Prozessbeginn nach tödlichem Autounfall: 18-Jähriger ist wegen Totschlags angeklagt

E-Scooterfahrer wurde innerorts mit 162 Stundenkilometern gerammt

Gerichtssaal mit Angeklagten, zwei Anwälten und zwei Justizbeamten
Der 18-jährige Täter wird in Handschellen in den Gerichtssaal des Dortmunder Landgerichts geführt.

Sechs Monate nach dem tödlichen Autounfall auf der Dortmunder Flughafenstraße in Scharnhorst-Hostedde hat die Gerichtsverhandlung begonnen. Rückblick: Am 9. August 2025 wurde ein 36-jähriger Familienvater von einem jungen Fahranfänger tödlich getroffen. Die Staatsanwaltschaft am Landgericht Dortmund hatte daher Anklage wegen Totschlags erhoben. Das Opfer war nachts gegen 1:20 Uhr auf einem E-Scooter unterwegs, als der 18-jährige Täter ihn mit überhöhter Geschwindigkeit von 162 Stundenkilometer von hinten erfasste. Durch den Aufprall wurde der E-Scoooterfahrer auf die Motorhaube geladen und prallte dann in ein Haltestellenschild. Der 36-Jährige soll sofort tot gewesen sein. Das Fahrzeug kam erst nach weiteren Kollisionen nach 200 Metern zum Stehen.

Todesursache ist ein Polytrauma schwerster Ausführung

Am 10. Februar startete nun der Prozess gegen den 18-Jährigen, der seit dem Unfall in Untersuchungshaft in Herford sitzt. Mittlerweile gab es drei Verhandlungstage. ___STEADY_PAYWALL___

Herausgerissenes und verbogenes Haltestellenschild
Durch den Aufprall des Opfers auf das Haltestellenschild wurde es aus seiner Verankerung gerissen. Fernandez / News 4 Video-Line TV

Den meisten der Zuschauer:innen stockte jedoch der Atem, während die Gerichtsmedizinerin Katharina Jellinghaus mit vielen Bildern die einzelnen Verletzungen des Getöteten zum Prozessauftakt auflistete.

Die Todesursache sei demnach ein „Polytrauma schwerster Ausführung“ gewesen, wie Jellinghaus erklärte. Jede einzelne der Verletzungen wäre durch die massive, stumpfe Gewalteinwirkung von hinten nicht überlebbar gewesen, führt sie weiter aus. „Da muss man nichts zu sagen”, kam Jellinghaus nach ihren Aussagen zum Schluss.

Mit Mietwagen des Bruders: 18-Jähriger fuhr das erste Mal allein

Auch der junge Verantwortliche schaute sich die Bilder nicht an, der am zweiten Verhandlungstag selbst zu Wort kommt. Er übernehme die volle Verantwortung und frage nicht nach Vergebung. Denn er könne sich selbst auch nicht verzeihen, so der 18-Jährige.

Er wollte das erste Mal nach dem Bestehen seiner Führerscheinprüfung allein fahren, nahm sich das Mietauto seines Bruders ohne dessen Wissen und fuhr los. Er habe sich zu sicher gefühlt, gedacht, nachts wäre niemand auf der Straße unterwegs.

Die Fahrer beider Wagen sagen vor Gericht aus, dass sie selbst große Angst gehabt hatten, dass das Fahrzeug des Täters aufgrund der überhöhten Geschwindigkeit in sie hineinfahre.

Getöter Familienvater nahm andere Route als sonst nach Hause

Der 36-jährige Familienvater hatte kein Glück. Nach Aussagen von Bekannten war er gerade auf dem kurzen Nachhauseweg vom naheliegenden Kleingartenverein. Besonders tragisch ist, dass das Opfer in der Unfallnacht wegen einer Baustelle auf die Flughafenstraße auswich. Normalerweise wählte er eine andere Route nach Hause, erzählten Bekannte.

Kaputter Unfallwagen
Der Unfallwagen wurde vom Bruder des Angeklagten nur wenige Stunden vor dem Zusammenstoß angemietet. Fernandez / News 4 Video-Line TV

Während des Abbiegens aus der Straße „In der Liethe“ auf die Flughafenstraße wurde er dann von schräg hinten getroffen. Zu diesem Schluss ist die Obduktion gekommen. Die Annahme konnte ebenfalls durch ein Gutachten von Unfallanalytiker Markus Eggenhaus bestätigt werden.

Der Getötete wurde durch den Aufprall auf das Fahrzeug geladen, zertrümmertedurch den Aufprall die Windschutzscheibe und blieb im Dach des Autos hängen.

Der Fahrer habe nach der Kollision endgültig die Kontrolle verloren und sei trotzdem ungebremst weitergefahren, erklärte Eggenhaus den Unfallhergang. Dabei streifte er ein parkendes Auto und traf einen Mülleimer.

Für Analytiker ist der Unfallhergang „absolut unnormal“

Der Geschädigte wurde im Zuge dessen in das Bushaltestellenschild hineingeworfen, das aus seiner Verankerung gerissen und um 90 Grad verbogen wurde. Das Fahrzeug fuhr rechts auf den Gehweg und rammte eine Steinmauer, wodurch es wieder auf die Straße abgelenkt wurde. Erst durch die Kollision mit der Steinmauer beschleunigte das Auto nicht weiter und kam nach weiteren 150 Meter und dem Streifen einer Laterne zum Stehen.

Eggenhaus hat noch in der Unfallnacht die Spuren am Tatort auf der Flughafenstraße von der Einmündung „In der Liethe” bis zur Kreuzung mit der Hostedder Straße gesichert. Die gesamte Unfallstrecke umfasste an die 200 Meter Länge.

Für den erfahrenen Analytiker des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Vereins (Dekra) sei unter anderem dieses lange Auslaufen des Fahrzeugs nach dem Aufprall mit dem Opfer „aus technischer Sicht absolut unnormal“, da die meisten Unfallverursacher:innen nach einem Zusammenstoß entweder in die Voll- oder zumindest Teilbremsung gehen würden.

Beschuldigter soll während des Unfalls weiter Vollgas gegeben haben

In diesem Fall hätte der Fahrer jedoch zu keinem Zeitpunkt gebremst. Im Gegenteil: Das Gaspedal sei während der Kollision mit dem Opfer sowie danach während dem Zusammenstoß mit weiteren Gegenständen voll durchgedrückt gewesen.

Erst durch die Kollision mit der Steinmauer sei das Auto so beschädigt gewesen, dass es am Zufahrtsweg zur Hostedder Straße zum Stillstand kam. Dies zeigen ausgewertete Daten des Autos, die Eggenhaus dem Gericht vorstellte.

Warum der Fahranfänger, der entgegen anderen Berichten kurz zuvor die praktische Führerscheinprüfung bestanden hatte, weiter Vollgas gab, konnte nicht geklärt werden. Es gäbe genügend Unfälle, bei denen Fahrer:innen Gas mit Bremse vertauschen, so Eggenhaus.

Darüber wurde bei diesem Termin klar, dass der Täter nicht unter Drogeneinfluss stand. Auch dieser Umstand wurde zuletzt falsch berichtet. Das Urteil wird für den 4. März erwartet. Das Strafmaß auf Totschlag liegt zwischen fünf bis zehn Jahren.


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