
Von Horst Delkus
Der Politiker Ernst Mehlich prägte vor dem Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach wie kein anderer die Sozialdemokratie in seiner Wahlheimat Dortmund – rund zwei Jahrzehnte lang. In Dortmund war Mehlich Redakteur der „Arbeiterzeitung“, Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates, Volkskommissar mit weitreichenden Vollmachten sowie Staats- und Reichskommissar für das Ruhrgebiet. Er galt als hoch umstritten. Heute jedoch ist Ernst Mehlich nahezu vergessen; nur eine Straße zwischen Heiligem Weg und Märkischer Straße erinnert an ihn. Dabei wirft seine Lebensgeschichte scharfe Schlaglichter auf die Geschichte der SPD vor dem Ersten Weltkrieg, auf die politische und gesellschaftliche Umwälzung in der Revolutionszeit nach dem Sturz des Kaisers und auf die ersten Jahre der Weimarer Republik. Ernst Mehlich starb vor 100 Jahren – am 19. August 1926 – mit nur 44 Jahren bei einem Zugunglück nahe Hannover.
Vom Buchdrucker zum Lokalredakteur der Dortmunder „Arbeiter-Zeitung“

Geboren wurde der spätere Dortmunder Arbeiterfunktionär am 14. Dezember 1882 in Oberschlesien. Nach der Volksschule machte er eine Lehre als Buchdrucker und Schriftsetzer. Seine Wanderjahre als Geselle führten ihn über die Schweiz, Württemberg und Hamm nach Dortmund. Im Selbststudium eignete er sich ein breites Wissen der sozialistischen wie der schöngeistigen Literatur an.
Mit 22 machte er sich selbstständig. „Der Kundenkreis blieb klein“, hieß es Jahre später in einem Nachruf, „war er doch als Sozialdemokrat bekannt, und zudem Vorsitzender des Gewerkschaftskartells und hatte in dieser Funktion bei Vertretung von Arbeiterforderungen manche Auseinandersetzung mit verschiedensten gewerblichen Unternehmern.“
Der junge Mehlich gab die Selbständigkeit auf. Im November 1906 wurde der 24jährige stellvertretender Vorsitzender der Dortmunder SPD – und bald darauf für kurze Zeit Redakteur der Dortmunder SPD-Parteizeitung. Er wechselte nach Stettin zum sozialdemokratischen „Volksboten“.

Ein Jahr später, im Februar 1910, kehrte er zurück zur „Arbeiter-Zeitung“ nach Dortmund. Hier blieb er – unterbrochen durch seinen Kriegseinsatz 1915/16 – bis Ende November 1918 Lokalredakteur. Seine journalistische Arbeit brachte Mehlich sechs Monate ins Gefängnis.
Im Kaiserreich engagierte sich Mehlich vor allem im Arbeiter-Abstinenten-Bund gegen den grassierenden Alkoholkonsum – und für den Aufbau und die Ausstattung von Arbeiterbibliotheken. Er hielt zahlreiche Vorträge und schrieb die Broschüre „Gemeinde und Alkohol. Aufgaben der Gemeindepolitik gegen den Alkoholismus“, veröffentlicht 1908 in Berlin. Ferner verfasste er einen „Kleinen Leitfaden für Arbeiterbibliotheken“. Er erschien 1910 in Leipzig und ging hervor aus Vorträgen, die er im Stettiner Arbeiterbildungsverein gehalten hatte.
Mehlich wird Vorsitzender des Dortmunder Arbeiter- und Soldatenrates
Als in Berlin aufständische Matrosen und Arbeiter das Kaiserreich zu Fall brachten, das Ende des Ersten Weltkriegs herbeiführten und die sozialistische deutsche Republik ausriefen, gründeten in Dortmund die Parteiführungen von SPD und USPD – der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die 1917 als Widerstand gegen die Bewilligung der Kriegskredite der SPD geschaffen wurde – am Abend des 9. November 1918 einen Arbeiter- und Soldatenrat.

