
Am 25. Februar 2026, einen Tag nach dem 4. Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine, scheint in Dortmund die Sonne. Die Auslandsgesellschaft erinnert mit einem Aktionstag an den Beginn des Krieges. In ihrem Foyer herrscht buntes Treiben. Ringsherum wurden Stände aufgebaut, an denen Kunsthandwerk von ukrainischen Frauen angeboten wird. Auf einem der Tische liegen kleine, bunte Stoffpuppen, auf dem anderen Perlenschmuck, auf dem nächsten selbst gemalte Bilder. Mitten im Foyer steht eine blaue Pinnwand, daran befestigt gelbe und blaue Luftballons, an denen gelbe und blaue Herzen aus Pappe baumeln. „Ich wünsche den Menschen in der Ukraine Kraft, Zusammenhalt und ein Ende dieses schrecklichen Krieges“, steht auf einem der Herzen. „Слава Україні“ („Slava Ukraini“), hat ein Kind in schiefen Buchstaben auf ein anderes geschrieben.
Ukrainische Kultur und Traditionen sollen präsentiert werden
Es soll an diesem Tag nicht nur darum gehen, an die Schrecken des mittlerweile vierjährigen Krieges zu erinnern. „Wir möchten zeigen, dass die Ukraine mehr ist als eine Krisenregion“, sagt Viktoria Kostiuchenko, Organisatorin der Veranstaltung. Sie und ihr Team wollen an diesem Tag auch darstellen, wie vielfältig die ukrainische Kultur ist, wie lebendig ihre Traditionen und wie stark ihre Zivilgesellschaft.

In Kooperation mit der Auslandsgesellschaft konnten sie ihre Ideen umsetzen. Für diese Möglichkeit sei sie sehr dankbar, so Kostiuchenko.
Neben ukrainischer Handwerkskunst gibt es auch traditionelle Gerichte wie Varenyky, mit Frischkäse oder Sauerkraut gefüllte, halbmondförmige Teigtaschen, oder Medovyk, eine geschichtete Honigtorte mit Buttercreme. Der Erlös werde an die Ukraine gespendet, so Kostiuchenko, vor allem sollen medizinische Prothesen finanziert werden. ___STEADY_PAYWALL___
Ukrainische Familien bauen sich ein neues Leben in Deutschland auf
Inna Sidilieva ist mit ihren beiden Kindern vorbeigekommen. Die Familie ist seit fast vier Jahren in Deutschland, als sie geflohen sind, war Innas Tochter drei Jahre alt, erzählt sie. Inna ist es wichtig, dass ihre Kinder nicht den Kontakt zur ukrainischen Kultur verlieren, sie sollen die Geschichte ihres Landes kennen und die ukrainische Sprache beherrschen.

Sie ist dankbar, dass es dafür Veranstaltungen wie diese gibt. Inna selbst hat gerade ihr deutsches C1-Sprachzertifikat von der Agentur für Arbeit erhalten, erzählt sie und strahlt.
Ihr Mann arbeitet als Lagerarbeiter und besucht abends einen Integrationskurs. „Das ist sehr anstrengend“, sagt sie, „aber er wollte nicht abhängig vom Jobcenter sein.“
Ungewisse Zukunft nach dem Ende des Krieges
Obwohl Inna gerne in Deutschland lebt, weiß sie noch nicht, ob sie nach dem Krieg hier bleiben will. Ihre Mutter und ihr Stiefvater leben noch immer in Innas Heimatstadt Odessa. „Odessa ist die schönste Stadt der Welt“, sagt Inna strahlend.

In der letzten Zeit war es dort aber sehr schwer, hört sie von ihrer Mutter. Vier oder fünf Tage lang habe es keinen Strom und keine Heizung gegeben – bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.
Inna ist wichtig, dass die Menschen in Deutschland wissen, wie es den Ukrainer:innen geht. Auch deswegen ist sie zum Aktionstags der Auslandsgesellschaft gekommen.
„Fast jeder hat schon jemanden verloren“
Innas Bruder kämpfe an der Front, seit er 16 war, sei er beim ukrainischen Militär. „Wer sonst soll kämpfen, wenn nicht ich?“, habe er gesagt. „Er hatte schon drei schwere Verletzungen“, erzählt Inna, „aber, Gott sei Dank, Gott beschützt ihn.“
Niemand in Deutschland könne sich vorstellen, wie sich das anfühlt, sagt sie. „Wenn du die Menschen hier fragst – alle können so etwas erzählen. Jemand hat einen Mann an der Front, jemand hat schon einen Bekannten verloren, oder der Bruder oder der Vater ist gestorben. Das ist das schrecklichste, was im Leben passieren kann.“
Inna hofft auf ein Ende des Krieges
Für ihr Land hofft Inna, dass es nach dem Krieg wieder aufgebaut werden kann – so wie Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Sie findet, dass der ukrainische Präsident im Gespräch mit ausländischen Partnern klug und besonnen agiert.

„Er hat eine gute Wahl getroffen in den ersten Kriegstagen. Er ist geblieben. Wenn Selenskyj in dieser Zeit nicht bei uns gewesen wäre – vielleicht hätte Putin es geschafft, in drei Tagen die gesamte Ukraine zu besetzen. Das ist nur meine Meinung, aber ich denke, so ist es“, sagt sie. „Er ist für uns jetzt fast heilig – nicht heilig, er ist ein Mann, er macht Fehler. Aber er war da. Und er ist bis heute da.“
Zum Ende der Veranstaltung nehmen die Besucher:innen die Luftballons mit den gelben und blauen Wunschkarten mit nach draußen und lassen sie gemeinsam in den Himmel steigen. Inna wischt sich eine Träne von der Wange. Sie weiß noch nicht, wie es für sie und ihre Familie weitergeht. Sie würde gerne eine Ausbildung im sozialen Bereich machen oder studieren, um Lehrerin zu werden.
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