
Seit vier Wochen erprobt das Klinikum Dortmund den Einsatz von Body-Cams in Notaufnahmen. Einzelne Mitarbeiter:innen in den Klinikzentren Mitte und Nord sowie in der Kinderklinik und Kinderchirurgie tragen die gut sichtbaren Kameras. Das Klinikum stellt das Projekt vor und zieht eine erste positive Bilanz.
Body-Cams sollen deeskalierend wirken
Es ist ein Novum in Deutschland und in Europa. Body-Cams wurden bisher nur von Polizeikräften und dem Ordnungsdienst getragen. Die Zunahme von Aggression und Übergriffen in den letzten Jahren macht sich jedoch auch in den Notaufnahmen bemerkbar. Die Mitarbeitenden sollen durch das Tragen der Kameras besser geschützt werden. Außerdem sollen die Body-Cams deeskalierend wirken. Bis Ende Mai dauert die Pilotphase noch an.

Für Michael Kötzing war es „an der Zeit, neue Wege zu gehen“. Der Geschäftsführer und Arbeitsdirektor des Klinikums Dortmund betont, dass zwar „99,9 Prozent“ der Kontakte freundlich verlaufen, die Kameras aber für den „klitzekleinen Anteil von Menschen“ gedacht sind, die „nicht wissen, wie sie sich zu benehmen haben“.
Beleidigungen würden zum „Tagesgeschäft“ gehören und Drohungen, wie „ich weiß, wo dein Auto steht“, würden bei den Mitarbeitenden Angst auslösen. Körperliche Übergriffe kämen viel zu häufig vor. Er stellt klar: „Wir sind an dem Punkt, an dem wir sagen, unsere Beschäftigten verdienen Schutz und niemand muss mit Angst zur Arbeit kommen oder mit Angst nach Hause gehen.“ ___STEADY_PAYWALL___
Lange Wartezeiten seien Hauptgrund von Aggressivität
Bei der Wahl der Geräte stand die leichte Bedienung und die Kompaktheit der Kameras im Fokus. Sie sollen nicht stören und im Ernstfall leicht bedienbar sein. Projektleiter Dirk Stallmann arbeitet direkt mit dem Hersteller Motorola zusammen. „Beim Thema Tragbarkeit in der Gesundheitsbranche gibt es Defizite, weil es noch keiner wirklich gemacht hat. Man hat uns direkt angeboten mit uns zusammen in die Entwicklung zu gehen”, erklärt Stallmann. Neben dem großen Anschaltknopf verfügt die Kamera außerdem über weitere Funktionen, die in der Zukunft dazu genommen werden können.

Als einer der Hauptgründe für die verbalen und physischen Angriffe in Krankenhäusern, neben Alkohol- und Drogeneinfluss, nennt der Klinik-Geschäftsführer die langen Wartezeiten in der überfüllten Notaufnahme.
„Rund 20 Prozent der Menschen, die hier in die Notaufnahme kommen, sind da nicht richtig“, macht Kötzing deutlich. Zum einen würden Menschen wegen Zeckenbissen kommen, zum anderen, weil sie monatelang auf Facharzttermine warten, erklärt der Arbeitsdirektor und kommt dabei auf ein politisches Problem der Versorgungslage der Fachärzte zu sprechen.
Rechtliche Fragen zu Datenschutz und Persönlichkeitsrecht wurden geklärt
In Deutschland ist es das erste Krankenhaus, das Kameras erprobt. Europaweit sind nur in Großbritannien Rettungsdienste, wie Feuerwehr und Krankenhäuser, mit Bodycams ausgestattet.

Die Bedenken zum Datenschutz und Persönlichkeitsrecht sind bei Kameras in einem sensiblen Umfeld, wie einem Krankenhaus, naheliegend. Den rechtlichen Fragen begegnete das Klinikum deutlich. Die Body-Cams würden nur im Empfangsbereich der Notaufnahmen eingesetzt. Zudem müsse eine klare Ankündigung erfolgen, wenn die Kameras eingeschaltet werden.
Die Aufnahmen aus den Kameras lwürden lokal auf klinikeigenen Servern gespeichert und würden, sofern sie nicht an Strafverfolgungsbehörden übergeben werden, gelöscht. „Wir haben das Projekt ein Jahr lang vorbereitet und stehen auf der rechtlich sicheren Seite“, schätzt Kerstin Meyer aus dem Justitiariat des Krankenhauses die rechtliche Lage ein.
Reaktionen seien „durch die Bank positiv“
Die Reaktionen auf die Bodycams haben Kötzing dann doch ein Stück weit überrascht: „Die Reaktionen sind durch die Bank, und damit hätte ich selber nicht gerechnet, durch die Bank positiv“. Das Tragen der Kameras stellt das Klinikum ihren Mitarbeiter:innen gänzlich frei. Das Anschalten der Kameras liegt ebenfalls in ihrem Ermessen. Sie sollen hierbei „auf ihr Bauchgefühl vertrauen“, in welchen Situationen das Anschalten der Kameras eine deeskalierende Wirkung haben könnte oder eher das Gegenteil bringen würde.

