Antisemitismus: Jüdinnen und Juden in Deutschland: „Bedroht, bewacht, bewahrt?“

Dortmunder Gedenkfeier zu 81 Jahren Befreiung des KZ Auschwitz

Podiumsteilnehmende 27. Januar
Diskutierten (v.l.): Hanna Pustilnik, Zwi Rappoport, Felix Klein, Jörg Rensmann und Abraham Lehrer. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Unter dem Motto „Jüdisches Leben 81 Jahre nach Auschwitz: Bedroht, bewacht, bewahrt?“ diskutierten einige Stimmen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und Dortmund, was der 27. Januar – der Holocaust-Gedenktag – ihnen persönlich bedeutet und wo sie aktuell Gefahren für die jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und der Welt sehen. Eins wurde bei der Podiumsdiskussion direkt klar: Überwunden ist der Antisemitismus auch 81 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz noch lange nicht.

Jüdisches Leben muss ohne Polizeischutz stattfinden können

„Wir müssen uns erinnern“, erklärte der Dortmunder Oberbürgermeister Alexander Kalouti in seinem Grußwort. Doch dieses Erinnern soll nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart gelten.

Oberbürgermeister Alexander Kalouti Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Der Antisemitismus zeige sich überall „auf den Straßen, in den Universitäten und in der Kultur. Er kommt links und recht und aus dem migrantischen Milieu“, so Kalouti. Als Oberbürgermeister wolle er sich dafür einsetzen, dass jüdisches Leben in Zukunft auch ohne Polizeischutz stattfinden könne.  ___STEADY_PAYWALL___

Der Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dortmund Meinhard Elmer betonte ebenfalls, dass der Antisemitismus weiterhin eine „Herausforderung für gesamte Gesellschaft“ sei.

Gedenktage lösen auch ein „Unbehagen“ aus

In der darauffolgenden Podiumsdiskussion stellte Moderator Jörg Rensmann, Politikwissenschaftler und Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW), den Teilnehmenden die Frage, was der 27. Januar für sie persönlich bedeutet.

Hanna Pustilnik und Zwi Rappoport Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Zwi Rappoport, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund, erklärte, bei ihm lösten solche Gedenktage „ein Unbehagen“ aus. Es bestehe die Gefahr, sie könnten zur Routine werden, sich aber in der Politik keine Konsequenzen ergeben, die auf den ansteigenden Antisemitismus reagieren.

Das Versprechen, dass es „nie wieder“ Antisemitismus in Deutschland geben würde, hat sich nicht bewahrheitet, erklärte Rappoport bitter.

Dem schloss sich Hanna Pustilnik, Vorstand des Jüdischen Studierendenverbandes NRW an, dei von einem „mulmigen Gefühl bei der jüngeren, jüdischen Generation“ berichtete und appellierte, dass der Staat seine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Leben in Deutschland, vor allem dessen Schutz, nie vergessen dürfe.

Abraham Lehrer ist u.a. Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatierte, der 27. Januar biete die Möglichkeit dem „Ende der NS-Herrschaft zu gedenken, zu begehen und von mir aus auch zu feiern.“

„Erinnerung ist kein Selbstläufer“, so der Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für Jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen den Antisemitismus. Er sprach davon, dass der „Schlussstrich“-Diskussion von rechter und von linker Seite, also der Forderung nach einer weniger ausgeprägten Erinnerungskultur, durch eine Weiterentwicklung der Erinnerungskultur entgegengewirkt werden muss.

Jüdinnen und Juden als das absolut Böse

Danach ging es vor allem um Israel und den israelbezogenen Antisemitismus, der laut RIAS NRW immer weiter zunehme. So passiere es in der Israel-Palästina-Debatte, warf Pustilnik ein, dass eine permanente Täter-Opfer-Umkehr stattfinde. Israel sei von der Hamas angegriffen worden und als es sich verteidigte, wurde es mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt. „Gedenktage sollten deshalb ein Punkt bleiben und kein Komma, was ist mit den Palästinensern“, so Pustilnik.

Hanna Pustilnik, Vorstand des Jüdischen Studierendenverbandes NRW Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Rappoport sprach von einer „großen Enttäuschung“ unter den Jüdinnen und Juden, die nach dem 7. Oktober 2023 herrschte, da hier nur dröhnendes Schweigen aus der Zivilgesellschaft zu vernehmen gewesen sei.

Nach dem 7. Oktober passierte nicht das Naheliegende, wie Klein sagte, „dass es mehr Empathie gibt“, es hat eher zu einem Anstieg antisemitischer Vorfälle geführt. In Zeiten der Unsicherheit sei es aber leider zu beobachten, dass Menschen anfälliger für einfache Erzählungen wie den Antisemitismus seien, der die Jüdinnen und Juden als das absolut Böse darstelle.

Was tun gegen den ansteigenden Antisemitismus?

Vor allem die jungen Generation, so Rensmann, habe nur wenig Wissen über den Holocaust. Felix Klein plädierte dafür, in Unterrichtsmaterialien mehr den Bezug zwischen dem Holocaust und der Gründung Israels herzustellen, damit dieser Schritt verständlicher wird. Es müssten vor allem Angebote auf die „Migrationsgesellschaft“ gemacht werden, um Vorurteile abzubauen, da die Podiumsgäste alle auch von dort viele antisemitische Einstellungen wahrnahmen.

Zwi Rappoport und Felix Klein Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

„Es wurde viel erreicht, aber nicht genug erreicht“, widersprach Lehrer. In den letzten Jahren habe es mehere Angebote gegeben und trotzdem sei es zu einem Anstieg des Antisemitismus gekommen, was er als „Armutszeugnis“ bezeichnete. „Wir haben nicht wirklich Zeit, um Kommissionen einzusetzen, die dann Schulbücher prüfen“, so Lehrer.

Nur mit einem Dialog und vermehrten Austausch kann der Abbau von Vorurteilen gelingen, so Rappoport. Dazu müsse es aber mehr Anstrengungen für ein intensiveres Austauschprogramm zwischen Israel und Deutschland geben.

Mehrheitsgesellschaft soll sich solidarischer zeigen

Rensmann stellte zuletzt die Frage, was sich die Podiumsgäste von der Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf jüdisches Leben in Deutschland wünschten. Pustilnik und Lehrer wünschten sich mehr Solidaritätsaktionen mit den Jüdinnen und Juden in Deutschland, die nach dem 7. Oktober gefehlt hätten. Dabei gab sich Lehrer desillusioniert: „Antisemitismus lockt im Moment niemanden hinter dem Ofen hervor.“

Die Veranstaltung war gut besucht. Foto: Alex Völkel für Nordstadtblogger.de

Es brauche einen neuen „Aufstand der Anständigen“, so Rappoport. Es sei sehr zu bedauern, dass sich die Kulturszene nach dem 7. Oktober nicht solidarisch mit den Jüdinnen und Juden gezeigt hätte, da an jenem Tag vor allem junge Menschen bei einem Techno-Festival ermordet wurden.

Trotzdem sei positiv zu bewerten, dass es in Dortmund einen Dialog mit der muslimischen und christlichen Gemeinschaft gebe und wenige Demonstrationen, „die ins Antisemitische abglitten“.

Klein wünschte sich, dass „wir irgendwann dahin kommen, dass wir keinen 24-stündigen Polizeischutz mehr“ brauchen.


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