
Seit vier Jahrzehnten ist das Mütterzentrum Dortmund ein Ort der Begegnung, Unterstützung und Vernetzung für Familien. Was 1986 als Initiative engagierter Frauen begann, hat sich zu einer festen Institution entwickelt, die heute weit mehr ist als ein Treffpunkt für Mütter. Zum 40-jährigen Bestehen blickt Geschäftsführerin Nicole Siegmann auf die Entwicklung und die Herausforderungen zurück.
Von der Idee zur Institution: Ein Ladenlokal als Ausgangspunkt
Das Mütterzentrum entstand Mitte der 1980er-Jahre aus einer Initiative von Frauen, die sich nicht damit abfinden wollten, nach der Geburt ihrer Kinder aus gesellschaftlichen und beruflichen Zusammenhängen herauszufallen.

„Die Frauen haben gesagt: Nur weil wir jetzt Kinder gekriegt haben, heißt das nicht, dass wir gesellschaftlich und politisch nicht mehr teilhaben wollen“, erklärt Nicole Siegmann.
In den 1980er-Jahren war das eine strukturelle Herausforderung. Institutionelle Kinderbetreuung war kaum vorhanden, die Betreuung galt als private Aufgabe innerhalb der Familie und wurde vor allem Frauen zugeschrieben.
Ausgangspunkt war ein kleines Ladenlokal in der Adlerstraße, das die Frauen selbst als Café betrieben. Im Mittelpunkt standen von Beginn an der Austausch, das Zusammenkommen von Müttern und die gegenseitige Unterstützung bei der Kinderbetreuung.
Umzug nach Dorstfeld und neue Geschäftsführung
Im Jahr 2000 zog das Mütterzentrum nach Dortmund-Dorstfeld um. Der Standortwechsel wurde durch den Bedarf an größeren und geeigneteren Räumen notwendig und konnte durch die Unterstützung der Stadt Dortmund sowie das Engagement vieler Beteiligter umgesetzt werden.

Die heutige Geschäftsführerin Nicole Siegmann kam 2009 über ihre damalige Hebamme erstmals mit dem Mütterzentrum in Kontakt. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wuchs bei ihr der Wunsch, dort auch beruflich tätig zu werden.
Aus einer persönlichen Idee entwickelte sich schließlich ein Projekt: „Meine Eltern wohnen nicht in Dortmund, und ich wollte so etwas wie eine Wunschgroßoma“, erinnert sich Siegmann. Zunächst erkundigte sie sich bei der Stadt nach entsprechenden Angeboten, fand jedoch keines.
Diese Lücke führte zur Entwicklung des Projekts „Dortmunder Wunschgroßeltern“. 2009 übernahm Siegmann die Leitung des Projekts, wurde kurz darauf Teil der Geschäftsführung und ist seit 2012 alleinige Geschäftsführerin des Mütterzentrums.
Wachstum und Professionalisierung
Aus dem kleinen Treffpunkt ist in vier Jahrzehnten ein breit aufgestelltes Familienzentrum geworden. Das Grundprinzip ist dabei bis heute gleich geblieben. Angebote entstehen aus den Bedürfnissen der Menschen vor Ort. „Man kommt mit einer Idee hierher und daraus können Projekte erwachsen“, sagt die Geschäftsführerin.

Heute arbeiten neben rund 150 Ehrenamtlichen etwa 35 Festangestellte im Mütterzentrum. Das Haus stützt sich auf mehrere Säulen. Der offene Treff bleibt dabei das Herzstück.
Rund um diesen Kern haben sich im Laufe der Jahre verschiedene Bereiche entwickelt: Beschäftigungsmaßnahmen, Sprachkurse, Kinderbetreuung, Mehrgenerationenarbeit und kommunale Kooperationen.
Die Projekte als Säulen des Hauses
Ein wichtiger Entwicklungsschritt war das Jahr 2006. Damals wurde das Mütterzentrum Träger der Kindertagespflege und zugleich in das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus“ aufgenommen. Dieses ermöglicht Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Herkunft und Lebenssituationen.

Ein jüngeres Projekt sind die „Eulen und Lerchen“. Die Randzeitenbetreuung entstand ursprünglich während der Corona-Pandemie und richtet sich an Eltern, die aufgrund von Schichtarbeit sehr frühe oder ungewöhnliche Betreuungszeiten benötigen. Gemeinsam mit Dortmunder Krankenhäusern organisiert das Mütterzentrum flexible Betreuungsangebote für Beschäftigte im Gesundheitswesen.
Neben diesen größeren Projekten prägen zahlreiche ehrenamtliche Initiativen den Alltag des Hauses. Sprachkurse, Beratungsangebote, Elterngruppen und generationenübergreifende Begegnungen werden häufig von engagierten Teilnehmenden selbst getragen.
Die Angebote richten sich an alle Familien, ob Regenbogenfamilien, Alleinerziehende oder Familien mit Migrationsgeschichte. Auch Väter seien stets willkommen, wenngleich sie bislang seltener den Weg ins Mütterzentrum finden, trotz einer bestehenden „Vätergruppe“. Für Siegmann ist klar: „Jeder der auf dem Boden des Grundgesetzes steht ist hier willkommen.“
Gesellschaft im Kleinen: Zwischen Integration und Demokratie
Für die Geschäftsführerin ist das Mütterzentrum weit mehr als ein Ort für Betreuung und Beratung. Sie versteht es als gesellschaftspolitischen Raum, in dem Verantwortung füreinander entsteht und Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

