Die Stadt nach vorne bringen: Zehn Dortmunderinnen über ihre Arbeit im Stadtrat

Am 14. September entscheiden die Wähler:innen auch über die Sitze im Rat

Blick in den Ratssaal, im Hintergrund ein Bildschirm mit Datum 22.05.2025 und "Rat der Stadt Dortmund"
Dortmunds bisherige Oberbürgermeister hießen Heinrich, Günter, Gerhard und Ullrich. Seit 2020 heißt er Thomas. Foto: Javad Mohammadpour für nordstadtblogger.de

Deutsche Kommunalpolitik ist weiterhin in männlicher Hand. Bei einem Ranking deutscher Großstädte der Fernuni Hagen für die Heinrich-Böll-Stiftung zeigte sich auch in Dortmund kein gegenläufiger Trend. Mit 34,48 Prozent Frauenanteil landete Dortmund auf dem 29. Platz von 77 Städten. Im Gespräch mit Nordstadtblogger berichten zehn Kommunalpolikerinnen von ihrem Einstieg in die Politik, Erfahrungen mit Sexismus und hitzigen Debatten im Stadtrat. Ein Teil der Interviews ist im Video-Podcast „Systemfehler“ (Link am Ende) in der Folge „Frauen in Politik und Wirtschaft in Dortmund“ zu sehen.

Führungspositionen sind bislang wenig divers besetzt

Vor allem Führungspositionen sind wenig divers besetzt: Dortmunds bisherige Oberbürgermeister hießen Heinrich, Günter, Gerhard und Ullrich. Seit 2020 heißt er Thomas. Ein weibliches (oder non-binäres) Oberhaupt gab es in der Stadtgeschichte noch nicht.

Für die kommende Wahl haben sich zehn Männer und zwei Frauen zur Wahl gestellt: Fatma Karacakurtoglu (Die Linke) und Katrin Lögering (Bündnis 90/Die Grünen). Beide sind Mitglied des aktuellen Stadtrats und berichten auch hier von ihren Erfahrungen in der Kommunalpolitik.

Mit diesen Kommunalpolitiker:innen haben wir gesprochen:

  • Anna Spaenhoff, Ratsmitglied der SPD Fraktion und Ausschussvorsitzende im Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie und Betriebsausschuss von FABIDO
  • Carla Neumann-Lieven, Fraktionsvorsitzende der SPD Ratsfraktion in Dortmund
  • Dr. Eva Goll, Mitglied in der CDU Fraktion
  • Fatma Karacakurtoglu, Stadträtin und OB-Kandidatin für Die LINKE in dieser Wahlperiode
  • Katrin Lögering, Fraktionsvorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zusammen mit Christoph Neumann, OB-Kandidatin
  • Petra Dresler-Döhmann, Schulleiterin a.D., SPD (ehem. DIE LINKE+)
  • Saziye Altundal-Köse, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
  • Sonja Lemke, seit 2020 im Stadtrat, seit der letzten Wahl auch im Bundestag, Fraktion DIE LINKE+
  • Susanne Bartholomé, FDP Bürgerliste, Ausschuss für Arbeit, Soziales und Gesundheit
  • Ute Mais, CDU, seit 2009 im Rat der Stadt Dortmund, seit 2021 auch eine der drei Bürgermeister:innen
Gruppenfoto von Dortmunder Ratsfrauen, die lachend in die Kamera schauen und den Daumen hochhalten.
Die Dortmunder Ratsfrauen unterstützen die Initiative „She for democracy“.

Was war für Sie der Moment, in dem Sie entschieden haben, kommunalpolitisch aktiv zu werden?

Carla Neumann-Lieven: „Die Trennung von meinem ersten Mann. Meine Schwiegermutter hat gesagt, dir fällt gleich die Decke auf dem Kopf, du gehst jetzt mit mir zur SPD. Und das war die Basis, um politisch auch zu agieren, nicht nur mitzureden, sondern auch zu agieren. Und dann bin ich in die Bezirksvertretung gegangen und heute bin ich seit über 20 Jahren im Rat.“

