Haltung zeigen, wenn die Worte fehlen: Fachtagung zu Zivilcourage im Reinoldinum

„Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ und Tipps und Tricks

Foto: Ursula Maria Wartmann

Im Dortmunder Reinoldinum hat das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) am Dienstag zur Abschlusstagung des EU-geförderten „fokus plus“-Projekts mit dem Thema „Handlungskompetenz und Zivilcourage gegen die Abschottung im Einwanderungsland“ eingeladen. Mit dabei war Prof. Dr. Klaus Peter Hufer mit seinem „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“. Mit praktischen Tipps und Tricks will er den Anwesenden helfen, für ihre Werte einzustehen – auch in Situationen, in denen erst einmal die Worte fehlen.

Schweigen verlernen: Gegen Parolen kann man ankommen

„Schweigen ist Zustimmung, Demokratie bist Du.“ Diesen Leitsatz wiederholt Hufer immer wieder, fast wie ein Mantra. Besonders mit dem Schweigen haben hier viele Probleme: Hilflos würden sie sich gegenüber Parolen und Hetze fühlen, „sprachlos“, das Wort fällt immer wieder. „Das wäre ich gerne nicht“, sagt eine Teilnehmerin.

Begrüßung bei der Fachtagung des IBB. Lilia Krächter

Deshalb ist sie hier bei der Fachtagung zu Zivilcourage, deshalb sitzt sie in Workshop 1: „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“. Das Training geht auf ein gleichnamiges Buch von Klaus Peter Hufer aus dem Jahr 2000 zurück.

Hufer ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er hat ursprünglich Politik und Philosophie studiert. Im Erwachsenenbildungsbereich engagiert er sich schon lange gegen Rechtsextremismus.

Vorurteilsbeladen, dogmatisch, emotional: Wenn Worte ausgrenzen sollen

Mit dem, was er tue, wolle er seinen Beitrag leisten – dazu, dass Auschwitz sich nie wiederholt, „um mit Adorno zu sprechen.“ Es geht für Hufer nicht wörtlich um Stammtischgespräche. Die „Stammtischparole“ wird zum Symbol für ein Grundmodell: dogmatische, vorurteilsbeladende und feindselige Aussagen, die sich gegen andere Menschen richten.

Prof. Dr. Klaus Peter Hufer IBB e.V.

Diese können einem überall und ständig begegnen. Sie ziehen sich durch alle Bildungsschichten und Gesellschaftsmilieus. Mal sind sie leicht zu erkennen, mal sind sie hinter guter Artikulation versteckt.

Die Hintergründe der Menschen im Workshop sind vielfältig. Aber sie alle wollen nicht mehr sprachlos sein, wenn ihnen Positionen begegnen, gegen die Argumente machtlos scheinen. Manche engagieren sich politisch: Eine „Oma gegen Rechts“ ist dabei, ein Mitglied der zivilen Seenotrettungsorganisation „sea-eye“.

Beruflich und privat gegen diskriminierende Parolen

Einige erzählen von dem Wunsch, sich in Familie und Bekanntenkreis besser behaupten zu können, wenn „der komische Onkel“ mit einer politischen Tirade loslegt. Andere sind beruflich bedingt in der Schusslinie: Marjan Agahie Gandomani ist Krankenschwester, mittlerweile ist sie auch Gleichstellungsbeauftrage an ihrem Klinikum.

m Dortmunder Reinoldinum kamen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zur Fachtagung zu Zivilcourage zusammen. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

„Ich muss mich jeden Tag mit solchen Stammtischparolen auseinandersetzen. Vielleicht finde ich hier eine Methode, um meinen Alltag ein bisschen leichter zu machen“, erzählt sie.

Auch Michael Kapteinat hofft das: Er gehört zur AWO und arbeitet mit geflüchteten Menschen und Migrant:innen. Immer wieder wird er mit Parolen konfrontiert, von verschiedensten Seiten.

Eigentlich ist der Workshop für mindestens einen ganzen Tag angelegt, Hufer macht auch gerne mal vier draus. Jetzt hat er nur 90 Minuten Zeit, die „Nescafé-Variante“ nennt er das. Er macht deutlich: Es geht nicht darum, schlagfertige Antworten auswendig zu lernen, es geht um Haltung.

