
Die Zahl der Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, steigt. Gleichzeitig verschärfe sich der Umgang mit Wohnungslosen im öffentlichen Raum. Darauf haben die Wohnungslosenhilfe-Organisationen Kana, Gast-Haus, bodo und der Malteser Wärmebus am 17. Oktober 2026 bei einer Kundgebung an der Kampstraße aufmerksam gemacht. Anlass war der Internationale Tag zur Beseitigung großer Armut.
Mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen
In Dortmund gibt es bereits verschiedene Hilfsangebote für wohnungslose Menschen, doch angesichts des steigenden Bedarfs reichen diese nach Einschätzung der Initiativen nicht mehr aus.

Wie sich die wachsende Not im Alltag zeigt, erlebt Colin Fischer von der ehrenamtlich organisierten Kana Suppenküche. „Wir bemerken in den letzten Monaten durchaus, dass von etwa 200 Essen am Tag auf 250 bis 300 hochgehen“, sagt er.
Energiekrise, steigende Lebensmittelpreise und ein angespannter Wohnungsmarkt verschärften die Situation. „Viele Menschen sind gezwungen, Angebote wie das unsere anzunehmen.“
Kana wird ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Dass Menschen neben ihrer regulären Arbeit dafür sorgen müssen, dass andere ein grundlegendes Bedürfnis wie Essen decken können, kritisiert Leonie Fischer von den Maltesern.
„Es ist eigentlich ein Skandal, dass Ehrenamtliche Menschen so Angebote neben ihrem Job machen müssen, damit Menschen essen, also ein Grundbedürfnis bekommen“, so Fischer.
Forderung nach mehr Hilfe im Winter
Der Malteser Wärmebus fährt zweimal wöchentlich Anlaufstellen am Hauptbahnhof und am Stadtgarten an und verteilt warme Mahlzeiten, Getränke und Hilfsgüter. Für viele Menschen sei das Essen eine der wenigen Möglichkeiten sich tagsüber zu Versrogen, erläutert Fischer.

Gerade im Winter werde die Unterstützung besonders wichtig, wenn Menschen trotz eisiger Temperaturen keinen Schlafplatz finden.
Die Organisationen warnen deshalb davor, dass die Situation für Menschen ohne Wohnung in den kalten Monaten lebensgefährlich werden kann.
Sie fordern deshalb ein Sofortprogramm für die Winternothilfe. Dazu gehören erreichbare Übernachtungsmöglichkeiten und bedingungslose Tagesaufenthalte, die unabhängig von persönlichen Voraussetzungen Schutz bieten.
„Niedrigschwellige, innenstadtnahe Notunterkünfte“ seien besonders im Winter notwendig, sagt Fischer. Er kritisiert, dass Hilfe teilweise erst greife, wenn die Lage bereits dramatisch sei.
Kritik an der Verdrängung
Neben fehlenden Hilfsangeboten beschäftigt die Initiativen auch der Umgang mit Wohnungslosen in der Innenstadt. Bastian Pütter, Redaktionsleiter von bodo, sieht eine zunehmende gesellschaftliche Abgrenzung gegenüber armutsbetroffenen Menschen.

Seit der Corona-Pandemie beobachte er eine Verschiebung der Schuld: Statt über die Wohnungskrise werde zunehmend darüber gesprochen, dass Menschen das Erscheinungsbild der Innenstadt störten.
„Die meisten Armutsbetroffenen fühlen sich missverstanden und nicht gewollt und von oben herab behandelt, es hat feindliche Züge angenommen“, sagt Pütter.
Die Organisationen kritisieren insbesondere Maßnahmen, die Menschen aus dem öffentlichen Raum verdrängen, obwohl sich dort wichtige Anlaufstellen und Hilfsangebote befinden.
Die Diskussion ums Dortmunder Bettelverbot
Auch das Dortmunder Bettelverbot stößt bei den Hilfsorganisationen auf Kritik. Es untersagt das Betteln im Umkreis von fünf Metern um Außengastronomien, unabhängig davon, ob aktiv gebettelt wird.

Die Initiativen sehen darin den Versuch, Armut aus dem Stadtbild zu verdrängen, statt ihre Ursachen zu bekämpfen. „Ich verstehe nicht, welches Problem in stillem Betteln liegt“, sagt Michael Hofmann vom GastHaus. Auch mögliche Bußgelder, die Betroffene häufig nicht bezahlen könnten, verschärften ihre Situation.
Bastian Pütter, Redaktionsleiter von bodo, fordert einen Perspektivwechsel: „Wir müssen aufhören mit den Vertreibungen und den Sanktionierungen und müssen zeitnahe Notschlafstellen und Tagesangebote schaffen.”
Entscheidend sei, die Perspektive der Betroffenen einzubeziehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, statt sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
Wohnungsverlust verhindern
Die Initiativen sehen die Wohnungslosigkeit nicht isoliert, sondern als Teil einer umfassenderen Wohnkrise. Steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten und ein angespannter Wohnungsmarkt gefährdeten zunehmend auch Menschen, die bislang eine Wohnung haben.

Deshalb müsse die Politik stärker verhindern, dass Menschen ihre Unterkunft überhaupt verlieren. „Es müssen Wohnräume für die Obdachlosen gebaut werden, ich verstehe nicht warum das nicht passiert“, betont einer der Teilnehmenden.
Neben kurzfristiger Winterhilfe brauche es langfristige Lösungen. Darunter mehr bezahlbaren Wohnraum und eine bessere Prävention von Wohnungsverlusten.
Da die Wohnkrise längst auch Menschen außerhalb der Wohnungslosigkeit bedrohe, brauche es außerdem mehr Maßnahmen zur Prävention von Wohnungsverlusten. Unterstützt werden die Forderungen von Dr. Tobias Scholz, Geschäftsführer des Mietervereins Dortmund.
Für die Organisationen steht fest: Menschen aus der Innenstadt zu verdrängen, löst die Ursachen der Armut nicht. Stattdessen müssten Politik und Verwaltung dafür sorgen, dass Betroffene Schutz, Versorgung und eine Perspektive erhalten.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