„Das Mütterzentrum ist eine politische Veranstaltung“, sagt sie. Gemeint ist dabei keine Parteipolitik, sondern die Bedeutung stabiler Familien- und Nachbarschaftsstrukturen für die Demokratie.
In offenen Angeboten, Beschäftigungsprojekten, Sprachkursen und Ehrenamtsinitiativen begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion und Lebensrealitäten. „Das ist für mich der Inbegriff von Integration und Demokratie“, betont Siegmann.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen seien solche Orte besonders wichtig. „Ich glaube, man kann nur gegen Polarisierung arbeiten, wenn man die Menschen miteinander in Verbindung bringt“, sagt sie. Begegnung schaffe Verständnis und Zusammenhalt.
Förderung und Blick in die Zukunft
Trotz der positiven Entwicklung bleibt die Finanzierung vieler Angebote eine Herausforderung. Zahlreiche Projekte sind auf befristete Fördermittel angewiesen. Gleichzeitig sieht Siegmann in der Zusammenarbeit mit Stadt, Jugendamt und weiteren Partnern eine große Stärke: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass das, was wir tun, für Dortmund wichtig ist.“

Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem Kontinuität. „Eigentlich müsste es in jedem Viertel so ein Mütterzentrum geben“, betont sie. Entscheidend sei, dass Politik und Gesellschaft Familien dauerhaft unterstützen.
Denn die Belastungen für Eltern würden häufig unterschätzt, von fehlender Betreuung über finanzielle Nachteile bis hin zu Altersarmut. „Wir müssen unbedingt die Familien stärken“, fordert sie. „Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein.“
Nach 40 Jahren bleibt das Mütterzentrum seinem Grundgedanken treu: Menschen zusammenzubringen, gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen und Familien einen Ort zu geben, an dem sie ankommen können. „Die Menschen zusammenzubringen, dafür lohnt es sich weiterzumachen.“ Das Mütterzentrum feiert am 19. Juni 2026 sein 40-jähriges Jubiläum und lädt dazu herzlich ein.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
Mehr dazu auf Nordstadtblogger:
Erster Platz für das Mütterzentrum Dortmund beim Bundespreis Mehrgenerationenhaus 2023


