Zahlreiche Prominente aus Politik und Kultur fordern Bleiberecht für die Dramé-Brüder

Den Angehörigen von Mouhamed Dramé droht eine Abschiebung

Sidy und Lassana Dramé vor dem Landgericht Dortmund.
Sidy (l.) und Lassana (r.) Dramé nach der Urteilsverkündung am Dortmunder Landgericht. Foto: Karsten Wickern

Von Paulina Bermúdez und Elija Winkler

Lassana und Sidy Dramé haben keinen Aufenthaltstitel mehr, ihnen droht eine Abschiebung. Jetzt wenden sich Prominente aus der Stadtspitze und dem Bundestag sowie Initiativen und Kulturschaffende in einem offenen Brief an die Stadt Dortmund. Die Forderung: Die Brüder sollen in Dortmund bleiben und arbeiten dürfen.

Die Dramés hoffen auf eine langfristige Zukunft in Dortmund

Die Brüder des 2022 bei einem umstrittenen Polizeieinsatz in Dortmund erschossenen jugendlichen Mouhamed Dramé leben seit 756 Tagen in Dortmund. Sie begleiteten den Prozess gegen die fünf am Einsatz beteiligten Polizist:innen als Nebenkläger. Seit dem Freispruch warten sie auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu einer etwaigen Revision.

Sidy (2.v.l.)und Lasanna (r.) Dramé nahmen als Nebenkläger am Prozess teil.
Sidy (2.v.l.)und Lasanna (r.) Dramé nahmen als Nebenkläger am Prozess teil. Foto: Carsten Wickern

Doch trotz des laufenden Verfahrens endete ihre aktuelle Aufenthaltserlaubnis im Januar 2026. Die Initiativen „Welthaus Dortmund e.V.“ und der „Solidaritätskreis Justice4Mouhamed“ veröffentlichten nun einen offenen Brief, in dem sie erklären, die Dortmunder Ausländerbehörde beabsichtige nicht, den Aufenthalt von Lassana (26) und Sidy (39) Dramé zu verlängern.

Damit tritt für die Dramé-Brüder das Worst-Case-Szenario ein, vor dem sie sich die vergangenen Monate gefürchtet hatten. Während und nach dem Prozess erhielten sie nur kurzfristige Aufenthaltsgenehmigungen und mussten sich so immer wieder mit einer drohenden Abschiebung auseinandersetzen. Für beide zusätzlich eine schwere psychische Belastung.

Starker Rückhalt aus der Stadtgesellschaft: Mehr als 70 Unterzeichnende

Den offenen Brief unterzeichneten Politiker:innen, Jurist:innen, Initiativen und Einzelpersonen aus Dortmund und ganz Deutschland. Darunter sind die Autorinnen Seyda Kurt und Anna Dushime, Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie Gruppierungen aus der BVB-Fanszene wie „The Unity“ und das Fanprojekt Dortmund.

Die Dortmunder Rechtsanwältin Lisa Grüter vertritt die Angehörigen von Mouhamed Dramé und ist bei dem Gedenken dabei. Sie schaut ernst in die Kamera.
Die Dortmunder Rechtsanwältin Lisa Grüter vertritt die Angehörigen von Mouhamed Dramé. Foto: Leopold Achilles

Nebenklageanwältin Lisa Grüter betont die rechtliche Bedeutung des Aufenthalts der Brüder. Ihre Mandanten hätten sowohl in der Revisionshauptverhandlung sowie im Falle einer neuen Hauptverhandlung Anwesenheits- und Erklärungsrechte. Ihre Anwesenheit in Deutschland sei unerlässlich, um „auch Teil der öffentlichen Debatte zu sein und der Familie eine eigenständige Stellung im Verfahren zu sichern.“

Auch Stadtdirektor Jörg Stüdemann und Hannah Rosenbaum, die Bezirksbürgermeisterin der Innenstadt-Nord, gehören zu den Unterzeichnenden.

Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum (Grüne) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Die Bezirksbürgermeisterin findet: „Sidy und Lassana Dramé sind unsere Nachbarn und gehören längst zu unserer Stadt. Sie übernehmen Verantwortung für Erinnerung, Aufklärung und für ein solidarisches Miteinander.“

„Jetzt sind wir gefragt, Verantwortung zu übernehmen und alles dafür zu tun, ihnen eine sichere Zukunft in Dortmund zu ermöglichen“, so Rosenbaum.

