Kampfbegriffe wie „Remigration“ und Co.: Wie rechtsextreme Sprache plötzlich „normal“ wird

„Wir kümmern uns um Begriffe, die gerade normalisiert werden“

Studierende befestigen Transparente an Gerüsten
Im Kulturort Depot wurden dheute die Installationen für Das Projekt ›_normal? – Wie Sprache Realitäten schafft‹ aufgebaut. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Rechtsextreme und rassistische Begriffe schleichen sich in den Alltag ein – oft unbemerkt. Genau das will die mobile Ausstellung „_normal? – Wie Sprache Realitäten schafft“ vom 26. bis 28. Februar 2026 in der Dortmunder Innenstadt sichtbar machen. Studierende des Masterstudiengangs Public Interest Design der Bergischen Universität Wuppertal fragen: Was gilt eigentlich schon wieder als „normal“?

Wenn rechte Begriffe selbstverständlich klingen und ihre Herkunft kaum noch auffällt

„Wir haben uns damit auseinandergesetzt, inwiefern Sprache Realitäten verändern kann“, sagt Christoph Roddatz, Dozent im Studiengang. Schnell sei klar gewesen, dass der Schwerpunkt auf Rechtsextremismus liegen müsse. „Das ist ein Thema, das uns im Seminar sehr beschäftigt hat.“

Im Mittelpunkt stehen Begriffe, die aus dem rechten Spektrum stammen und zunehmend selbstverständlich verwendet werden. „Wir kümmern uns tatsächlich um die Begriffe, die gerade normalisiert werden“, betont Roddatz. Als Beispiel nennt er „Remigration“. Das Wort sei „gerade in aller Munde“. Vielen sei nicht bewusst, aus welchem ideologischen Kontext es komme.

Ein weiteres Beispiel ist „Ethnopluralismus“. Der Begriff klinge zunächst nach Vielfalt, erklärt Roddatz. „Er versucht, an eine pluralistische, diverse Gesellschaft anzuknüpfen.“ Tatsächlich stehe dahinter jedoch die Idee, dass unterschiedliche „Ethnien“ getrennt voneinander leben sollten. „Ethnien ja, gut – aber bitte jede in ihrer eigenen Blase“, beschreibt Roddatz die Denkweise.

Warum ältere, offen rassistische Begriffe nicht im Mittelpunkt stehen

Mehr davon gefällig: „Überfremdung, Wokeness, Sprachpolizei, Schuldkult, Reframing, Gender-Gaga oder Systemmedien“. Die Studierenden haben auf der Internetseite eine Vielzahl von Begriffe zusammengetragen.

Eine Wortwolke
Rechtsextreme Kampfbegriffe, die wie selbstverständlich in den Wortgebrauch sickern…. Visualisierung: Nordstadtblogger mit KI-Unterstützung

Genau solche sprachlichen Verschiebungen wolle die Ausstellung offenlegen. Es gehe darum, sensibel dafür zu werden, wie Begriffe Realität formen und politische Konzepte transportieren.

Die Ausstellung fragt damit nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was dadurch sagbar wird. Wenn Begriffe erst einmal normal erscheinen, verändern sie den Rahmen von Debatten.

Bewusst ausgeklammert werden ältere, heute gesellschaftlich geächtete Bezeichnungen. Zuletzt wurde in Dortmund nach dem Rosenmontagszug über die Verwendung des Wortes „Z*schnitzel“ diskutiert. „Die alten Sachen haben wir gar nicht im Repertoire“, sagt Roddatz. Der Fokus liege auf aktuellen Entwicklungen – auf Wörtern, die sich neu im Diskurs festsetzen und ausgrenzende Ideologien transportieren, ohne sofort als solche erkannt zu werden.

Über Sprache und Begriffe in den Dialog kommen

Am heutigen Donnerstag (26. Februar 2026) ist die Ausstellung von 14 bis 18 Uhr in der Königswallpassage am Hauptbahnhof zu sehen. Am Freitag (27. Februar) folgt von 13 bis 17 Uhr die Katharinenstraße. Am Samstag (28. Februar), stehen die Studierenden von 11 bis 15 Uhr auf dem Vorplatz des Dietrich-Keuning-Hauses in der Nordstadt.

Portrait des Sprechers
Christoph Roddatz ist Dozent im Master-Studiengang Public Interest Design der Bergischen Universität Wuppertal. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Die Studierenden wollen mit ihren Aktionen vor allem ins Gespräch kommen. „Die ganze Bandbreite ist möglich“, sagt Roddatz mit Blick auf die erwarteten Reaktionen – von Interesse und Aha-Momenten bis zu aggressiven Anfeindungen. Man habe verschiedene Szenarien durchgespielt und werde immer mindestens zu zweit vor Ort sein.

Nach den drei Tagen ist das Projekt nicht einfach beendet. Eine Dokumentation soll folgen, die Ergebnisse werden auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht. „Ich hoffe, dass sie ganz viel gelernt haben“, sagt Roddatz über seine Studierenden. Und dass die Frage, was in unserer Sprache schon wieder als normal gilt, weiterwirkt.

Public Interest Design: Mit Gestaltung gesellschaftlich eingreifen

Das Projekt ist das gemeinsame Auftaktvorhaben von 15 Erstsemesterstudierenden. „Damit sie sich kennenlernen, machen wir immer ein gemeinsames Projekt“, erklärt Roddatz. Der Studiengang Public Interest Design verstehe sich als gemeinwohlorientiert. Es gehe darum, „mit Mitteln des Designs gesellschaftlich Wirkung zu erzielen und vielleicht auch Gesellschaft zu gestalten“.

In dieser Form sei der Studiengang der Bergischen Universität Wuppertal bundesweit einmalig und feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Ziel sei es, gesellschaftliche Fragen nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern gestalterisch in den öffentlichen Raum zu tragen.

Mehr dazu gibt es hier normal-dortmund.de/


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