
Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich hunderte Schüler:innen, um gegen die Einführung der Wehrpflicht und gegen Krieg zu demonstrieren. 15 Schulen aus Dortmund und weitere aus Lünen und Schwerte folgten am Donnerstag (5. März) dem Aufruf des Bündnisses „Nein zur Wehrpflicht“. Laut Polizei und Veranstalter haben zwischen 350 und 500 Teilnehmende an dem Demozug durch die Innenstadt teilgenommen. Der Protest verlief friedlich.
Demonstrierende kritisieren Finanzierung der Bundeswehr
Ihre Botschaft haben die Jugendlichen in ihren Sprechchören und auf Transparenten immer wieder unmissverständlich geteilt: Ein klares Nein zur Wehrpflicht und ein Einstehen für eine selbstbestimmte Zukunft.

Auch wird laute Kritik an der Finanzierung der Bundeswehr geäußert. So würden Schulgebäude weiter zerfallen oder Krankenhäuser kaputt gespart und das Geld zur Sanierung stattdessen in die Aufrüstung gesteckt, wie es einige Redner:innen zum Ausdruck bringen.
Gemeinsam mit dem Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ haben unter anderem Die Falken Dortmund, die Linksjugend Solid Dortmund, die ver.di-Jugend Dortmund und die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend Dortmund (sdaj) die Demonstration organisiert. ___STEADY_PAYWALL___
Das Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ und weitere Initiativen haben Streik organisiert
Das Bündnis übernimmt organisatorische Aufgaben, wie die Anmeldungen zum Streik, um den Schüler:innen den Schulstreik zu ermöglichen. „Mich motiviert das Engagement der Schüler:innen in den Schulen“, sagt Lukas Wiens, Pressesprecher von „Nein zur Wehrpflicht“.

„In den Schulen bilden sich Streikkommitees, sie machen Aktionen in den Schulen, reden mit ihren Schülervertretungen. Alles damit wir, obwohl es der zweite Termin des Schulstreiks ist, stark vertreten sind“, so der 20-Jährige.
Nach dem Streik Anfang Dezember – Anlass war die Verabschiedung des Gesetzes zum Neuen Wehrdienst, ist es der zweite Aufruf zum Streik. Im Dezember waren mit rund 1000 Demonstrierende mehr als doppelt so viele auf den Straßen Dortmunds unterwegs. Trotzdem wächst die Bewegung, im Dezember wurde in 90 Städten zum Streik aufgerufen, jetzt waren es rund 135 Städte.
„Der Regierung zeigen, dass nicht alles ungesehen bleibt“
Der Demozug führte vom Notausgang des Hauptbahnhofs ostwärts über den Wall bis zum Platz der Alten Synagoge vor dem Theater Dortmund. Simon Speiht feuert die Demonstrierenden mit seinem Megafon an. Immer wieder antworten sie ihm in Sprechchören.

„Ich bin hier aus persönlicher Überzeugung. Und damit wir der Regierung zeigen, dass nicht alles ungesehen bleibt, was vor verschlossenen Türen beschlossen wird“, betont Speith, Schüler in der elften Klasse auf dem Mallinckrodt-Gymnasium.
Schülerin Stella Georges bezieht eine klare Haltung zur Debatte über die Einführung der Wehrpflicht. „Ich bin dagegen, dass wir dafür büßen und sterben müssen, dass unsere Staaten irgendeinen Konflikt haben“, sagt die 16-Jährige von der Gesamtschule Brünninghausen. „Es ist nicht unsere Verantwortung, es sind nicht unsere Konflikte, es sind nicht unsere Kriege. Ich bin dagegen, dass wir dazu gezwungen werden, die auszuleben“, so Georges, die auch in der SDAJ aktiv ist.
Sie kennt auch Freund:innen, denen ein Fragebogen zur Bundeswehr-Eignung bereits zugeschickt wurde. „Vor allem hat es einfach eine große Angst ausgelöst“, sagt die Schülerin. Der Zwang zur Bundeswehr werde real.
Hintergrund der Demonstrationen ist die Debatte über Wiedereinführung der Wehrpflicht
Nicht nur in Dortmund fand der Schulstreik statt. Deutschlandweit wurde in etwa 135 Städten zum Streik aufgerufen. Neben dem Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ hat sich die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ gebildet, die nach eigenen Angaben parteilos und unabhängig ist und von Schüler:innen gegründet wurde.