Petra Dresler-Döhmann: „Ich bin in Ruhestand gegangen. Hätte das auch in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit nicht mehr geschafft, noch irgendwas nebenbei zu machen. Ich habe sogar meine Hobbys aufgegeben, weil ich die Kraft nicht mehr hatte und um morgens wieder einigermaßen fit in der Schule zu sein. Ich finde wichtig, dass wenn man was erkennt und eine Missetat erkennt, dass man dann dahingeht und sagt, ich versuche mit dem, was ich weiß, was ich kann zu helfen. Ich finde ideologische Debatten eher hinderlich.“

Bürgermeisterin Ute Mais (CDU) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Susanne Bartholomé: „Dazu muss ich mich outen. Ich bin in Gelsenkirchen geboren, aber mit 6 Jahren nach Dortmund gekommen und in höherem Alter, also ich bin seit 14 Jahren in der Politik, habe ich gedacht, ich muss etwas für diese Stadt tun und das kann ich hier im Rat und in den Ausschüssen. Das ist mein Weg.“

Ute Mais: „Eigentlich bin ich mehr oder weniger wirklich durch Zufall dran gekommen. Mein Mann war politisch sehr aktiv bei uns im Stadtbezirk Aplerbeck und als bei uns das zuständige Ratsmitglied verstarb, habe ich eine Woche überlegt und habe dann gesagt, ja.

Ich habe ein Ziel, ich wollte den Sport in dieser Stadt unterstützen. Das ist eins meiner ganz großen Ambitionen und habe gesagt, okay, ich versuche in den Rat der Stadt Dortmund zu kommen. Das habe ich dann auch wirklich geschafft. Ich habe gleich mein Direktmandat geholt, worauf ich natürlich sehr stolz war und stand dann da und musste schauen, wie ich damit klarkomme. Aber das hat sehr viel Spaß gemacht.

Ute Mais

Wie erleben Sie die Debatten jetzt momentan im Rat? Würde sich da die Stimmung ändern, wenn noch mehr Frauen Teil des Rats werden?

Anna Spaenhoff: „Ja, ich glaube schon, weil es doch häufiger so ist, dass tatsächlich die Themen oder die Beiträge von Frauen sich noch mal auch wirklich aufs Thema beziehen, nicht ganz so sehr dabei abschweifend sind und dadurch es noch ein bisschen punktueller ist und auch weniger hitzig und böse mit Beleidigung.“

Carla Neumann-Lieven: „Da bin ich mir gar nicht sicher. Das hängt vom Engagement des Einzelnen ab, wie viel geredet werden und von daher bin ich mir gar nicht sicher, dass da ein großer Unterschied wäre.“

Eva Goll: „Nee, die Stimmung im Rat und die Debatten, die sind so ein bisschen themenabhängig sehr unterschiedlich. Also, wenn es Themen sind, wo jetzt die AfD sehr dominant in der Diskussion wird, dann ist die Stimmung ganz grausam und ganz grässlich und da könnte man natürlich vermuten in einem Rat, in dem die AfD klein ist oder weniger nicht vorhanden ist, dass dann die Stimmung besser wäre und die Argumentation sachlicher wäre.

Aber insgesamt, glaube ich, macht das keinen Unterschied, ob da jetzt mehr Frauen, ob das jetzt fünf oder sieben sind, die in der Fraktion sitzen und was sagen. Solange man sachlich miteinander diskutiert, ist das auch völlig egal. Es heißt ja nicht, dass Frauen grundsätzlich, na ja, freundlicher und friedlicher zueinander sind, als dass es Männer jetzt wären.“

Fatma Karacakurtoglu: „Das auf jeden Fall. Also, ich denke, wenn mehr Frauen an höheren Positionen sitzen würden, sie dann auch entsprechend die Debatten führen könnten. Wenn man genau hinschaut, merkt man nämlich, das sind gar nicht so viele Frauen, die Wortbeiträge haben.“

Frau mit schwarzem Oberteil, gestikuliert und spricht
Katrin Lögering, Bündnis 90/ Die Grünen, Dortmunder Stadtrat 2025 Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Katrin Lögering: „Ich habe zum einen das Gefühl, dass unter Frauen sachlicher diskutiert werden kann, tatsächlich auch weniger emotional und tatsächlich auch mehr an den Interessen und Belangen der Menschen. Wenn wir es echt schaffen würden, die Hälfte der Macht den Frauen im Parlament zu geben, würde ich sagen, dass wir bessere Entscheidungen für die Stadt treffen würden.“

