
Von Horst Delkus
1966/67: Die erste Große Koalition aus CDU und SPD regiert, Studentenproteste erschüttern Berlin und andere Städte. Gleichzeitig trifft die Kohlenkrise das Ruhrgebiet: Zechensterben, schwarze Fahnen, dumpfe Trommelschläge. Ende September 1966 wird die moderne Schachtanlage Graf Bismarck in Gelsenkirchen stillgelegt – ein Schock. Ein Jahr später, am 21. Oktober 1967, versammeln sich Bergleute und Bürger auf dem Marktplatz in Dortmund-Huckarde. Sie protestieren gegen die geplante Schließung der Zeche Hansa. Rote Fahnen wehen, die Internationale erklingt. Die Bonner Republik befindet sich im Umbruch, und erste Anzeichen davon sind auch in Dortmund-Huckarde zu spüren. Der Protest ist zunächst erfolgreich. Und er markiert einen Wendepunkt in der deutschen Energiepolitik: Er führt zur Gründung der Ruhrkohle AG. Doch die Arbeitsplätze im Bergbau bleiben weiterhin bedroht.
Vom Boom der Nachkriegszeit in die Krise
Seit Ende der 1950er-Jahre verdrängen billige Importkohle aus den USA und Erdöl die heimische Kohle. Der Absatz der Ruhrzechen bricht ein. Förderkapazitäten werden gekürzt, Feierschichten eingeführt, Zechen geschlossen.

In Dortmund trifft es fast jedes Jahr eine: 1962 Oespel, 1963 Gottessegen und Dorstfeld, 1966 Kaiserstuhl, 1967 Adolf von Hansemann. Viele Bergleute finden Arbeit auf anderen Anlagen oder wechseln den Beruf.
Doch Zehntausende Jobs verschwinden – allein in Dortmund 40.000 zwischen 1959 und 1967, im gesamten Steinkohlenbergbau etwa 250.000. Die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE) fordert seit Jahren, die 26 Einzelunternehmen des Bergbaus in einer Einheitsgesellschaft zu bündeln.
Das Ziel: Besitz zentrieren, den Ruhrbergbau effizienter machen. Doch die Politik ignoriert die Forderung lange.
Ein Bergwerk stirbt – und die Unruhe wächst

Die Schließung der hochmodernen Schachtanlage Graf Bismarck durch die Deutsche Erdöl AG sorgt 1966 für Empörung. Das Bergwerk war produktiv und nicht einmal auf der „Sterbeliste“ des Rationalisierungsverbandes. Die Angst wächst: Jede Zeche könnte betroffen sein, kein Bergmann ist mehr sicher.
1966/67 trifft die erste Rezession der Nachkriegszeit das Land. Weitere Zechen sollen schließen, darunter Hansa in Huckarde mit 3.400 Arbeitsplätzen. Die IGBE-Ortsgruppe Huckarde-Rahm ruft zur Demonstration auf:
Mitbürger!
Nach 1100 Jahren Aufstieg soll Huckarde durch einen Federstrich profitgieriger Unternehmer zum Entwicklungsgebiet degradiert werden! Die Große Koalition entpuppt sich als Totengräber. Jetzt muss Schluss sein mit dem Vertrauensbruch. Weg mit den unfähigen Bonner Politikern! Frauen, Kinder und Männer, beteiligt euch an der Demonstration der Bergarbeiter der Zeche Hansa!
Der Hexenkessel von Huckarde – Ministerpräsident Heinz Kühn mittendrin
Am 21. Oktober 1967 strömen mehr Menschen nach Huckarde, als die Organisatoren erwartet hatten. Statt der geplanten 3.000 kommen 7.500 bis 8.000 Demonstranten von auswärts. Der Verkehr bricht zusammen, Busse parken überall. Schwarze und rote Fahnen, Transparente und Sprechchöre prägen das Bild: „Strauß und Schiller – Zechenkiller! “

Die Polizei, mit nur 80 Beamten vor Ort, ist überfordert. Die Geschäfte bleiben geschlossen, die Gewerbevereine solidarisieren sich. Der Huckarder Marktplatz wird zum Hexenkessel. 15.000 Menschen protestieren, der Schulunterricht fällt aus. Es ist die größte Demonstration im Ruhrbergbau seit 1947.
Auf der Tribüne sprechen NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn, IGBE-Vorsitzender Walter Arendt und Dortmunder Oberbürgermeister Dietrich Keuning.
Arendt beschreibt die Kundgebung als „Aufschrei von Menschen, die seit zehn Jahren in Sorge um ihre Arbeitsplätze leben“. Kühn, der trotz Warnungen auftritt, wird mit Pfiffen empfangen, kontert aber: „Ihr könnt sagen, was ihr wollt – ein Feigling bin ich nicht. “
Kühn verspricht: Keine Stilllegung ohne neue, gleichwertige Arbeitsplätze. Er fordert von Bonn Taten statt Worte.
Es war ein Erfolg – und doch noch nicht das Ende

Die Demonstration zeigt Wirkung. Der Stilllegungsbeschluss für Hansa wird vorerst gestoppt. Am 8. November 1967 debattiert der Bundestag über die Zukunft des Steinkohlenbergbaus. Ein Jahr später entsteht die Ruhrkohle AG (RAG) als Einheitsgesellschaft.
Doch die Sicherheit für Arbeitsplätze bleibt trügerisch. Hansa wird 1973 erneut zur Schließung vorgesehen, die endgültige Stilllegung folgt 1980. Auch andere Dortmunder Zechen schließen: Gneisenau 1985, Minister Stein 1987. Die Kokerei Hansa 1992.
Heute erinnert die ehemalige Kokerei Hansa als Ankerpunkt der Route der Industriekultur an die Geschichte des Bergbaus. Der Förderturm und das Maschinenhaus der Zeche Hansa stehen noch, ihre Alte Schmiede dient als Kultur- und Veranstaltungszentrum.

„Schwarze Fahnen brachten nichts!“
Heinz Wulff, einer der Organisatoren der Protestaktion in Huckarde, erinnert sich:
Wir vom Betriebsrat wurden am Freitag, den 13. Oktober [1967] unterrichtet. Der Vorstand sagte uns, dass die Schachtanlage Hansa im nächsten Jahr stillgelegt werden soll. Wir haben das zur Kenntnis genommen.

Wir waren vielleicht zwei Minuten oben und sind dann zum Betriebsratszimmer runtergegangen. Wir waren verärgert, dass wir das eigentlich aus der Presse schon am frühen Morgen erfahren hatten. So dass wir schon informiert waren, nur nicht von der richtigen Stelle aus.
Dann haben wir uns also überlegt, was zu machen war, haben dann für den gleichen Nachmittag sofort die Betriebsvertrauensmänner zusammengerufen. Da haben wir uns dann mit 120 Leuten darüber unterhalten, was wird nun gemacht? Denn wir waren ja nicht die erste Schachtanlage, die jetzt stillgelegt werden sollte.
Wir waren der Auffassung, es muss etwas anderes gemacht werden. Schwarze Fahnen brachten nichts. Da haben wir uns so in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Wir haben das rote Inlett in Dortmund in den Geschäften ganz aufgekauft. Das haben wir zunächst erst mal aus unseren Ortsgruppenkassen bestritten, weil wir ja überhaupt nicht wussten: Wer kommt zu uns? Wer spricht zu uns?
Der Boxclub hat uns dann den Boxring zur Verfügung gestellt, damit wir ein Podium hatten. Dann haben wir auch gleich Flugblätter verteilt, haben an die Geschäftsleute appelliert und auch an andere Leute. Und haben dann auch mit anderen Parolen etwas unternommen, die ein bisschen kämpferischer waren, als das, was vorher so war.

Der Anstoß war eigentlich der, dass gesagt wurde: Wenn Studenten und Gammler auf die Straße gehen aus irgendwelchen Gründen, dann können wir das als Bergarbeiter auch.
Dann wurde also die Kundgebung auf den 21. Oktober vereinbart. Nur, inwieweit die Resonanz dann kam, das wusste man nicht. Wird die Kundgebung angenommen? Kommen die Leute? Das war natürlich `ne arbeitsreiche Woche. Man hatte nicht sehr viel Zeit zum Überlegen. Und immer ein bisschen Angst im Nacken: Klappt`s? Schaffen wir`s? Wat kommt?
Ja, und der 21. Oktober, das war also ein wunderbarer Herbsttag. Wir haben uns in drei Marschsäulen aufgeteilt. Ich hatte hier die von Hansa, die sollte ich also zum Marktplatz hinführen.Die Leute von Westerfilde sollten auf uns zustoßen. Ich seh` heute noch die Leute ankommen: Der Pastor Ecke aus Westerfilde im Talar! Das hatte es bis dahin noch nicht gegeben.
In der Mitte die roten Fahnen. Und als ich hier so die Leute aus den Haustüren rauskommen sah, die Frauen und Kinder – die Geschäfte waren alle zu – da wusste ich im Grunde genommen, dass zumindest von der Teilnehmerzahl her, wir wohl irgendwie doch allerhand Leute auf die Beine bringen würden. Das war also für uns alle eine erhebliche Erleichterung. Ich schätze – und die Zeitungen schrieben das auch – dass etwa 15 bis 20 000 Zuschauer da gewesen sind.
Die Parolen, da waren viele Leute auch nicht so ganz mit einverstanden, das muss ich also ehrlich sagen, aber wir waren der Auffassung, es muss mal etwas Anderes gemacht werden. Das Rot, das war doch mal irgendwie etwas Anderes.
(aus einem Interview des Autors mit Heinz Wulff für WDR/ Radio Dortmund am 19.10.1987)
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!




