190 Vögel sterben in jeder Minute! Tierschutzpartei Dortmund schlägt Maßnahmen für städtische Gebäude vor

Ein junger Eichelhäher. Die Tierschutzpartei schlägt Maßnahmen für städtische Bauprojekte und Gebäude vor, um Vögel besser zu schützen. Außerdem gibt sie Tipps für den richtigen Umgang mit verletzten Tieren. Foto: TSP Dortmund

Vogelschlag – Ein sehr technisch klingendes Wort, welches für millionenfaches Leid steht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt dafür eine Zahl von mindestens 18 Millionen toten Tieren pro Jahr in Deutschland an, ergänzt jedoch auch, dass die Dunkelziffer bis zu 100 Millionen reichen könnte. Eine Einschätzung des bayrischen Landesamtes für Umwelt geht hingegen sogar von mehr als 100 Millionen Opfern aus.

Beliebter Baustoff Glas wird für die Tiere allzu oft zum tödlichen Verhängnis

Michael Badura ist neu für die Tierschutzpartei im Stadtrat. Foto: Alex Völkel
Michael Badura sitzt für die Tierschutzpartei im Dortmunder Stadtrat. Foto: Alex Völkel / Archiv

Grundlage dieser Schätzung ist die Studie eines US-amerikanischen Forschers, der zu dem Ergebnis kam, dass pro Jahr etwa ein bis zehn Tiere an den Scheiben eines Gebäudes den Tod finden. In Deutschland gibt es etwa 18 Millionen Wohnhäuser, woraus sich der Mindestwert des Bildungsministeriums ergibt – wohlgemerkt sind hier keinerlei gewerbliche oder kommunale Gebäude mit eingerechnet und das, wo Glas aktuell einer der bevorzugten Baustoffe für eine moderne Optik darstellt. ___STEADY_PAYWALL___

„Vögel sind generell nicht in der Lage, Fensterscheiben aus durchsichtigem Glas als Hindernisse wahrzunehmen. Gewöhnliche Fensterscheiben sind in der Regel im Sonnenlicht stark reflektierend und zeigen den Tieren daher ein ausreichend täuschendes Spiegelbild des freien Areals, aus welchem diese gerade angeflogen kommen“, so Michael Badura, Ratsmitglied der Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei) und stv. Vorsitzender der Fraktion Linke+ und erklärt weiter die Folgen: 

„Einem Vogel ist es nicht möglich zu erkennen, dass sich hinter der Scheibe ein meist (relativ) dunkler Raum verbirgt und das Glas selbst ein unüberwindbares Hindernis darstellt.“ Die Gefahr für die Tiere ist offensichtlich: Wenn sie mit voller Geschwindigkeit auf eine Scheibe prallen, kann es für sie zu unzähligen Verletzungen kommen. Viele Tiere sterben beim Aufprall an einem Genickbruch.

Unbewegliche Vogelsilhouetten schaffen keine Sicherheit

Sebastian Everding. Foto: TSP / Archiv

Andere Knochenbrüche können jedoch genauso tödlich enden, da Brüche in den Flügeln und den Beinen der Tiere, ihre Mobilität temporär oder permanent einschränken können. Einige Tiere, welche den ersten Aufprall überlebt haben, werden kurz danach von Raubtieren (Katzen, Füchse, etc.) gefressen, da sie nicht in der Lage sind zu flüchten.

Bisher sind Aufkleber mit Silhouetten von Raubvögeln ein beliebtes Mittel um Vogelschläge zu verhindern. Im Raum Dortmund sind diese vor allem an den Glasscheiben von Bushaltestellen zu finden. „Diese Methode ist allerdings vollkommen ineffektiv!“, kritisiert Sebastian Everding aus dem Team der Tierschutzpartei, da Vögel in fast allen Fällen diese starren Silhouetten nicht als echte Raubvögel wahrnehmen. 

Dies hängt mit ihrem geringen Kontrast zur Umgebung und ihrer Unbeweglichkeit zusammen. „Weitere Mythen stellen die Versprechen der Hersteller dar, dass entspiegelte Scheiben sowie ultraviolett reflektierende Glaselemente Vögel abschrecken würden, denn dies trifft, wenn überhaupt nur auf wenige heimische Vogelarten zu“ so Everding weiter.

Glasbausteine, Ornamentfenster oder Milchglas als kommunale Lösungsansätze

„Falls bei städtischen Objekten Neubauten oder umfangreiche Renovierungen anstehen, würden wir uns bei der Projektierung direkt den Einsatz von Glaselementen wünschen, welche nicht reflektieren bzw. den Vögeln klar aufzeigen, dass sie ein Hindernis darstellen. Dies könnten Glasbausteine oder Scheiben aus Ornament- oder Milchglas sein“, führt Badura die ersten konkreten Vorschläge der Tierschutzpartei aus und will den Vogelschlag gemeinsam mit der Fraktion zum Thema im Fachausschuss machen und die Verwaltung befragen.