Reaktionen
Großer Andrang bei der Jubiläumsfeier des Vereins der Familienselbsthilfe (PM)
Im Jahr 1986 startete der Verein Mütterzentrum Dortmund e.V. mit seiner Arbeit, Müttern und Familien eine gesellschaftliche und politische Stimme zu geben. Mit seinem Offenen Treff bringt das Mütterzentrum seit jetzt vierzig Jahren Menschen aller Generationen, Geschlechter, Religionen und Nationalitäten zusammen. Längst ist aus der Familienselbsthilfe ein Ort geworden, an dem gemeinsame Lösungen gefunden werden – ein wichtiger Baustein für eine demokratische und freiheitliche Gesellschaft in der Stadt Dortmund.
Begangen wurde das Jubiläum mit Grußworten aus Stadt und Verbänden sowie Aktionen für Kinder und Erwachsene in Haus und Garten an der Hospitalstraße in Dorstfeld. Besonders gefeiert wurde zudem das zwanzigjährige Bestehen der Kindertagespflege für Dortmunder Eltern ebenso wie das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus“. Über 200 Gäste bereicherten die Feier: Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Stadtverwaltung, Politik und Verbänden.
Dank an Haupt- und Ehrenamtliche
„Vierzig Jahre Mütterzentrum, das sind vier Jahrzehnte voller Engagement, Ideenreichtum und gelebter Solidarität, vier Jahrzehnte, in denen Menschen füreinander da waren, Familien unterstützt, Gemeinschaft gestärkt und immer wieder neue Antworten auf die Herausforderungen des Familienalltags gefunden haben“, würdigte Dortmunds Dezernentin für Schule, Jugend und Familie, Monika Nienaber-Willaredt, die Arbeit des Vereins. „Familien brauchen Orte der Begegnung, Unterstützung und Teilhabe, Orte, an denen Menschen nicht nur Hilfe erhalten, sondern auch selbst aktiv werden können, Orte, an denen Gemeinschaft entsteht. Gerade in einer Zeit, in der Familienleben immer vielfältiger und oft auch komplexer geworden ist, ist diese Arbeit von unschätzbarem Wert.“
Die Dezernentin richtete ihren Dank an die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihre Arbeit Tag für Tag mit großer Kompetenz und Leidenschaft gestalten würden, aber auch an die vielen Ehrenamtlichen, ohne deren Engagement zahlreiche Angebote nicht möglich wären. Das Mütterzentrum habe immer wieder bewiesen, dass es nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert, sondern diese aktiv mitgestaltet, betonte sie: „Viele der Projekte, die heute selbstverständlich erscheinen, sind aus Ideen entstanden, die von Besucherinnen und Besuchern selbst eingebracht wurden, das ist gelebte Partizipation.“
„Mütterzentren waren und sind selbstorganisierte Treffpunkte, in denen sich schon vor vierzig Jahren viele verschiedene Dialekte trafen, es sind Orte mit Frauen, die heute aus aller Welt kommen, mit zugewanderten wie geflüchteten Frauen, die hier unser buntes, vielfältiges, diverses Stadtbild abbilden,“ spannte Birgit Unger, Vorstandsfrau des Mütterzentrums, den Bogen aus der Gründungszeit in den 80er Jahren in die heutige Zeit: „Hier werden Konzepte entwickelt, die konkrete Antworten auf Fehlendes liefern, wie zum Beispiel die Randzeitenbetreuung der ‚Eulen und Lerchen‘ zur Unterstützung von Mitarbeitenden in Kliniken.“
Im Mütterzentrum finde aber auch Kommunikation und Netzwerkarbeit statt, etwa für die tägliche Hilfe zur Selbsthilfe oder die Vermittlung notwendiger Hilfen, wenn Selbsthilfe nicht ausreicht. „Und ganz wichtig“, so Birgit Unger: „Für die Eine oder den Anderen findet hier einfach auch mal nur Entlastung, Entspannung oder Dienstleistung statt, mit Genuss bei Frühstück, Mittagessen, Kuchen, Kaffee, Kinderbetreuung und anderem.“
Neue Ideen und Menschen finden hier Raum
Mütterzentrum-Geschäftsführerin Nicole Siegmann hob das hohe, oftmals ehrenamtliche Engagement all der Menschen, ohne die die soziale und pädagogische Arbeit des Vereins nicht möglich wäre, hervor: „Wir sind froh, dass das Konzept auch nach vierzig Jahren noch aktuell ist. Neue Ideen und Menschen finden hier ihren Raum, miteinander bedarfsgerechte Lösungen zu suchen, und aus manchen werden erfolgreiche Projekte.“ Alle, die sich für Familien in Dortmund engagieren möchten, seien herzlich willkommen im Mütterzentrum mitzumachen.
Gunther Niermann, Geschäftsführer der Kreisgruppe Dortmund des Paritätischen, beschrieb in seinem Grußwort seine Eindrücke und Erfahrungen, die er in 16 Jahren Zusammenarbeit sammeln konnte: „Egal, was das Mütterzentrum macht, es ist immer strikt an den Menschen ausgerichtet, nämlich sie zu beobachten, zuzuhören, zu fragen, zu analysieren, Impulse aufzunehmen und dann loszulegen, und wie!“
Tanja Brückel, Geschäftsführerin des Landesverbandes der Mütterzentren NRW, fragte schließlich in die Runde der Gäste: Warum werden wir Mütterzentren in den nächsten vierzig Jahren vielleicht sogar noch dringender brauchen als in den vergangenen vierzig? „In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten härter werden und viele das Gefühl haben, dass sie kaum noch Menschen begegnen, die anders leben, denken oder fühlen als sie selbst, sich also viel zu oft in der eigenen Bubble bewegen, genau in dieser Zeit sind Mütterzentren so wichtig“, formulierte sie die Antwort.
Über das Mütterzentrum Dortmund e.V.Das Mütterzentrum Dortmund wurde 1986 als gemeinnütziger Verein der Familienselbsthilfe gegründet und ist als freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe anerkannt. Vom Selbsthilfetreffpunkt für Mütter hat es sich mit seinem Offenen Treff zu einem Ort der Begegnung für Menschen aller Generationen, Nationalitäten und Geschlechter entwickelt.
Der Verein ist Teil des Bundesprogramm Mehrgenerationenhäuser mit Sitz in der Hospitalstraße in Dortmund-Dorstfeld und einer Kindertagespflege-Vermittlung am Westfalendamm. Er vermittelt Tagesmütter und -väter und führt Beschäftigungsmaßnahmen im Auftrag des Jobcenters Dortmund durch. Das Mütterzentrum ist mit über dreißig Mitarbeitenden Träger vieler Projekte rund um die Themen Familie, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und generationsübergreifendem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Rund 10.000 Menschen jährlich nehmen zu den beiden Standorten in Dortmund Kontakt auf.
Das Mütterzentrum Dortmund e.V. ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW, dem Landesverband der Mütterzentren NRW und dem Bundesverband der Mütterzentren.
Internet: http://www.muetterzentrum-dortmund.de