Hintergrund der bundesweiten Demonstrationen ist die Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Bis Mitte 2030 sollen 260.000 Soldat:innen Teil der Bundeswehr sein. Zum Ende 2025 waren es knapp 185.000 – 3.000 Freiwillige mehr als zum Vorjahr haben sich gemeldet.
Der Wehrbeauftragte der Bundesregierung Henning Otto rechnet trotzdem mit der Wehrpflicht ab 2027 – sollten sich bis dahin nicht genug Freiwillige gemeldet haben. Das sagte Henning Otto erst am Dienstag (3. März) im Zuge der Vorstellung seines Jahresberichts.
In Dortmund werden Fragebögen an rund 6.000 Jugendliche verschickt
Zum Januar 2026 sind neue Regelungen zur Wehrerfassung in Kraft getreten. Allen, die ab 2008 geboren sind, werden nach ihrem 18. Geburtstag Fragebögen zur Eignung als Soldat:in geschickt.

Das betrifft in diesem Jahr 650.000 junge Menschen – in Dortmund sind es rund 6.000 Jugendliche. Männer werden zum Ausfüllen der Fragebögen und zu einer Musterung danach verpflichtet. Ein letztlicher Eintritt in den Wehrdienst selbst bleibt weiterhin für alle freiwillig. Der neue Wehrdienst umfasst mindestens sechs Monate.
Der nächste Streik wurde von der Initiative „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ für den 8. Mai angekündet. Damit wird dem Streik eine historische Komponente hinzugefügt. Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 81. Mal.
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Protestwelle gegen Wehrpflicht: „Unser Leben, unsere Zukunft“ – Schulstreik in Dortmund
Demo-Aufruf: „Friedensfähig statt kriegstüchtig! Kriege beenden, Aufrüstung stoppen!“







Reaktionen
Ulrich Sander
An der Dortmunder Demo zum Schulstreik habe ich unter dem Motto „Opas gegen den Krieg“ teilgenommen. Es wurde dort die UZ vom 27. Februar verbreitet. Sehr wichtig darin der Artikel „Geburtstagsgeschenk an Rosa“. Darin wird die Brücke geschlagen von der Massenstreikdebatte der Arbeiterbewegung am Beginn des vorigen Jahrhunderts zu den heutigen Schulstreiks. Es wird den Schülerinnen und Schülern bescheinigt, Rosas und Karls Aufruf zum politischen Streik aufgegriffen zu haben – wohl ohne es zu wissen. Heute wagt ja kaum jemand, den Streik zur Erzwingung politischer und nicht nur wirtschaftlicher Veränderungen zu propagieren oder gar zu führen. Es wird den Schülerinnen und Schülern von der UZ dafür eine Gratulation ausgesprochen. Da fiel mir ein: Als ich dereinst gemustert wurde, stellte man Dienstunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen fest. Dennoch wurde mir ein Wehrpass ausgestellt und darin stand „tauglich für Ersatzreserve zwei“. Da habe ich verweigert, auch den Ersaztzdienst. Ich meinte: Weder Kriegsdienst unter Nazigenerälen noch Reichsarbeitsdienst a la Adenauer. In der Verhandlung sagte ich zur Begründung: ich will nicht auf meine Verwandten in der DDR schießen. Einberufen wurde ich dann zu keinerlei Diensten. Meine Empfehlung für heute: Keinen Fragebogen ausfüllen und nicht zur Musterung gehen. Ach so – ich bin Jahrgang 1941, habe die Bombennächte noch in Erinnerung.