Der ernannte Ernst Mehlich zu seinem Vorsitzenden. Tags darauf erklärte dieser Rat, er habe die politische und militärische Gewalt in Dortmund übernommen, und begrüßte in seiner programmatischen Erklärung den revolutionären Umbruch. Als Ziel nannte der Rat unter Mehlichs Leitung die „politische und soziale Umwälzung im Sinne der Demokratie und des Sozialismus.“
Er forderte unter anderem die „Anerkennung seiner kraft Vertrauen des Volkes verliehenen Machtbefugnis“, „die Übergabe der Militärgewalt und die Schaffung volkstümlicher Sicherheitsorgane“ sowie die Kontrolle und Sicherung der Lebensmittelversorgung, die Kontrolle aller industriellen Betriebe, Banken und Versicherungsanstalten „zur Sicherung der Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie der Betriebsmittel durch Arbeiter- und Angestellten-Ausschüsse“, ferner die „Einführung der Achtstundenschicht“.
Der Magistrat der Stadt Dortmund unterstützte diese Forderungen. Im Rathaus richtete der Arbeiter- und Soldatenrat ein Büro ein. Auf einer Versammlung, an der nach Presseberichten 50.000 bis 60.000 Menschen teilnahmen, ließ sich der Arbeiter- und Soldatenrat als Beauftragter und Vollzugsorgan des Volkes bestätigen.
„Festzuhalten ist“, so die Historikerin Inge Marßolek, „dass die Dortmunder Arbeiterschaft keinen direkten Einfluss auf die Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates ausgeübt hatte und auch keine Kontrollmöglichkeiten über dessen zukünftige Tätigkeiten (etwa durch Berichtspflicht oder Öffentlichkeit der Sitzungen, Abwählbarkeit der Mitglieder des Rates) hatte.“
Am 10. November 1918 erklärte sich dieser Rat zugleich als Arbeiter- und Soldatenrat für den Reichstagswahlkreis Dortmund-Hörde. Das hieß: Alle lokalen Räte in diesem Gebiet waren ihm unterstellt.
Mehlich übernimmt die Führung für den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg

Geschickt baute Mehlich seine Machtposition weiter aus: Auf einer Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte im Regierungsbezirk Arnsberg im Dezember 1918 wurde beschlossen, dass der Dortmunder Arbeiter- und Soldatenrat unter der Leitung von Ernst Mehlich ebenfalls die Führung für den gesamten Regierungsbezirk übernehmen sollte.
Mit diesem Mandat nahm Mehlich für die Mehrheitssozialdemokratie am Reichsrätekongress vom 16. bis 21. Dezember in Berlin teil. Dort hielt er eine Rede, in der er das Grundsatzreferat von Rudolf Hilferding zur „Sozialisierung des Wirtschaftslebens“ stützte und betonte, „dass die Sozialisierung die einzige Rettung aus dem Kriegselend ist“. Er äußerte sich auch zu einer neuen, progressiven Einkommens- und Vermögenssteuer: „Wir können diese Steuer so einrichten, dass wir Vermögen über eine Million Mark überhaupt nicht mehr haben.“
Im Dezember lud der Dortmunder Arbeiter- und Soldatenrat zu einer Konferenz der Räte im rheinisch-westfälischen Industriegebiet nach Dortmund ein. Mehlich hielt vor den 135 Delegierten das Hauptreferat. Darin erklärte er, die Aufgaben der Räte hätten sich auf die vorübergehende Kontrolle der kommunalen Verwaltung zu beschränken; jeder Eingriff in deren Tätigkeit sei zu vermeiden.
Der Schwerpunkt müsse sein, wieder ordnungsgemäße Wirtschaftsabläufe zu sichern. Die Delegierten nahmen mit nur acht Gegenstimmen eine Erklärung an, mit der die Versammlung die Politik der Regierung Ebert-Scheidemann unterstützte. Dagegen wuchs der Widerstand, insbesondere bei der USPD.
Unabhängige Sozialdemokraten fordern die Absetzung von Mehlich
Für den 7. Januar 1919 lud die Dortmunder Ortsgruppe der USPD Soldaten, Kriegsversehrte und Deserteure zu einer Versammlung im Dortmunder Gewerbeverein ein. Die Teilnehmer forderten die Absetzung von Mehlich und einigen städtischen Beamten. Im Anschluss daran zog eine Demonstration durch die Stadt, an der sich auch einige Bewaffnete beteiligten.

