seit 1971 im Institut für Zeitungsforschung aufbewahrt.

Die Institutsgründung und Entwicklung bis zur Selbstständigkeit

Aufgrund der existierenden Sammlungen der Stadtbibliothek war die Konzentration auf die Tagespresse bei der Gründung des „Westfälisch-Niederrheinischen Instituts für Zeitungsforschung“ bereits vorgezeichnet. Zu den Gründervätern zählten neben der Stadt Dortmund  die Universität Münster und der Niederrheinisch-Westfälische Zeitungsverleger-Verein.

Die Zeitungsverleger erhofften sich von einem Forschungsinstitut Einblicke in die organisatorischen, technischen und ökonomischen Fragen und Probleme des Zeitungsgewerbes. Auch die Journalisten sollten profitieren: Entsprechend der wissenschaftlichen Tradition von der Einheit von Forschung und Lehre waren Fortbildungsveranstaltungen für Journalisten geplant, um die Anerkennung ihres Berufsprestiges zu steigern.

In einer intensiv geführten Diskussion über die Ausrichtung und den Standort des Instituts plädierte Karl d’Ester für die Universität Münster, während Erich Schulz zugunsten der Stadtbibliothek mit ihrer umfangreichen und sachlich erschlossenen Sammlung sowie dem Personal zur Pflege und Bearbeitung dieser Sammlung argumentierte. Der Verlegerverband entschied sich schließlich, die Gründung des Instituts zur Dokumentation und Erforschung des Zeitungswesens in Dortmund zu unterstützen.

Vom Gründungsprojekt zur kulturellen Institution der Stadt Dortmund

Auf der Eröffnungsfeier am 14. Mai 1926 fasste der Verbandsvorsitzende Otto Dierichs die Aufgaben und Ziele wie folgt zusammen: Sammlung, Dokumentation und Archivierung der Zeitungen, wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes, Fortbildungsangebote für Journalisten und eine allgemeinbildende „Aufklärung über das Wesen der Zeitung“.

Titelblatt einer Sonderausgabe des Dortmunder „General-Anzeiger“ vom März 1926. Foto: IfZ

Damit war eine von Beginn an heterogene Ausrichtung vorgegeben, die das Institut bis heute prägt: Es ist ein Archiv, eine Dokumentations-, Lehr- und Forschungsstätte für Wissenschaft und Praxis, für die wissenschaftliche Ausbildung ebenso wie für die Wissenschaft.

Als wissenschaftliche Forschungsstätte in einem Industriegebiet wurde das Institut als ein besonderes Geschenk für die Entwicklung der Stadt beurteilt. Insbesondere die Verbindung von Wissenschaft und Praxis sollte sich auszahlen.

In den Jahren der Weimarer Republik (1918-1933) wurde das Institut „zu einer Art General-Archiv der niederrheinisch-westfälischen Presse“ – die Archivfunktion stand für Erich Schulz stets im Vordergrund – und verantwortete verschiedene Ausstellungen zur Pressegeschichte. Die vom Verlegerverband angestrebten Ziele zur Berufsaus- und Fortbildung von Journalisten und Verlegern konnten jedoch aus finanziellen und personellen Gründen nicht umgesetzt werden. Auch weiterführende Forschungstätigkeiten entwickelten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. 1952 wurde das Institut für Zeitungsforschung schließlich selbstständig als Kultureinrichtung der Stadt Dortmund im Geschäftsbereich Bibliotheken.

Die vielfältigen historischen Sammlungen von Zeitungen, Zeitschriften und Bildquellen

In seiner Sammeltätigkeit ist das Institut ebenso vielfältig wie in seiner Ausrichtung. Die Zeitungs- und Zeitschriftensammlung reicht bis zu Originalen aus dem 17. Jahrhundert zurück. Das Sammlungskonzept war von Beginn an darauf ausgerichtet, die Zeitungen im medienhistorischen Kontext zu dokumentieren, und erfasst daher auch andere Medien der Neuzeit. Mehr als 750 originale Pressefrühdrucke, die sogenannte Sammlung zu den ‚Glaubenskämpfen‘ (1517-1648), repräsentieren die Publizistik einer Zeit, in der es periodische Nachrichtenblätter wie Zeitungen und Zeitschriften noch nicht gab bzw. in der sich die Zeitung erst etablierte – die erste gedruckte periodische Zeitung erschien 1605 in Straßburg.

