
In Dortmund wird über das subjektive Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum diskutiert und immer wieder stellt sich die Frage, inwiefern die gesteigerte Polizeipräsenz die Wahrnehmung auf Zuwanderer beeinflusst. Das Bundeslagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ 2024 zeigt, wie viele Tatverdächtige unter Zuwanderern registriert wurden.
Zunehmendes (Un-)Sicherheitsempfinden laut dem ARD-Deutschlandtrend
Die Frage nach dem subjektiven Sicherheitsgefühl in Dortmund ist im politischen Diskurs präsent – auch bundesweit. Der ARD-Deutschlandtrend, der im November 2025 veröffentlicht wurde, zeigt dabei ein geteiltes Sicherheitsgefühl in Deutschland mit wachsender Unsicherheit.

Besonders AfD-Sympathisanten berichteten in der Umfrage zu 79 Prozent von Unsicherheit. Dabei ist eine Wahrnehmung von Unsicherheit häufig mit dem Thema Migration verknüpft, was einen Anteil von 32 Prozent der Befragten ausmacht.
Eine Annahme der generellen Gefährdung durch Zuwanderern vertreten besonders Rechtsextremisten, um Ressentiments zu schüren, wie Dr. Christian Walburg, Kriminologe und Rechtswissenschaftler an der Universität Münster sowie der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol), erklärt.
„Kriminalität betrifft immer nur einen kleinen Teil, zumal solche in schwereren Formen. Ein Beispiel: In rund 50 von insgesamt 550 polizeilich erfassten und aufgeklärten Fällen von vollendetem Mord oder Totschlag wurde im letzten Jahr ein „Zuwanderer“, also ein Asylantragsteller, anerkannter Schutzsuchender, Geduldeter oder illegal Aufhältiger als Tatverdächtiger ermittelt. Das entspricht neun Prozent aller Fälle, bei einem Bevölkerungsanteil von knapp vier Prozent“, so Walburg, der zu Themen wie Migration und Kriminalität, Polizeipraktiken sowie Rassismus in der Strafverfolgung forscht.
Rechtsextremisten teilen die Gesellschaft in ein „Wir“ und „die Anderen“ ein
Ein Anteil, der auf den ersten Blick zunächst hoch erscheint, Walburg fügt jedoch hinzu: „Umgekehrt gilt aber natürlich auch: Es sind rund 50 Fälle bei rund 3,3 Millionen Schutzsuchenden. Man sollte weder skandalisieren noch über reale Problemlagen hinweggehen, die es zum Beispiel mit hier gestrandeten, perspektivlosen jungen Schutzsuchenden oder mit manchen traumatisierten und sozial nicht gut eingebundenen Geflüchteten zum Teil gibt.“

In der Kriminologie werde grundsätzlich nach verschiedenen Faktoren unterschieden, etwa wenn man Kriminalität unter Jugendlichen betrachte. In der öffentlichen Debatte würden seiner Beobachtung nach jedoch zunehmend Merkmale wie Staatsangehörigkeit oder Herkunft in den Vordergrund gestellt.
Besonders rechtsextreme Akteure richteten den Fokus allein darauf und teilten die Gesellschaft in ein „Wir“ und „die Anderen“ ein, denen dann für unterschiedlichste Probleme die Verantwortung zugeschrieben werde.
Walburg betont, weder der Pass noch die Herkunft könnten Kriminalität erklären, sondern lediglich individuelle Lebensumstände und -erfahrungen. Zugleich weist er darauf hin, bestimmte Migrantengruppen seien häufiger von Kriminalität begünstigenden Erfahrungen und Bedingungen betroffen als die einheimische Bevölkerung.
BKA veröffentlicht das Bundeslagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ 2024
Kurz nach dem ARD-Deutschlandtrend veröffentlichte das Bundeskriminalamt sein jährliches Bundeslagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ 2024. Dieser zeigt den Anteil nicht-deutscher Zuwanderer – hier Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Geduldete und ausreisepflichtige Personen – unter Tatverdächtigen bei Straftaten.

Untersucht wird konkret die Allgemeinkriminalität, also Taten, die nicht politisch motiviert sind. Ebenso werden ausländerrechtliche Verstöße hier nicht mitgezählt. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass „tatverdächtig“ keine Verurteilung bedeutet, sondern nur polizeiliche Ermittlungen aufgrund konkreter Anhaltspunkte beschreibt.
Im Bundeslagebericht 2024 entfallen die meisten Straftaten tatverdächtiger Zuwanderer auf Diebstahlsdelikte (94.943 Fälle, davon rund zwei Drittel Ladendiebstähle) sowie auf Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit (83.865 Fälle).
Ein erneuter Blick auf den ARD-Deutschlandtrend zeigt, dass sich diese Bereiche ebenfalls mit den größten subjektiven Unsicherheiten der Bevölkerung decken: Rund 52 Prozent der Befragten fürchten, im öffentlichen Raum bestohlen zu werden, und 48 Prozent haben Angst vor Pöbeleien. Gleichzeitig nennt das Lagebild Geschäfte und Verkehrseinrichtungen – insbesondere Bahnhöfe und Schienenfahrzeuge – als besonders häufige Tatorte tatverdächtiger Zuwanderer.
Tatörtlichkeit „Verkehrseinrichtungen“ liegt laut PKS nur im oberen Mittelfeld
Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) kommt allerdings zu einer anderen Einordnung. Sie erfasst alle abgeschlossenen Fälle, unabhängig davon, ob sie aufgeklärt wurden, und zeigt:

Die Tatörtlichkeit „Verkehrseinrichtungen“ liegt bundesweit trotz eines leichten Anstiegs – über 10.600 Gewaltfälle an Bahnhöfen bis Oktober 2024 – nur im oberen Mittelfeld der Tatortkategorien. Zugleich wurde in vielen Städten die Polizeipräsenz unter anderem an den Bahnhöfen erhöht – so auch in Dortmund.
Damit rückt auch die Frage in den Blick, ob die hohe Zahl tatverdächtiger Zuwanderer teilweise darauf zurückzuführen sein könnte, dass Polizei und Sicherheitsdienste vor allem dort besonders genau hinschauen, wo sich viele Menschen ohnehin unsicher fühlen. Ebenso, ob ein solcher statistischer Effekt weniger auf reale Unterschiede im Kriminalitätsverhalten als auf die verstärkte polizeiliche Aufmerksamkeit zurückgehen könnte.
Kriminalität ärmerer Menschen fällt im öffentlichen Raum leichter auf
„Die allermeisten Migranten haben mit Taschendiebstählen oder auch mit Drogenverkauf zum Beispiel rund um Bahnhöfe genauso wenig zu tun wie die einheimische Bevölkerung“, so Walburg.

Es gebe kleine Teilgruppen, die in besonders prekären und marginalisierten Verhältnissen lebten und deshalb stärker auffielen. Das sei nicht allein ein Effekt intensiverer polizeilicher Kontrollen.
„Es stimmt aber auch, dass Kriminalität ärmerer Menschen im öffentlichen Raum leichter auffällt als beispielsweise auf Verheimlichung angelegte Betrugsdelikte von sozial Bessergestellten. Und der Rauschmittelkonsum von sozial Benachteiligten wird faktisch stärker kriminalisiert als der von höheren Schichten“, erklärt der Kriminologe weiter.
Dortmunder Polizei verzeichnet einen Rückgang der Straftaten
Die Dortmunder Polizei hat ihre Präsenz seit Juli 2023 durch das Präsenzkonzept „Fokus“ deutlich erhöht. Die verstärkten Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf die Innenstadt und die Nordstadt von Dortmund, einschließlich Bereichen wie dem Hauptbahnhofsvorplatz, Weihnachtsmärkten und Hotspots wie Szenetreffpunkten.

Laut der Polizei zielt es auf die Reduktion von Kriminalität in Hotspots wie Straßenraub, Drogenhandel und Gewaltdelikten ab, während das Sicherheitsgefühl der Bürger gestärkt werden soll, indem Uniformierte und zivile Kräfte tägliche Kontrollen, Platzverweise und Schwerpunkteinsätze durchführen, ergänzt um Bürgergespräche und soziale Prävention.
Dabei soll es seit Start im Sommer 2023 über 660 Einsätze, 270 Festnahmen und einen Rückgang der Straftaten um 17 Prozent gegeben haben.
Führt eine erhöhte Polizeipräsenz in Dortmund zu einem geringeren Sicherheitsempfinden?
Eine alleinige Erhöhung der Polizeipräsenz kann jedoch, unabhängig von ihrer Wirkung, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung negativ beeinflussen, erklärt Walburg. Eine experimentelle Studie – also randomisierte Feldstudie mit gezielter Polizeistreifen-Intervention – aus Kassel habe gezeigt, dass eine ungezielte, flächendeckende Erhöhung der Polizeipräsenz im öffentlichen Raum das Sicherheitsgefühl nicht steigere.

Teilweise könne es sogar etwas abgeschwächt werden, möglicherweise weil Menschen damit eine höhere Bedrohungslage verbänden.
An Orten, die ohnehin als kriminalitätsbelastet wahrgenommen würden, könne die sichtbare Anwesenheit von Ordnungskräften das Sicherheitsgefühl hingegen bereits etwas steigern.
Sie solle jedoch nie die einzige Maßnahme sein. Es gehe ebenso um bauliche Veränderungen, die Instandhaltung und Pflege von Räumen und eine bessere Beleuchtung sowie um eine verbesserte Versorgung und Unterstützung von Randgruppen wie Obdachlosen oder Drogenabhängigen.
„Wo die Polizei mehr kontrolliert, registriert sie natürlich auch mehr Strafraten“
Zugleich prägen die Lagebilder auch die öffentliche und polizeiliche Wahrnehmung bestimmter Sozialräume, wie Prof. Dr. Andreas Ruch erklärt. Der Jurist lehrt an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen die Fächer Strafrecht und Eingriffsrecht.