In der Nacht kam es zu mehreren Auseinandersetzungen mit der Sicherheitswehr, unter anderem bei der Räumung der von Unabhängigen Sozialdemokraten besetzten Druckerei der Westfälischen Allgemeinen Volks-Zeitung in der Kielstraße. Es gab zahlreiche Verhaftungen sowie einige Schwerverletzte und Tote.
Bald wurden die Unruhen – analog zu Auseinandersetzungen in Berlin – als Putsch von Spartakisten bezeichnet. Dafür gibt es jedoch keine Belege. Niemand hatte derartige Ambitionen. Richtig ist hingegen: Die rund 300 Teilnehmer der USPD-Veranstaltung hatten gefordert, den Mehrheitssozialdemokraten Ernst Mehlich abzusetzen.

Mehlich regierte auf seine Weise: Im Februar 1919 ließ er sich durch den Arbeiter- und Soldatenrat und die Dortmunder Stadtverwaltung zum „Volkskommissar für den Stadt- und Landkreis Dortmund“ ernennen.
Damit hatte er, so die sozialdemokratische Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung, „die unumschränkte Gewalt über alle Behörden des Gebiets“. Der Dortmunder USPD-Vorsitzende Edwin Jacoby (mehr zur Person Jacoby am Ende) nannte ihn daraufhin den „Diktator von Dortmund“. Im Arbeiter- und Soldatenrat hatten die Unabhängigen Sozialdemokraten durch eine Umorganisation bereits jeden Einfluss verloren. Ebenso wie der im Februar 1919 aus der Taufe gehobene kleine Dortmunder Ableger der erst wenige Wochen zuvor in Berlin gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands.

Nach den Kommunalwahlen am 2. März 1919 wählte die Dortmunder Stadtverordnetenversammlung Ernst Mehlich zu ihrem Vorsitzenden. Die SPD erhielt bei diesen Wahlen – der ersten nach der Abschaffung des undemokratischen Dreiklassenwahlrechts – 33 von 78 Mandaten. Sie war damit die weitaus stärkste Fraktion. Also stand ihr die Besetzung des Stadtverordnetenvorstehers zu.
Beinahe wäre Mehlich auch der erste sozialdemokratische Oberbürgermeister von Dortmund geworden: Als die siebenjährige Amtszeit des amtierenden Oberbürgermeisters Eichhoff ablief, schlug die sozialdemokratische Fraktion Ernst Mehlich vor. Er unterlag am 27. März 1922 gegenüber Eichhoff mit nur zwei Stimmen, nach einer anderen Quelle nur mit einer.
Mehlich gegen die Sozialisierung des Ruhrbergbaus

Als eine Versammlung von Arbeiter- und Soldatenräten am 13. Januar in Essen eine sogenannte „Neunerkommission“ für die Vorbereitung der Sozialisierung des Ruhrbergbaus wählte und die Wahl von Räten zur Demokratisierung und Kontrolle der Zechen durch die Bergleute beschloss, habe Mehlich diese sabotiert – so der Vorwurf seiner Kritiker.
Beim am 16. Februar beschlossenen Generalstreik ging die Dortmunder Sicherheitswehr, die zum größten Teil aus SPD-Mitgliedern und sozialdemokratischen Gewerkschaftern bestand, rigoros gegen streikwillige und streikende Bergleute vor.
Die WAVZ schrieb nach der Proklamierung des Generalstreiks wahrheitswidrig: „Hier wird der Arbeitswille durch den Terror bewaffneter Banden gebeugt und gebrochen. “ Mehlich verbot in Dortmund den Buchdruckern die Anfertigung von Flugblättern, die ohne seine Genehmigung erschienen; die Sicherheitswehr verhaftete Arbeiter, die zum Generalstreik aufriefen, und vertrieb Streikposten mit der Waffe.
Die Mülheimer „Freiheit“ berichtete am 27. Februar 1919 gar von der Ermordung des USPD-Vorsitzenden von Ickern im damaligen Landkreis Dortmund, Scharf, der auch Vorsitzender des dortigen Arbeiter- und Soldatenrates war: „Wir beklagen das abscheuerregende Ende unseres Freundes und erheben flammenden Protest gegen die Blutherrschaft der Noske-Mehlich und Konsorten. Arbeiter! Eure Besten fallen dem Blutrausch dieser Menschen zum Opfer, und ihr werdet um alles betrogen, was euch die Revolution gegeben hat. Nieder mit Mehlich und Konsorten! Es lebe die Herrschaft des Proletariats! “
Bei der Sturmaktion in Ickern waren 20 bis 30 Bergleute von der Dortmunder Sicherheitswehr erschossen oder verhaftet worden. „Der Genosse Scharf fiel dem Bluthunden Mehlichs in die Hände und wurde ermordet. Die Absicht des ‚großen Volkskommissars Ernst Mehlich‘ war die Beseitigung des Arbeiter- und Soldatenrates Ickern“, so die „Freiheit“.
April 1919: „Verschärfter Belagerungszustand“ – Das Militär übernimmt die Macht
Ende März 1919 kam es zu einer erneuten Streikbewegung im Ruhrgebiet. Sie ging diesmal vor allem von Dortmunder Bergleuten aus, insbesondere der Zeche Kaiserstuhl. Der Dortmunder Arbeiter- und Soldatenrat sowie der Magistrat waren gegen diesen Streik und erließen ein Demonstrationsverbot.

Auf einer Delegiertenversammlung, an der sich fast alle Zechen des Ruhrgebiets beteiligten, wurde – gegen den Widerstand der Gewerkschaften – ein Generalstreik für den 1. April beschlossen. Mit folgenden Forderungen: Sechs-Stunden-Schicht, 25 Prozent Lohnerhöhung, Anerkennung der demokratisch gewählten Räte, Auflösung der Freikorps, Bildung von Arbeiterwehren.
Dieser „wilde Streik“ wurde im Dortmunder Revier fast vollständig befolgt. Er weitete sich über das ganze Ruhrgebiet aus und erreichte um den 9. April seinen Höhepunkt: 350.000 Streikende auf 215 Zechen. „Der Streik vom April 1919 war“, so das Urteil des Historikers Jürgen Tamke, „im wahrsten Sinne des Wortes ein Generalstreik.“
Er wurde von zahlreichen Sympathiestreiks außerhalb des Bergbaus begleitet. Die Reichsregierung verhängte über das Ruhrgebiet den verschärften Belagerungszustand. Das hieß: Standgerichte konnten drakonische Strafen bis zur Todesstrafe verhängen, Grundrechte wurden eingeschränkt, die vollziehende Gewalt auf den zuständigen Militärbefehlshaber, General von Watter in Münster, übertragen. Der setzte – mit Unterstützung des ihm zur Seite gestellten Reichskommissars im Dortmunder Stadthaus, Carl Severing, einem Sozialdemokraten – Militär und Freikorps gegen die Streikenden ein. Severing bestellte seinen Parteifreund Ernst Mehlich zu seinem Stellvertreter. .
März/ April 1920: Mit Reichswehr- und Freikorpstruppen gegen revoltierende Arbeiter