Die erste Zeitung in Dortmund erschien 1769, die „Dortmundische vermischte Zeitungen“. Foto: IfZ

Den Schwerpunkt der Bestände bildet die politische Nachrichtenpresse des 19. und 20. Jahrhunderts, als die Presse zur Massenpresse wurde. Neben vielen regionalen und einigen ausländischen Blättern, z.B. aus Frankreich und England, ist das gesamte politische und konfessionelle Spektrum der deutschen Medienlandschaft vertreten, ebenso wie die wichtigsten deutschen, französischen und englischen Illustrierten Zeitschriften. Viele dieser Titel sind vollständiger als in anderen Institutionen vorhanden, oft im Originaleinband, manche sind seltene Einzelstücke wie die Bände der ersten „Dortmundische vermischte Zeitungen“ von 1769.

Das Sammlungskonzept ist auf eine jeweils möglichst vollständige Quellenüberlieferung ausgerichtet, ohne jedoch eine vollständige Dokumentation der deutschen Tagespresse anzustreben. Sondersammlungen setzen historische Schwerpunkte. So besitzt das Institut mit rund 1.100 Flugblättern eine der bedeutendsten existierenden Quellensammlungen zur bürgerlichen Revolution von 1848/49, die auch online einsehbar ist. Die Plakatsammlung mit rund 9.000 Exemplaren reicht vom informierenden Maueranschlag aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 bis zur aktuellen Verlags- und Wahlwerbung und dokumentiert nicht nur den politischen Wandel, sondern auch grafische, drucktechnische oder Motiventwicklungen.

Das Institut für Zeitungsforschung verfügt über eine umfangreiche Sammlung an Pressezeichnungen von Emil Stumpp, dem bedeutendsten Pressezeichner der Weimarer Republik. Quelle: Deutsches Exilarchiv 1933-1945

Von besonderem Wert sind die Sammlungen der Originalzeichnungen bekannter Pressezeichner der Weimarer Republik wie Emil Stumpp oder Benedikt Fred Dolbin. Eine umfangreiche Sammlung von Karikaturen illustriert den Wandel politischer Themen und Kulturen im 19. und 20. Jahrhundert. Schwerpunkte sind u.a. Napoleon, die Märzrevolution von 1848, Bismarck und der Deutsch-französische Krieg 1870/71 sowie die mehr als 1.400 Originalzeichnungen von Bernd Gutzeit für die Westfälische Rundschau aus den 1970er bis 1990er Jahren.

Das Institut als Forschungs- und Kultureinrichtung im Wandel der Zeit

Seit mehr als 400 Jahren begleiten uns Zeitungen, versorgen uns mit Informationen und sind ein essentieller Teil des gesellschaftlichen Lebens: Sie sind schützenswertes Kulturgut. Das Institut für Zeitungsforschung ist dem Erhalt dieses besonderen nationalen Kulturgutes verpflichtet: im Original, analog und digital. Daher bildet das Institut eine Brücke zwischen Archiv, Bibliothek, Universität und Stadtöffentlichkeit, zwischen Forschung, Bildung, Ausbildung und allen allgemein Interessierten.

Blick ins Institut
Das Institut für Zeitungsforschung ist Anlaufstelle für Forscher, Studierende, Schüler und andere Nutzer:innen. Foto: Bunzeck/Gerdes

Die Ausrichtung mit der Schwerpunktsetzung auf die gedruckte Nachrichtenpublizistik verleiht dem Institut ein Alleinstellungsmerkmal, das seinen internationalen Bekanntheitsgrad begründet. Die Sammlung, Dokumentation, Archivierung und wissenschaftliche Bearbeitung der historischen und aktuellen politischen Tagespresse sowie der wichtigsten Forschungsliteratur sind auch heute Hauptaufgaben des Instituts.

Insbesondere die Zeitungen des 20. Jahrhunderts sind nicht nur von Forschern, Studierenden und Schülern nachgefragt, sondern ebenso von vielen privaten Nutzern, die sich beispielsweise für politische oder kommunale Ereignisse, Entwicklungen und Persönlichkeiten interessieren oder auch zu Familien- oder Firmengeschichten und Jubiläen recherchieren. Auch Fernseh- und Rundfunkanstalten, Bibliotheken, Archive und Museen nutzen die Bestände ebenso wie kommerzielle Unternehmen, die zum Beispiel genealogische oder erbrechtliche Fragen untersuchen.

