Im Iran verschärft der landesweite Internet-Blackout die Gewalt gegen die Bevölkerung

Wie eine Exil-Iranerin in Dortmunder die Proteste beobachtet:

Plakat während einer Demonstration.
„Nein zur islamischen Regierung“ Foto: Paulina Bermúdez für nordstadtblogger.de

Die seit über zwei Wochen andauernden Proteste im Iran spitzen sich mit jedem Tag weiter zu. Während das Internet seit Donnerstag (8. Januar 2026) landesweit ausgeschaltet ist, gelangen vereinzelt Bild- und Videomaterialien ins Ausland. Zu sehen sind Leichensäcke und Menschenmassen auf den Straßen, auf die geschossen wird. Ein Blick aus Dortmund auf die Situation.

Bilder und Videos aus Kahrizak von Leichensäcken kursieren im Netz

Es sind Videos und Bilder vom Leichenschauhaus des gerichtsmedizinischen Zentrums von Kahrizak südlich von Teheran im Umlauf, auf denen dutzende Leichensäcke im Hof zu sehen sind – einige der wenigen Aufnahmen, die derzeit über den von SpaceX betriebenen Satelliten-Internetdienst Starlink aus dem Land heraus gelangen.

Ein Werk von Ramin Ara aus dem Iran.
Ein Werk von Ramin Ara aus dem Iran. Foto: Maria Salem für Nordstadtblogger

Auf einigen Bildern sind die Szenen zensiert, auf anderen lassen sich beim Schwenken der Kamera die leblosen, noch zum Teil blutigen Gesichter erahnen, während Menschen um die Leichen herum versammelt sind, oft weinend auf den Knien, um ihre Angehörigen zu identifizieren.

Wie viele Tote es seit der Abschaltung der Internet- und Mobilfunkleitungen gibt, ist unklar und lässt sich aufgrund des mangelnden Informationsflusses schwer verifizieren, ebenso die Zahlen, die derzeit darüber kursieren.

Zahlen lassen sich schwer verifizieren: Schätzungsweise mindestens 12.000 Tote in zwei Tagen

Laut dem iranische Exilmedium „Iran International“ sind allein am Donnerstag und Freitag (8. und 9. Januar)  mindestens 12.000 Menschen umgebracht worden (Stand 13. Januar).  Die Zahlen basieren dabei auf Quellen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat, dem Präsidialamt, der Revolutionsgarde, medizinischen Einrichtungen und Aussagen von Augenzeug:innen und Angehörigen.

Kopftuch unter Flammen.
Bereits in der Vergangenheit gab es Proteste gegen das Regime – auch in Dortmund. Foto: Paulina Bermúdez für nordstadtblogger.de

Mehr als 18.100 Personen seien laut der in den USA ansässigen Organisation Human Activists News Agency (HRANA) nach der Festnahme ins Gefängnis gesteckt worden (Stand 14. Januar) – dort verknüpft mit systematischer Folter, Isolationshaft, sexualisierter Gewalt, Überfüllung und medizinischer Vernachlässigung.

Nach Angaben von Amnesty International droht heute (14. Januar) im Iran die erste Hinrichtung eines Teilnehmers an den aktuellen Protesten gegen das Regime.

Gleichzeitig setzt die offizielle Darstellung der Regierung ihren härteren und sicherheitsorientierten Ton fort, wobei Regierungsvertreter die Verantwortung auf „Terroristen“ und „bewaffnete Unruhestifter“ – gemeint sind damit die Protestierenden – schieben, oft verbunden mit dem Vorwurf, sie würden für ausländische Staaten wie die USA oder Israel spionieren.

Internet-Blackout dient als Mittel der Repression und Isolation

Das Abschalten des Internets ist für die Regierung kein neues Vorgehen. Während der Proteste im Jahr 2019 wurde bei den landesweiten Unruhen für fast eine Woche das Internet abgeschaltet, dabei wurden laut der Nachrichtenagentur Reuters rund 1.500 Protestierende getötet.

Nahid Farshi, Projekt Ankommen
Nahid Farshi ist eine iranischstämmige Aktivistin und Integrationshelferin in Dortmund, die 1984 als politischer Flüchtling nach Deutschland kam. Nordstadtblogger-Redaktion | Nordstadtblogger

Das hat zum einen den Grund, dass sie damit die Bevölkerung isolieren und den Informationsfluss einschränken wollen, und zum anderen, um unbeobachtet Menschen umbringen zu können, um die Proteste zu zerschlagen.

