Friedrich Bunte (1855-1910): Sein Leben für die Bergarbeiter und die SPD in Dortmund

Er wurde vor 17O Jahren geboren - heute ist er vergessen:

Screenshot via Google maps
    Friedrich Bunte (1855-1910) ist in Dortmund vergessen. In Walsum, heute ein Stadtteil im Nordwesten von Duisburg, erinnert eine Straße an den Dortmunder Wegbereiter der Gewerkschaften und Sozialdemokraten.

von Horst Delkus

Friedrich Bunte war einer der wichtigsten Wegbereiter der Gewerkschaften in Dortmund. Zunächst Vorsitzender des heute noch existierenden Knappenvereins „Glückauf“,  dann „Kaiserdelegierter“ während des Bergarbeiterstreiks im Mai 1889 – gemeinsam mit Ludwig Schröder und August Siegel, gewählter Vorsitzender des im August 1889 in Dorstfeld gegründeten „Verband zur Wahrung und Förderung der Interessen der Bergarbeiter von Rheinland und Westfalen“ und 1890 des „Verband deutscher Bergleute“.  Auch in der SPD war Bunte bis in die 1890er Jahre aktiv: Als Vertrauensmann und damit zentraler Ansprechpartner in der Parteiorganisation im Wahlkreis Dortmund-Hörde sowie als Parteitagsdelegierter. Er starb im Jahr 1910 mit nur 54 Jahren. Heute ist er – wie zahlreiche Pioniere der sozialdemokratischen Bewegung – vergessen.  Nur in Duisburg erinnert ein Straße an Friedrich Bunte. Wikipedia führt einen Eintrag über ihn. Er mischt jedoch zwei Personen: den Dortmunder Bergmann von 1889 und einen Bielefelder Metall-Gewerkschafter. Eine Spurensuche aus Anlass seines 170. Geburtstages.

Friedrich Bunte kommt Ende der 1870er Jahre nach Dortmund und arbeitet auf der Zeche Westfalia

Friedrich Bunte war ein Dortmunder Bergarbeiter, Streikführer, Gewerkschaftgründer und Sozialdemokrat Sammlung Horst Delkus

„Unser“ Friedrich Bunte wurde am 30. November 1855 in Dingerdissen bei Bielefeld geboren. Über seine Eltern, Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Wir dürfen aber annehmen, dass er aus einfachen Verhältnissen kam und einige Jahre die Volksschule besuchte, damals noch kirchlich, nicht kommunal.

Dort wird er Lesen und Schreiben gelernt haben, machte anschließend eine handwerkliche Lehre – laut einem Nachruf als Zimmermann.

Spätestens Ende der 1870er Jahre kam Bunte nach Dortmund, um auf der Zeche Westfalia im Bergbau zu arbeiten. Dort heiratete er seine erste Ehefrau, Karoline Rosenthal. Sie starb im August 1880. Bereits zwei Monate später bestellte er beim Standesamt in Dortmund das Aufgebot zur Eheschließung mit ihrer Schwester Anna Maria Louise.

Im Februar 1882 erblickte eine gemeinsame Tochter das Licht der Welt. Kurz danach, möglicherweise bei der Geburt, starb die Mutter, und Friedrich heiratete erneut: die Witwe Charlotte Vormfelde. Mit dieser Eheschließung machten sich beide wohl ein besonderes Weihnachtsgeschenk: sie fand Anfang Dezember 1882 statt. Mehr war über Buntes private Verhältnisse nicht zu erfahren.

Ludwig Schröder (1848-1914) prägte Friedrich Bunte als Führer der Bergarbeiter und als Sozialdemokrat. Repro: Horst Delkus

Im Dortmunder Knappenverein „Glückauf“, gegründet 1867 und wohl der älteste heute noch existierende freie, also nicht konfessionell gebundene Knappenverein Deutschlands, lernte Bunte Ludwig Schröder kennen.

Sie wurden Freunde und enge Weggefährten. Über Schröder kam Bunte mit sozialdemokratischem Gedankengut in Berührung und wurde Anhänger der Sozialdemokratie – einer der wenigen Bergleute damals.

Öffentlich trat er als Sozialdemokrat nicht auf. Am zweiten Weihnachtstag 1886 wählte die Jahreshauptversammlung des Knappenvereins „Glückauf“ Friedrich Bunte zum ersten Vorsitzenden. Als Nachfolger von Ludwig Schröder, der nun die Rolle des zweiten Vorsitzenden übernahm.

Die Knappenvereine werden zu Keimzellen des Bergarbeiterprotestes

In diesem wie in anderen Knappenvereinen spielten vor dem 89er Streik Knappschaftsfragen und -forderungen eine wichtige Rolle. Vor allem Sozialdemokraten brachten diese Themen immer wieder vor.

So ging es um Nachmittags-Sprechstunden der Knappschaftsärzte, damit auch die Kollegen der Frühschicht einen Arzt aufsuchen konnten. Und insbesondere um die Bezahlung von Arzneimitteln und um kostenlose ärztliche Behandlung auch für Familienangehörige der Bergleute. Dazu setzte der Verein eine Kommission ein, die Anfang Februar 1888 folgenden Antrag an den Vorstand der Knappschaft in Bochum richtete:

„Die am Ende unterzeichnete Kommission, eingesetzt vom Verein „Glückauf“ zu Dortmund, beantragt hiermit ganz gehorsamst bei dem geehrten Knappschaftsvorstand folgende Einrichtung: Den Frauen und Kindern der Bergarbeiter aller Klassen wird in Krankheitsfällen freie Kur [ärztliche Behandlung, bei Frauen auch Geburtshilfe und im Wochenbett; HD] gewährt, sowie die Hälfte der Arzneikosten“.

Die Mehrausgaben für die Knappschaft – die damals als „Märkischer Knappschaftsverein“ mit Sitz in Bochum organisiert war – sollten aus den Beiträgen der Bergleute an die Knappschaftskasse bestritten werden, damals 1½ Prozent des Lohnes. Und falls das „wider Erwarten“ nicht reicht, „so werden die Mitglieder gern bereit sein, den hierfür fehlenden Beitrag mehr zu zahlen“. Die Zechenunternehmer – die Gewerken – wollten die Mitglieder von zusätzlichen Zahlungen in die Knappschaftskasse verschonen. Unterschrieben war dieser Antrag von Friedrich Bunte, Ludwig Schröder sowie vier weiteren Mitgliedern des Knappenvereins „Glückauf“.

August Siegel (1856-1936). Weggefährte von Friedrich Bunte und einer der drei „Kaiserdelegierten“ im Bergarbeiterstreik 1889. Foto: Sammlung Horst Delkus

Auch andere Knappenvereine diskutierten den Antrag. Viele unterstützten ihn. Allen voran August Siegel vom Dorstfelder Knappenverein. Gemeinsam tourten Bunte, Schröder und Siegel durch die Knappenvereine und warben für den Antrag. Ein Bericht von einer solchen Veranstaltung beim Knappenverein in Eichlinghofen ist überliefert.

Als der Knappschaftsvorstand den Antrag trotz positiven Votums einer von ihm eingesetzten Kommission ablehnte, beschlossen Bunte, Schröder und Siegel eine Petition an den Arbeitsminister in Berlin. Ihren Entwurf verschickten sie an alle Knappenvereine im Oberbergamtsbezirk Dortmund. Um ihn zu beraten und zu verabschieden, luden sie alle Knappenvereine zu einer Delegiertenversammlung nach Dortmund ein. Sie fand am 19. August 1888 an der Rheinischen Straße statt. Anwesend waren fast 50 Knappenvereine.

