RIAS-Veröffentlichung thematisiert antisemitische Vorfälle mit islamistischen Hintergrund

ADIRA Dortmund begegnet dem Phänomen im Beratungsalltag

Sticker mit der Aufschrift „Zionism is Racism is Fascism".
Foto: Alexander Völkel Eine neue Veröffentlichung des Bundesverbands RIAS nimmt nun gezielt Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund in den Blick.

Eine aktuelle Veröffentlichung des Bundesverbands RIAS rückt antisemitische Vorfälle mit islamischem und islamistischem Hintergrund in den Fokus. Die Daten belegen zwar einen vergleichsweise geringen Anteil an Fällen, warnen jedoch vor einer überdurchschnittlich hohen Gewaltbereitschaft nach dem 7. Oktober 2023. Auch die Dortmunder Beratungsstelle „Antidiskriminierungsberatung und Intervention bei Antisemitismus und Rassismus“ (ADIRA) verzeichnet steigenden Bedarf, während die Stadt ihren Aktionsplan gegen Extremismus neu aufstellt.

Gelegenheitsstrukturen für Judenhass nach dem 7. Oktober

Der Angriff der Hamas auf das Nova-Musikfestival und auf ein angrenzendes Kibbuzim am 7. Oktober 2023 ist nun drei Jahre her. Abseits des seither andauernden Krieges steigen die Zahlen antisemitischer Vorfälle an. 

Das Foto zeigt Micha Neumann.
Foto: Katharina Urban Micha Neumann leitet seit 2020 die Dortmunder Fachberatungsstelle „ADIRA“.

Der 7. Oktober dient dabei laut dem RIAS Jahresbericht 2025 „Antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen“ nicht als Ursache für Antisemitismus, sondern als historischer Anlass, der neue Gelegenheitsstrukturen für Anfeindungen geschaffen hat.

Der Landesverband RIAS NRW verzeichnete für das Jahr 2025 mit 1.102 Vorfällen einen neuen Höchststand im Bundesland, was einem Zuwachs von 17 Prozent entspricht.

Ob die Fallzahlen nun tatsächlich gestiegen sind oder die Bereitschaft von Betroffenen von Zeug:innen höher ist, antisemitische Vorfälle zu melden, bleibt offen, wie Micha Neumann Leiter der Dortmunder „Antidiskriminierungsberatung und Intervention bei Antisemitismus und Rassismus“ (ADIRA) erklärt. 

„Das relativiert jedoch weder die dokumentierten Fälle noch das Ausmaß des Problems. Zudem müssen wir weiterhin von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“, so Neumann. 

Bundesweite Erhebung: Geringer Anteil, hohe Gewaltbereitschaft 

Eine neue Veröffentlichung des Bundesverbands RIAS nimmt nun gezielt Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund in den Blick. Zwischen 2019 und 2025 wurden bundesweit 564 solcher Fälle dokumentiert. Gemessen an den mehr als 30.000 erfassten Vorfällen stellt es in der Summe zwar einen geringen Anteil dar, doch waren 15,1 Prozent der Vorfälle von Bedrohungen, Angriffen oder Formen extremer Gewalt geprägt. 

Kreisdiagramm Politisch-weltanschaulicher Hintergrund antisemitischer Vorfälle.
Grafik: RIAS NRW Politisch-weltanschaulicher Hintergrund antisemitischer Vorfälle

Zum Vergleich: Die gesamten dokumentierten gewaltförmigen Vorfälle liegen bei 6,1 Prozent. Von den 564 erfassten Vorfällen mit einem islamistischem Hintergrund trugen sich knapp 80 Prozent nach dem 7. Oktober 2023 zu. Darunter zählen Anschläge und Attacken, darunter der Messerangriff am Berliner Holocaust-Mahnmal im Februar 2025 sowie die Schüsse auf die Alte Synagoge in Essen 2022.

Zugleich versuchen islamistische Gruppen, über ihre eigenen Milieus hinaus anschlussfähig zu werden. Akteure aus dem Umfeld der verbotenen Hizb ut-Tahrir, eine gegründete transnationale islamistische Bewegung, die die Errichtung eines globalen Kalifatstaates anstrebt, erreichten mit Kampagnen wie „Nie wieder Staatsräson!“ bundesweit über eine halbe Million Menschen. So versuchten sie, an legitime Debatten über den Nahostkonflikt anzuknüpfen und dabei antisemitische Erzählungen in den Diskurs einzuschleusen. 

Die eindeutige Zuordnung fällt im Alltag oft schwer

Laut dem Landesverband RIAS NRW sind 2025 von den 1.102 antisemitischen Vorfällen etwa 43 mit einem erkennbaren islamischen oder islamistischen Hintergrund, was etwa einen Prozentwert von 3,9 darstellt. 