„Seitdem Internet und Telefone seit Tagen blockiert sind, konnte ich bislang leider niemanden im Iran erreichen. Ich bin wie viele andere Menschen extrem besorgt. Man ist wütend, traurig und depressiv aber auch hoffnungsvoll zugleich“ erzählt in Dortmund lebende Exil-Iranierin Nahid Farshi besorgt.

„Ich hab häufiger schlechtes Gewissen nicht dort zu sein, um zu protestieren. Die Machtlosigkeit und nichts bewirken zu können zermürbt einen. Aber ich verliere zugleich nicht die Hoffnung – diese diktatorische verbrecherische Regime wird bald Geschichte sein“.

Sie kam in den 1980er Jahren als politische Geflüchtete nach Deutschland, erlebte die Machtübernahme des Regimes 1979 noch mit. In Dortmund ist sie vor allem bekannt als Mitgründerin und langjährige Vorsitzende des Vereins „Projekt Ankommen e.V.“, der Geflüchteten bei der Integration hilft. Aktuell ist sie Gesamtkoordinatorin des Dortmunder Integrationsnetzwerks „Lokal Willkommen“.

Geringe Informationen geraten nach draußen: Zeuge erzählt von „kriegsähnlichen Zuständen“

Laut der Journalistin Natalie Amiri berichtet ein enger Kontakt von ihr, der sich im Iran aufhielt, von „kriegsähnlichen Zuständen“ während des Blackouts.

Plakat von Mahsa Amini
Der Tod von Jina Mahsa Amini hat 2022 weltweit Proteste ausgelöst. Foto: Paulina Bermúdez

Die Revolutionsgarde, auch bekannt als Sepāh-e Pāsdārān, soll mit Tränengas und Schrotmunition gegen die Bevölkerung vorgehen und direkt in die Köpfe der Protestierenden schießen, als gezielte Tötungen.

Zugleich kursiert eine Audioaufnahme eines medizinischen Mitarbeiters aus Shiraz im Internet, die vom Nachrichtensender BBC aufgegriffen wurde. Darin sagt der Mitarbeiter, er könne niemanden anrufen und bitte die Medien zu verbreiten, dass die Krankenhäuser dringend Chirurgen, Augenärzte, Neurochirurgen und Orthopäden benötigen. Viele der Verletzten hätten Schusswunden, zahlreiche seien ins Auge getroffen worden und die Kliniken seien überfüllt.

Ein Geschäft mit Leichen: Zwangsaussagen und die Inszenierung von Märtyrern

Der Zentralfriedhof von Teheran, Behescht-e Zahra, sei laut Angaben Amiris Kontakt überfüllt. Leichen sollen den Familien verweigert werden und würden erst ausgehändigt, wenn Dokumente mit abweichenden Todesursachen, beispielsweise „Herzinfarkt“, unterschrieben, Patronengeld gezahlt oder Geständnisse abgelegt werden, wonach die Getöteten vom Ausland angestiftet worden seien, Unruhe zu stiften.

Iran-Proteste in Dortmund.
In Dortmund gab es 2022 Proteste gegen das Regime. Foto: Paulina Bermúdez

Ebenso werden Familien mit Drohungen und Einschüchterung unter Druck gesetzt, zu erklären, dass die Getöteten keine Demonstranten gewesen seien, die von Sicherheitskräften erschossen wurden. Teilweise müssen sie dies sogar vor den Staatsmedien aussagen.

Stattdessen sollen die Opfer Mitglieder der Basij, der paramilitärischen Freiwilligenmiliz der Sepāh-e Pāsdārān, gewesen sein – angeblich von Protestierenden getötet. Auf diese Weise werden die Opfer in den Medien als Märtyrer der Islamischen Republik inszeniert.

„Die brutale islamische Regierung im Iran hat seit 47 Jahren diese Vorgehensweisen Strategisch fortgeführt und denkt damit deren Morde und Verbrechen vertuschen zu können. Jedoch im Internetzeitalter können sie es nicht mehr verhindern, wie es in 80er Jahren geschah. Auch wenn sie heute Internet und Telefonie blockieren, erreichen die Nachrichten vereinzelt die Öffentlichkeit. Sobald Internet wieder läuft, werden wir viel mehr über den Ausmass der Morde, Verhaftungen usw. erfahren. Sie wissen, dass deren Ende naht“, so Farshi.

Ursprünglich wirtschaftliche Proteste richten sich nun gegen das ganze System

Die Proteste begannen ursprünglich aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage. Die Landeswährung Rial hatte ihr Rekordtief erreicht, und der Alltag schien für viele nahezu unbezahlbar. Ausgelöst wurden die Proteste von Basarhändlern.

