Jugendhilfe: Schimmel, Asbest und Notbetrieb – Streetwork für Jugendliche vor dem Kollaps

Die städtische Einrichtung an der Leopoldstraße steht vor dem Aus

Sieht idyllisch aus, ist aber fast vollständig außer Betrieb: Die Streetwork-Anlaufstelle  in der Nordstadt. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

In einer Serie beleuchten wir die Lage der Jugendarbeit in Sachen Streetwork. Zum Auftakt thematisieren wir die desolaten Zustände im städtischen Streetwork-Café in der Nordstadt.

Das städtische Streetwork ist unter massivem Druck: Ein drastischer Schimmel- und Ungezieferbefall sowie Asbestfunde haben die Überlebenshilfeeinrichtung des Fachdienstes Streetwork an der Leopoldstraße zur Schließung gezwungen. Während der direkte Kontakt zu wohnungslosen Jugendlichen auf zwei Stunden pro Werktag im Außenbereich zusammengestrichen wurde, warnen Fachkräfte vor einer Verfestigung von Obdachlosigkeit und vor Ausweichkonflikten im Stadtgebiet.

Feuchtigkeit, Schadstoffe, Asbest: Streetwork-Räume als Gesundheitsrisiko

Die Räumlichkeiten des Fachdienstes Streetwork der Stadt Dortmund, der wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren betreut, entsprechen nach Angaben des Fachdienstes bereits seit Jahren nicht mehr den Anforderungen.

Als Übergangslösung genutzte Bürocontainer mussten aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen dauerhaft aufgegeben werden. Konkrete Probleme mit der Immobilie – vor allem Feuchtigkeit und Schadstoffe – gibt es nach Angaben der Stadt seit Februar 2025.

Das vorläufige Aus für die Einrichtung an der Leopoldstraße 22 folgte zum 12. Mai 2026: Wiederkehrender Schimmelpilz- und Ungezieferbefall in Dusch-, Sanitär- und Lagerbereichen machte das Arbeiten für das Personal gesundheitlich unzumutbar. Im Zuge der anstehenden Sanierungsarbeiten wurden zudem asbesthaltige Materialien in einem Lagerraum festgestellt.

Post, Snacks und Begleitungen: Was vom Angebot noch übrig ist

Seit der Schließung gibt es an der Leopoldstraße nur noch feste Öffnungszeiten im Außenbereich des Containerdorfs: montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr. In dieser Zeit können die jungen Menschen ihre Post abholen und erhalten kleinere Snacks und Getränke. Zusätzlich sind dienstags und donnerstags Streetworker am Dortmunder Hauptbahnhof im Einsatz. Dort bieten sie weiterhin Begleitungen und Vermittlungen an – unter anderem zu den Jugendhilfediensten, zum Jobcenter, zu medizinischen Hilfseinrichtungen, Bürgerdiensten, Rechtsberatungen, Betreuer*innen und Notübernachtungsstellen.

Als Übergangslösung genutzte Bürocontainer mussten aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen dauerhaft aufgegeben werden.

Die Kolleginnen und Kollegen pendeln dafür zwischen ihren Ausweichbüros und dem bisherigen Standort. „Die jungen Menschen sollen weiter diesen Anlaufpunkt haben, aber den haben sie jetzt nicht mehr den ganzen Tag, sondern nur noch in abgespeckter Form“, sagt Jugenddezernentin Monika Nienaber-Willaredt. Ziel sei es, dass „uns die jungen Menschen nicht ganz abhandenkommen“.

Wesentliche Angebote der Grundversorgung entfallen dagegen vollständig: Dusch- und Waschmöglichkeiten, warme Mahlzeiten, Toiletten, ärztliche Sprechstunden, ein wettergeschützter Aufenthaltsraum sowie umfangreiche und vertrauliche Gespräche sind vor Ort derzeit nicht möglich. Das Team nutzt vorübergehend Ausweichbüros im Jugendamt an der Voßkuhle sowie ein Beratungszimmer vor Ort. Da in den bisherigen Räumen adäquate Lüftungs- und Heizungsmöglichkeiten fehlen, wird trotz laufender Sanierung bereits für die Wintermonate mit neuem Schimmelbefall gerechnet.