Grafik Art des Vorfalls 2024 und 2025.
Grafik: RIAS NRW Art des Vorfalls 2024 und 2025.

Islamistisch und islamisch wird in dem Bericht zusammengefasst, da sich oftmals bei dokumentierten antisemitischen Vorfällen nicht eindeutig bestimmen lasse, ob diese einen religiös-kulturellen Hintergrund haben (islamisch) oder einen explizit politisch-ideologischen (islamistisch). 

Zum Vergleich: 649 Vorfälle, also 59 Prozent, konnten keinem politisch-weltanschaulichen Hintergrund zugeordnet werden. 249 Fälle – und damit 23 Prozent – lassen sich dem antiisraelischen Aktivismus zuordnen. 71 Vorfälle aus dem linken/antiimperialistischen Spektrum machen etwa sechs Prozent aus und 67 Fälle lassen sich mit ebenfalls sechs Prozent dem Rechtsextremismus zuordnen. 

Religiöse Deutungsmuster gepaart mit modernen Verschwörungsmythen

Was zeichnet den Antisemitismus in islamistischen Milieus konkret aus? Laut Neumann ist er ein fester Bestandteil der islamistischen Ideologie. Dabei werden überlieferte religiöse Deutungsmuster herangezogen, um eine grundsätzliche Feindschaft zu begründen. Diese Traditionen verschmelzen mit klassischen, modernen Verschwörungserzählungen: Jüdinnen und Juden wird unterstellt, weltumspannende Macht auszuüben, aus reiner Geldgier zu handeln oder für globale Kriege verantwortlich zu sein.

Im Februar tauchte beispielsweise dieses antisemitische Graffiti an der S-Bahnhaltestelle der Universität auf.
Foto: Karsten Wickern Antisemitismus im öffentlichen Raum: Im Februar 2024 tauchte dieses antisemitische Graffiti an der S-Bahnhaltestelle der Universität auf.

Ein weiteres zentrales Motiv ist die fundamentale Feindschaft gegenüber dem Staat Israel, dessen Existenzrecht kategorisch abgelehnt wird. Islamistische Akteure betrachten den jüdischen Staat als illegitimes Gebilde, das beseitigt werden müsse.

Dieser Hass wird ideologisch und religiös überhöht und kollektiv auf alle Jüdinnen und Juden weltweit projiziert. Zudem dient das Feindbild dazu, Gewalt und terroristische Anschläge ideologisch zu rechtfertigen, was ebenfalls eine Legitimationsstrategie im Rechtsextremismus darstellt. 

Gleichzeitig warnt Neumann davor, dieses Phänomen isoliert zu betrachten. Auf israelfeindlichen Kundgebungen mobilisieren islamistische Gruppen oft gemeinsam mit säkularen Teilnehmenden. Zudem gebe es Teile des linken Spektrums, die Organisationen wie die Hamas unkritisch begleiten oder verklären. Für eine differenzierte Bekämpfung sei es unerlässlich, die historischen Wurzeln und Besonderheiten des islamistischen Antisemitismus klar zu benennen, ohne die Schnittmengen zu anderen extremistischen Milieus auszublenden.

Antisemitismus ist weder im Islam festgeschrieben noch ein reines Importprodukt

Führt der Islam nun automatisch zum Antisemitismus? In einer Studie in der Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik zeigen Cemal Öztürk und Gert Pickel, dass allgemeine Religiosität allein kein wesentlicher Erklärungsfaktor für Judenhass ist. Stärker hängt die Zustimmung vielmehr mit einer fundamentalistischen Religionsauslegung zusammen, wobei auch politische und familiäre Kontexte prägen.

Grafik Überschneidungen von Erscheinungsformen (Antisemitismus).
Grafik: RIAS NRW Überschneidungen von Erscheinungsformen (Antisemitismus).

Öztürk führt zudemn in Beiträgen für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) weiter aus, dass islamistischer Antisemitismus weder im Islam festgeschrieben noch ein reines Importprodukt ist.

Vielmehr eignen sich extremistische Akteure theologische Überlieferungen selektiv an und verbinden diese mit modernen europäischen Verschwörungsmythen. Hinzu kommt eine fundamentale Feindschaft gegen den Staat Israel, die auf Jüdinnen und Juden weltweit übertragen wird.

Diese Differenzierung stützt auch eine Untersuchung von Sarah Demmrich, Detlef Pollack, Olaf Müller und Gergely Rosta. Sie verglich Befragungen vor und nach dem 7. Oktober und stellte fest, dass sich antisemitische Einstellungen unter Muslim:innen insgesamt nur geringfügig änderten. Signifikant verstärkt hat sich jedoch der Zusammenhang zwischen israelbezogenem Antisemitismus, Sympathien für extremistische Akteure und der Billigung von Gewalt.

