Nordstadtblogger

Forschungsfrühstück 2019: Softwareentwicklung für autonomes Fahren made by Fachhochschule Dortmund

90 Prozent der Innovationen in der Automobilindustrie sind im Bereich Software zu verzeichnen. Seit 2011 wird an der FH Dortmund an unterstützenden „Werkzeugen“ (eng. tools) geforscht – Software zur Softwareentwicklung.

Von Anna Lena Samborski

Autonomes Fahren ist in aller Munde. Was vielen nicht bekannt ist: Die FH Dortmund hat sich hierfür in der Forschung einen Namen gemacht – und das europaweit. Am Institut für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten (IDiAL) sitzen nämlich ExpertInnen für Software-Entwicklung für das durchdigitalisierte Auto von morgen. Um sich über die neusten Entwicklungen zu informieren, kamen 160 interessierte Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Anfang April zum Forschungsfrühstück ins Dortmunder Rathaus. 

Anwendungsbezogene Forschung – FH Dortmund auf dem Vormarsch

Es herrschte reges Interesse an der Veranstaltung. Fotos: Stephan Schuetze

Zur Begrüßung gab es lobende Worte von Bürgermeister Manfred Sauer: „Dortmund ist keine unbedeutende Wissenschaftsstadt mehr“, sagt er. Dazu trage die FH mit ihrem Fokus auf Digitalität, Projektierung und Internationalität sowie mit anwendungsbezogener Forschung bei.

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Auch Rektor Professor Wilhelm Schwick resümiert die Erfolge. In den letzten zehn Jahren ist die FH auf allen Ebenen gewachsen: „Die Studierendenzahl hat sich verdoppelt – die Gelder aus Drittmitteln sind sogar verzehnfacht worden“. Und lagen im letzten Jahr bei 10 Millionen Euro – keine Selbstverständlichkeit für eine Fachhochschule. Maßgeblich dazu beigetragen habe Carsten Wolff, Professor für technische Informatik. Wofür er von der FH-Fördergesellschaft mit dem Forschungspreis 2018 belohnt wurde.

„Sein Hobby ist nämlich Forschungsanträge schreiben“, stellt ihn die Prorektorin für Digitalisierung Prof. Andrea Kienle vor. Wolff hat außerdem das IDiAL gegründet. Hier forschen er und sein Team an der Software-Entwicklung für „eingebettete Systeme“. Was es damit auf sich hat, macht er am Beispiel modernes Auto deutlich.

90 Computer in jedem Auto: Software zur Softwareentwicklung benötigt 

Die FH arbeitet europaweit mit Partnern im Bereich Wirtschaft und Forschung zusammen.

Schon die Betrachtung einer einzelnen Zeile eines Computercodes kann bei Laien Überforderung auslösen. 20 Millionen solcher Programmzeilen werden für die vielseitigen Assistenzsysteme und Funktionen in heutigen Fahrzeugen benötigt, erklärt Wolff. 

Dabei stellt das moderne Auto ein Paradebeispiel für ein „eingebettetes System“ dar: Bis zu 90 Computer – die elecronic control units (ECU) – müssen perfekt mit der umliegenden Technik zusammenarbeiten. Somit ist es nicht verwunderlich, dass 90 Prozent der Innovationen in der Automobilindustrie im Bereich Software zu verzeichnen sind – vor allem mit Hinblick auf die Fortschritte beim autonomen Fahren. 

Der Entwicklungs-Prozess einer solchen Software ist dabei genau so komplex wie es sich anhört. Genau genommen sogar so komplex, dass die FH Dortmund seit 2011 an unterstützenden „Werkzeugen“ (eng. tools) forscht – Software zur Softwareentwicklung also. Wichtig dabei: Den Überblick behalten, die einzelnen Computer und Codeschnipsel zusammen fügen, Fehler suchen, neue Methoden integrieren sowie Simulationen durchführen – und das Testen natürlich.

FH Dortmund europaweit bekannt – Kooperationen mit Bosch und Siemens

Prof. Carsten Wolff, Wirtschaftsförderer Thomas Westphal, Prof. Andrea Kienle, Bürgermeister Manfred Sauer und Prof. Wilhelm Schwick.