Petra Dresler-Döhmann: „Ich weiß nicht, ob es anders aussehen würde. Ich finde, manchmal zieht es sich etwas, weil dann jede Fraktion und drei in der Fraktion noch mal sagen, was alle vorher schon mal gesagt haben, dann nur noch mal mit anderen Worten vielleicht und das ist, wo ich eher so eine Realistin bin… Weiß ich nicht. Ich weiß es einfach nicht.“

Saziye Altundal-Köse: „Ich denke, dass mit den Frauen auch die Bereitschaft der Kommunikation und die Auseinandersetzung, zur Lösungssuche, eine andere ist. Ich gebe mal ein Beispiel, der Rat hat sich auch dahingehend geändert, dass auch die Diskussionskultur eine ganz andere geworden ist seitdem die AfD da ist. Ich glaube, das könnten wir gegebenenfalls auch nicht unbedingt mit viel mehr Frauen lösen, sondern es geht um eine Grundhaltung, politisch aktiv zu werden und insgesamt als Gesellschaft dagegen vorzugehen.“

Sonja Lemke: „Ich glaube schon, dass dann viele Themen noch mal anders diskutiert werden würden. Wir hatten ja auch eine Frauengruppe in dem Rat, die dann interfraktionell diskutiert hat und da sind viele Sachen rausgekommen, die sich halt eben ähnliche Themen sind, wenn es dann um Kinderbetreuung geht und viele andere Sachen, wo sich auch unter den Fraktionen Frauen noch mal ähnlicher sind in bestimmten Problemlagen als auch in der gleichen Partei.“

Ute Mais: „Also, ich glaube tendenziell nein. Das mag durchaus sein, wo wir Frauen ein bisschen noch mal empfänglicher sind oder emotionaler sind. Aber ich glaube am Ende des Tages und ich erlebe das ja bei uns auch in den Debatten, da gibt’s durchaus immer wieder ein Zusammenkommen ein, dass man wirklich Aufgaben gemeinschaftlich meistert und ja, die eine oder andere Sichtweise ist aber, glaube ich, nicht aus Frauenpolitischer Sicht geprägt, sondern eher dafür, was habe ich für Erfahrungen gemacht mit meinem Umfeld, wie bin ich aufgewachsen.

Ich glaube, da ist ein bisschen dieser Kasus Knaktus. Wenn ich sehr viel negative Erfahrung habe, beurteile ich Situationen anders. Bin ich positiver in viele Situationen reingegangen, glaube ich, dann kann ich auch ganz locker damit umgehen und es hat mit Frauen und Männern aus meiner Sicht überhaupt nichts zu tun.“

Wie hat sich die Umgangs- und Arbeitsweise verändert, seit die AfD auch Sitze im Rat hat?

Unangenehm, weil die Gesprächsanteile sich immer nur um ganz bestimmte Themen drehen, die auch oft unter die Gürtellinie gehen oder feindlich gegenüber Migranten oder auch Frauen sind. Sie sind nicht sachorientiert und das ist anstrengend und unangenehm.

Carla Neumann-Lieven

Eine Frau links mit rotem Oberteil und Brille, eine Frau rechts mit Mikrofon in der Hand
Nordstadtbloggerin Anna Tenholt hat zehn Ratsfrauen interviewt – hier Carla Neumann-Lieven (SPD). Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Saziye Altundal-Köse: „Es gibt konkrete Beispiele. Wir unterhalten uns über Wohnungen, wir unterhalten uns über Wirtschaft, wir unterhalten uns über Innenstädte. Wir unterhalten uns über Sozialräume. Es sind immer die anderen und zwar die Menschen, die internationale Familiengeschichte haben oder auch geflüchtet sind, die unsere Stadt Dortmund schlecht gemacht haben. Die unsere sozialen Sicherungssysteme ausnutzen. Und diese Diskussion ist sehr populistisch angelegt, bewusst provozierend, so dass man, ich will mal sagen, gar nicht ruhig sitzen kann, immer wieder reagieren möchte, aber man entwickelt bestimmte Strategien und hört dann eben lieber weg.“

Erleben Sie selbst Chauvinismus, Sexismus oder ähnliches im Stadtrat? Haben Sie damit eigene Erfahrungen gemacht?

Anna Spaenhoff: „Ja, doch, das auf jeden Fall. Also nicht nur hier im Rat, um es zu benennen mit der AfD: Nach einem Wortbeitrag wird dann gesagt: ‚Sie als junge Frau‘ oder ‚Haben sich auch hübsch zurecht gemacht’ oder wie auch immer, das ist ja halt schon irgendwie Sexismus.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon
Anna Spaenhoff (SPD-Fraktion) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Es kommt doch häufiger auch vor, dass viele Herren, unterschiedlicher Couleur, in unterschiedlichen Umfeldern immer noch meinen, einer Frau kann man auch ein bisschen näher kommen oder so. Und das gehört irgendwie leider häufig noch dazu. Muss man dann noch mal drauf hinweisen und sagen: Grenzen einhalten. Das erlebt man schon durchaus auch als Frau im Arbeitsalltag oder auch so im Alltag. Das ist bislang auch immer noch nicht gänzlich weg, aber gibt auch viele, die eingreifen.“

Fatma Karacakurtoglu: „Wenn man sich die Reden anguckt, dann hört man das ja schon öfter mal raus. Auch unterschwellig, bei den rechten Parteien ist es vorhanden. Ganz klar. In den Ratsitzungen kriegt man das natürlich auch mit. Man sieht ja auch, wenn diese Berühmtheiten der rechten Szene anfangen zu reden, suchen sie sich auch gezielt die Frauen als Angriffsfläche aus, ist so. Aber die Frage ist: Müsste ich mir das gefallen lassen? Und da lautet die Antwort: Auf keinen Fall, nein.“

Katrin Lögering: „Das passiert hin und wieder. Also vor allem, wenn Debatten schwieriger, hitziger werden. Gerade als junge Frau, dass man die Expertise so nicht mitbringt, die man für diese Debatte jetzt bräuchte. Dabei bringt man vielleicht noch ganz andere Aspekte mit rein. Wir sollten eigentlich von unseren unterschiedlichen Standpunkten und von unserem unterschiedlichen Blickrichtungen voneinander lernen und profitieren und nicht andere dafür diskreditieren, aber das passiert hin und wieder.“

Frau mit Brille, schwarzes T-Shirt
Sonja Lemke (Fraktion Die Linke) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Sonja Lemke: „Ja, auf jeden Fall. Also in meinem ersten Ausschuss, im Finanzausschuss wurde mir gesagt von einem männlichen Vertreter, ob ich denn überhaupt etwas verstanden hätte. Und es gibt immer wie so so kleine Anmerkung, wo man schon merkt, dass einem nicht genau die gleiche Kompetenz zugestanden wird wie ein Mann. Man merkt immer wieder im Umgang, dass da schon noch ein Unterschied besteht auch jetzt noch.“

Ute Mais: „Ich glaube, ich bin ein ganz schlechtes Beispiel. Nein, nie. Ich kann durchaus schlagfertig antworten oder so. Klar wird man mal ein bisschen, ich sag’s mal liebevoll, dumm angemacht oder so, aber das habe ich in jedem Berbe gar kein Problem damit auch zurückzuschlagen in Anführungszeichen. Bitte nicht wortwörtlich nehmen.

Ich finde, das ist ganz wichtig und ich glaube, man darf immer nicht alles ganz bitter ernst nehmen, sondern man muss auch immer schauen, wie ist die Situation, in der ich bin. Ich habe bisher keine Situation erlebt, wo ich sagen muss, dass ich mich angegriffen gefühlt habe, auch in Diskussion mit Bürgern. Ich habe manchmal eher das Gefühl, dass da sehr viele Missverständnisse sind, dass wir viel mehr kommunizieren sollten und müssten. Das ist aber nicht nur bei den Frauen, das dürften die Männer auch gerne mal ruhig machen. Und ich glaube, da liegt so ein bisschen auch die Lösung des Problems, indem wir miteinander reden.“

Bekommen Sie ausreichend Unterstützung und Akzeptanz für die ehrenamtliche Arbeit hier?

Anna Spaenhoff: „Ich habe Glück mit meiner Arbeit, die wissen, dass sie mich so oder so dafür freistellen müssen. Aber das ist auf jeden Fall absolut gute Unterstützung, sonst könnte ich es auch nicht so machen, wie ich es tue. Muss man aber sagen, dass es schon noch besser wäre, nicht nur fürs Ehrenamt im Rat, sondern auch Freiwillige, Feuerwehr, Sportvereine, wenn da gesetzestechnisch sich noch mal was ändern würde.

Dass man Stunden reduzieren kann, aber gleichzeitig Rentenpunkte weitersammelt. Viele sind davon ausgegangen, ich würde Stunden reduzieren, aber meine Rente am Ende wird dadurch halt nicht bezahlt. Und das wäre tatsächlich noch mal ein wichtiger Punkt eigentlich zu gucken, wie kriegt man Ehrenamt insgesamt so aufgestellt, dass die Zeit dafür ist und Arbeitgeber gleichzeitig auch ein bisschen noch mal klarer planen können, weil die Stunden klar verteilt sind.“

Frau mit Brille, in einer hellblauen Bluse
Susanne Bartholomé (Fraktion FDP/Bürgerliste) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Ja, ich empfinde es, dass ich sehr viel Unterstützung, Wertschätzung bekomme. Ja, aber es wird wahrscheinlich auch Menschen geben, die das nicht wertschätzen. Vielleicht erlebe ich das nicht so. Ich persönlich fühle mich wertgeschätzt. Ja.

Susanne Bartholomé

Eva Goll: „Es ist ja schon extrem viel Zeit, die dabei drauf gehen. Insofern ist das Wesentliche, was man an Unterstützung braucht, die Unterstützung von Familie und Freunden, ne, die wissen, man muss frühzeitig planen, man muss es top organisieren, das funktioniert bei mir hervorragend, da kann ich überhaupt nicht meckern. Auch mit dem Arbeitgeber ist das immer so eine Sache, ne? Kriegt man das hin, kriegt man die Arbeit so organisiert, dass das alles funktioniert. Auch da bin ich noch nie an Schwierigkeiten gestoßen. Ja, es ist eine Herausforderung. Aber es ist auch etwas, was was durchaus anerkannt und honoriert wird von vielen Leuten, die sagen: Wow, das ist ja schon echt viel Zeit auch, die man da investiert und die das dann auch wertschätzen und anerkennen.“

Welche konkreten strukturellen Hindernisse begegnen Ihnen oder sind Ihnen begegnet in der Arbeit?

Anna Spaenhoff: „Arbeitszeit und die Arbeit…Von vielen oder von einigen Kolleginnen ist es immer noch das Problem der Kinderbetreuung. Ich weiß es von anderen Kollegen, die Schichtdienste haben. Da funktioniert auch dieses Modell von Verdienstausfall und Freistellung schwieriger und anders. Da müsste sich dringend auch noch mal was tun, dass Selbständige, Menschen im Schichtdienst, Pflegende und so weiter da mehr Unterstützung bekommen.“

Frau mit schwarz-rotem Oberteil spricht in ein Mikrofon
Fatma Karacakurtoglu (Fraktion Die Linke) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Fatma Karacakurtoglu: „Das sind die von mir beschriebenen, dass man nicht an bestimmte Positionen herankommt, weil das Patriarchat gerne vorherrscht und immer meint, sie können es besser, sie wissen es besser, sie sind diejenigen, die die Macher sind und von daher ist es natürlich klar strukturell. Wenn wir sehen, wie viele Dezernentinnen da drin sitzen und wie viele Dezernenten, dann sehen wir ja, wer die Mehrheitsanteile hat.“

Ute Mais: „Also, ich habe jetzt das große Glück gehabt, in Anführungszeichen, dass ich relativ spät mit Politik angefangen habe. Das heißt, meine Kinder waren schon groß. Da sehe ich einen großen Knackpunkt. Wir haben ja hier auch versucht seine Kinderbetreuung einzurichten…das ist das große Problem.

Weil die Debatten, weil einfach die Zeit zu lang ist. Und ich glaube, das ist so etwas…daran müssen wir arbeiten, dass Frauen hier wirklich die Möglichkeit haben, dann in irgendeiner Form die Kinder zu betreuen oder betreuen zu lassen. Ansonsten wüsste ich jetzt gerade nicht, fällt mir gerade nicht so weiter dazu ein. Wie gesagt, das einzige, was ganz immens wichtig ist, ist, dass man Zeit hat und zwar zu jeder Zeit des Tages.

Es ist sowohl vormittags als auch mittags. Wir haben ja einige Ausschüsse, die fangen schon um 12 Uhr an oder man hat mal ein Pressetermin, der ist auch morgens schon mal um 8 Uhr. Also, es gibt ja nichts, was es da nicht gibt. Und ich glaube, das ist sehr schwierig auf Dauer gerade in einem mittelständischen Betrieb, das seinem Arbeitgeber zu erklären. Da sind deutliche, also sind größere Betriebe deutlich besser aufgestellt aus meiner Sicht, weil die einfach mehr Freiheiten haben, Frauen  oder generell Politiker schalten und walten zu lassen.

Ute Mais

Wollten Sie selbst schon mal aufgeben, was war da der Grund?

Katrin Lögering: „Es gibt immer mal wieder so Punkte, wo man einfach denkt, ist es mir jetzt nicht vielleicht sogar, es ist mir nicht vielleicht zu viel, bekomme ich das in meinem Alltag unter? Also gerade als Frau Mitte 30, die ja mit Familie, Partner und Dingen, die auch zu Hause los sind, auch viele viele andere Aspekte aus dem Leben noch mit in die Ratsarbeit einbringt. Sowas ist natürlich manchmal sehr kräftezehrend.

Mich hat da immer aufgefangen, dass meine Fraktion mich immer sehr supportet hat und das ist auch möglich war nicht immer an allem gleichzeitig teilnehmen zu müssen, sondern dass man sich auch mal rausnehmen konnte. Das finde ich einfach ganz wichtig, dass wir uns gegenseitig auch in den Fraktionen unterstützen. Das ist, was wir in der Gesellschaft brauchen: Leute, die Ideen von der Stadt haben, Visionen für die Stadt haben, dass die sich eben auch für die Entwicklung der Stadt mit einbringen.“

Frau mit weißer Bluse
Saziye Altundal-Köse (Fraktion Die Grünen) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Saziye Altundal-Köse: „Ja, ich wollte aufgeben, weil mir die Diskussion einfach unsachlich sind. Diese unsachlichen Diskussionen führen dann am Ende dazu – warum sitzt man denn vier – fünf, manchmal aber auch acht Stunden in den Ratsitzungen, versucht Ideen zu entwickeln, wie wir diese Stadt nach vorne bekommen? Das führt zur Frustration.

Das führt auch dazu, dass man sagt, okay, die Zeit, die ich investiere, könnte ich auch anders wie investieren mit Familie, vielleicht mit mehr Freizeit und das führte tatsächlich dazu, dass ich überlegt habe, komm, lass es mal sein. Und das wird auch demnächst so sein, aber nicht aus Frustruation, weil ich auch Gelegenheit anderen geben mich möchte, politische Erfahrung zu sammeln.“

Das heißt, in der nächsten Wahlperiode bin ich raus. In der nächsten Wahlperiode habe ich nicht kandidiert und ich finde, dass die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen sehr viele junge Frauen gewinnen konnte. Wir haben ja eine paritätische Aufteilung, manchmal auch mehr Frauen drin, dass man mit einem guten Gefühl auch aus der Politik ausscheiden kann und ich hoffe, dass weiterhin ganz viele Frauen nachkommen, die die Politik hier inhaltlich bewegen können.

Saziye Altundal-Köse

Haben Sie einen Rat für junge Frauen, die sich politisch engagieren wollen?

Anna Spaenhoff: „Ich würde gerne sagen, dass es nicht so sein müsste, dass man sich durchbeißen muss, aber irgendwie gehört es halt dann leider doch dazu. Wobei das halt auch für junge Männer mit dazugehört, sich an den verschiedenen Stellen doch halt hartnäckig zu zeigen und dabei zu bleiben. Ich find’s wichtig, wenn man ein Thema hat, sich das einbringt, einfordert auch einfach selber sagt, ich mach’s auch, ihr müsst gar nicht machen. Dann bekommt man so den Respekt dadurch, dass man halt die Dinge tut, anpackt und mit dabei ist. Nicht loslassen, nicht locker lassen und sich gerne auch einfach mit anderen noch mal zusammen tun und zusammen das ganze erträglicher machen.“

