
Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, erhielt Prof. Richard Schrock für seine Forschung zur Olefinmetathese 2005 den Nobel-Preis für Chemie. Angefangen hatte alles mit einem Chemiebaukasten, den er von seinem Bruder geschenkt bekam. Auch wenn in seiner Familie niemand einen akademischen Hintergrund hatte, war für Schrock immer klar: er will studieren.
Angetrieben von der Neugier
„Viel Geld hatten wir nicht, aber die University of California hatte Programme für Studierende wie mich, und ich habe jeden Sommer im Labor gejobbt“, erklärte Schrock. Auf anraten seines Dozenten für physikalische Chemie bewarb er sich für seine Promotion an der Elite-Universität Harvard – und wurde, zu seiner eigenen Überraschung, angenommen. Nach einem Forschungsaufenthalt als Postdoc an der University of Cambridge 1971, nahm Schrock eine Stelle in der Forschungsabteilung des Chemiekonzerns DuPont an.
„Mein ganzes Berufsleben wollte ich aber nicht in der Industrie verbringen. Ich wollte Grundlagenforschung betreiben – auch wenn das hieß, weniger zu verdienen“, erzählte er. „Ich wollte so viele Katalysatorvarianten wie möglich ausprobieren, um herauszufinden, wie man aus der Fülle möglicher Ergebnisse ganz gezielt bestimmte Produkte herstellt.“
Das Fundament für eine neue Grundreaktion
Daher zog es ihn 1975 an das Institute of Technology in Massachusetts. Hier knüpfte er an seine Arbeit zu Metall-Olefin-Reaktionen an, die er zuvor bei DuPont begonnen hatte. Bis 1980 hatte Schrock bereits nachweisen können, welche Art von Wolframverbindungen die Metathese von Olefinen ermöglichen.

Mitte der 1980er-Jahre gelang es ihm, Katalysatoren mit Zentren auf Wolfram- und Molybdänbasis herzustellen, die die Metathese wirkungsvoll in Gang setzen.
Für die „Entwicklung der Metathese-Methode in der organischen Synthese“ erhielt er 2005 gemeinsam mit Yves Chauvin und Robert H. Grubbs den Chemie-Nobelpreis. Das Verfahren ermöglichte es, wichtige chemische Grundstoffe auf Basis von biologischen Verbindungen herzustellen, für die üblicherweise fossile Ausgangsstoffe genutzt werden.
Von der Grundlagenforschung in die Produktion
Mitte der 1990er-Jahre tat er sich mit Amir Hoveyda zusammen, um die asymmetrische Metathese und ihre möglichen Anwendungen zu erkunden. „Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen gibt es in der Natur in Hülle und Fülle, und für viele chemische Produkte sind sie enorm wichtig, beispielsweise für Arzneimittel und Kraftstoffe“, erklärte Schrock.

So ebnete die Metathese den Weg für neue Verfahren, die das Potenzial hatten, die Industriechemie nachhaltiger zu machen. Stolz erzählte Schrock, wie seine Studentin Smaranda Marinescu an seine Arbeit anknüpfte und einen Katalysator entwickelte, der die Ausbeute der Reaktion von 70 auf 95 Prozent steigerte.
2010 gründete er zusammen mit Hoveyda und weiteren Metathese-Pionieren die Firma XiMo. Ziel der Ausgründung war es, die Katalysatoren in größerem Maßstab herzustellen und marktreif zu machen. Sieben Jahre später übernahm der deutsche Biokraftstoffhersteller Verbio AG, der sich schon früh Gedanken dazu gemacht hatte, was mit mehr Wertschöpfung aus seiner Produktion gemacht werden könnte.
An die Forschung Schrocks wird auch in Dortmund angeknüpft
Aus den Arbeiten bei XiMo entstanden dort neue Verfahren, mit denen sich aus lokal produziertem Pflanzenöl biobasierte Chemikalien herstellen lassen – ein Thema, zu dem auch in Dortmund geforscht wird: Die Arbeitsgruppe von Dr. Thomas Seidensticker, auf dessen Initiative Schrock nach Dortmund kam, arbeitet an Methoden, um Chemikalien nachhaltig per Katalyse aus regionalen, biobasierten Rohstoffen zu gewinnen.
Schließlich eröffnete Verbio am 6. Oktober 2026 in Bitterfeld, Sachsen-Anhalt, eine Anlage zur Ethenolyse von Methyloleat aus Raps, ausgelegt auf 60.000 Tonnen pro Jahr – mit einem Katalysator, der auf Schrocks Grundlagenforschung zur Olefinmetathese fußt. Nach dem Vortrag stand der Nobelpreisträger den zahlreichen Fragen aus dem Publikum Rede und Antwort.
Dabei betonte er immer wieder, wie wichtig die Zusammenarbeit für wissenschaftliche Entdeckungen sei: „Keiner kann alles schaffen. Ich habe mich auf Olefine und Doppelbindungen konzentriert, also hat sich eben jemand anderes die Alkine und Dreifachbindungen vorgenommen. So läuft Wissenschaft! Sie braucht Zeit, viele Varianten – und Studierende, die kräftig mit anpacken.“
Zur „Initialzündung“
In den 1860er-Jahren experimentierte der schwedische Chemiker Alfred Nobel – Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises – unter anderem auf der Zeche in Dortmund-Dorstfeld mit Sprengstoffen für den Bergbau.Um Nitroglyzerin mit größerer Sicherheit zur Explosion bringen zu können, entwickelte er 1863 die sogenannte Initialzündung. Nach dieser Experimentierphase Nobels benannt, wurde die Vortragsreihe mithilfe einer Spende der Wilo-Foundation zum 50. Geburtstag der TU Dortmund ins Leben gerufen und von 2019 bis 2025 finanziell unterstützt.
Bislang zu Gast: Prof. Frances Arnold (Nobelpreis für Chemie 2018), Prof. Erwin Neher (Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1991), Prof. Benjamin List (Nobelpreis für Chemie 2021), Prof. Reinhard Genzel (Nobelpreis für Physik 2020), Dr. Irina Scherbakowa (Friedensnobelpreis 2022 für die Menschenrechtsorganisation Memorial), Prof. Klaus von Klitzing (Nobelpreis für Physik 1985) und Prof. Stefan Hell (Nobelpreis für Chemie 2014).
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