Lassana und Sidy Dramé möchten arbeiten – doch es fehlt die Erlaubnis

Die Dramé-Brüder wünschen sich, „wie ihr Bruder Mouhamed, in Dortmund zu bleiben und hier ihre Zukunft zu gestalten“, so heißt es in dem veröffentlichten offenen Brief. Die Unterstützer:innen fordern darin nicht nur eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, sondern eine langfristige Bleibeperspektive, die es Lassana und Sidy Dramé ermöglichen soll, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen.

Lassana Dramé und Künstler Andrian Schnabel vor dem Wandbild.
Lassana Dramé (r.) und Künstler Andrian Schnabel (l.) vor dem Wandbild von Franz Jacobi. Foto: Privat

Beide haben Jobangebote vorliegen, die sie aufgrund der fehlenden Arbeitserlaubnis nicht annehmen dürfen. Bislang sind sie ausschließlich auf Spenden angewiesen.

Für ihre Integration tun die Dramé-Brüder viel: Sie lernen und sprechen Deutsch und engagieren sich ehrenamtlich. Sidy Dramé, der in seiner Heimat als Schneider gearbeitet hat, gibt nun ehrenamtlich Nähkurse und boxt in dem inklusiven Dortmunder Kampfsport-Verein „Sparringpartner4you“.

Lassana Dramé arbeitete im Senegal als Maler, in Dortmund unterstützt er den Künstler Andrian Schnabel, „SNBL Arts“, ehrenamtlich. Zuletzt malten sie gemeinsam ein Wandbild in Erinnerung an BVB-Mitbegründer Franz Jacobi.

Denn Lassana Dramé und seinen getöteten Bruder eint dieselbe Leidenschaft: Der BVB, wegen dem Mouhamed Dramé nach Dortmund gekommen war. Seit nunmehr zwei Jahren besucht der 26-Jährige bei jeder Gelegenheit die BVB-Heimspiele und fährt mit seinen neugewonnen Freund:innen auch zu Auswärtsspielen. Sein größter Erfolg im vergangenen Jahr: Sein Lieblingsverein postete ein Foto des Wandbildes auf Instagram.

Petition richtet sich an Oberbürgermeister Alexander Kalouti

Bereits nach Bekanntwerden des Polizeieinsatzes zeigten sich zahlreiche Dortmunder:innen solidarisch. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Parallel zum offenen Brief wurde eine Petition ins Leben gerufen, die sich direkt an den Dortmunder Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU) richtet. Die Petition fordert ebenfalls ein Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis für die Brüder.

In dem Aufruf zur Petition heißt es, die Präsenz, die Haltung und das Engagement der Dramés sei „ein Gewinn für Dortmund“. Die Kommentare von Menschen, die die Petition unterschrieben haben, zeigen, welche Bedeutung Sidy und Lassana Dramé für viele Menschen in Dortmund haben.

„Lassana ist über die Jahre ein sehr enger Freund geworden und ich will ihn nicht missen. Er ist Dortmunder durch und durch und hat unser aller Leben mit seiner Art und Weise bereichert.“

„Freunde und herzensgute Menschen. Borussia im Herzen. Das was ihrem Bruder verwehrt wurde, sollen nun wenigstens sie erhalten. Ein Leben mit Chancen und Würde in unserer Stadt.“

„Sidy ist der beste Schneider, den ich kenne. (…) Beide sind unglaublich hilfsbereit. Ich wünsche den beiden eine Perspektive, die es in ihrem verarmten Heimatdorf nicht gibt.“

Auf Anfrage der Nordstadtblogger informiert die Ausländerbehörde Dortmund, dass die kurzfristige Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert werden könne, weil der Prozess nun beendet sei. Die beiden Brüder hätten jedoch die Möglichkeit, die Behörde von ihrem Anliegen zu überzeugen oder gegen die Entscheidung zu klagen. Gleichzeitig werde auch geprüft, ob ihnen eine Arbeitserlaubnis erteilt werden kann.