Personeller Notstand und gestrichene Angebote

Vor Ort arbeiten bis zu sechs Sozialarbeiter*innen, allerdings nicht alle in Vollzeit. Die baulichen Zustände haben bei den Beschäftigten zu erheblichen gesundheitlichen Belastungen geführt: Allergische Reaktionen auf Schimmelpilze, dauerhafte Erkrankungen, Überlastung und Ausfälle mündeten in hoher Fluktuation und unbesetzten Stellen. Die personellen Engpässe zwangen das Team zu deutlichen Leistungskürzungen.

Das reguläre Zwei-Schichten-System mit Früh- und Abendöffnung konnte ab Mitte Dezember 2025 nicht mehr aufrechterhalten werden. Zwei Projektstellen, deren Verlängerung im Herbst 2025 bewilligt wurde, blieben wegen Befristungen und ständiger Personalwechsel nie durchgehend besetzt.

Das geschlechtsspezifische Angebot für junge Frauen musste im Dezember 2025 eingestellt werden, ein für Juni 2026 geplanter Neustart scheiterte an der Schließung der Immobilie.

Fehlende Notschlafstelle für junge Volljährige: Stadt ist in Gesprächen

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Dortmund weiterhin keine eigene Notschlafstelle für junge Volljährige gibt. Bestehende Übernachtungsangebote sind für diese Altersgruppe nach Einschätzung des Fachdienstes nicht bedarfsgerecht, überfüllt, mit langen Wartezeiten verbunden oder zu hochschwellig.

Monika Nienaber-Willaredt im Interview Foto: Alexander Völkel für die nordstadtblogger.de

In der Folge nächtigen junge Erwachsene auf der Straße, in prekären Schlafverhältnissen oder weichen in andere Städte aus.Das Problem ist in der Verwaltung bekannt. Im Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie sei intensiv darüber gesprochen worden, andere Träger hätten angeboten, gemeinsam nach Synergien zu suchen, berichtet Nienaber-Willaredt.

„Es ist schwierig, junge Menschen, die obdachlos sind, mit älteren Obdachlosen zusammenzubringen. Das möchten wir eigentlich nicht“, betont die Dezernentin. „Wir sondieren gerade, was wir darüber hinaus tun können. Wir sind da in Gesprächen, aber ich kann jetzt noch nichts Konkretes sagen. Wir haben es auf jeden Fall auf dem Schirm als eine ganz wichtige Aufgabe.“

Besuchszahlen halbiert, Beratungsbedarf bleibt hoch

Die Krise spiegelt sich deutlich in den Nutzungszahlen wider: Im Berichtszeitraum von Juni 2025 bis Mai 2026 verzeichnete die Einrichtung 7.066 Besuche, im Vorjahr waren es noch 13.337. Der Einbruch begann im August 2025 mit dem Schädlingsbefall und dem daraus folgenden Ausfall der Essensausgabe.

Kein Knast, sondern der Eingang zum Streetwork im Parkhaus an der Leopoldstraße 22. Leopold Achilles | Nordstadtblogger

Der Hilfebedarf in der Zielgruppe blieb dabei unverändert hoch. Die Fachkräfte führten 2.130 Beratungsgespräche mit insgesamt rund 1.052 Stunden Dauer durch, das entspricht etwa 4,5 Stunden pro Öffnungstag.

Zu den häufigsten Themen zählten Unterstützung bei Papieren und Ämtern (418 Fälle), psychosoziale Beratung (217), SGB-II-Leistungen (196), Begleitungen zu Behörden und Medizinerinnen (180) sowie Straffälligkeit (132).

Zudem wurden 114 postalische Erreichbarkeiten neu eingerichtet und 181 verlängert – für viele Klientinnen eine Grundvoraussetzung für den Kontakt zu Behörden. Im Rahmen der Straßensozialarbeit dokumentierte das Team zusätzlich 720 Kontakte auf der Straße.

Trotz der schwierigen Lage hält der Fachdienst seine Vernetzung mit anderen Institutionen aufrecht: Im Berichtszeitraum wurden insgesamt 1.154 Austausch-, Begleitungs- und Vermittlungskontakte mit Kooperationspartner*innen dokumentiert, darunter regelmäßiger Austausch mit Jugendhilfediensten, Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, dem Gesundheitsamt und dem Jobcenter.

Verdrängung und Folgen für das gesamte Hilfesystem

Die Schließung der Anlaufstelle hat nach Einschätzung des Fachdienstes spürbare Konsequenzen für die gesamte Stadt. Die jungen Menschen weichen auf allgemeine Angebote der Wohnungslosenhilfe aus, die dadurch bereits eine deutliche Überlastung durch die speziellen Bedarfe der 14- bis 27-Jährigen melden.

Durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Altersgruppen in den Ausweicheinrichtungen steigt zudem das Risiko für Spannungen und körperliche Auseinandersetzungen.

Weil kontinuierliche Beziehungsarbeit und fachgerechte Beratung fehlen, wächst nach Einschätzung von Fachkräften die Gefahr, dass Jugendliche dauerhaft auf der Straße verbleiben. Obdachlosigkeit werde dadurch im öffentlichen Raum deutlicher sichtbar, fehlende Anlaufstellen drohten bestehende Problemlagen im Stadtgebiet zu verschärfen.

Neue Immobilie bis Jahresende? Dezernentin hofft auf schnelle Lösung

Die Stadt bemüht sich nach eigenen Angaben intensiv, die bisherige Immobilie wieder für einen Interimsbetrieb zu ertüchtigen und zugleich einen „ggf. notwendigen“ Ausweichstandort zu finden. Ziel sei es, der Zielgruppe bald wieder ein möglichst komplettes Angebot auch in geschlossenen Räumen machen zu können.

Die Räumlichkeiten an der Leopoldstraße blieben auch nach der Sanierung grundsätzlich unzureichend, Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Jugenddezernentin Nienaber-Willaredt formuliert ein ehrgeiziges Ziel: „Wir sind gerade dabei, eine Immobilie zu suchen, und hoffen, dass wir Ende des Jahres eine nordstadtnahe Immobilie haben, wo wir das Streetwork-Café wieder mit allen Öffnungszeiten öffnen können.“

Der Fachdienst selbst rechnet mit einem längeren Prozess: Die Räumlichkeiten an der Leopoldstraße blieben auch nach der Sanierung grundsätzlich unzureichend, ein Umzug in eine neue, innenstadtnahe Immobilie sei unumgänglich. Eine Überarbeitung des Konzepts sowie eine entsprechende politische Vorlage werden voraussichtlich für 2027 angestrebt.

Stollenpark bekommt neues Profil – Trägerschaft wird ab November neu vergeben

Ob der Stollenpark an der Bergmannstraße 51 als Ersatzstandort infrage kommt, ließ die Stadt auf Nachfrage offen. Für die Einrichtung wird derzeit auf Grundlage der Jugendhilfeplanung ein neues fachliches Profil entwickelt. Im Mittelpunkt sollen eine bedarfsgerechte Quartiers- und Stadtbezirksarbeit sowie niedrigschwellige Angebote für junge Menschen stehen.

Das Jugendforum Nordstadt tagt im Jugendzentrum Stollenpark
Das Jugendzentrum Stollenpark wird in seiner bisherigen Form schließen – doch eine Neukonzeption steht noch nicht.

Am Standort sollen verschiedene Leistungen der Jugendhilfe zu einem multiprofessionellen Angebot verbunden werden – mit Treffmöglichkeiten, Beratung, Begleitung und mobiler Arbeit. Ob daraus ganz oder teilweise wieder ein Jugendtreff wird, ist noch offen.

Für die Trägerschaft ist Ende November ein Interessenbekundungsverfahren im Rahmen der zentralen AG nach § 78 SGB VIII Kinder- und Jugendarbeit vorgesehen. Beteiligen können sich alle anerkannten Träger der Jugendhilfe – grundsätzlich also auch der Planerladen, der den Stollenpark bislang betreibt. Die Träger wurden nach Angaben der Stadt bereits Anfang September über das Verfahren informiert.

Drei Busse für mobile Jugendarbeit – Schließungen „nicht angedacht“

Zusätzlich setzt die Stadt auf mobile Angebote: Drei Busse wurden angeschafft, sie sind allerdings noch nicht ganz einsatzbereit. „Wir gehen davon aus, dass wir mit den Bussen mehr erreichen“, sagt Nienaber-Willaredt. Sorgen, die mobilen Angebote könnten Jugendtreffs ersetzen, tritt sie entgegen – wenn auch mit Einschränkung. Wegen der Haushaltskonsolidierung komme zwar alles auf den Prüfstand. Sollte sich zeigen, dass eine Jugendfreizeitstätte kaum noch besucht werde, müsse man das überlegen. „Aber das ist jetzt erstmal überhaupt nicht angedacht. Im Moment haben wir das Angebot mit den drei Bussen erweitert und haben nicht vor, irgendwas zu schließen.“


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