
Im Stadt_Raum, dem Denk-, Dialog- und Arbeitsraum im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte, wird die vielfältige Dortmunder Stadtgesellschaft sichtbar. Stimmen, die unsere Gesellschaft an den Rand drängt, sollen sich einbringen können und gehört werden. Ihre Geschichte(n) und Perspektiven finden Anerkennung. Im Anschluss an die kürzlich beendete Ausstellung „Vom Rande aus. Texte und Fotografien von Esra Canpalat und Fatih Kurçeren“ gaben Esra Canpalat und Julienne de Muirier im Gespräch mit dem Publikum Einblicke in ihre Perspektiven auf Literatur, Kunst und gesellschaftliche Themen. Donja Nasseri begrüßte im Video das Publikum im Stadt_Raum und stellte ihre Empfehlungen vor.
Bücher der Black Theory und Romane schwarzer Autorinnen
Seit dem 18. Februar 2026 bereichern neue Werke die Bücherauswahl, die jetzt für alle interessierten Leser:innen im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte frei zugänglich bereit stehen. Die Autorinnen Esra Canpalat und Julienne de Muirier sprachen dazu einen Abend über ihre Auswahl.

Julienne de Muirier präsentierte Bücher von Christina Sharpe, Jamaica Kincaid und Tsitsi Dangarembga. Sie wies darauf hin, dass viele wichtige Werke der „Black Theory“ bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden. „Hier in Deutschland sprechen wir sehr wenig im akademischen Kontext über Schwarz-Sein und wir stagnieren irgendwie in der Forschung. Die USA legt da vor.”
Dabei bezögen sich amerikanische Autor:innen nicht nur auf den amerikanischen Kontinent, sondern auch auf Europa. Christina Sharpes Werk „In the Wake“ empfahl De Muirier als theoretische Grundlage, zur Geschichte der Sklaverei und deren Auswirkungen auf die Gegenwart (Black Studies). Das Buch nutzt ein spezifisches Vokabular (wie „Wake“, „Ship“, „Hold“), um diese Kontinuitäten zu beschreiben.
Autorinnen füllen die Theorie mit Erfahrung
Jamaica Kincaid verwebt in ihrem Werken „Mr. Potter“ lyrisch Familiengeschichte mit dem Kolonialismus auf Antigua. „Sie schreibt sehr lyrisch, sehr poetisch und sie wechselt eigentlich zwischen den Themen des Aufwachsens in der Karibik und ihrer Familiengeschichte und eben dem Kolonialismus“, führte De Muirier aus.
Tsitsi Dangarembga schreibt über das „Nachleben“ kolonialer Strukturen auf dem afrikanischen Kontinent und das Schwarzsein als Frau.
„Ich finde, dass diese beiden Autorinnen, Jamaica Kincaid und Tsitsi Dangarembga eine gute Übersetzung schaffen von dem, was man auch in der Theorie lesen kann. Das füllen sie mit dieser tatsächlichen Erfahrung von Unterdrückung“, fasste De Muirier zusammen.
Postmoderne Literatur: Aufwachsen in einer nationalistischen und patriarchalen Gesellschaft
Zwei Werke brachte Esra Canpalat in den Stadt_Raum mit für den Abend: „Die kalten Nächte der Kindheit“ von Tezer Özlü und das Comic-Projekt „Wie geht es dir?“. Tezer Özlü stellte sie bedeutende Vertreterin der postmodernen türkischen Literatur vor. Der Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“ ist fragmentarisch und nutzt Techniken wie „stream of Consciousness“.

Ein besonderes Merkmal ist die „permanente Vergegenwärtigung“: Özlü entscheide sich dafür „immer in Präsens zu schreiben und halt einmal deutlich zu machen: die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, die Vergangenheit lebt weiter. Oder die Kindheit ist vorbei, aber die kalten Nächte der Kindheit sind eben nicht vorbei, die gehen weiter“, erklärte Canpalat.
Die Geschichte beschreibt das Aufwachsen einer Ich-Erzählerin in einer nationalistischen und patriarchalen Gesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre. Dabei geht es auch um psychische Ausnahmesituationen, Klinikaufenthalte und den Drang nach Freiheit und weiblicher Sexualität inmitten von gesellschaftlicher Enge.
Comicband versammelt gezeichnete Gespräche nach den Angriffen der Hamas

Im Projekt „Wie geht es dir?“ wurde Betroffenheit nach dem 7. Oktober 2023 mithilfe von Comics thematisiert: Der Comicband versammelt 60 gezeichnete Gespräche, die das Schweigen nach den Angriffen der Hamas und dem Krieg in Gaza durchbrechen sollen.
Die leitende Frage „Wie geht es dir?“ soll Empathie und Anteilnahme ermöglichen – etwas, dass sich sowohl jüdische als auch palästinensische Menschen gewünscht hätten, da viele sich im Stich gelassen gefühlt haben. Eine der Macherinnen, Dr. Véronique Sina, besuchte die Veranstaltung im MKK und berichtete vom Entstehungsprozess.
„Was ich an diesem Projekt so mag“, erläuterte Canpalat, „ist, dass der Versuch gewagt wird, Multiperspektivität zu schaffen und Multiperspektivität abzubilden, weil die Diskussionen sehr verhärtet sind. Weil es immer die Tendenz gibt, diesen Konflikt zu vereinfachen”.
Das Medium Comic wird genutzt, um die Komplexität und die verschiedenen Arten der Betroffenheit abzubilden, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
Die Zeitschrift „Brache“ veröffentlicht Texte junger Menschen
De Muirier und Canpalat sind auch Teil der dreiköpfigen Redaktion von „Brache“ einer Zeitung für neue Literatur aus dem Ruhrgebiet.
Die ersten zwei Ausgaben, „Hunger nach Worten“ und „Selbst“, liegen bereits im Stadt_Raum aus. Ob nach einer dritten Ausgabe weitere folgen können, hängt auch von Fördermitteln ab.
Mehr Informationen:
- Link: instagram.com/comics_wiegehtesdir/
- Brache – Zeitung für neue Literatur aus dem Ruhrgebiet. Die Zeitschrift lässt sich auf der Website auch als pdf lesen oder herunterladen.
- Instagram-Kanal: instagram.com/brache_literatur
- Programm Stadt_Raum
- Comicprojekt „Wie geht es dir? Zeichner*innen gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus“ mit 60 Geschichten: wiegehtesdir-comics.de/
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!
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