Mouhamed Dramé hatte sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden

Der Solidaritätskreis verteilt am Jahrestag der Tötung Plakate und Flyer zum Gedenken Mouhamed Dramés
Mouhamed Lamine Dramé. Repro: Stella Roga

Im August 2022 wurde Mouhamed Lamine Dramé, der Bruder von Lassana und Sidy Dramé, bei einem Polizeieinsatz in der Dortmunder Nordstadt erschossen. Der jugendliche Geflüchtete aus dem Senegal hatte sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Bereits an den Tagen zuvor hatte Mouhamed Dramé Hilfe gesucht, doch keine bekommen.

An einem Montagnachmittag im Hochsommer befand sich der Jugendliche dann in einer Sackgasse im Innenhof der Jugendeinrichtung, in der er wohnte, an die Kirchenwand gestützt und hielt sich ein Küchenmesser an den Bauch. Auf Ansprachen reagierte er nicht.

Die eintreffenden Polizeibeamt:innen setzten auf Anordnung des Einsatzleiters Pfefferspray ein, wodurch sich Mouhamed Dramé erhob und zu fliehen versuchte, in die einzig mögliche Richtung – auf die Beamt:innen zu. Die feuerten beinah zeitgleich zwei Taser und sechs Schüsse aus einer Maschinenpistole, von denen fünf den Jugendlichen trafen. Mouhamed Dramé verstarb kurz später im Klinikum Nord.

Der Revisionsprozess steht seit über einem Jahr aus

Die Staatsanwaltschaft Dortmund erhob Anklage gegen fünf der insgesamt zwölf am Einsatz beteiligten Polizeibeamt:innen. Darunter der Einsatzleiter, der Schütze und die Beamt:innen, die das Pfefferspray und die DAIG’s (Distanz-Elektro-Impuls-Geräte) eingesetzt hatten. Der Vorwurf: Anstiftung, Totschlag und gefährliche Körperverletzung.

Am Gelände der Jugendhilfe St. Elisabeth an der Missundestraße in Dortmund befindet sich eine Gedenktafel für Mouhamed Lamine Dramé. Foto: Leopold Achilles

Für die Familie des getöteten Jungen stand schnell fest, dass sie an dem zu erwartenden Prozess teilnehmen und den Ort kennenlernen möchten, an dem ihr Sohn und Bruder sein Leben verlor. Lassana und Sidy Dramé begleiteten beinah jeden Prozesstag.

Im Dezember 2024 endete der Prozess für die Brüder ernüchternd: Alle Polizeibeamtinnen wurden freigesprochen. Und das, obwohl das Gericht feststellte, dass Mouhamed Lamine Dramé die Beamt:innen nicht angegriffen hatte, sondern sich selbst verletzten wollte. Sowohl die Familie Dramé als auch die Staatsanwaltschaft legten Revision gegen das Urteil ein.

Weitere Informationen: Die Petition findet sich hier: www.openpetition.de


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Reaktionen

  1. Ulrich Sander

    Ich finde, dass der Polizeieinsatz nicht nur umstritten, sondern ein Verbrechen war. Ebenso ist das Urteil zu verurteilen. Ihr habt richtig berichtet: Taserschuss und Todesschuss fielen fast gleichzeitig. Jedenfalls wurde nicht mit Taser gewarnt. Wo vor auch? Es gab keine Bedrohung durch Mouhamed. Die polizeilichen Schützen und der Befehlsgeber sollten verurteilt werden.

  2. M. Weissig

    Sie sind gekommen, um an dem Prozess zum Tod ihres Bruders teilnehmen zu können. Spender und Unterstützer haben die Kosten dafür übernommen. So weit so gut. Nun aber, nach 2 Jahren, wollen sie bleiben und sich in Deutschland niederlassen. Auf welcher Grundlage soll das geschehen? Fachkräfte sind beide nicht, der eine hat als Schneider gearbeitet, der andere als Maler. Da es im Senegal keine mit Deutschland vergleichbare Ausbildung gibt, gelten sie als ungelernte Arbeitskräfte. Einen Asylantrag haben sie, bis jetzt, auch nicht gestellt, dieser hätte allerdings auch keine Aussicht auf Erfolg. Natürlich gibt es wieder Menschen, die meinen, ein evtl. ergangenes Unrecht mit einer Bleibemöglichkeit erträglicher zu machen. So ist es aber nicht. Die Polizisten sind im Gerichtsverfahren frei gesprochen worden und der Revisionsantrag vor dem BGH ist noch nicht entschieden. Nein, ein Bleiben sollten ihnen nicht ermögllicht werden, sie sollten in den Senegal zurück, wenn nicht freiwillig, dann per Abschiebung, womit sie sich aber dann die Möglichkeit der Wiedereinreise für die evtl. Revision genommen haben.

