Antiziganismus-Vorwurf beim Rosenmontagszug: Aktivist:innen und Politik fordern Konsequenzen

Theater- & Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ entschuldigt sich

Karnevalswagen mit umstrittenem Motto
Die Theater- und Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ hat sich inzwischen entschuldigt. Foto: Privat

Beim Karneval ist an Aschermittwoch alles vorbei. Nicht so in Dortmund: Ein umstrittener Karnevalswagen beim Rosenmontagszug in Dortmund sorgt weiter für scharfe Kritik. Lokalpolitiker:innen, Aktivist:innen und Beratungsstellen werfen den Verantwortlichen vor, rassistische Sprache öffentlich verbreitet zu haben. Auslöser der Debatte ist ein Motivwagen der Theater- und Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“. Am Rosenmontag zog er durch die Nord- und Innenstadt. Auf dem Wagen stand der Satz: „Früher Zigeuner-Schnitzel mit Stolz – heute veganer Paprikaklops aus Bohnenrotz.“ Die Theater- und Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ hat sich inzwischen entschuldigt.

„Eine Fremdbezeichnung, die seit Jahrhunderten erniedrigt, verfolgt und entmenschlicht“

„Ich halte das nicht mehr aus“, schreibt der Kölner Aktivist und Autor Gianni Diamanto Jovanovic auf Facebook. „Das Wort ‚Z*geuner‘ ist kein harmloses Wort. Es ist kein süßes Märchenwort. Es ist eine Fremdbezeichnung, die Menschen seit Jahrhunderten erniedrigt, verfolgt und entmenschlicht.“

Gianni Jovanovic bei einem Auftritt beim Roma-Kulturfestival Djelem Djelem in Dortmund. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Das Wort habe Gewalt vorbereitet, Menschen zu „Gaunern, Unberührbaren, Dämonen“ gemacht. Unter diesem Begriff seien Kinder, alte, behinderte, queere und jüdische Menschen aus der Roma- und Sinti-Community entrechtet, deportiert und ermordet worden, erinnert Jovanovic, der schon mehrfach beim Roma-Kulturfestival Djelem Djelem in der Nordstadt zu Gast war und auch auf der Bühne stand.

Jovanovic kritisiert, das Bildungssystem habe versagt. Rassismus und Ignoranz seien strukturell verankert, das Wort werde verharmlost weitergetragen – in Schulen, Büchern, Liedern, im Karneval oder in der Comedy.

Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum (Grüne) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

„Wenn ihr dieses Wort benutzt, reproduziert ihr Gewalt“, schreibt er. Er sei zutiefst verletzt, wütend und erschöpft. „Ich bin nicht euer Erklärbär. Ich bin ein Mensch. Und ich habe es satt, immer wieder erklären zu müssen, warum meine Würde nicht verhandelbar ist.“ Abschließend fordert er: „Hört endlich auf, dieses Wort zu benutzen.“

Auch die Bezirksbürgermeisterin der Nordstadt, Hannah Rosenbaum (Grüne), reagierte entsetzt. In einem Kommentar auf Instagram schreibt sie: „Das ist kein Karneval oder ein Scherz, das ist eine rassistische Äußerung.“ Ein solcher Wagen sei untragbar. Diese Stimmen stehen stellvertretend für zahlreiche weitere Reaktionen.

ADIRA kritisiert kulturkämpferische Botschaft, die Ressentiments verstärke

Scharfe Kritik äußert auch die Beratungsstelle ADIRA, die bei der Jüdischen Gemeinde Dortmund angesiedelt ist. In einer ausführlichen Stellungnahme bezeichnet sie die Aufschrift als eindeutig antiziganistisch. Der verwendete Begriff sei kein harmloser Nostalgiebegriff, sondern ein historisch belastetes Fremd- und Schimpfwort gegenüber Sintezze und Romnja. Er stehe in unmittelbarem Zusammenhang mit jahrhundertelanger Ausgrenzung, Verfolgung und systematischer Gewalt bis hin zum nationalsozialistischen Völkermord.