Antisemitische Einstellungen lassen sich auch in Dortmund finden 

Dass in der Dortmunder Stadtgesellschaft antisemitische Einstellungen wiederfinden lassen, zeigt zudem eine Befragung der FH Münster im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Dortmunder Aktionsplans. 

Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster im Nordstadtblogger-Podcast.
Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster im Nordstadtblogger-Podcast.

Nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse schätzt Projektleiter Prof. Sebastian Kurtenbach, dass etwa fünf Prozent der erwachsenen Dortmunder Bevölkerung mehreren klar antisemitischen Aussagen zustimmen. 

Die Auswertung weist außerdem auf höhere Zustimmungswerte unter den befragten Muslim:innen hin. Dennoch warnt Kurtenbach davor, daraus eine pauschale Abwertung von Muslim:innen vorzunehmen. Vielmehr zeigen die Daten für ihn, dass klassische Formen der Antisemitismusprävention, die stark an die Erinnerung an den Holocaust anknüpfen, viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte nicht erreichen.

Neuaufstellung des Dortmunder Aktionsplanes mit vier Schwerpunkten 

Angesichts der aktuellen Entwicklungen plant die Stadt Dortmund ihre Präventionsarbeit nun grundlegend breiter aufzustellen. Dieser bündelt vier Schwerpunkte: Rechtsextremismus, Antisemitismus, türkischen Ultranationalismus sowie weitere menschenfeindliche Ideologien, darunter ausdrücklich auch den Islamismus.

Hartmut Anders-Hoepgen und Friedhelm Evermann im Nordstadtblogger-Podcast
Hartmut Anders-Hoepgen und Friedhelm Evermann im Nordstadtblogger-Podcast

Dass Antisemitismus nun explizit als eigenes Handlungsfeld verankert ist, geht auf ein klares Votum der Kommunalpolitik zurück. Auslöser war die wachsende Verunsicherung in der jüdischen Community nach dem 7. Oktober, wie Friedhelm Evermann, Sonderbeauftragter für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, in einer Folge des Podcasts „Systemfehler“ erklärt:

„Wenn man mit den Menschen aus der jüdischen Bevölkerung spricht, dann wächst da auch in extremer Form die Unsicherheit nicht nur, sondern auch die Angst, was passiert wieder.“ 

Gruppierungen wie die „Grauen Wölfe“ werden laut Evermann im Podcast inzwischen als „nahezu die größte rechtsextreme Szene“ in Dortmund angesehen, wenngleich sie selten durch große Kundgebungen auffallen, sondern unterschwellig agieren. Das Handlungsfeld Islamismus wurde unter dem Leitgedanken „wehret den Anfängen“ aufgenommen. Im Gegensatz zum Rechtsextremismus fehle es hierbei noch an erprobten Konzepten, weshalb konkrete Maßnahmen in den kommenden Monaten erst erarbeitet werden müssen.

Präventionsarbeit muss sich dem Spardruck stellen  

Die Umsetzung der neuen Vorhaben steht jedoch unter erheblichem Spardruck. In Dortmund gilt aktuell eine Haushaltssperre für freiwillige Leistungen, was den finanziellen Handlungsspielraum für neue Projekte drastisch begrenzt. Zwar betont die Verwaltung, man müsse sich die Verteidigung der Demokratie leisten können, doch gleichzeitig strich der Bund das Schulpräventionsprojekt „Miteinander“ im Programm „Demokratie leben!“, wodurch vier Stellen wegfielen.

„Antisemitismus - Dagegen habe ich was.“ Aufkleber in der Nordstadt. Foto: Alex Völkel
Archivfoto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de „Antisemitismus – Dagegen habe ich was.“ Aufkleber in der Nordstadt.

Diese strukturellen Engpässe belasten auch die Beratungs- und Präventionspraxis vor Ort unmittelbar. ADIRA bietet regelmäßig Workshops für Schulklassen an, ist für diese Angebote aktuell jedoch weitgehend auf private Spenden angewiesen.

„Ich würde mir wünschen, dass die Aufklärung über Antisemitismus für unterschiedliche Zielgruppen deutlich breiter aufgestellt und dauerhaft ausreichend finanziert wird“, unterstreicht Neumann.

Zudem warnt Neumann davor, dass bestehende Initiativen häufig nur jene Menschen erreichen, die ohnehin schon für demokratische Werte sensibilisiert sind. Notwendig seien Angebote, die unterschiedliche Milieus frühzeitig ansprechen, um Radikalisierungen vorzubeugen.


Weitere Informationen:


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

Unterstütze uns auf Steady
Ariane Tillmann | Nordstadtblogger

Mehr dazu auf Nordstadtblogger:

Reaktion schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert