SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Stadt eröffnete 1913 den Magerviehhof am Fredenbaum

Prominente Gäste besuchten die erste Viehausstellung

Ansichtskarte mit Motiven vom Magerviehhof an der Lindenhorster Straße, 1955/60
Ansichtskarte mit vier Motiven vom Magerviehhof an der Lindenhorster Straße, 1955/60: 1. Zufahrt mit Eingangsbereich, 2. Verwaltungsgebäude, 3. Viehmarktgelände mit Auftrieb, 4. Gastronomie-Innenansicht Sammlung Klaus Winter

Dort, wo heute der Park um das Dietrich-Keuning-Haus liegt, war am 30. September 1885 der städtische Schlachthof eröffnet worden. Er war verbunden mit einem Viehhof, auf dem regelmäßig Landwirte und Viehhändler ihre Tiere den Schlachtern zum Kauf anboten, sowie einem Viehmarkt für den Handel mit Zuchtvieh. Die neue Anlage löste ein nördlich des Burgtores gelegenes Provisorium ab, dass den Ansprüchen der stetig wachsenden Stadt in keiner Weise mehr entsprochen hatte.

Am alten Viehhof traten viele Probleme auf

Die großzügige Anlage von 1885 war jedoch nicht frei von Problemen. Der Viehauftrieb an den14tägig stattfindenden Handelstagen mit Zuchtvieh sorgte immer wieder für wesentliche Verkehrsbehinderungen, verursachte regelmäßig die Verschmutzung der betroffenen Straßen und hatte auch Unfälle im Gefolge.

Die Rampe des Magerviehhofs. Links die Verkaufshalle, rechts im Hintergrund das Verwaltungsgebäude.
Die Rampe des Magerviehhofs. Links die Verkaufshalle, rechts im Hintergrund das Verwaltungsgebäude. Sammlung Klaus Winter

Weil es auf dem Viehmarkt keine Halle gab, fand der Handel bei Wind und Wetter statt. Tiere, die über Nacht bleiben mussten, hatten bestenfalls einen schlechten, meistens aber keinen Unterstand.

Als besonders schwerwiegend wurde aber empfunden, dass der Zuchtviehmarkt wegen seiner Nähe zum Schlachtviehmarkt als Ausgangspunkt für Tierseuchen galt. Es soll Händler gegeben haben, die den Dortmunder Viehmarkt deshalb mieden.

Die Dortmunder Stadtverwaltung suchte ein Baugrundstück in Körne

Schon 1898/99 stellte die Stadt deshalb 200.000 Mark in ihren Etat ein, die für die Anlage eines neuen Zuchtviehmarktes dienen sollte. Nach langwieriger Suche fand man 1910 endlich ein geeignetes Grundstück in Körne östlich vom dortigen Bahnhof der Hafenbahn.

Körne gehörte damals jedoch noch nicht zu Dortmund. Deshalb wollten die Dortmunder die benötigten Grundstücke eingemeinden. Dieses Vorhaben konnte aber nicht realisiert werden. Ein alternatives Grundstück fand man schließlich „hinter dem Fredenbaum“.

Das Bauprojekt war sehr umfangreich

Am Nordrande des Fredenbaum-Waldes mit Zufahrt von der Lindenhorster Straße sollte groß gebaut werden. Der ursprüngliche Plan sah eine mehr als 7.800 qm große Viehmarkthalle vor. Ferner Schweineverkaufshallen für 500 Tiere, ein Schlachthaus für Notschlachtungen und ein Seuchenstall für bis zu 150 Tiere.

Verkaufshalle (links) und Rampe (rechts) des Magerviehhofs .
Verkaufshalle (links) und Rampe (rechts) des Magerviehhofs sowie der Eingangsbereich im Hintergrund. Sammlung Klaus Winter

Ein Dienstgebäude war für die Verwaltung des Marktplatzes vorgesehen. Es sollte Räume erhalten für zwei Tierärzte, den Pförtner und einen Wirt, der den Börsensaal betrieb. Das gesamte Viehhof-Grundstück wurde von Süden, Westen und Norden von Gleisanlagen umgeben. Um einen reibungslosen Betrieb zu ermöglichen, war bei der Planung ein besonderes Augenmerk auf ausreichende Rangiermöglichkeiten der Züge gelegt worden.

Die Baukosten lagen bei über eine Million Mark

Dass es sich bei dem Viehhof-Projekt um ein großes Unternehmen handelte, verrieten allein schon die Kosten: Der Grunderwerb, die Hochbaumaßnahmen, die neuen Bahnanlagen und anderes wie zum Beispiel die Ausführung des Straßennetzes innerhalb des Geländes beliefen sich nach dem Stand vom Juli 1911 auf 1.050.000 Mark.