Nach Vogelschlag verletzter Sperber. Foto: TSP

Zahlreiche Ideen hat der erst im September in den Stadtrat eingezogene Tierschützer jedoch bereits: „Eine Nachrüstlösung für vogelsichere Scheiben stellen Aufkleber dar, welche die Scheibe als klares Hindernis kennzeichnen. Am besten eignen sich dafür lange Linienmuster, welche von Vögeln einfach wahrgenommen werden können.

Hier gilt es jedoch einen maximalen Abstand von zehn Zentimetern zwischen den Linien einzuhalten, da die Vögel sonst denken, noch dazwischen durchfliegen zu können. Dabei müssen die Beklebungen nicht an „vergitterte Fenster“ erinnern, denn auch geschwungene oder gepunktete Formen wären in der Lage, die Tiere von den Scheiben fern zu halten. – Die Stadt könnte hier an Schulen, Verwaltungsgebäuden oder sogar am Rathaus kurzfristig Leben retten!“

Des Weiteren wünscht sich die junge Dortmunder Kommunalpartei eine umfangreiche Informationskampagne, um die Bürger*innen über die Gefahren für die Vögel unserer Stadt aufzuklären, denn während Sie diesen Text gelesen haben, sind wieder einmal hunderte Vögel einen (vermeidbaren) Tod gestorben.

Verletzter Vogel gefunden – Was nun? Tierschutzpartei Dortmund gibt hilfreiche Tipps

Angelika Remiszewski ist Kreisvorsitzende der Partei Mensch Umwelt Tierschutz.

Auch in Dortmund findet man häufig verletzte Vögel nach einem Aufprall auf eine Glasscheibe. „Viele Dortmunder*innen gehen glücklicherweise nicht einfach weiter und möchten gerne helfen, haben aber auch die Sorge, dabei etwas falsch zu machen“, so die Kreisvorsitzende der Tierschutzpartei Dortmund, Angelika Remiszewski, welche selber schon zahlreichen gefiederten Notfällen helfen konnte, und gibt hierzu erste Tipps:

„Wichtig ist es hierbei, zunächst selber Ruhe zu bewahren und den Vogel behutsam einzufangen oder zumindest zu sichern, denn oftmals erreichen später herbeigerufene Tierfreund*innen oder Tierschutzvereine den Fundort, wenn es schon zu spät ist und das geschwächte Tier überfahren oder von einem Raubvogel geholt wurde.“ 

Im Idealfall können verletzte Tiere in einem mit einem Handtuch gepolsterten und mit Luftlöchern versehenen Karton untergebracht werden, dabei kann ein Schuh- oder Umzugskarton genauso hilfreich sein wie eine Hunde- oder Katzentransportbox. Ist man in der Innenstadt unterwegs, können unter Umständen auch umliegende Geschäfte mit einem Karton aushelfen. 

Tierärzte sind verpflichtet, Wildtiere kostenlos zu behandeln

Der Tierarzt Vladyslav Gorodnov untersuchte den jungen Vogel. Foto: Ole Steen
Der Tierarzt Vladyslav Gorodnov von der Kleintierpraxis Brahm am Wall untersucht einen jungen Buchfink. Foto: Ole Steen / Archiv

Der wichtigste Schritt ist zunächst, den Karton mit dem Vogel an einem ruhigen Ort aufzustellen und ihm Zeit für die Stabilisierung zu geben, dabei sollte ihm auf keinen Fall Wasser oder Futter angeboten werden. Oftmals erholen sich die Tiere nach einigen Stunden und werden von selber wieder aktiver. 

Sollte dies nicht der Fall sein, und der Vogel auch nach einer Erholungsphase noch schwach wirken, eine unnatürliche Flügel- oder Körperhaltung aufweisen oder auch direkt beim Auffinden blutige Wunden besitzen, so ist auf jeden Fall ein Vogel-kundiger Tierarzt, ein geeigneter Tierschutzverein oder eine Wildvogelstation aufzusuchen.

„Jeder Tierarzt ist verpflichtet, Wildtiere kostenfrei zu behandeln, leider zeigen einige Mediziner*innen wenig Motivation, und gerade die Stadttaube ist oft kein so gerngesehener Gast, weswegen sich Hilfesuchende idealerweise erst im Internet nach einer geeigneten Stelle für die Unterstützung schlaumachen sollten, denn je nach Vogelart gibt es hier unterschiedliche Spezialist*innen“, so Angelika Remiszewsk.

Weitere Tipps und Informationen finden Sie in den sozialen Netzwerken

Screenshot der Facebook-Gruppe. Den Link zur Gruppe finden Sie im Anhang des Artikels.

Ein erster Anlaufpunkt könnte die Facebook Gruppe „Wildvogelhilfe“ sein, mit über 70.000 Mitgliedern findet sich hier schnell eine geeignete Auffangstation oder ein Verein in Ihrer Nähe (Link im Anhang des Artikels). Sollte sich der gefiederte Patient nach der geschützten Ruhephase hingegen wieder fit und agil verhalten und keine weiteren Auffälligkeiten zeigen, kann er in der Nähe des Fundortes auch behutsam wieder freigelassen werden. 

