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1000 Menschen gedachten den Nazimorden an Ostern 1945 – Gemeinsames Bekenntnis gegen Rechtsextremismus

Rund 500 Menschen nahmen am 12. Heinrich-Czerkus-Lauf teil.

Rund 500 Menschen nahmen am 12. Heinrich-Czerkus-Lauf vom Stadion in die Bittermark teil.

Von Claus Stille

Am Karfreitag fand in der Bittermark das traditionelle Gedenken an die 280 bis 300 Menschen statt, die dort und im Rombergpark in Dortmund von Nazi-Schergen getötet worden waren.

Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer ermordet

Noch in den letzten Dortmunder Kriegstagen, Ostern 1945, vom 7. März bis 12. April, wurden Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Jugoslawien, Polen und der Sowjetunion und deutsche Widerstandskämpfer, die aus dem Hörder Gestapokeller und der Steinwache in den Rombergpark und in die Bittermark verbracht und dort per Genickschuss ermordet.

500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf

Rund 500 Menschen nahmen am 12. Heinrich-Czerkus-Lauf teil.

Rund 500 Menschen nahmen am 12. Heinrich-Czerkus-Lauf teil. Fotos: Wolfgang Hartwich

Bei Dauerregen hatten sich am Nachmittag zirka 1000 Menschen auf der Wiese vor dem Mahnmal in der Bittermark zum gemeinsamen Karfreitagsgedenken eingefunden. Am Mahnmal und in der Krypta wurden Kränze niedergelegt.

Allein rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen zuvor am 12. Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf teil, welcher über sieben Kilometer vom Stadtion Rote Erde bis zur Bittermark führte. Dessen Teilnehmer absolvierten den Lauf wandernd, laufend oder  per Rad.

Auf diese Weise wurde an Heinrich Czerkus – 1933 für die KPD im Dortmunder Stadtrat – erinnert, der als Vereinswart  bei Borussia Dortmund tätig gewesen war.  Auch ihn ermordete die Gestapo wegen seiner Widerstandstätigkeit gegen das faschistische Hitler-Regime.

Stadt pflanzte mit den Ehrengästen einen Korbiniansapfelbaum

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Eine Viertelstunde vor Beginn der Gedenkveranstaltung ist auf der Wiese vor dem Mahnmal ein Korbiniansapfelbaum gepflanzt worden.

Die Apfelsorte „Korbiniansapfel“ entstand 1944 im Konzentrationslager Dachau aus einer Sämlingsauslese des Häftlings und Pfarrers Korbinian Aigner.

Er säte mehrere Apfelkerne zwischen den Baracken aus und nahm die jungen Pflänzchen mit, als das Lager zu Kriegsende verlegt werden sollte.

Er konnte fliehen und pflanzte die drei Sämlinge in seinen Garten. Aigner nannte die Äpfel „KZ-Äpfel“. Eine der drei Sorten, „KZ3“, wurde später Pfarrer Aigner zu Ehren in „Korbiniansapfel“ umbenannt.

An der Pflanzung des Baumes beteiligten sich neben Oberbürgermeister Ullrich Sierau u.a. auch die Ehrengäste des diesjährigen Karfreitagsgedenkens  der Generalkonsul Frankreichs, Vincent Muller, der Vizekonsul des Generalkonsulats Russlands, Andrej Seikow, Nicole Godard (Präsidentin des Ex-F.N.D.T) sowie Gisa Marschewski und Ernst Söder.

Oberbürgermeister Sierau: Erinnerung an diese Verbrechen darf nie verblassen

Wenig einladend war das Wetter - dennoch kam rund 1000 TeilnehmerInnen zur Gedenkfeier in die Bittermark.

Wenig einladend war das Wetter – dennoch kam rund 1000 TeilnehmerInnen zur Gedenkfeier in die Bittermark.

Die Moderation der Veranstaltung oblag den BotschafterInnen für den Frieden. Zunächst richtete Oberbürgermeister Ullrich Sierau seine Worte an die Anwesenden.

Eingangs schilderte Sierau die grausamen Geschehnisse in der Bittermark und Hörde, die nun mehr als 70 Jahre zurückliegen.

Er drückte seine Fassungslosigkeit über „die menschenverachtenden Taten“ aus: „Der Krieg, der Zweite Weltkrieg, der hier in Dortmund offiziell am 13. April um 16.30 Uhr endete – da war man offensichtlich damals auch sehr genau – galt für Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits als verloren.“

Sierau beklagte, dass damals keiner der Täter wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord verurteilt wurde. „Sie wurden überwiegend freigesprochen.“ Das sei „ein Schlag ins Gesicht der Opfer und ihrer Angehörigen. Aber vor allem ist es eines, es ist beschämend!“

Die Erinnerung an diese Verbrechen bezeichnete Sierau als ein Zeichen des Respekts gegenüber den Ermordeten und Hinterbliebenen. „Das darf nie verblassen.“

Lob für die internationale Bedeutung der Gedenkstätte in der Dortmunder Bittermark

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

OB Sierau hob die internationale Bedeutung der Gedenkstätte Bittermark hervor.

Und bedachte den Besuch der  Mitglieder des Verbandes französischer Zwangs- und Arbeitsdeportierten mit Lob: Es sei eine besondere Ehre für Dortmund. Sie „reichten und reichen“ uns die Hand als Geste der Versöhnung.

Ausdrücklich verlieh der OB seiner Freude darüber Ausdruck, dass Personen nun wieder mit dabei seien, die zuletzt aus gesundheitlichen Gründen nicht hatten nach Dortmund kommen können.

Ebenso grüßte der erste Mann der Stadt Dortmund die Eheleute Karl-Heinz und Régine Hessling als Vertreterin der „Association des prisonniers de guerre Hemer et Dortmund“.

Die Mitglieder sind Angehörige von französischen und belgischen Kriegsgefangenen, ab 1940  im Stalag VI A in Hemer und im Stalag VI D in Dortmund registriert gewesen waren.

Vielfältige Erinnerungsarbeit in Dortmund

Die Botschafter der Erinnerung wirkten erneut an der Feier mit.

Die Botschafter der Erinnerung wirkten erneut an der Feier mit.

Er würdigte die vielfältige Erinnerungsarbeit in Sachen Geschichtsaufarbeitung und das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Dortmund.

Der OB gab bekannt, dass ihm von Nicole Godard die goldene Ehrenmedaille am Blauen Bande der Verbundenheit des ehemaligen Verbandes der Zwangs- und Arbeitsdeportierten verliehen worden sei.

Das würdige „unser aller Engagement gegen das Vergessen“, so der OB. Diese Ehrung habe er, Sierau, stellvertretend für alle Dortmunderinnen und Dortmunder entgegengenommen, die Erinnerungsarbeit leisten.

OB fordert klare Grenzen auch für „vermeintlichen bürgerlichen Kräfte“

Der Redner äußerte seine Besorgnis über einen derzeit ein europaweit zu beobachtenden „Ruck nach Rechts“. Die Zivilgesellschaft sei aufgefordert, klare Grenzen zu ziehen, was Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betrifft.

Den rechtsextremistischen und „vermeintlichen bürgerlichen Kräften“ dürfe kein Raum gelassen werden. Nicht weggeschaut werden dürfe, wenn „in unserem Land vor Flüchtlingsheimen demonstriert wird und Menschen angegriffen werden. Oder sogar um ihr Leben fürchten müssen“.

Verbands-Vertreterin Godard: „Der Friede ist kein Geschenk der Natur“

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Nach Sierau sprach Nicole Godard, die ihre Rede auf Deutsch hielt, „um die Anwesenden zu ehren“, wie sie sagte. Die Aufgabe ihrer Organisation sei das Gedenken an die Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkrieges zu bewahren.

Mittlerweile führten die Nachfahren dieser einstigen Zwangsarbeiter die Erinnerungsarbeit fort. „Wir sind die Erben der Leiden, die unsere Väter erleiden mussten, deshalb engagieren wir uns, um die Erinnerung an das“ zu bewahren.

Godard bekundete ihre Dankbarkeit dafür, dass „dieser Ort des Gedenkens, der uns vereint, erhalten bleibt“.

„Wir sind gekommen, um den jungen Generationen zu beweisen,dass das die Freundschaft zwischen den Völkern immer möglich ist. Dass es genügt die Freundschaft zu wollen und zu pflegen“, so Godard.

„Ich will die jungen Leute auch dafür sensibilisieren, dass sie sich Tag für Tag bewusst machen: Der Friede ist kein Geschenk der Natur, man muss ihn sich erarbeiten, wie letzten Jahr Präsident Chaize gesagt hat.“

Sie dankte den Dortmundern für alles, was sie bisher getan haben und was sie noch tun werden.

Ernst Söder erwartet ein Verbot aller neofaschistischen Vereinigungen und der NPD

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Ernst Söder, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache und Internationales Rombergpark-Kommittee, zitierte Bettina Wegners Text „Die Mahnung an der Wand“, um damit zu auszudrücken, dass Soldaten stets das Wort Nein zum Krieg fehlte.

Söder würdigte die Karfreitags-Toten. Deren Tod sei unser Vermächtnis, heute in ihrem Sinne tätig zu sein. Unbedingt müsse gegen den erstarkenden Neofaschismus Stellung bezogen werden. Denn Faschismus „ist keine Gesinnung, Faschismus ist die als Ideologie herunter gebrochene Form des Verbrechens.“

Nichts in diese Richtung gehendes dürfe verniedlicht werden. „Wir müssen wachsam sein.“

Dann wurde Söder noch klarer: „Wir erwarten ein Verbot aller neofaschistischer Vereinigung, das Verbot der NPD und ein staatliches Vorgehen gegen den rechten Terror. Und nicht sein Deckeln durch Verfassungsschutzbehörden.“ Endlich müsse auch die Justiz beginnt, „ihr Verhältnis zu Freiheit und Demokratie auch geistig zu ordnen.“

Das Karfreitagsgedenken klang mit dem Lied „Die Moorsoldaten“ aus

Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft am Mahnmal in der Bittermark.

Prof. Dr. Ulrich Herbert

Prof. Dr. Ulrich Herbert von der Albrecht-Ludwigs-Universität Freiburg hielt schließlich noch einen sehr ausführlichen Vortrag über die blutigen Verbrechen der letzten Kriegsphase 1945 vor dem Untergang. Die komplette Rede finden sie hier als PDF zum Download: Bittermarkrede-Herbert

Musikalisch wurde das Karfreitagsgedenken in der Bittermark Posaunenchören aus Dortmund unter Leitung von Andreas Schneider. Es sang der Kinderchor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund e. V. unter der Leitung von Bianca Kloda.

Die Veranstaltung klang mit dem Lied „Die Moorsoldaten“ aus. Einige der Anwesenden sangen das 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg geschaffene Lied mit.

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2 Gedanken über “1000 Menschen gedachten den Nazimorden an Ostern 1945 – Gemeinsames Bekenntnis gegen Rechtsextremismus

  1. Christian Gebel

    Der Vortrag von Professor Herbert hätte mehr als nur einen Satz verdient. Er war nämlich nicht nur sehr ausführlich, sondern machte das Ausmaß, die Zusammenhänge und Hintergründe deutlich, ohne die Geschehnisse zu banalisieren. Dafür vielen Dank.

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