Bei der Summe sollte es nicht bleiben. Denn im Frühjahr 1912 beschloss die Stadtverordneten-Versammlung den zusätzlichen Bau von zwei Ställen, die Teilung des Betriebs- und Wirtschaftsgebäudes sowie den Ausbau des zweiten Obergeschosses des Wirtschaftsgebäudes. Die Arbeiten hierfür wurden Ende 1912 vergeben.

Die Bauarbeiten waren im Frühjahr 1913 beendet

Zu Beginn des Jahres 1913 ging der neue Viehhof seiner Vollendung entgegen. Das Hochbauamt rechnete mit dem Abschluss aller Arbeiten am 30. April 1913. Man plante die Eröffnung der neuen Anlage mit einer Viehausstellung zu verbinden. Aus der Vergangenheit wusste man, dass solche Ausstellungen sehr beliebt waren und immer viele Menschen anzogen.

Innenansicht der Verkaufshalle.
Innenansicht der Verkaufshalle ohne Betrieb. Sammlung Klaus Winter

Im Februar 1913 wurde bekannt gegeben, dass am 6. und 7. März der Dortmunder Pferdemarkt letztmals auf dem alten Viehmarkt stattfinden würde. Der nächste sollte dann am 3. und 4. Juli auf dem neuen veranstaltet werden.

Viehhof, Magerviehhof und Fettviehhof

Auch wenn die Bezeichnung Magerviehhof bereits häufig gebraucht wurde, wurde offiziell immer von dem Viehhof I für den bisherigen und Viehhof II für den neuen gesprochen. Ab Ende Februar 1913 erhielt der alte die amtliche Bezeichnung Fettviehhof und der neue den Namen Magerviehhof. Zur Begriffsklärung: Unter Magervieh verstand man Tiere, die zur Mast und für die Zucht vorgesehen waren, während Fettvieh zur Schlachtung bestimmt war.

Die Eröffnung des Magerviehhofs nach rund 18 Monaten Bauzeit war ursprünglich für den 29. April vorgesehen. Da der Eröffnungstag aber auf einen jüdischen Feiertag fiel, wurde er auf den 6. Mai verlegt.

Prominente Gäste kamen zur Einweihungsfeierlichkeit

Der Gasthof Zum Magerviehhof am Eingang zum Viehhofgelände.
Der Gasthof Zum Magerviehhof am Eingang zum Viehhofgelände. Sammlung Klaus Winter

Zur Eröffnung erschienen hochkarätige Gäste: aus Münster der Oberpräsident Dr. Prinz von Ratibor und Corvey, aus Arnsberg der Regierungspräsident von Bake, der Landrat von der Heyden-Rynsch, die Vorsitzenden der Landwirtschaftskammer und des Verbandes deutscher Viehhändler u. a.

Stadtbaurat Kullrich hielt einen ausführlichen Vortrag über die Entstehung der neuen Anlage und schilderte die historische Entwicklung der Land- und Viehwirtschaft in Dortmund seit etwa 1800. Nach Kullrich sprach Oberbürgermeister Eichhoff, der den Magerviehhof in die Obhut der Stadt übernahm.

Nachdem auch noch Dr. Prinz von Ratibor und Corvey einige Worte an die Anwesenden gerichtet hatte, besichtigte die Versammlung den neuen Viehhof und die Viehausstellung, die mit ca. 1.000 Tieren beschickt war. Die Tiere waren in acht Klassen eingeteilt, in der jeweils Ehren- und Geldpreise vergeben wurden.

Zum Festschmaus ging es in das alte Rathaus

Das obligatorische Festmahl fand im alten Rathaus am Markt statt. Ratskellerwirt Wehling hatte ein ausgezeichnetes Menu zusammengestellt, und die Hubertsche Kapelle sorgte für die passende Musik.

Luftaufnahme des Geländes des Magerviehhofs an der Lindenhorster Straße (rechts). um 1970.
Gesamtansicht des Geländes des Magerviehhofs an der Lindenhorster Straße (rechts) auf einer Luftaufnahme um 1970. Regionalverband Ruhr, Luftbilderportal

Der Viehhof an der Lindenhorster Straße bestand noch in den 1970er Jahren. Da nicht jeder Tag Markttag war, gab es dort immer wieder andere Veranstaltungen wie zum Beispiel die Gebrauchtwagenmessen 1930-1932.


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