Zudem forscht er zu polizeilichem Handeln, unter anderem in der Dortmunder Nordstadt. „Wenn Stadtteile mit hohem Anteil an Asylbewerbern und Zuwanderern als gefährlich oder „Brennpunkte“ oder „Ghetto“ geframet werden, dann kontrolliert die Polizei hier auch häufiger“, so Ruch.
„Wo die Polizei mehr kontrolliert, registriert sie natürlich auch mehr Straftaten, was dann letztlich wieder Eingang in polizeiliche Lagebilder findet und die Debatte weiter anheizen kann.“ Dieses Phänomen ist auch als „Kontrolldichte-Bias“ bekannt: Je mehr kontrolliert oder überwacht wird, desto mehr Verstöße werden entdeckt – unabhängig davon, ob sie häufiger vorkommen.
Warum Zuwanderer gehäuft in den polizeilichen Daten auftauchten, habe verschiedene Gründe, erklärt Ruch. Zunächst seien Zuwanderer von vielen der genannten Kriminalität begünstigenden Faktoren betroffen.
Ein Beispiel für Lebensumstände seien die in der Nordstadt häufig problematischen und beengten Wohnverhältnisse. Dies mache es wahrscheinlicher, dass Streitigkeiten in den öffentlichen Raum verlagert würden und deshalb häufiger die Polizei gerufen werde. Das Lagebild sei damit auch ein Ergebnis prekärer Lebenslagen.
Tatverdächtige Zuwanderer aus den Maghreb-Staaten überproportional vertreten
Im Diskurs über das subjektive Sicherheitsempfinden in Dortmund werden junge, migrantisch gelesene Männer, die sich in der Innenstadt – besonders im Bereich der Kampstraße – aufhalten, häufig als Faktor angeführt, der dieses Empfinden beeinflussen soll.

Anteilen an Mehrfach-tvZ BKA Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024
Laut dem Bundeslagebild ist der größte Anstieg der Zugewanderten bei Geflüchteten aus der Ukraine zu verzeichnen, die etwa ein Drittel aller Geflüchteten ausmachen. Diese Gruppe ist deutlich seltener tatverdächtig als Zuwanderer aus Maghreb-Staaten – also Tunesien, Algerien und Marokko – und Georgien, die den größten Anteil tatverdächtiger Zuwanderer stellen. Auf den ersten Blick könnte dies die Annahme bestätigen, dass muslimisch gelesene Migranten häufiger straffällig seien.
Was jedoch außer Acht gelassen wird: Über 50 Prozent der zugewanderten Tatverdächtigen sind jünger als 30 Jahre und 57 Prozent männlich. Ukrainische Geflüchtete bestehen dabei überwiegend aus Frauen und Kindern – bedingt durch die Ausreisebeschränkungen für Männer –, während aus dem Maghreb und Georgien vor allem junge Männer migrieren.
Junge Männer weisen die höchste Kriminalitätsrate auf
„Es ist in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten zu beobachten, dass Männer im Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter insgesamt die höchsten Kriminalitätsraten aufweisen. Das betrifft nicht alle Kriminalitätsformen gleichermaßen, wenn man zum Beispiel an Steuerhinterziehung oder häusliche Gewalt denkt“, so Walburg.

„Gerade bei Gewaltdelikten auf der Straße gilt aber: Sie ist typischerweise jung und männlich. Dies beruht darauf, dass hier noch Reifungsprozesse stattfinden, die Selbstkontrolle noch nicht so stark ausgeprägt ist, und manche meinen, sich als starker Mann beweisen zu müssen.“
Die größere Registrierungshäufigkeit von Geflüchteten habe zum Teil damit zu tun, dass sich darunter anteilig mehr junge Männer und weniger Frauen im Seniorenalter fänden. Dies erkläre die Unterschiede allein zwar nicht vollständig, sei aber ein relevanter Aspekt.
Bezogen auf alle Delikte lasse sich die kriminalstatistische Höherbelastung von Ausländern durch die unterschiedliche Alters- und Geschlechtszusammensetzung zu etwa 25 bis 30 Prozent erklären. Bei Kriminalitätsraten unterschiedlicher Migrantengruppen müsse man daher immer auch deren Zusammensetzung berücksichtigen, schlussfolgert der Kriminologe.
Weitere Informationen:
- Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024
- Polizeiliche Kriminalstatistik 2024
- WDR: ARD-DeutschlandTREND
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