Diese Versammlung unter Vorsitz von Fritz Bunte war das erste größere regionale Treffen von Bergleuten im Ruhrgebiet. Es folgten zwei weitere. Der Anfang war gemacht, eine Organisationsstruktur für die Bergleute des Ruhrreviers zu schaffen. Auch eine über eine  Bergarbeiterzeitung für alle Ruhrgebietsbergleute wurde diskutiert. Die Themen vertagten die Delegierten der Knappenvereine, um sie auf einem weiteren Bergarbeitertag zu besprechen. Sie bildeten in Vorbereitungskomitee, das Friedrich Bunte zum Vorsitzenden bestimmte. Dem Komitee gehörten auch Schröder und Siegel an. Es lud zu einem weiteren Delegiertentag der Knappenvereine am Sonntag, den 13. Januar 1889 ein – wiederum in Dortmund.

Bunte, Schröder und Siegel werden Wortführer der Bergleute im Revier

In den Knappenvereinen waren Bunte, Schröder und Siegel Wortführer der Kritik am gewerkschaftsähnlichen „Rechtschutzverein für Bergleute“, gegründet 1886 vom Bochumer Redakteur der „Westfälischen Volks-Zeitung“ und Zentrums-Politiker Johannes Fusangel [50 Pfennig Jahresbeitrag, vor allem Rechtschutz; zuerst 12.000 Mitglieder, 1888 nur noch 4.000]. Der Verein, auch „Fusangelverein“ genannt, war katholisch-konservativ und wurde von der Zentrumspartei unterstützt.

Er hatte einen geringen Jahresbeitrag von 50 Pfenningund gewährte vor allem Rechtschutz. Mit bis zu 12.000 Mitgliedern war eine der ersten Organisationen der Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Obgleich er nur ein begrenztes Feld bearbeitete, den Rechtschutz, und rasch an Bedeutung verlor, förderte er doch den Gedanken einer allgemeinen Organisation der Bergarbeiter im Revier.

„Derselbe“, so die öffentliche Kritik von Bunte und anderen Knappenvereinsvorsitzenden, „wurde mit großen Hoffnungen gegründet, doch ist es allmählich ruhiger geworden, und seit zwei Jahren hören wir weiter nichts von demselben, als etwa über die Neuaufnahmen von Mitgliedern. “

Und weiter: „Wir ersuchen den Vorstand des Vereins gefälligst, im Laufe des Monats Dezember in Dortmund eine öffentliche Bergarbeiter-Versammlung anzuberaumen, wo wir gegenseitig in öffentlicher Diskussion unser Verhältnis klarstellen können. Geschieht das nicht, sind wir zu weiteren Schritten gezwungen. “

Das war die kaum verhüllte Drohung, eine neue Bergarbeiterorganisation zu gründen. Weihnachten 1888 veröffentlichte Bunte im Namen des von ihm, Schröder und Siegel gegründeten Komitees zur Einberufung des Delegiertentags der Knappenvereine folgenden Aufruf:

Kameraden!

Zu dem am 13. Januar 1889 in Dortmund im Lokale „Zur Tonhalle“, Rheinische Straße Nr. 32, stattfindenden Delegiertentag laden wir Sie hierdurch nochmals ergebenst ein und bemerken zugleich, dass durch das frühzeitige Einbringen des Altersversorgungsgesetzes an den den Reichstag dieser Punkt der Tagesordnung ziemlich überflüssig geworden ist. Wir haben deshalb die Tagesordnung folgendermaßen festgesetzt:

T a g e s-O r d n u n g:

1. Berichterstattung und Abrechnung über eingelaufene Kostenbeiträge.

2. Wie organisieren wir uns im Reiche gemeinschaftlich? (Durch ein Fachorgan und jährliche Abhaltung eines Allgemeinen Deutschen Bergmannstages, der im Mittelpunkt Deutschlands stattzufinden hätte.)

Kameraden! Durch das stete Fortschreiten der gesetzgeberischen Tätigkeit im Reiche in Bezug auf Kranken-, Unfall-, Alters- und Invaliden-Versicherung, welche Gesetze einen Jeden gleichmäßig schützen und treffen sollen, ist es auch dem Bergmann, gleich den Angehörigen anderer Berufe, zur Pflicht gemacht, der Frage einer Organisation über ganz Deutschland näher zu treten, um so mit seinen Berufsgenossen Schulter an Schulter stehen zu können.

Die Vertretung der einzelnen Vereine, sowie die Legitimation der Delegierten geschieht in derselben Weise wie bei der letzten Versammlung.

Märkische Knappenvereine beschließen einen Bergarbeitertag in Dortmund

Dieser Delegiertentag der märkischen Knappenvereine fand wie geplant in Dortmund statt. Als Bevollmächtigter der Knappenvereine Sachsens erschien Karl Ebert, der Vorsitzende des Sächsischen Bergarbeiterverbands und Redakteur der in Zwickau erscheinenden Bergarbeiterzeitung „Glückauf“. Den Kontakt hatte wahrscheinlich August Siegel hergestellt, ebenfalls ein Sachse aus Zwickau. Friedrich Bunte eröffnete die Versammlung und verlas Begrüßungstelegramme der Knappenvereine von Zwickau, Freiberg und Hohenstein in Sachsen sowie Begrüßungsschreiben der Vereine von Waldenburg und Altwasser in Schlesien.

Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen kam der Hauptpunkt der Tagesordnung: „Wie organisieren sich die deutschen Knappenvereine? “ Erster Redner war Karl Ebert, der zunächst die Gründung einer Zeitung empfahl. Da die sächsischen Bergarbeiter bereits eine Zeitung hätten, schlug Ebert vor, das von den sächsischen Vereinen als Verbandsorgan herausgegebene Fachblatt „Glückauf“, von dem er in der Versammlung Exemplare verteilte, auch im Großraum Dortmund zu bestellen und zu verbreiten. Von einer eigenen Zeitung riet er aus Kostengründen ab. Fast alle anwesenden Knappenvereine stimmten zu. Daraufhin legte Bunte, so ein zeitgenössischer Pressebericht, „den Delegierten warm ans Herz, in ihren Vereinen nun auch für die Verbreitung dieses Fachorgans Sorge tragen zu wollen“.

Bei der Diskussion über einen „allgemeinen deutschen Bergmannstag“ für die Bergleute aller Reviere im Deutschen Reich beschlossen die Vertreter der Knappenvereine einstimmig, wie die „Kölner Arbeiterzeitung“ berichtete, ihn in Dortmund durchzuführen „und dem schon bestehenden Komitee es überlassen, den günstigen Zeitpunkt auszusuchen“. Damit war klar: Die Vorbereitungen zur Gründung eines Dachverbandes der Bergleute im Deutschen Reich sollten Bunte, Schröder und Siegel übernehmen. Mit einem kräftigen dreifachen „Glück auf“ schloss der Delegiertentag.

Von Februar bis März 1889 folgte in Dortmund eine Reihe gut besuchter Bergarbeiterversammlungen. Dort wurden zahlreiche bergmännische Fragen erörtert. Das Trio Bunte, Schröder und Siegel referierte und prägte die Debatten. Meist leitete Friedrich Bunte die Versammlungen. Vor allem Ludwig Schröder, der älteste und erfahrenste des Dortmunder Dreigestirns, mahnte immer wieder die Vereinigung aller Bergarbeiter an, um ihre Ziele zu erreichen.

„Er rät“, heißt es in einem Bericht von einer Versammlung etwa drei Wochen vor Ausbruch des großen Streiks im Mai, „ganz entschieden ab von einem Streik und bittet, in ruhiger und sachlicher Weise sich mit den Arbeitgebern über die gestellten Forderungen zu benehmen“. Die späteren Streikführer waren also alles andere als Aufwiegler. Sie setzten auf eine starke Organisation der Bergleute, die in Verhandlungen mit den Zechenherren Löhne und Lebensbedingungen verbessern sollte.

Einladung zum Bergarbeitertag am 2. Juni 1889 nach Dorstfeld

Folgerichtig erschienen am 21. April, also noch vor dem großen Streik, und am 11. Mai, also noch während des Streiks, Ankündigungen für einen Delegiertentag der bergmännischen Vereine Deutschlands am 2. Juni in Dorstfeld bei Dortmund.

„Die bereits früher angeregte Frage: ‚Wie vereinigen sich die Bergarbeiter im Reich gemeinschaftlich? ‘“ sollte das Hauptthema bilden. Friedrich Bunte als Vorsitzender des Organisationskomitees bat alle Knappenvereine, ihm hierzu und zur Tagesordnung „ihre Meinungen und Ansichten in Form von Anträgen rechtzeitig einzureichen und den Delegiertentag so zahlreich wie möglich zu beschicken“.

Die Tagesordnung lautete: 1. Berichterstattung des Zentralkomitees. Referent Bunte. 2. Die gegenwärtige Lage der Bergarbeiter und die Abstellung von Übelständen beim Betriebs- und Knappschaftswesen durch eine Vereinigung der Bergarbeiter. Referent Schröder. 3. Wirken Gedinge und Überstunden (verlängerte Schichtzeit) vom materiellen und sittlichen Standpunkte aus nützlich oder schädlich? Referent Siegel. 4. Anträge.

Ein Streik wirft alle Pläne für eine Organisation der Bergleute über den Haufen

Als Anfang Mai die Streikwelle im Gelsenkirchener Revier ausbrach – ausgelöst von sehr jungen Bergleuten, die als Schlepper und Pferdetreiber arbeiteten –, waren Bunte, Schröder und Siegel genauso überrascht wie die Öffentlichkeit. Auf der Monatsversammlung des Knappenvereins „Glückauf“ – der bald im Streik eine wichtige Rolle spielen sollte, am 29. April 1889, wenige Tage vor der Streikwelle – ging es nur um die üblichen Vereinsregularien.

Dazu gehörten das Verlesen des Protokolls der letzten Sitzung, der Bericht zum aktuellen Kassenstand, der Beschluss über die Auszahlung des Krankengelds an einen Kameraden, die Wahl eines Krankenkontrolleurs und eines weiteren Sterbegeldkassierers sowie – damals üblich – das Kassieren des Vereinsbeitrags. Die Bergleute im Dortmunder Revier erfasste die Streikstimmung erst eine Woche später. Ihren Zorn schürte die Besetzung einiger Zechen mit Militär, bevor überhaupt gestreikt wurde. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass auch in unserer Region zum Überlaufen brachte.

Im Großraum Dortmund streikten die Bergleute ab Dienstag, den 8. Mai. Am selben Tag fand die erste Streikversammlung von Delegierten der in Dortmund und Umgebung streikenden Zechen statt. Im Vereinslokal des Knappenvereins „Glückauf“, unter Vorsitz von Friedrich Bunte, Delegierter der Zeche Westfalia. „Der Streik sei ihm wie vielen Kameraden“, erklärte Bunte laut „Tremonia“, „gewiss unerwartet schnell gekommen. Indes unterliege es keinem Zweifel, dass das vorzeitige Erscheinen des Militärs den Streik beschleunigt und zu einem allgemeinen gemacht habe. Jetzt komme es auf Einigkeit und Aushalten an!“

Es folgten Berichte zur Lage auf einzelnen bestreikten Zechen und die Wahl eines lokalen Streikkomitees. Den Vorsitz übernahm Friedrich Bunte. Er mahnte zum Schluss „in eindrücklicher Weise zur Ruhe und Besonnenheit. Man soll sich nicht zu irgendwelchen Ausschreitungen hinreißen lassen und durch ordentliches Benehmen sich die Sympathien der Bürgerschaft zu erhalten suchen“. Die weiteren Streikversammlungen der Bergleute des Dortmunder Reviers fanden ebenfalls in diesem Lokal statt. Wie in Dorstfeld der „Dorstfelder Garten“ des Wirtes Schemmann war es das Streikzentrum.

Bunte schlägt dem Kaiser vor, eine Delegation der streikenden Bergleute zu empfangen

Am Abend des 9. Mai fand in Dorstfeld eine weitere große Bergarbeiterversammlung statt. Von ihr ging ein wichtiges Signal aus: Zum Schluss verlas Friedrich Bunte eine Depesche an Seine Majestät den Kaiser. Darin fragte er an, ob eine Deputation der streikenden Bergleute vorgelassen werde, um mündlich Bericht zu erstatten. Die Depesche fand einstimmige Annahme und wurde noch am selben Abend nach Berlin geschickt.

Am folgenden Tag – am Donnerstagnachmittag – berichtete Bunte darüber auf der Vollversammlung der Zechendeputierten des Dortmunder Reviers und fand allgemeine Zustimmung. Am Freitagmorgen tagte eine große Delegiertenversammlung in Bochum. Die „Kölnische Zeitung“ meldete am 10. Mai: „Der Dortmunder Ausschuss für die Ausstandsbewegung hat beim Kaiser angefragt, ob eine Audienz für eine Abordnung bewilligt werden würde. “

Das Telegramm aus Dorstfeld sorgte in Berlin für Nachfragen und sogar für einen kurzfristigen Besuch des Innenministers in Dortmund. Er sprach dort mit Behörden- und Zechenvertretern über die Lage im Streikgebiet – und über die „Gewährung erbetener Audienz für Deputierte der Knappenvereine“.

Friedrich Bunte als Delegierter der Bergleute bei Kaiser Wilhelm

Fritz Bunte, Ludwig Schröder und August Siegel im Jahr 1889 beim Deutschen Kaiser. Repro: Horst Delkus

Am 13. Mai fuhren Bunte, Schröder und Siegel nach Berlin, um dem Kaiser die Forderungen der Bergleute vorzutragen. Die Audienz dauerte nur zehn Minuten. Nach ihrer Rückkehr berichteten Bunte und Schröder auf einer im Freien abgehaltenen Versammlung in Dortmund vor 4.000 bis 5.000 Bergleuten über ihre Reise. Bunte eröffnete. Er ließ abstimmen, ob die Bergleute den Berliner Schritt billigten. Die Versammlung stimmte einmütig zu. und endete mit einem“Hoch“ auf die Kaiserdelegierten.

„Herr Bunte“, heißt es in einem Zeitungsbericht, „sprach seinen Dank für diese Einigkeit aus und betonte, man habe in Berlin die Behauptung aufgestellt, die Arbeiterdeputierten hätten nicht die ganze Arbeiterschaft, sondern nur einen Teil hinter sich. Nun, die Dortmunder Bergleute hätten das Gegenteil bewiesen, und der im Essener Revier seien sie sicher; auch die Bochumer würden gewiss ihre Zustimmung erteilen.

Die drei „Kaiserdelegierten“ der Bergarbeiter: Friedrich Bunte, Ludwig Schröder und August Siegel auf einer zeitgenössischen Postkarte. Foto: Sammlung Horst Delkus

Friedrich Bunte als Streikführer im Bergarbeiterstreik 1889

Auf Einladung des zentralen Streikkomitees – in dem für Dortmund und Umgebung Friedrich Bunte vertreten war – fand am Sonntag, den 19. Mai, in Bochum eine Delegiertenversammlung aller streikenden Belegschaften der etwa 160 Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund statt. Es ging um das Verhandlungsergebnis der Kaiserdelegierten und um die Fortführung des Streiks. Vertreter der Presse sollten zunächst nicht zugelassen werden. Bunte setzte jedoch durch, dass mehr als 50 Reporter, darunter welche aus Frankreich und England, teilnehmen konnten.

Nach heftiger, kontroverser Debatte und einer Unterbrechung nahm die Versammlung eine von Ludwig Schröder vorgelegte – vom Dortmunder Verleger Lambert Lensing verfasste – Resolution an. Die Delegierten unterstützten die Berliner Vereinbarungen und beschlossen, den Streik am Dienstag, den 21. Mai, zu beenden. Des Weiteren wurde beschlossen, am 2. Juni in Dorstfeld einen allgemeinen Delegiertentag abzuhalten, um sich für ganz Deutschland zu organisieren.

Der Streik wurde abgeblasen, flackerte aber sofort wieder auf, als zahlreiche Belegschaftsvertreter und Streikende gemaßregelt wurden. Auf den Zechen änderte sich nichts: keine Lohnerhöhungen, keine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Schikanen blieben.

Einladung zu einer Streikversammlung während des Bergarbeiterstreiks im Mai 1889. Horst Delkus | Nordstadtblogger

Am Freitag, den 24. Mai, beschloss eine weitere Delegiertenversammlung mit 69 gegen 48 Stimmen, erneut in den Streik zu treten. Das zentrale Streikkomitee mit Friedrich Bunte ließ den Beschluss überall plakatieren. Bunte veröffentlichte außerdem erneut eine Einladung zum Delegiertentag der Knappenvereine in Dorstfeld am 2. Juni. Der Streikaufruf der Delegierten und des zentralen Streikkomitees fand jedoch kaum noch Gehör. Ab dem 27. Mai wurde fast überall wieder angefahren. Gleichzeitig verschärfte sich die Repression gegen die Streikführer. Überall fanden Hausdurchsuchungen statt – in der Hoffnung, Beweise zu finden, die den Streik der Sozialdemokratie zuschrieben. Auch bei Bunte, Schröder und Siegel.

„Wie verlautet“, heißt es in einem Zeitungsbericht, „sollen einige Briefe und Zeitungen beschlagnahmt, aber nichts gefunden worden sein, was die Verbindung mit Sozialdemokraten nachweist. Es würde das nur bestätigen, dass die Streikbewegung, solange sie in den Händen der oben genannten Führer lag, eine durchaus gesetzmäßige gewesen ist und dass sie erst ausgeartet sein kann, nachdem radikale Elemente die gemäßigten und bewährten Führer verdrängt hatten. Wir sind noch heute der Ansicht, dass die Herren Schröder, Bunte, Siegel alles getan haben, um der Streikbewegung ihre Schärfe zu nehmen, sie in aller Ruhe und Ordnung zu Ende zu führen. Es ist schlimm genug, dass sich die Herren wegen ihrer gemäßigten Haltung jetzt verleumden lassen müssen und sich verteidigen müssen gegen den Vorwurf, als seien sie gekauft und hätten die Bergmannssache verraten. Ob die Drei freilich der großen Bewegung gewachsen waren, steht auf einem anderen Blatt“.

Friedrich Bunte verkündete, dass der für den 2. Juni angesetzte Delegiertentag bis auf Weiteres ausfalle. In einer gemeinsamen Anzeige erklärten Bunte, Schröder und Siegel „zur Widerlegung eines Gerüchts, nach welchem wir seitens der Gewerkschaften bestochen sein sollen: dass wir vor wie nach auf demselben Standpunkte stehen, die Interessen unserer Kameraden in aufrichtiger Weise wahrzunehmen, keinen Bergmann beeinflussen und jedem nach seiner Wahl überlassen, ob er die Arbeit aufnimmt oder weiter streikt. Übrigens werden wir jeden Fall der Verleumdung strafrechtlich verfolgen lassen“.

Am 29. Mai veröffentlichten die Streikführer des Dortmunder Reviers gemeinsam folgenden Aufruf:

Kameraden! Nach dem Beschluss der Delegierten vom 24. dieses Monats in Bochum hat es sich gezeigt, dass diejenigen Delegierten die Belegschaften nicht mehr hinter sich hatten, welche durchsetzten, dass weiter gestreikt werden sollte. Kameraden! Fast überall haben die Belegschaften die Arbeit wieder aufgenommen, folgen auch wir im Vertrauen darauf, dass die Zechenverwaltungen ihr Wort halten werden, ihrem Beispiel und nehmen am 31. d. M. die Arbeit wieder auf.

Bunte, Westfalia. Siegel, Zollern. Schröder, Kaiserstuhl. Winke, Kaiserstuhl. Rohkemper, Minister Stein. Hünninghaus, Gneisenau. Vollmerhaus, Tremonia. Becker, Westfalia“.

Der Aufruf bedeutete das endgültige Ende der Streikbewegung im Ruhrgebiet.


In Teil 2 berichten wir vom weiteren Werdegang von Friedrich Bunte und seinem Kampf für Bergleute und SPD.


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