30 Jahre Gast-Haus: Hilfe, Schutz und Begegnung für obdachlos lebende Menschen in Dortmund

Drei Jahrzehnte Engagement in der Rheinischen Straße für Menschen in Not

Blick in den Saal
Moderator Michael Hofmann vom Gast-Haus-Vorstand begrüßte die Gäste zum Festakt „30 Jahre Gast-Haus statt Bank“ in der Aula des Mallinckrodt-Gymnasiums in Dortmund. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Nicht wenige Menschen leben in Dortmund unter den harten Bedingungen der Obdachlosigkeit. Im Gast-Haus nehmen sich engagierte Menschen schon seit vielen Jahren der damit einhergehenden Not an. Vor nunmehr dreißig Jahren, am 14. Januar 1996, wurde diese zentral gelegene Einrichtung – damals zunächst in den Räumen einer ehemaligen Apotheke – feierlich eröffnet.

Not, die nicht übersehen werden darf

Nicht nur irgendwo in der Welt, sondern auch in Deutschland ist Armut präsent. Statistisch wird ausgewiesen, dass 20,9 Prozent der hierzulande lebenden Menschen als relativ arm gelten. Sie verfügen über weniger als 60 Prozent des durchschnittlich mittleren Einkommens und können darum am gesellschaftlichen Leben nur eingeschränkt teilnehmen.

Gruppenbild der beteiligten
Bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Gast-Hauses: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (vorne, 4. v.l.), Dompropst Monsignore Joachim Göbel (hinten, 1.v.l.), Schulleiter Christoph Weishaupt (vorne, 1. v.l.) und Gast-Haus-Geschäftsführerin Katrin Lauterborn (vorne, 5. v.l.) sowie weitere Beteiligte. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Unter ihnen gibt es aber auch solche Menschen, die absolut arm sind, was bedeutet, dass das Geld für die elementar notwendigen Ausgaben nicht reicht. Wohnung, Nahrung und Gesundheitsversorgung sind somit ein unlösbares Problem. Und Obdachlosigkeit ist besonders bedrückend. Bemerkenswert ist, dass die Zahl der absolut Armen für Deutschland nicht klar erfasst wird. Aber die Not ist, auch in Dortmund, allgegenwärtig wahrnehmbar.

In der Rheinischen Straße gibt es seit nunmehr 30 Jahren das Gast-Haus. Dort engagiert man sich für die Menschen, deren Leben sich in der Obdachlosigkeit ereignet. Man kennt und lindert die Not. Und man weiß aufgrund der drei Jahrzehnte lang gesammelten Erfahrungen, dass die Zahl der Menschen in Obdachlosigkeit inzwischen deutlich angestiegen ist. ___STEADY_PAYWALL___

Hinzu kommt, dass zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene betroffen sind. „Viele tragen Spuren von Schlafentzug, Unterernährung, Krankheit oder unbehandelten Verletzungen“, informiert die Einrichtung. Auch Demütigungen und Hassverbrechen haben zugenommen, so dass Obdachlose zuweilen gar um ihr Leben fürchten.

Vor diesem erschütternden Hintergrund bietet das Gast-Haus einen sicheren Ort. In wertschätzender Atmosphäre werden Mahlzeiten (beispielsweise ein gutes Frühstück oder eine warme Suppe), aber auch Kleidung und elementar notwendige Dinge für das tägliche Leben gereicht.

Alltäglich praktizierte Nächstenliebe

Der Trägerverein „Gast-Haus Ökumenische Wohnungslosen-Initiative e. V.“ entstand einst im christlichen Kontext. Auch heute noch gehören viele der Mitarbeiter:innen einer christlichen Konfession an. Das Haus selbst ist aber an keine bestimmte Kirche gebunden, wenngleich die ethischen Grundsätze der praktizierten Nächstenliebe Leitmotive geblieben sind. „Wo Gastfreundschaft gelebt wird, ist etwas von Gottes Nähe und Liebe erfahrbar. Besonders Jesus übte Gastfreundschaft am liebsten mit den Armen und Ausgegrenzten“, heißt es.

Hendrik Wüst und Katrin Lauterborn
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst bedankte sich besonders bei Gast-Haus-Geschäftsführerin Katrin Lauterborn für die dort geleistete Arbeit. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Im Alltag wird den vielfältigen Anliegen der Gäste mit einem differenzierten Angebot begegnet. Professionelle Sozialarbeit hilft dabei, sich mit Behörden und Ämtern auseinanderzusetzen, etwa dann, wenn Aufenthaltsrechte unsicher oder notwendige Papiere nicht vorhanden sind. Neben den hauptberuflich Beschäftigten, ist ein Team von 360 Ehrenamtlichen im Schichtdienst mit den Aufgaben betraut.

