
Das Baukunstarchiv NRW in Dortmund zeigt eine Fotoausstellung „Under Broken Skies“ zum ukrainisch-deutschen Kulturerbe. Die Aufnahmen stammen von den Gebieten in der Ukraine, die heute nahe der Frontlinie liegen und vor rund zwei Jahrhunderten zur Heimat deutscher Siedler wurden. Kuratorin Irina Unruh und Kulturreferent Edwin Warkentin erzählen dabei von kulturellen und historischen Verbindungen zwischen der Ukraine und Deutschland. Die Fotoausstellung ist bis zum 9. August 2026 im Baukunstarchiv NRW zu sehen.
Deutsche Baukultur an der Frontlinie und das Erbe der Zarenzeit
Auf den Fotografien sind viele historische Gebäude aus den ukrainischen Gebieten zu sehen. Einige davon sind alte Kirchen, Fabriken und Denkmäler, die von deutschen Kolonisten sowie Mennoniten aufgebaut wurden. Seit dem 18. Jahrhundert siedelten sie sich im Süden und Osten des heutigen Landes an und prägten dort über Generationen das Leben.

Die Ausstellung widmet sich diesem Thema, um diesen wichtigen Teil der Geschichte sichtbar zu machen. Denn viele Deutsche und Ukrainer wissen überhaupt nicht, wie eng die beiden Länder verbunden sind. Zugleich spürt die Schau deutscher Baukultur in der Ukraine nach und dokumentiert die Spuren des Krieges. Denn einige der fotografierten Orte liegen nahe an der Frontlinie, werden heute täglich von russischen Truppen beschossen oder sind bereits besetzt.
Vor allem handelt es sich um Regionen wie Saporischschja, Sumy, Donezk, Dnipro, Charkiw, Odessa und Cherson. Bis zu 400.000 Nachfahren deutscher Siedler lebten dort bis 1941. In der Zarenzeit waren sie eine ziemlich erfolgreiche Bevölkerungsgruppe und machten die Gebiete zu florierenden Agrarregionen. Das Russische Reich förderte die koloniale Politik stark und bot viele Privilegien für sie – freies Land, Selbstverwaltung sowie die Befreiung vom Militärdienst.
„Russlanddeutsche“: ein historischer Begriff mit politischer Last
Die Ausstellung ist Teil eines großen Projekts des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Genau diesen Begriff „Russlanddeutsche“ assoziieren viele Menschen automatisch mit dem Staat Russland. Kulturreferent Edwin Warkentin erklärt, dass es eher ein Sammelbegriff ist: „Aus einer kulturhistorischen Perspektive“ gehe es um „verschiedene Gruppen von Menschen, deren Vorfahren ein ähnliches Schicksal hatten“.

Für Ukrainer:innen ist der Begriff gleichzeitig seit Beginn des russischen Angriffskriegs zu einem besonders sensiblen Thema geworden. Im Russischen Reich und in der Sowjetunion wurde die Ukraine großenteils russifiziert – unter Zwang. Deshalb sprechen viele Ukrainer:innen bis heute Russisch. Diese Folgen der Geschichte werden jedoch seit 2014 für russische Propagandanarrative genutzt: Wer Russisch spricht, wird dabei oft als „russisch“ bezeichnet und damit als Teil Russlands beansprucht.
Kuratorin Irina Unruh nennt diesen Begriff ebenfalls problematisch. „Ich selber bezeichne mich nie als Russlanddeutsche. Ich komme aus Kirgistan und dort haben wir uns als deutsche Minderheit angesehen“, sagt sie. Unruhs Urgroßeltern stammen ebenfalls aus der Ukraine, aus der Gegend um Charkiw. „Deshalb kannte ich schon so ein bisschen die Geschichte der Deutschen in der Ukraine“, betont sie. Während des Zweiten Weltkriegs unter Stalin begann die Deportation nach Kirgisistan, Kasachstan und Sibirien. Heutzutage leben wohl etwa 30.000 Menschen deutscher Herkunft in der Ukraine.
„Das Tragische ist, dass diese Geschichte unbekannt ist”
„Das hatte für mich natürlich sofort einen familiären Hintergrund. Dieser Krieg findet auch in der Familiengeschichte statt“, sagt Warkentin. Er initiierte die Ausstellung mit und hat selbst eine tiefe persönliche Verbindung zum Thema: Seine Vorfahren kamen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Nähe der heutigen Stadt Melitopol in der Region Saporischschja. Dort lag ein Ansiedlungsgebiet, in dem Mennoniten lebten – eine besondere christliche Gemeinschaft deutscher Siedler.

Warkentin beschäftigt sich seit knapp zehn Jahren mit dem Kulturerbe der Deutschen aus dem postsowjetischen Raum. Obwohl er im heutigen Kasachstan geboren wurde, hat er eine eigene Familienverbindung zur Ukraine. Besonders deutlich spürte er diese Verbindung im Herbst 2022 während der ukrainischen Cherson-Offensive: Damals befreite die ukrainische Armee das Dorf, in dem sein Urgroßvater begraben liegt. Früher trug es den deutschen Namen „Tige“, heute heißt es auf Ukrainisch „Kochubijwka“.
„Das Tragische ist, dass diese Geschichte in der heutigen Ukraine unbekannt ist“, betont Warkentin. Viele junge Menschen vor Ort sähen zwar diese Gebäude, die „irgendwie deutsch“ aussehen, kennten aber den historischen Kontext nicht.
Aus 700 Einsendungen auf die Ausstellungsfläche
Die Idee für die Ausstellung entstund aus dem internationalen Fotowettbewerb „Wiki Loves Monuments“. Er findet jedes Jahr statt, und sowohl Fotografen als auch Interessierte nehmen dabei Gebäude auf, die zum geschützten Kulturerbe zählen. Die Kuratorin Irina Unruh arbeitet selbst als Dokumentarfotografin und entschied gemeinsam mit dem Team, diese Aufnahmen in einem festen Projekt weiterzuentwickeln.

Aus über 700 Fotos wurde eine feine Auswahl für die Schau getroffen. Ergänzt werden sie durch Archivmaterialien aus dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte sowie ein zentrales Element der Ausstellung: den Essay „Bloodland Memorial“ von Robert Faber. Auch Faber hat Vorfahren aus dieser Region; er reiste für Interviews in die Ukraine und verarbeitete die familiären Erzählungen in seinem Text.
So präsentiert die Schau eine Zusammenstellung aus unterschiedlichen Zeitstufen und unternimmt den Versuch, die Besucher mit auf eine Reise durch die historisch bewegte Region zu nehmen. Unruh betont: „Die Zerstörung von Kulturstätten hinterlässt unwiederbringliche Wissenslücken, da sie nicht nur materielle Güter, sondern auch kollektive Geschichten und Identitäten auslöscht und damit Geschichtsumdeutungen begünstigt. Die Ausstellung macht diese gemeinsame europäische Geschichte sichtbar und unterstreicht, dass ihr Erhalt eine geteilte Verantwortung ist.“
Weitere Informationen:
- Laufzeit: 26. Juni bis 09. August 2026 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund.
- Öffnungszeiten: Di bis So 14:00 – 17:00 Uhr, Mo geschlossen.
- Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie unter www.baukunstarchiv.nrw.
- Die Präsentation ist ein gemeinsames Projekt des Kulturreferates für Russlanddeutsche am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, des Vereins DEPART und des Rates der Deutschen in der Ukraine; organisiert von der TU Dortmund, dem Liaison Office Osteuropa/Zentralasien der Universitätsallianz Ruhr und dem Baukunstarchiv NRW.
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