„Industrie-Insekten“: In einem unbekannten Land

Neue Fotoausstellung im LWL-Museum Zeche Zollern in Dortmund

Blick in die Ausstellung
In der Ausstellung Industrieinsekten gruppieren sich rund um einen großen Hirschkäfer aus Stahl acht Module mit Informationen und großen Bildschirmen, mit Insektenaufnahmen von Ute Matzkows und Klaus Rieboldt. Foto: LWL / Tobias Sitko

Nicht nur imposante Skylines, erhalten gebliebene Fördertürme oder kulturell vielfältige Stadtviertel lassen die Metropolregion Rhein-Ruhr so faszinierend sein, sondern auch die Welt kleinster Lebewesen, denen man allgemein nur wenig Beachtung schenkt. Eine Ausstellung fotografischer Arbeiten von Ute Matzkows und Klaus Rieboldt lenkt die Aufmerksamkeit nun genau dorthin.

Das verborgene Leben der Insekten

Eine Million Insektenarten – allein in Deutschland leben über 30.000 Arten – sind bisher beschrieben. Und es werden immer noch weitere entdeckt. Einerseits begegnen Forscher:innen ihnen in noch weitgehend ursprünglichen Naturräumen, andererseits besiedeln manche Insekten bevorzugt solche Areale, die einst industriell übernutzt und schwer belastet wurden. Industriebrachen gelten mittlerweile sogar als Rückzugsgebiete inmitten der urbanen, hochtechnisierten Welt.

Museumsleiterin Dr. Anne Kugler-Mühlhofer (v.l.), Bildungsreferentin Annette Kritzler und Andreas Hoppenrath, Leiter des Referates Technik und Restaurierung, in der Ausstellung. Foto: LWL / Tobias Sitko

Leben auf der Erde wäre ohne Insekten tatsächlich nicht denkbar. Das Ökosystem würde ohne sie nicht funktionieren. Ob nun als Bestäuber der Wild- und Nutzpflanzen, als Verwandler abgestorbener organischer Substanzen oder proteinreiche Nahrung für andere Tiere sind sie in verschiedenster Hinsicht systemrelevant. ___STEADY_PAYWALL___

Und obwohl sie evolutionär sehr alt sind – frühe Formen wurden für das Devon, einem Zeitraum vor rund 400 Millionen Jahren nachgewiesen –, ist ihr Überleben in der modernen, hochtechnisierten Welt der Menschen so gefährdet wie nie.

Das Insektensterben bedroht mittlerweile die Biodiversität der Erde. Verschwinden diese kleinen Lebewesen könnte ein Prozess in Gang geraten, der schließlich alle Ernährungs- und Wirtschaftssysteme kollabieren lässt.

Kleine Lebewesen ganz groß

Ute Matzkows, erfahrene Naturfotografin, meint: „Die Veränderungen, die wir Menschen diesem Lebensgefüge schon zugemutet haben, wirken sich zunehmend zerstörerisch auf das fragile System der Natur aus, so wie wir sie bisher kannten, sodass vieles wahrscheinlich bald schon für kommende Generationen verloren sein wird. Wir sollten verstehen, dass wir ein Teil der Natur sind und Kultur und Natur keine Gegensätze.“

Schmetterling auf einer Blüte
Der „Hauhechel-Bläuling““gehört zu den Pionierarten, die neue Lebensräume wie Industriebrachen besiedeln. Auch auf der Zeche Zollern in Dortmund ist er zu finden. Foto: LWL / Ute Matzkows

Klaus Rieboldt, schon seit seiner Jugend begeisterter Fotograf, ist ebenso wie Ute Matzkows Mitglied im ObjektivArt’96 e.V., einem Fotoclub im Ruhrgebiet. Gemeinsam haben Rieboldt und Matzkows sich zwei Jahre lang auf den Arealen der acht LWL-Museen für Industriekultur umgesehen und die vielfältige, teils verborgene Welt der dort lebenden Insekten dokumentiert.

Entstanden ist eine Ausstellung, die im vergangenen Jahr bereits auf der Zeche Hannover gezeigt wurde und nun auch auf der Zeche Zollern zu sehen ist.

Die Exponate der Ausstellung sind großformatig, so dass die kleinen Lebewesen in ganzer Pracht und Schönheit zur Geltung kommen. Wer schaut denn sonst so genau hin? Wer denkt nicht nur gelegentlich darüber nach, dass die Mitwelt millionenfach von derart faszinierenden Lebewesen bevölkert ist?

Auf großen hinterleuchteten Leinwänden sind die verschiedenen Insekten abgebildet. Davor sieht man die Tierchen in der originalen Größe von wenigen Millimetern und als großes 3D-Modell. Jeder Standort eines LWL-Museums ist mit einem „Leitinsekt“ vertreten. So kann man beispielsweise über den Gemeinen Wasserläufer staunen oder über die Natternkopf-Mauerbiene. Ergänzt wird alles durch Slideshows mit teils bewegten Bildern, die auch den Schlupf der Insekten aus dem Kokon zeigen.

Informatives, künstlerisch dargeboten

Informative Schautafeln und Texte erläutern die Bedeutung der Insekten und ihre enge Verknüpfung mit der Lebenswelt der Menschen. Die Besucher:innen der Ausstellung werden eingeladen, Töne den entsprechenden Tieren zuzuordnen. Ein riesiges, zentral positioniertes Modell aus rostigem Stahl reagiert sogar auf Berührungen.

Schmetterling Modell
Ein Modell des Hauhechel-Bläulings stammt aus einem Projekt der Rheinisch-Westfälischen Realschule für die Begleitausstellung „Metamorphosen“. Foto: LWL

Als Begleitausstellung werden unter dem Titel „Metamorphosen“ Arbeiten gezeigt, die von acht Bildungspartner:innen stammen. So finden sich Arbeiten von Schüler:innen der Rheinisch-Westfälischen Realschule, die unter der Anleitung von Artiem Unilov im Rahmen des Kunstunterrichts in einer siebte Klasse entstanden.

Oder Exponate aus der Werkstatt von „Passgenau“, einem Zweckbetrieb der beruflichen Integration des Diakonischen Werkes in der Nordstadt, wie beispielsweise die Plastik einer Gottesanbeterin oder ein Modell vom Nordmarkt, beides komplett aus recyceltem Material hergestellt. Vier Romnja gestalteten in der Nähmanufaktur „Armen Juvlja Mundial“ der GrünBau gGmbH Textilobjekte, die Insekten in künstlerischen Formen nachahmen.

Die Ausstellung zeigt auf gelungene Weise, wie lebendig im wahrsten Wortsinn manche Industriebrache inzwischen wieder ist. Die vielfältige Schönheit natürlichen Lebens wird durch großartig gelungene Fotografien vor Augen geführt. Das Gesamtkonzept bietet für jede:n etwas, ob nun Neugier, wissenschaftliches Interesse oder Freude an schönen Farben und Formen das Leitmotiv ist. Künstlerisch anspruchsvoll wird dazu eingeladen, einen wahrhaft wunderbaren Teil der Mitwelt zu entdecken.

Mehr Informationen:

  • Ausstellung „Industrie-Insekten – In einem unbekannten Land“ und Begleitausstellung „Von Industrieinsekten und Metamorphosen“
  • Vom 1. März bis 1. November 2026
  • LWL-Museum Zeche Zollern, Grubenweg 5, 44388 Dortmund
  • Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr
    Mehr im Internet: zeche-zollern.lwl.org

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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