Mobilität und Corona-Krise? Elektro-Scooter in Dortmund auf Gratwanderung zwischen Gewinner und Verlierer

Die E-Scooter erleben laut der Anbieter Lime und Tier im Zuge der Corona-Pandemie einen Imagewechsel vom Spaßobjekt für Jugendliche hin zu einer echten Alternative für den ÖPNV. Foto: Alex Völkel / Archiv

Die vergangenen Monate waren die Zeit des Homeoffice, des „Lieber-zuhause-Bleibens“ und Lockdowns. Städte-Trips, Ausflüge und Gruppenunternehmungen mussten ausfallen. Das Stadtbild wirkt vielerorts, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Das trifft auch auf die E-Scooter zu, die Ende 2019 noch für viel Diskussionsstoff innerhalb der Bevölkerung sorgten. Über umherrasende Menschen in Fußgängerzonen und unsachgemäßes Abstellen der Roller auf Geh- und Radwegen wurden hitzige Debatten geführt. Jetzt stehen die vermeintlichen Stadtraser trist und unbenutzt in Reihe und Glied an den vorgesehenen Plätzen. Zum Einsatz scheinen sie so gut wie gar nicht mehr zu kommen – aber stimmt der Eindruck?

E-Scooter Anbieter zwischen Neukundenerschließung und Nachfragerückgang

E-Scooter falsch abgestellt. Foto: Karsten Wickern / Archiv

Die Bundesregierung rät Unternehmen weiterhin, ihren Mitarbeiter*innen das Arbeiten von Zuhause zu ermöglichen. Mit den ersten Öffnungsschritten seit 8. März kehren aber Stück für Stück immer mehr Arbeitnehmer*innen an ihren Arbeitsplatz zurück.___STEADY_PAYWALL___

Dabei sind sie genauso wie Unternehmen darauf bedacht, das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Wer mit dem eigenen Auto zur Arbeit kommt, hat viele Infektionsrisiken schon ausgeschlossen, bevor der Arbeitsalltag überhaupt beginnt. Aber was machen all diejenigen, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind?

Bus und Stadtbahnen sind trotz Entzerrung durch Fahrplanerweiterungen gerade in den Hauptstoßzeiten immer noch gut gefüllt und 1,50 Meter Abstand unmöglich einzuhalten. Hier könnten die E-Scooter eine attraktive Alternative darstellen. Wer sich morgens nicht in volle U-Bahnen und Busse quetschen will, kann in den E-Scootern eine gute Frischluft-Alternative finden. Diese Trendwende haben auch die in Dortmund vertretenen E-Roller Unternehmen Lime und Tier beobachtet.

Totes Kapital im Stadtbild oder Imagewechsel im Zuge der Corona-Pandemie?

Auf Nachfrage sagt Stefan Dörner, Pressesprecher von Lime Deutschland: „Durch die Corona-Pandemie erkennen wir eine Nachfrageverschiebung: Weniger Touristen und Spaß-Fahrten, dafür viele neue Kunden, die beispielsweise Scooter für Fahrten zum Einkaufen oder zur Arbeit nutzen“.

E-Scooter am Phoenix-See. Foto: Leopold Achilles / Archiv

Der Elektroroller-Anbieter Tier hat aufgrund von Nachfragerückgang seine Flotte in Dortmund vorübergehend sogar verkleinert, gibt Matthias Weber, Regional Manager Ruhrgebiet, an. Im Sommer und Herbst 2020 waren die Fahrten nach Angaben des Unternehmens dennoch sehr hoch.

Der Eindruck, dass die E-Scooter totes Kapital im Stadtbild sind, können beide Anbieter nicht bestätigen. Im Gegenteil, die Zahl der Fahrten läge bei Lime sogar auf dem Niveau des Vorjahres, so Stefan Dörner. Beide Unternehmen, Tier und Lime geben außerdem an, dass sie beobachten konnten, dass die einzelnen Fahrten mit den Scootern deutlich länger geworden sind.

Das könnte unter anderem am Wegfall der reinen Spaßfahrten liegen. Man könnte sagen, der E-Scooter hat die Pandemie genutzt, um einen Imagewandel zu vollziehen. Vom Spaßobjekt für Jugendliche hin zu einer echten Alternative für den ÖPNV oder das Auto. Inwiefern sich dieser Trend auch nach der Pandemie fortsetzen kann, wird sich zeigen. Die Unternehmen Lime und Tier blicken jedenfalls optimistisch in die Zukunft und wollen ihr Konzept weiter ausbauen.

Mit dem E-Scooter zur Arbeit: keine vage Zukunftsmusik dank Corona

Elektroroller am Dortmunder Hauptbahnhof. Foto: Alex Völkel / Archiv

Neben dem E-Scooter Verleih greifen aber auch immer mehr Menschen tiefer in die Tasche und investieren langfristig in das neue Trendmobil. Das zeigt auch eine Prognosestatistik zum Branchenumsatz mit Elektrorollern für das Jahr 2024 (Quelle: Statista).

Dabei wird mit einem Umsatz von rund 55 Milliarden US-Dollar bis 2024 gerechnet. Das wäre im Vergleich zum Jahr 2015 ein Anstieg um 30 Milliarden US-Dollar weltweit. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Scooter auch in den nächsten Jahren nicht aus dem Stadtbild verschwinden.

Auch immer mehr Arbeitgeber entdecken die E-Mobilität für sich und bieten ihren Mitarbeiter*innen Unternehmens-subventionierte E-Modelle an. Die Stadt Dortmund beispielsweise bietet ihren Beschäftigten die Nutzung von E-Bikes und E-Autos für Geschäftstermine an.

JobRad-Modell könnte künftig auch Vorbild für E-Scooter Anbieter

Andere Dortmunder Arbeitgeber gehen sogar noch einen Schritt weiter und beteiligen sich am JobRad-Modell, wie zum Beispiel die Firmen adesso oder Materna. Arbeitet ein Unternehmen mit JobRad zusammen, können Mitarbeiter*innen sich ein E-Bike oder Standard-Fahrrad aussuchen, der Arbeitgeber least das Bike und überlässt es dem Arbeitnehmer für den Arbeitsweg, Freizeit und Alltag. Dabei winken dem Betrieb und Arbeitnehmer steuerliche Vorteile. Ob die Leasing-Gebühr an den Arbeitnehmer weitergegeben wird oder die Kosten zu 100 Prozent vom Unternehmen übernommen werden, ist individuell abhängig.

Das JobRad-Modell könnte künftig auch Vorbild für E-Scooter Anbieter wie Lime, Tier oder Circ sein und eine echte Alternative zum E-Bike. Auf Nachfrage reagieren größere Dortmunder Unternehmen wie Volkswohl Bund, Adesso oder Tedi zwar interessiert am E-Scooter, gaben aber an, dass momentan keine konkreten Überlegungen in dieser Richtung anstünden. Zukünftig könnte sich das gegebenenfalls ändern, denn nicht jeder fühlt sich auf dem Fahrrad sicher genug, um am Straßenverkehr teilzunehmen. Dabei könnte der E-Scooter eine echte Alternative zum Auto und ÖPNV darstellen.

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