Als sich im Ruhrgebiet Arbeiter gegen den Kapp-Putsch von Militärs und Nationalisten am 13. März 1920 erhoben, die Errungenschaften der jungen Weimarer Republik verteidigten, in den Generalstreik traten und bewaffnete Arbeiterwehren bildeten, die sogenannte Rote Ruhrarmee, verbündeten sich Severing und Mehlich mit dem Militär und den Freikorps. In Dortmund wandten sich Magistrat und Stadtverordnetenversammlung unter Vorsitz von Ernst Mehlich bereits zwei Tage nach dem Putschversuch mit einem Aufruf an die Arbeiterschaft von Dortmund, den Generalstreik einzustellen: „Arbeit, Ruhe und Ordnung allein sind die Lebensretter in diesen schweren Schicksalstagen! “
Einen Tag später gab Mehlich als Vertreter des Reichs- und Staatskommissars Severing folgende Erklärung heraus: „Der Befehlshaber des Wehrkreises 6, Generalleutnant Freiherr v. Watter, hat sich rückhaltlos auf den Boden der alten Regierung gestellt.“

Damit war in den Augen von Severing und Mehlich jeder Widerstand gegen das Militär ein aufrührerischer Akt. Sie unterstützten den Einmarsch von Reichswehr- und Freikorps-Truppen in Wetter und in Hagen, später auch in Dortmund, um den bewaffneten Widerstand der Arbeiterschaft zu zerschlagen.
Bei den Verhandlungen zum sogenannten „Bielefelder Abkommen“ Ende März 1920, das das Ende der Roten Ruhrarmee besiegelte, aber nicht eingehalten wurde, war Mehlich Protokollführer. Der Dortmunder Sozialdemokrat gilt auch als Autor der Schmähschrift „Achtzehn Tage Kommunisten-Terror in Dortmund“.
Im Juni 1920 wurde Mehlich Nachfolger Severings als Reichs- und Staatskommissar für das Ruhrgebiet. Mit Amtssitz in Dortmund.
Zu seinen Aufgaben gehörte insbesondere die „Durchführung von Einigungs- und Schiedsverfahren zur Sicherung des Wirtschaftslebens gegen alle Störungen, insbesondere durch Arbeitseinstellungen, Aussperrungen usw.“ sowie die „Behandlung aller Fragen, die sich auf die Steigerung der Erzeugung, insbesondere der Kohlenförderung durch Überschichten, bessere Ernährung, Vermehrung der Arbeiter usw. beziehen.“

Mehlichs Aufgabe bestand vor allem darin, als Vertreter staatlicher Autorität politischen Druck bei Lohn- und Arbeitszeitkonflikten im Ruhrgebiet auszuüben – und so Arbeitskämpfe zu vermeiden.
Dabei fällte er umstrittene Schiedssprüche zugunsten der Unternehmer.
Sozialdemokraten kritisieren Mehlich als Schlichter beim Streit um Löhne und Arbeitszeiten

Dagegen regte sich auch in seiner eigenen Partei, der SPD, heftiger Widerstand. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Carl Jäcker auf einer Parteiversammlung: „Mehlich mag von der Notwendigkeit und Richtigkeit seiner Maßnahmen überzeugt gewesen sein, aber sie waren nicht unbedingt erforderlich. Im Augenblick sind Mehlichs Schiedssprüche für uns unannehmbar. “
Mehrfach gab es sogar Ausschlussanträge. Im November 1924 nahmen 550 Betriebsräte auf einer Konferenz in Essen eine Resolution an, in welcher – angesichts der von ihm gefällten Schiedssprüche, welche dauernd zugunsten der Arbeitgeber ausfielen – der Schlichter Mehlich als „Lump“ bezeichnet wurde.