  3. Wolfgang Richter

    … in Erinnerung an meine ‚Begleitung‘ dies es tödlichen Übergriffs polizeilicher Gewalt. Der Polizeipräsident gesteht bei seiner ehrenvollen Verabschiedung aus dem Amt, dies wäre für ihn der schlimmste ‚Fall‘ gewesen. Für die Gesellschaft bleibt es das. Ebenso ihre politische und juristische ‚Erledigung‘.

    Ein Prozess gegen Polizisten geht in erster Instanz zu Ende. Im ‚Ergebnis‘ so wie zu erwarten und zu seinem Beginn vorausgesagt war: „Dem Staatsanwalt ist für seinen Mut zu danken, den sinnlosen Tod des Jungen aus dem Senegal und daran beteiligte Polizei vor Gericht zu stellen. Es ist aber zu fürchten, dass der Versuch, polizeiliches Versagen zu be- und verurteilen, zu kurz greift und ‚Bewährungen‘ und ‚Freisprüche‘ produzieren wird.“ ( W. R. am 09.08.2023)

    Genau so kündigen es die Plädoyers für das Urteil am dafür vorgesehenen Schlusstag am 12. 12. 2024 jetzt an: Viermal Freispruch und einmal Bewährung. Der Richter und seine Beisitzer werden das aus eigenem Rechtsverständnis kaum korrigieren. Eine Revision des Urteils ist angesagt.

    Der juristische Prozess folgt bis zum Urteil dem gesellschaftlichen Verständnis vom Schützen des Eigenen und Strafen des Anderen. Auf den Anruf wegen des Verdachts einer suizidalen Absicht des Jungen (das Messer am Bauch) rückte eine nahkampfmäßig ausgestattete Kohorte aus der Wache aus, ‚um den Jungen zu retten‘ (wir mussten schnell handeln). Übung? Vorführung? Bewährung?Alles Grübeln hilft nicht – es gibt schon für diesen Start keine Erklärung, so wenig wie für den folgenden Einsatz der Waffen – bis zum Tod ‚des Anderen‘.

    Es bleiben alle strukturellen Fragen: „Warum hat der Einsatzleiter den Einsatz befohlen – warum ist ihm niemand ins Wort gefallen? Warum haben zwei Polizistinnen Nahkampfinstrumente eingesetzt – warum hat keiner ihrer Kameraden Halt gerufen? Warum hat ein Waffenträger geschossen – warum hat ihm niemand die Waffe aus der Hand gedreht? Ein halbes Jahr wurde recherchiert, wer im Rudel mehr und wer weniger beteiligt war. Das ist gut. Aber anzuklagen ist vor allem auch die Rudelbildung selbst und ihre gedankliche und ideologische Verfassung. Polizeipräsidenten und Justizminister tragen Verantwortung, der sie nicht gewachsen sind.“ (W.R. am 26. 05. 2024)

    Die Anklage vollbrachte beachtliche ‚Argumentationsketten‘ bis zur Reinwaschung der in ihrem Verständnis freizusprechenden bzw. auf Bewährung freizustellenden Angeklagten. So können sie alle beamtet bleiben. Rassisten gehören nicht in den Staatsdienst. Aber die gibt es ‚bei uns‘ ja auch nicht.

    Übrigens wurde das Opfer – Mouhamed Dramé – in einem Plädoyer dieses Prozesses ungestraft zum potentiellen Täter erklärt: „Man konnte ja nicht wissen, was er denkt“. Also klar, der wird ans Töten denken. Rassismus geht nicht anders.

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