Ein Blick in die umfangreiche Fachbibliothek des Instituts für Zeitungsforschung, die von jedem Interessenten benutzt werden kann. Foto: Bunzeck/ Gerdes

Die Wissenschaftler des Instituts sind mit Vorträgen, Aufsätzen, Ausstellungen, Seminaren, Publikationen etc. im akademischen Diskurs verankert und in der akademischen Lehre an verschiedenen Universitäten und Hochschulen des Ruhrgebiets aktiv. Das Institut publiziert die wissenschaftliche Schriftenreihe Dortmunder medienhistorische Beiträge (bis 2020 Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung) mit Beiträgen zu historischen wie aktuellen medien- und kommunikationswissenschaftlichen Themen und Fragestellungen und gibt die zentrale Fachzeitschrift Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte mit heraus. Jährlich werden international besuchte wissenschaftliche Fachtagungen zu aktuellen und zentralen Fragestellungen nicht nur der kommunikationswissenschaftlichen Forschung mit wechselnden Kooperationspartnern veranstaltet und in regelmäßigen Abständen Konferenzen und andere Formate für den fachlichen Austausch zwischen Wissenschaftlern und Vertretern von Bibliotheken und Archiven angeboten.

Besondere Kompetenzen hat das Institut in den letzten Jahren erworben als Ankerpunkt und Schnittstelle zwischen den Nutzern digitaler Zeitungsammlungen in Wissenschaft und Forschung sowie den Anbietern digitaler Zeitungsportale, das heißt Bibliotheken und Archiven. Das Institut  engagiert sich besonders für das nordrhein-westfälische Zeitungsportal zeitpunkt.nrw, in dem auch wichtige historische Dortmunder Zeitungen online einsehbar sind. Zum Beispiel die „Dortmunder Zeitung“ sowie die „Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung“, die ehemalige „Arbeiter-Zeitung“ der SPD.

Nutzung und Service im Überblick für Besucher und Forschung

Alle Archiv-, Bibliotheks- und Sammlungsbestände des Instituts können während der Öffnungszeiten vor Ort eingesehen werden. Aus Bestandsschutzgründen stellen wir insbesondere von den Zeitungen Mikrofilme an den Scannern im Lesesaal zur Nutzung bereit. Hier sind Ausdrucke und kostenlose Scans möglich. Eine Vorbestellung über die Homepage ist sinnvoll, da wir als Magazinbibliothek die Bestände ausheben müssen und vorab informieren können, sollten Bücher oder Mikrofilme ausgeliehen oder alle Scanner besetzt sein.

Blick ins Institut
Eine umfangreiche Bibliothek hilft bei historischen Nachforschungen. Foto: Bunzeck/Gerdes

Recherchen in großen Zeitungsdatenbanken  wie dem Spiegel, der  FAZ oder der Süddeutschen ist an speziellen Arbeitsplätzen ebenso möglich wie das Lesen von E-Paper. Rund 150 abonnierte Zeitungen, Fach- und Publikumszeitschriften können ebenfalls im Lesesaal eingesehen werden, sowohl die aktuellen Ausgaben als auch viele weitere archivierte Jahrgänge.

Die Fachliteratur ist größtenteils vor Ort ausleihbar und kann wie die Mikrofilme der Zeitungen per Fernleihe in andere Bibliotheken bestellt werden. Unsere Originale stehen für Ausstellungen zur Verfügung. Zu unseren Dienstleistungen zählt auch das Durchführen von wissenschaftlichen und privaten Recherchen sowie das Anfertigen von Reproduktionen aus der Fachliteratur oder von Zeitungsseiten zu Geburtstagen und Jubiläen. Die Zeitungs-Masterfilme können für Digitalisierungsprojekte öffentlicher Träger zur Verfügung gestellt werden.

Die Mitarbeiter des Instituts informieren sowohl vor Ort als auch an Universitäten und bei anderen interessierten Initiativen gerne über die Bestände und die Geschichte des Instituts. Auch können Auszubildende und Studierende im Institut für Zeitungsforschung Praktika absolvieren, in denen sie alle Arbeitsbereiche des Instituts kennenlernen.

Die Autorin: Astrid Blome ist promovierte Historikerin und seit 2016 Direktorin des Instituts für Zeitungsforschung.


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