Gestern, heute, morgen: Der Grundmechanismus der Parole bleibt

Jede Aussage ist besser als keine, so Hufer. „Wer offen so wettert, der will nicht überzeugt werden. Der will Zustimmung.“ Diese Zustimmung ganz deutlich zu verweigern, nimmt Parolen die Macht. Und es zeigt anderen, die heimlich dasselbe denken: Du bist nicht allein.

Das „Argumentationstraining“ war Teil der Abschlusstagung des „fokus plus“-Projekts. IBB e.V.

Das erste „Argumentationstraining“ ist 26 Jahre her. Der zentrale Mechanismus der Stammtischparole ist jedoch geblieben: Das „Wir“ gegen das „Die“. Es ginge immer um Etabliertenvorrechte, erklärt Hufer.

So entsteht das Phänomen des Fremdenfeinds mit Migrationsgeschichte genauso wie das des Menschen ohne Arbeit, der „die Bürgergeldempfänger“ hasst. Hier würde helfen, das „Die“ aufzulösen, sagt Hufer. Wer sind denn „die Arbeitslosen“, „die Politiker“, „die Ausländer“?

„Fragen bis zur letzten Konsequenz“: Wie man sich nicht überrumpeln lässt

Er empfiehlt, keine Argumentationsflut des Gegenübers zuzulassen. Im Workshop führt er Rollenspiele durch: Eine Person gibt Parolen von sich, andere argumentieren dagegen. Was er daraus gelernt hat: Die Parolen dominieren zunächst immer. „Ich habe erfahrene Anti-Rassismustrainer in diesen Rollenspielen untergehen sehen.“

Ein Protest der „Omas gegen Rechts“. Foto: Ursula Maria Wartmann

Denn Parolen springen und assoziieren, verallgemeinern, emotionalisieren. „Dafür muss man nicht nachdenken“, erklärt Hufer. In der Zeit, die es bräuchte, Fakten abzurufen und geordnet vorzubringen, seien die Gesprächspartner:innen dann schon viel weiter – und man selbst überrollt.

Deshalb: Beim Thema bleiben und „fragen bis zur letzten Konsequenz.“ Das verdeutlicht sich am Parolen-Klassiker „Ausländer raus.“ Wer ist „Ausländer“? Auch die Holländer und die Schweizer? Wer soll die rausschaffen? Wie soll das genau funktionieren? Wer bezahlt das dann? Und was passiert, wenn jemand sich wehrt?

Gespräche können auch für Radikalisierte ein Ausstiegspunkt sein

So würde es nicht lange dauern, bis sich die Absurdität der Position für alle Umstehenden offenbart. Manchmal auch für das Gegenüber selbst. Klaus Peter Hufer betont deshalb auch, dass ein Gespräch nicht vorbei ist, nur, weil es beendet wurde.

Klaus Peter Hufer beim „Argumentationstraining“ in Dortmund. Judith Odenthal | Nordstadtblogger

Das Gesagte wirkt nach. Es kann auch später noch eine Wirkung entfalten, einen ersten kleinen Stein ins Rollen bringen. Jugendliche seien schon nach Gesprächen aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen, „in denen ihre Positionen abgelehnt, und sie als Menschen angenommen wurden“, erzählt Hufer.

„Rechtsextreme Positionen lernt man. Man kann sie auch verlernen.“ Trotzdem muss sich nicht jede:r immer auf jedes Gespräch einlassen. Marjani Agahie Gandomami erzählt, dass sie auch manchmal aufstehe und die Situation verlasse. Trotzdem sei sie niemand, der schweigt: „Ich sage dann: `Ich gehe, weil…`“

Das „Argumentationstraining“ wird ständig weiterentwickelt

Nach dem Workshop sagt sie: „Mit dem Satz `Schweigen ist Zustimmung´ kann ich viel anfangen. Es gibt ein persisches Sprichwort, das sich so übersetzen lässt.“ Sie konnte sich noch einige Tipps und Tricks mitnehmen, und will versuchen, die in ihrem Alltag umzusetzen.

Auch Michael Kapteinat hat Erkenntnisse mitgenommen. „Die Gelassenheit, die Herr Hufer verkörpert, fehlt mir manchmal“, erzählt er und lacht. „Da arbeite ich noch dran.“ Er würde gerne nochmal einen längeren Workshop besuchen.

Im Mai dieses Jahres erscheint ein weiteres Buch von Klaus Peter Hufer: In „Gegenwind: Ein Argumentationstraining für demokratische Werte“ soll das Argumentationstraining um selbstreflexive und werteorientierte Ansätze weiterentwickelt werden.


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