Antiziganismus sei keine abstrakte Erscheinung, sondern eine bis heute wirkmächtige Form von Rassismus, so ADIRA. Er äußere sich in stereotypen Zuschreibungen, Ausgrenzung und struktureller Benachteiligung. Wenn ein solcher Begriff im Rahmen eines großen öffentlichen Umzugs vermeintlich ironisch genutzt und mit kulturkämpferischen Botschaften verbunden werde, verstärke dies bestehende Ressentiments. Satire verliere ihre Legitimation dort, wo sie nach unten trete und marginalisierte Gruppen herabwürdige.

Die Gegenüberstellung eines angeblich „stolzen Früher“ mit einem abgewerteten „Heute“ bediene nicht nur antiziganistische Stereotype, sondern konstruiere zugleich ein Bedrohungsszenario vermeintlicher kultureller Verluste. Ernährungsfragen würden so zu einem Kulturkampf stilisiert. ADIRA solidarisiert sich mit Betroffenen von Antiziganismus und fordert die Verantwortlichen des Dortmunder Rosenmontagszugs auf, Auswahlkriterien für Motivwagen zu überprüfen und künftig keine Beiträge mit rassistischen oder antiziganistischen Inhalten mehr zuzulassen.

Karneval lebt von Satire und Zuspitzung, aber nicht auf Kosten marginalisierter Gruppen

In einem offenen Brief an den Festausschuss Dortmunder Karneval e. V. wendet sich auch der Landtagsabgeordnete Michael Röls-Leitmann an die Verantwortlichen. Das sogenannte Z-Wort sei seit Langem als rassistisch und diskriminierend anerkannt und verletze Sinti und Roma zutiefst. Karneval lebe von Satire und Zuspitzung, verliere aber seine integrative Kraft, wenn er auf Kosten marginalisierter Gruppen gehe. Sprache schaffe Realität und könne ausgrenzen.

Grünen-MdL Michael Röls-Leitmann

Röls-Leitmann bittet darum, den Vorfall transparent aufzuarbeiten, die Sensibilisierung in den Vereinen zu stärken, das Gespräch mit Selbstvertretungen von Sinti und Roma zu suchen und klare Leitlinien zu entwickeln, die diskriminierende Sprache und Darstellungen ausschließen.

Dies wäre ein starkes Zeichen für einen Karneval, der Vielfalt feiere und nicht verletze. Meinungsfreiheit bedeute nicht Freiheit von Kritik und entbinde Veranstalter nicht von ihrer Verantwortung, so der Grünen-Politiker.

Verunglückte Kritik an EU-Politik – Deutsche Bühne 1878 entschuldigt sich

Die Theater- und Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ erklärte in einer Stellungnahme, man habe auf Diskussionen in der Europäischen Union (EU) über die Bezeichnung veganer Produkte aufmerksam machen wollen. Das Europäische Parlament hatte 2025 ein Verbot für Begriffe wie „Wurst“ und „Schnitzel“ für Fleischersatzprodukte beschlossen.

Thema verfehlt: Das Z*schnitzel hat nichts mit der Regelungswut der EU zu tun. Ein Foto aus einem Dortmunder Supermarkt aus dem Jahr 2014. Archivfoto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

 „Wir sind der Meinung, dass sich EU-Politiker gerade jetzt um wichtigere Themen kümmern sollten“, schreibt der Vorsitzende Michael Pfingsten. Allerdings gehörte das „Z*schnitzel“ nun 2025 gerade nicht dazu – die Verwendung des Begriffs ist schon seit vielen Jahren verpönt.  Die Narren haben daher das Thema verfehlt – oder ganz bewusst provoziert.

Dafür entschuldigen sie sich nach der vielstimmigen Kritik: Der Vorstand der Deutschen Bühne 1878, Theater- und Karnevalsgesellschaft Dortmund e. V., bittet „noch einmal um Entschuldigung bei allen, die sich durch unser Motto diskriminiert, angegriffen, beleidigt oder sonst wie negativ angesprochen fühlen“. Zudem stehe man mit dem Festausschuss Dortmunder Karneval im Austausch, um „solche nicht gelungenen Mottos in Zukunft auszuschließen“.


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