Frau mit Brille spricht in ein Mikrofon
Dr. Eva Goll (CDU) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Eva Goll: „Ja, man muss es einfach machen. Man muss sich trauen. Ich glaube, die Grundvoraussetzung ist, dass man einen Zugang findet in eine Partei rein, weil alleine für sich Politik machen funktioniert ja nicht. Es man kann nur was durchsetzen, wenn man entsprechende Mehrheit hat. Das heißt, man muss in diesem System, das wir haben, in einer Partei sich orientieren und da dann seinen Weg gehen.“

Das heißt, der erste mutige Schritt ist sozusagen in die Partei, die einem am nächsten steht, einfach mal reinzuschnuppern und zu sagen: Hallo, hier bin ich. Kann ich da mitmachen? Und dann ergibt sich das. Man lernt alles, was man braucht im Rahmen der Tätigkeit in der Partei. Braucht man keine Vorkenntnisse oder sonstiges, sondern wirklich einfach eine Überzeugung, eine Haltung, eine Grundhaltung, irgendwas, wo man sich verortet und sagt, da gehe ich mal hin.

Eva Goll

Fatma Karacakurtoglu: „Macht euch auf dem Weg. Redet mit, gestaltet mit, wartet nicht darauf, dass jemand sagt: Komm, hey, mach du den Vorsitz, sondern verlangt den ein. Ihr steht in nichts nach. Ihr könnt das genauso gut, wenn nicht sogar noch besser, weil wir Frauen ja auch tatsächlich Multitasking-fähig sind und auch abstrakter denken. Lasst euch nicht ins Boxhorn jagen, geht immer einen Schritt vor, wartet nicht darauf, dass man euch abholt.“

Katrin Lögering: „Am Ball bleiben, Netzwerke bilden, Banden bilden, sich zusammensetzen und halt eben zusammen ähm sich gegenseitig zu empowern, also sich nicht unterkriegen zu lassen von eben solchen Situationen [Sexismus]. Mit anderen Frauen sprechen und sich gegenseitig Mut zusprechen. Und ich finde, das passiert auch bei uns im Rat und das passiert auch zwischen den unterschiedlichen Fraktionen. Wir haben da ein sehr sehr gutes demokratisches Miteinander und das zu stärken und miteinander auch beizubehalten in der Kultur, dass Frauen Frauen unterstützen, das ist mir ganz wichtig. Das würde ich auch jeder jungen Frau raten, sich in solche Netzwerke mit einzubringen.“

Frau mit weißer Bluse und Blazer im Gespräch
Petra Drechsler-Döhmann (jetzt SPD-Fraktion) Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Petra Dresler-Döhmann: „Also, ich bin allein erziehend gewesen mit drei Kindern und habe diese politische Arbeit gemacht, Verbandsarbeit, Gewerkschaftsarbeit und ich war so oft am Limit, manchmal auch ein bisschen schon drüber. Ich denke, da muss man gut gucken, dass man für sich selbst sorgt und ob die Bedingungen stimmen. Ansonsten: Nach vorne. Klar. Setzt den roten Hut auf.“

Sonja Lemke: „Nicht einschüchtern lassen, einfach nicht drauf hören und vor allen Dingen auch sich selber was zutrauen. Uns wird immer gesagt, so, ihr könnt das alles nicht schaffen, es ist zu groß für euch, das stimmt einfach überhaupt nicht. Einfach das Selbstbewusstein eines mittelmäßigen Mannes an den Tag legen, das klappt alles schon, das kriegen wir hin. Und wenn meine Dinge nicht perfekt sind, ihr seid immer noch gut genug.

Ute Mais: „Machen und zwar jetzt! Nicht überlegen, sondern tun. Das wäre mir ganz wichtig und alles andere kann man dann im weiteren Vorgehen klären. Man kann mit gestalten und ich bin der festen Überzeugung, es macht sehr viel Aussicht mit einzubringen. Ich behaupte immer, ich habe mir das Recht zu meckern erarbeitet und das würde ich mir von vielen Anderen auch wünschen. Auf uns zukommen und mitmachen. Und nein, man wird vielleicht nicht gleich Bürgermeisterin, aber man sieht ja, man kann schnell werden und ich finde, das macht Spaß und es ist auch schön, sich für andere einzusetzen.“


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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