Kundgebung vorm Stadion.
Weltweit machten 2022 Proteste und Kundgebungen auf die Lage im Iran aufmerksam. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Das gilt als ungewöhnliches Vorgehen und wird von Aktivist:innen als „historischer Bruch“ bezeichnet, denn die konservativ gestimmten Basarhändler galten lange als politische Stabilitätsanker des Regimes.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich Studierende und jegliche Gruppierungen der Bevölkerung der Proteste anschlossen und begannen, Widerstand gegen das ganze System zu leisten. Laut HRANA finden die Proteste mittlerweile in 585 Punkten des Landes in 186 Städten in allen 31 Provinzen statt.

„Dieses mal reden wir nicht von Protesten, sondern von Revolution. Dieses Mal gehen alle Schichten der Gesellschaft auf die Straße. Der Wut ist zu groß, in erste Linie junge Leute, ohne jegliche Perspektive. Sie haben nichts mehr zu verlieren“ ordnet Farshi die Situation ein. „Das Problem ist, das bekanntlich die Diktatoren bis zum Schluss um deren Machterhalt kämpfen, und religiöse Diktatoren erst recht. Sie sind erbarmungslos und verbrecherisch“.

Forderung zur Terrorlistung der Revolutionsgarde in der EU

Neben der Aufforderung, für Sichtbarkeit des Themas in der Öffentlichkeit und im Netz zu sorgen, rufen Aktivist:innen und Menschenrechtsorganisationen dazu auf, dass die internationale Gemeinschaft den Druck auf das Regime erhöht.

Nachdem Mahsa Amini laut der iranischen Sittenpolizei ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen hatte, wurde sie geschlagen und verstarb kurze Zeit später im Krankenhaus. Foto: Paulina Bermúdez

Dazu zählen internationale Sanktionen und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Besonders die Forderung nach einer Terrorlistung der Revolutionsgarde in der EU gewinnt im öffentlichen Diskurs zunehmend an Bedeutung.

„Allein diese Sepāh-e Pāsdārān als terroristische Organisation einzustufen, das wäre schon zielführend, aber das ist sehr schwer“, erklärte Farshi bereits im vorherigen Gespräch mit den Nordstadtbloggern.

Bisher scheiterte ein solcher Schritt an der notwendigen Einstimmigkeit aller 27 EU-Mitgliedstaaten im Rat, an diplomatischen Bedenken gegenüber Iran wie etwa im Zusammenhang mit den Atomverhandlungen und an rechtlichen Hürden, da die Revolutionsgarde als staatliche Institution gilt und nach EU-Recht keine einheitlichen Terror-Katalogtaten nachgewiesen sind.

Eine Terrorlistung hätte dennoch Effekte, die über die bestehenden Sanktionen hinausgehen würden. Sie würde EU-weite Vermögenssperren für sämtliche Güter und finanziellen Strukturen der Revolutionsgarde ermöglichen, Reisen für deren Mitglieder verhindern, Unterstützer:innen in allen 27 Mitgliedstaaten strafrechtlich verfolgbar machen und finanzielle Netzwerke der Organisation in Europa austrocknen. Dazu zählen auch polizeiliche Ermittlungen gegen Revolutionsgarde-nahe Firmen.

Mögliche Intervention der USA ist derzeit umstritten

Zugleich blicken viele Iraner:innen und Exilgemeinden derzeit gespannt auf die USA. Präsident Donald Trump hat auf seiner eigenen Plattform Truth Social Strafzölle von 25 Prozent für alle Länder angekündigt, die weiterhin Geschäfte mit dem Iran machen. Betroffen wären vor allem China, die Türkei und der Irak als wichtigste Handelspartner.

Donald Trumps Post auf seiner eigenen Plattform Truth Social.
Donald Trumps Post auf seiner eigenen Plattform Truth Social. Screenshot: Truth Social / Donald J. Trump / @realDonaldTrump

Gleichzeitig erklärte er, „Hilfe sei auf dem Weg“, forderte „iranische Patrioten“ auf, weiter zu demonstrieren und „ihre Institutionen zu übernehmen“. Zudem drohte er mit harten Konsequenzen für den Fall vollzogener Hinrichtungen und schloss auch militärische Optionen nicht aus. Ein Vorgehen, das international umstritten ist:

Während viele Iraner:innen im Land auf Unterstützung von außen hoffen, warnen einige Expert:innen vor den Risiken einer US-Intervention. Eine militärische Eskalation könnte dem Regime weitere Vorwände liefern – etwa für Massenhinrichtungen unter dem Vorwurf der Spionage – ähnlich wie während des zwölf­tägigen Kriegs gegen Israel im Jahr 2025.


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