
Dortmund, Rathaus. Es ist der Abend nach dem Internationalen Frauentag. Im Foyer des Rathauses ist es ruhig geworden; die digitale Stele weist den Weg zu Fraktionssitzungen hinter verschlossenen Türen. Doch im Saal Westfalia wird an den Grundfesten gesellschaftlicher Machtstrukturen gerüttelt. Auf Einladung des Multikulturellen Forums, der AWO Dortmund und der Koordinierungsstelle Vielfalt, Toleranz und Demokratie ist die renommierte Journalistin Andrea Böhm zu Gast, um ihr Buch Fighting Like a Woman vorzustellen.
Der Tritt, der alles veränderte
Obwohl nicht jeder Platz im Saal besetzt ist, ist die Intensität der Lesung greifbar. Böhm, langjährige Korrespondentin für DIE ZEIT, berichtet nicht nur trocken über Konfliktzonen.

Sie erzählt von einem Moment in Beirut im Jahr 2019, der für sie zum Auslöser ihres Buches wurde: Eine zierliche Frau versetzt einem bewaffneten Mann während der Massenproteste einen gezielten Tritt in den Unterleib.
Dieses Bild ging um die Welt und ließ Böhm nicht mehr los. Es war mehr als eine körperliche Abwehrreaktion; es war ein Bruch mit dem „ideologischen Skript“, das Männer als Täter und Frauen als ewige Opfer vorsieht. Ein einziger Sidekick stellte das männliche Gewaltmonopol mitten auf der Straße infrage.
Körperliche Freiheit als politische Forderung
Um die Geschichten über das mysteriöse Verschwinden starker, weiblicher Körper zu korrigieren, führt es Böhm zeitgeschichtlich bis weit in die Steinzeit zurück. Ihre Gegenwarts-Reportagen – von kurdischen Milizionärinnen bis hin zu kenianischen Schülerinnen – verwebt sie dabei mit höchst aktuellen Thesen wie unter anderem mit denen der feministischen US-Philosophin Iris Marion Young. Inspiriert von Youngs Essay über weibliches Körperbewusstsein Throwing Like A Girl / Werfen wie ein Mädchen von 1993, gestaltet sie ihre Kernthese ebenso radikal wie einleuchtend.

Böhm ist überzeugt: „Echte Geschlechtergerechtigkeit kann es nur geben, wenn Frauen sich nicht nur stimmlich, sondern auch physisch frei entfalten und bewegen können.“
Dabei gehe es nicht um Aggression, sondern um die Rückeroberung des eigenen Körpers aus einem Zustand der erlernten Wehrlosigkeit. Wut wird hier nicht als Makel, sondern als befreiendes Gefühl und als Moderator für Veränderung zu verstehen. Und dieses Gefühl wird für den Lesenden auf jeder Seite deutlich viszeraler.
Ein Abend der Selbstermächtigung
Im begleitenden Gespräch mit Moderatorin Zeynep Kartal wurde deutlich, dass dieses Thema auch in Dortmund einen Nerv trifft. Das Publikum diskutierte leidenschaftlich über die Frage, ob ein selbstbewusstes weibliches Körperbewusstsein die Voraussetzung für eine tatsächlich gleichberechtigte Gesellschaft ist.

Böhms Werk, das bereits von Mareike Fallwickl als „Blicköffner für die weibliche Kraft“ gelobt wurde, hinterlässt an diesem Abend eine klare Botschaft: Der Kampf gegen Unterdrückung findet nicht nur in Talkshows oder Parlamenten statt – er beginnt beim Mut, den eigenen Raum körperlich zu behaupten.
Über die Autorin:
- Andrea Böhm (Jahrgang 1961) ist eine der profiliertesten Journalistinnen Deutschlands und leitete von 2013 bis 2018 als Nahost-Korrespondentin das Politik-Ressort für DIE ZEIT.
- Für ihre journalistische Arbeit erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis und den Hansel-Mieth-Preis.
- Ihr Buch „Fighting Like a Woman“ ist im Fachhandel erhältlich.
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