Besonders scharf in die Kritik geriet er mit seinem Schiedsspruch zur Wiedereinführung der Achtstundenschicht für die Ruhrbergleute im Februar 1925. Die Kommunistische Partei rief in ihrer Ruhrgebiets-Zeitung zum Kampf gegen den „neuen Mehlich-Schandspruch“ auf – und für die Beibehaltung der erst 1919 nach einem Streik zugestandenen Siebenstundenschicht.
Auch in der eigenen Partei, der SPD, verstummte die Kritik an Mehlichs Schlichtersprüchen nicht: So auf der Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Vereins Münster im Mai 1926, wo Mehlich einen Vortrag hielt. In der anschließenden Diskussion hieß es unter anderem, die Metallarbeiter bekämen Hungerlöhne.
„Die Praxis des Genossen Mehlich lasse sich nicht vereinbaren mit seiner Forderung nach Stärkung der Kaufkraft der Arbeiterschaft.“ Ein anderer Versammlungsteilnehmer wünschte sich „eine andere Stellungnahme des Genossen Mehlich in seiner Tätigkeit als Schlichter. Wir müssen von unseren Genossen in einflussreichen Stellungen den Mut zu parteiischer Stellungnahme für das Proletariat fordern, wie es die Gegenseite stets handhabt. Sonst ist uns mit der Besetzung des Amtes durch einen Genossen mehr geschadet als genützt.“
Mehlich stirbt bei einem schweren Zugunglück

Am 19. August 1926 – vor 100 Jahren – kam Ernst Mehlich bei einem Attentat auf die Gleise eines Nacht-D-Zugs in der Nähe von Hannover auf dem Rückweg von einer Dienstreise nach Berlin ums Leben.
Sein Freund Severing würdigte Mehlich in seinem Nachruf als „einer der Männer, deren heißestes Streben darauf gerichtet war, aus dem Trümmerhaufen der zusammengebrochenen deutschen Wirtschaft [nach dem ersten Weltkrieg] einen Weg in Freie, einen Weg zum Wieder-, besser zum Neuaufbau zu suchen. “
Und Reichskanzler Marx schrieb an die älteste Tochter Mehlichs: „Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Ihnen und Ihren Geschwistern, die auf so tragische Weise des Vaters und Ernährers beraubt worden sind, der Reichsregierung und mein innigstes Beileid auszusprechen. Die bedeutsamen Dienste, die der Verstorbene in rastloser Arbeit der Reichsregierung geleistet hat, werden unvergessen bleiben. “

Die Trauerfeier für Ernst Mehlich fand am 23. August 1926 in der großen Trauerhalle am Hauptfriedhof statt.
Daran nahmen zahlreiche Vertreter von Behörden, Parteien und Verbänden teil sowie der Dortmunder Bürgerschaft.
„Obwohl die Trauerfeier schon früh am Morgen angesetzt worden war, hatte sich eine außerordentlich starke Teilnehmerschar eingefunden“, heißt es in einem zeitgenössischen Pressebericht.
„Die große Trauerhalle war zu klein, und noch im letzten Augenblick morgens mussten Anstalten für eine zweite Trauerfeier in größerem Rahmen getroffen werden.“
Zwei Jahre später, im August 1928, wurde die Hansemannstraße in Dortmund in Ernst-Mehlich-Straße umbenannt – und im Anschluss an den Heiligen Weg verbreitert und ausgebaut. Eine kritische politische Biografie von Ernst Mehlich gibt es bis heute nicht.
HINTERGRUND – Zur Person: Edwin Jacoby

Der Dortmunder USPD-Vorsitzende Edwin Jacoby war neben Adolf Meinberg der schärfste Kritiker von Ernst Mehlich. Er bezeichnete ihn als „Diktator von Dortmund“.
Jacoby war ein ehemaliger Bankangestellter im Dortmunder Bankhaus Gebr. Stern und Bruder von dessen Mitinhaber Louis Jacoby.
Er wurde 1942 von Berlin als Jude in das Lager Piaski deportiert und dort ermordet. Ein Stolperstein in der Hohenstaufenstraße 50 in Berlin-Schöneberg erinnert heute an ihn.
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