Provokant, politisch und absolut preiswürdig: Guerrilla Girls in Dortmund ausgezeichnet

Feministisches Künstlerinnenkollektiv erhält den MO_Kunstpreis 2025

Die Guerrilla Girls erhalten den MO-Kunstpreis. Vl.: Benjamin Sieber (Freunde des MO), Regina Selter (Direktorin des MO), Frida Kahlo und Käthe Kollwitz von den Guerrilla Girls, Dr. Nicole Grothe (Sammlungsleiterin des MO), Prof. Dr. Sarah Hübscher und Clara Niermann (Volontärin). Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Der diesjährige Kunstpreis der Freunde des Museums Ostwall e.V. geht an das US-amerikanische Künstlerinnenkollektiv „Guerilla Girls“. Mit dem Preis verbunden sind der Ankauf von Plakaten des Kollektivs für die Sammlung des Museums sowie eine Ausstellung, die ihre wichtigsten Aktionen dokumentiert – zu sehen vom 2. Dezember 2025 bis 1. Februar 2026 im MO_Schaufenster unter dem Titel „Guerrilla Girls: It’s not democracy without feminism“.

Die Themen sind – leider – noch immer aktuell.

40 Jahre sind seit Gründung des feministischen Künstlerinnen-Kollektivs Guerrilla Girls vergangen. Ihre erste Plakat-Aktion 1989 machte sie sofort international bekannt: „Do women have to be naked to get into the Met. Museum?” (deutsch: Müssen Frauen nackt sein, um ins Met. Museum zu kommen?) legte den Finger in die Wunde des Ausstellungs- und Sammlungsbetriebs. Fakt war: Nur fünf Prozent der Werke in der Sammlung des New Yorker Museums waren von Künstlerinnen. Wenn Frauen dort in der Kunst vorkamen, dann als Objekte und meist nackt.

Die Guerrilla Girls Käthe Kollwitz und Frida Kahlo in der Ausstellung. Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Heute sind die Girls keine Girls mehr – auch wenn sich das unter den Masken nicht feststellen lässt. Noch immer treten sie unter Pseudonymen auf und tragen bei ihren Aktionen und Vorträgen Gorilla-Masken.

Und auch ihre Themen sind – leider – noch immer aktuell. Längst geht es ihnen aber nicht mehr nur um die mangelnde Repräsentation von Frauen, sondern auch um die der People of Colour. Sie kritisieren die ökonomischen Machtverhältnisse in Kultur- und Bildungseinrichtungen und mit dem Spruch „It’s not democracy without feminism” (deutsch: „Ohne Feminismus keine Demokratie”) setzten sie während des US-amerikanischen Wahlkampfs ein Zeichen.

Strukturelle Diskriminierung im Kulturbetrieb aufdecken

Zur Preisverleihung nach Dortmund sind Frida Kahlo und Käthe Kollwitz extra aus New York und Los Angeles angereist – beide Mitgründerinnen des Kollektivs. Regina Selter, Direktorin des Museum Ostwall, gibt zu, dass sie angesichts der Begegnung ein wenig aufgeregt ist. Ende der 1980er Jahre hat sie Kunstgeschichte studiert und die Aktionen der „Girls“ waren für sie ein einschneidendes Erlebnis.___STEADY_PAYWALL___

Regina Selter, Direktorin des Museum Ostwall © Roland Baege Fotografie

„Sie heute hier zu haben, ist uns eine Ehre“, formuliert es Selter mit ehrlichem Respekt. „Seit 40 Jahren arbeiten sie daran, strukturelle Diskriminierung im Kulturbetrieb aufzudecken und ich versichere ihnen, wir stellen uns hier der Kritik und verstehen es ebenfalls als unsere Aufgabe solche Missstände nicht nur aufzudecken, sondern auch zu beheben.“

Für die Ausstellung haben sie neben den berühmten Plakaten der 1980er Jahre auch eine neue Arbeit ausgewählt, die ausdrücklich das Museum selbst in die Pflicht nimmt: das „Guerilla Girls ManifestA“ (2024). Hier geht es eine andere Form der Kunstgeschichte, eine Vielfalt der Perspektiven, aber beispielsweise auch um faire Löhne für Mitarbeitende im Kulturbetrieb.

Sammlungsleiterin freut sich über feministische Position

Zuletzt haben sie ihre eigene Sammlung 2022 auf den Prüfstand gestellt: „91 Prozent Männer“, gibt Dr. Nicole Grothe, MO_Sammlungsleiterin zu. Sie freut sich daher besonders darüber, dass die Auszeichnung auch mit einem Erwerb von 31 Plakaten der Gruppe für das Museum verbunden ist.

Grothe: „Wir hinterfragen seit einigen Jahren kritisch unsere eigene Sammlungspolitik und versuchen, Leerstellen sichtbar zu machen und durch gezielte Neuankäufe zu bearbeiten. Die Plakate der Guerrilla Girls erweitern daher nicht nur unseren Bestand um eine feministische Position. Sie sind gleichzeitig Auftrag, die Dinge besser zu machen.“

Aber auch für die Guerrilla Girls ist der Preis etwas Besonderes: „Wir sind sehr froh, hier in Dortmund zu sein und fühlen uns geehrt, den Preis von einem deutschen Museum zu bekommen. Unsere Arbeit zielt ja eher auf das amerikanische Museumssystem ab. Aber es ist nicht so, als würden wir das deutsche System nicht kritisieren, deshalb freuen wir uns sehr, hier wahrgenommen zu werden“, erklärt Frida Kahlo.

Verliehen wird der Preis bereits zum zwölften Mal von den Freunden des Museums Ostwall e.V.. Durch den zunächst mit 10.000 Euro von den MO_Freunden gestifteten Ankaufspreis kommen seit 2014 Werke namhafter Künstler:innen in die Sammlung des Museums. Seit 2020 wird der Preis mit weiteren 10.000 Euro von den Kulturbetrieben Dortmund unterstützt.

Weitere Informationen 

  • Die Ausstellung ist bis zum 1. Februar 2026 im MO_Schaufenster auf der 5. Etage des Dortmunder U zu sehen. Der Eintritt ist frei.
  • Geöffnet Di, Mi, Sa, So und an Feiertagen: 11 bis 18 Uhr sowie Do und Fr: 11 bis 20 Uhr
  • Am Freitag, 9. Januar 2026, ist um 20 Uhr im Kino im U der Film „Women Art Revolution“ von Lynn Hershman zu sehen.
  • Unter dem Motto „find your inner activist“ finden am Freitag, 12. Dezember 2025, sowie Freitag, 16. Januar 2026, von 16 – 20 Uhr Aktionstage in Kooperation mit der Kunstakademie Münster statt.
  • Museum Ostwall im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund 

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