Prof. Carsten Wolff, Wirtschaftsförderer Thomas Westphal, Prof. Andrea Kienle, Bürgermeister Manfred Sauer und Prof. Wilhelm Schwick.

Die FH Dortmund stemmt diese Aufgabe nicht alleine – eine europaweite Zusammenarbeit von Wirtschaft und Forschung ist gefragt. Eine Kooperation mit Firmen wie Bosch und Siemens und anderen Forschungseinrichtungen besteht. 

„Jemand sitzt unterm Lindenbaum und hat irgendwann eine innovative Idee – so stellen sich viele die klassische Forschung vor. Anwendungsbezogene Forschung an einer Fachhochschule sieht anders aus: Hier kommen Partner aus der Wirtschaft mit einer konkreten Fragestellung auf uns zu“, beschreibt Wolff die Zusammenarbeit.

Viele Ergebnisse aus verschiedenen Projekten werden der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt: Die entwickelten Software-Tools sind nämlich als Open Source Produkte frei im Internet zu erhalten.

„Safety vs. Security“: IT-Sicherheit und der Schutz vor Hackerangriffen und technischen Fehlern

Die Forschungen an der FH tragen maßgeblich zum guten Ruf Dortmunds als Wissenschaftsstandort bei.

Die Forschungen an der FH tragen maßgeblich zum guten Ruf Dortmunds als Wissenschaftsstandort bei.

„Wie sieht es mit der Testung der Software aus?“, so eine Frage aus dem Publikum. Auch hier können die Tools für Abhilfe sorgen: In jedem Entwicklungsschritt wird die Software geprüft und validiert. Sodass ihre Funktionalität und Sicherheit auch in der realen Anwendung gegeben sein soll, so Wolff.

„Und wie sieht es mit der Software Security aus?“, will Nordstadtblogger wissen. Denn beim Thema IT-Sicherheit sind zwei Aspekte zu bedenken: Die technische Sicherheit (englisch „Safety“) und der Schutz gegen menschliche Angriffe (englisch „Security“). 

Wolff räumt ein: „Am Anfang hat die technische Software Community den Security Aspekt unterschätzt“. Seit zwei Jahren tue sich jedoch etwas: „Wir arbeiten intensiv mit dem Institut für Internet-Sicherheit in Gelsenkirchen zusammen.“ So sollen Security-Methoden für PCs auf die technische Software übertragen werden. Es scheint allerdings noch Einiges zu tun zu geben. 

Kommentar

Von Anna Lena Samborski 

Zunächst eine Begriffsklärung: Wo kommen diese „Drittmittel“ eigentlich her? Tatsächlich kommen die meisten Gelder für die vorgestellten Projekte von öffentlicher Seite – genau genommen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Ein vertiefender Blick in die Projektdatenbank verrät: Sogar Bosch selbst wird mit dessen Forschungsmitteln „gefördert“. 

Moment mal: Sollte die Wirtschaft ihre Entwicklungen und Innovationen nicht selbst finanzieren? Mit den entwickelten Open Source Tools kann nun vielleicht Jugend forscht einen Roboter bauen – Die großen Nutznießer werden aber wohl die beteiligten Konzerne selbst sein.

Bei aller Kritik gilt es zu bedenken: Die Durchdigitalisierung unseres Alltags wird unweigerlich voranschreiten. Ohne Beteiligung der öffentlichen Forschung wird das Feld komplett der Privatwirtschaft überlassen. Wohl keine gute Idee: Denn aus der reinen Außensicht wird in Zukunft niemand mehr die hochkomplexe Software verstehen – geschweige denn auf Sicherheitslücken und Datenmissbrauch testen können.

Die Vergabe der öffentlichen Gelder kann also als ein klarer gesamtgesellschaftlicher Auftrag gesehen werden – der weit über die reine Wirtschafts- und Innovationsförderung hinausgeht. Die technische Informatik muss sich ihrer hohen gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst werden. Die Bemühungen im Bereich Safety, Security und Datensicherheit müssen fortgesetzt und ausgebaut werden. Sodass die öffentlichen Gelder für die konsequente Umsetzung von gesellschaftlichen Ansprüchen an moderne Technik genutzt werden – und nicht nur rein wirtschaftlichen Interessen dienlich sind.

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