Die Bewirtung der Gäste, das Organisieren der Lebensmittel, die Betreuung der Kleiderkammer: die unterschiedlichsten Arbeitsbereiche werden von den Ehrenamtlichen mit Zeitspenden ermöglicht. Der Aufenthalt in den gastlichen Räumen, die allgemeinmedizinische und fachärztliche Versorgung und das Beratungsangebot bilden die Säulen vom Hilfsangebot.

Ökumenischer Gottesdienst und Feierstunde zum Jubiläum

Jetzt, dreißig Jahre nach der Gründung, wird in diversen Veranstaltungen und auch mal im feierlichen Rahmen auf das bislang Geleistete und zukünftig Notwendige geblickt. So traf man sich am vergangenen Mittwoch mit Freunden, Förderern, Vertretern aus Politik und Verwaltung, Verbänden und Vereinen sowie wichtigen Dortmunder Persönlichkeiten im Mallinckrodt-Gymnasium.

Junge Menschen beim musizieren
Der ökumenische Gottesdienst wurde von Schülerinnen und Schülern des Mallinckrodt-Gymnasiums musikalisch und inhaltlich mitgestaltet. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

Nach der Begrüßung  durch Birgit Pöting-Godehardt (1. Vorsitzende) und einem ökumenischen Gottesdienst, in dessen Gestaltung sich Schüler:innen des Gymnasiums mit Wortbeiträgen und Musik einbrachten, sprach Christoph Weishaupt (Schulleiter des Mallinckrodt-Gymnasiums) ein herzliches Grußwort.

Für die Stadt Dortmund war, neben einigen Ratsmitgliedern,  Alexander Kalouti (Oberbürgermeister) gekommen, der sich für 30 Jahre gelebte Verantwortung bedankte und versicherte, dass sich die Stadt Dortmund auch weiterhin der Not der von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen annehmen wird. Stets gehe es um eine Begegnung auf Augenhöhe, versicherte er.

Ehrenamt, Erinnerung und gelebte Mitmenschlichkeit

Hendrik Wüst, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, erinnerte in seiner Rede an die bescheidenden Anfänge vom Gast-Haus und lobte ausdrücklich das Engagement, das in den vergangenen Jahren zur heutigen Größe der Einrichtung geführt hat. „Ehrenamtliches Engagement ist eine unverzichtbare Stütze in unserer Gesellschaft“, betonte er. „Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die Zusammenhalt stiften und Gemeinsinn leben.“

Joachim Göbel spricht
Dompropst Monsignore Joachim Göbel verlas ein Grußwort von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Foto: Michael Bodin / Erzbistum Paderborn

In seiner Rede erinnerte Domprobst Joachim Göbel aus Paderborn sich an die Zeit, in der er selbst am Mallinckrodt-Gymnasiums gewirkt hat, Damals begann die bis heute andauernde Zusammenarbeit, aufgrund derer Schüler:innen auch in Praktika im Gast-Haus mithelfen. Außerdem überbrachte einen Gruß vom Erzbischof Benz, der mit einer kirchlichen Spende an den Verein verbunden war.

Insgesamt waren es festliche Stunden, in denen die Anwesenden das Jubiläum begingen. Aber die eigentlich Gemeinten waren nicht da. Wie hätte sich die Veranstaltung verändert, wenn von Obdachlosigkeit betroffene Menschen an diesem Abend mitgefeiert hätten? Welche Gespräche wären möglich gewesen, wenn die ansonsten Gutversorgten sie direkt mit den Menschen in Not geführt hätten?

Aber es ist und bleibt beachtlich, was in der Rheinischen Straße geleistet wird: Pro Jahr finden während 70.000 Arbeitsstunden 170.000 Begegnungen mit Gäst:innen statt. 12.000 mal werden medizinische Behandlungen durchgeführt. Und immer wird eine Atmosphäre geboten, die im Gegensatz zur unwirtlichen Obdachlosigkeit etwas Zuhause vermittelt. Das ist menschliche Nähe in allen Phasen des Lebens, auch in denen der Trauer: Im Weihnachtsrundbrief wird den namentlich erwähnten verstorbenen Gästen gedacht. Auch das ein Ausdruck würdigender Mitmenschlichkeit!


Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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