Christian Eggers, Funktionsleitung der Notaufnahme Nord, und Daniel Senftleben, Funktionsleitung der Notaufnahme Mitte, sind zwei der 24 Mitarbeiter, die die Kameras in der Pilotphase ausprobieren.
Eggers betont, dass bereits das bloße Vorhandensein der Kamera das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter:innen verbessert: „Allein das Tragen der Cams wirkt nicht nur beim Gegenüber deeskalierend, sondern führt auch bei uns dazu, dass wir uns sicherer fühlen.“
Senftleben kann Eggers nur zustimmen. Die bloße Anwesenheit der Geräte führe zu einer „zumindest gefühlten Verbesserung im Umgang mit dem Patienten und deutlich weniger verbale Aggressionen“, erklärt Senftleben. Besonders Krankenpflegerinnen, die etwas kleiner sind, fühlen sich laut Senftleben von den Kameras unterstützt.
Patient:innen zeigen großes Verständnis
Thorsten Strohmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme Mitte und Nord, bestätigt das „absolut positive Feedback“ und berichtet von Situationen, in denen die bloße Ankündigung der Aufnahme bereits half: „Die schalten zwei, drei Gänge zurück und eine normale Gesprächssituation ist wieder möglich.“

Und die friedlichen Patient:innen zeigen sich interessiert an der neuen Ausstattung des Personals. „Es herrscht ein unfassbar hohes Verständnis auf Seiten der Patient:innen“, betont Kötzing.
Strohmann ist sich, gemäß seines Berufsstandes, bewusst, dass die Bodycams kein „Allheilmittel“ sind. Im Mittelpunkt stünden weiterhin die Kommunikationsfähigkeit und Schulungen in Deeskalationstechniken.
Kameras sind Teil eines großen Maßnahmenpakets
Als Reaktion auf die gestiegene Gewaltbereitschaft hat das Klinikum Dortmund neben den Kameras eine ganze Reihe an Sicherheitsmaßnahmen erlassen. Für das wirtschaftlich arbeitende Krankenhaus sehr viel Geld: „Wir reden über Gelder, die wir hier in der Perspektive ausgeben, die dieses Krankenhaus schlicht nicht hat und die ins Defizit gehen“, sagt Kötzing. Ein großer Teil des Budgets soll in das Aufstocken des Sicherheitsdienstes von 18 auf 24 Stunden fließen.

Die vielen Türen des Klinikzentrum sollen zudem sicherer gemacht werden, damit besser überprüft werden könne, wer sich im Gebäude aufhält. „Es ist niemals als Justizvollzugsanstalt geplant worden. Aber wenn man Besuchszeiten einführen will, die wir so bisher gar nicht haben, wer ist denn eigentlich im Gebäude und wer nicht“, zieht Kötzing den Vergleich.
Eine Tür koste allein 15.000 Euro, womit der bisherige Umfang im hohen sechsstelligen Bereich auf siebenstellig anwachsen würde, so der Arbeitsdirektor.
Eine andere, auf dem ersten Blick, simple Maßnahme habe bereits Wirkung gezeigt. Das Klinikum Dortmund hat ihre Hausordnung überarbeitet, um gegen Menschen, die immer wieder negativ auffallen, vorzugehen. 30 Hausverbote wurden seitdem ausgesprochen.
Viele Krankenhäuser beobachten Pilotprojekt
Das Projekt wird von vielen Krankenhäusern in ganz Deutschland beobachtet. Kötzing sagt, er könne sich vor Anfragen kaum retten. „Vier bis fünf Häuser pro Woche erreichen mich.“ Fünf Häuser würden bereits fest mit der Implementierung der Kameras planen.
Ob die Kameras nach der dreimonatigen Testphase fester Bestandteil der Pflegeuniform der Belegschaft des Krankenhauses Dortmund werden, hält sich Michael Kötzing noch offen. „Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit den Beschäftigten und dem Betriebsrat. Am Ende werden wir das gemeinschaftlich entscheiden.“
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