„Wenn die Tage wieder wärmer werden, sieht man häufiger Jungvögel, bei denen viele Menschen sich in der Sorge melden, dass diese aus dem Nest gefallen sein könnten“ spricht Hobby-Ornithologe Philipp Juranek vom Podcast „Gut zu Vögeln“ (zu hören bei iTunes und Spotify) ein weiteres Thema vieler Tierschützer*innen an und weiß gleichzeitig zu beruhigen: „Meistens geht es den Kleinen gut, denn sie sind selbstständig ausgeflogen und nun sogenannte Ästlinge: sie hüpfen außerhalb ihres Nestes umher, oft noch ungeschickt, flattern und fliegen auch ein wenig. 

Das Wichtigste aber: sie werden weiterhin von den Eltern versorgt!“ so der Vogelfreund und rät dazu, bei Unsicherheit die Jungtiere aus sicherer Distanz zu beobachten. Da es oftmals bis zu einer Stunde dauern kann, bis ein Altvogel zum Füttern kommt, ist hierbei jedoch Geduld erforderlich. Erst wenn darüber hinaus nichts passieren sollte, ist ein weiteres Handeln erforderlich.

 

Unterstütze uns auf Steady

 

Weitere Informationen:

Print Friendly, PDF & Email

Kommentare

  1. Neue Immobilienstandards: Stadt Dortmund reagiert spontan auf Antrag der Fraktion DIE LINKE+ Neue Maßnahmen sollen Vogeltod an städtischen Fenstern verhindern (PM)

    Neue Immobilienstandards: Stadt Dortmund reagiert spontan auf Antrag der Fraktion DIE LINKE+
    Neue Maßnahmen sollen Vogeltod an städtischen Fenstern verhindern

    „„Diese Maßnahmen können zahlreiche Tierleben in unserer Stadt retten. Deshalb freuen wir uns sehr darüber!“ Michael Badura, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE+ (LINKE, Tierschutzpartei, Piratenpartei) ist zufrieden mit den Maßnahmen, mit denen die Stadt Dortmund dem sicheren Tod von Vögeln durch den Zusammenstoß mit Fensterscheiben entgegenwirken will. Denn die Stadt Dortmund hat nach einem Anstoß durch die Fraktion DIE LINKE+ ihre eigenen Immobilienstandards geändert, um den Vogelschlag an neu zu errichtenden städtischen Gebäuden zu verhindern.

    Die Zahl der Vögel, die jährlich beim Aufprall auf Fensterscheiben sterben, ist enorm. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt mindestens 18 Millionen tote Vögel pro Jahr an, die in Deutschland an Fensterscheiben sterben und ergänzt, dass die Dunkelziffer bis zu 100 Millionen betragen könnte. Diese schlimme Zahl veranlasste die Tierschützer in der Fraktion DIE LINKE+, bei der Stadt einen Hilferuf loszulassen. Per Antrag wurden im Februar dieses Jahres die Verantwortlichen aufgefordert nach Möglichkeiten zu suchen, Vogelschlag an städtischen Gebäuden in Zukunft zu verhindern.

    Und tatsächlich: Die städtische Immobilienwirtschaft recherchierte und ermittelte 37 städtische Gebäude, an denen bislang Vogelschlag festgestellt wurde. An diesen Bestandsgebäuden wurden schon zahlreiche Maßnahmen in Eigenregie ergriffen: Aufkleber in Form von Vogelsilhouetten, Gestaltung mit Kunstobjekten oder Bemalung der Fenster durch Kinder, etwa in Schulen. Für die Neubauten jedoch wurden zudem und ganz aktuell die Immobilienstandards geändert, teilte der zuständige Dezernent Arnulf Rybicki den Politikern des Ausschusses für Mobilität, Infrastruktur und Grün mit und stellte einen umfangreichen Maßnahmenkatalog vor.

    Danach soll die Problematik des Vogelschlags bei der Fassaden- und Fenstergestaltung durch Vermeidung von Durchsichten und Spiegelungen bereits in der Planung berücksichtigt werden. So werden bei allen relevanten Fenster- und Fassadenteilen geeignete Schutzmaßnahmen umgesetzt, um das Glas für Vögel sichtbar zu machen – etwa durch Punktmuster oder Streifen in schwarz oder orange oder auch durch individuell gestaltete Muster oder Schriftzüge auf dem Glas.

    „Wir bedanken uns für diese unbürokratische Neuregelung, auch wenn wir natürlich wissen, dass die städtischen Immobilien nur einen kleinen Teil aller Gebäude in Dortmund ausmachen“, sagte Michael Badura. „Wir möchten deshalb an alle Unternehmen, aber natürlich auch an Privatleute appellieren, zum Schutz der Vögel selbst Maßnahmen an Fenstern und sonstigen Glasflächen zu ergreifen.“

    Info:
    https://www.bund-nrw.de/publikationen/detail/publication/broschuere-vogelschlag-an-glas-das-problem-und-was-sie-dagegen-tun-koennen/

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen