
Dortmund gilt statistisch als sichere Großstadt. Trotzdem wächst bei vielen Menschen das Gefühl, sich im öffentlichen Raum nicht mehr sicher bewegen zu können. Dieses Spannungsverhältnis steht im Mittelpunkt eines Podcast-Gesprächs von Nordstadtblogger Alexander Völkel mit dem Dortmunder Polizeipräsidenten Gregor Lange. Er spricht über Ängste, Polarisierung, polizeiliche Grenzen – und darüber, warum Sicherheit mehr ist als eine Zahl.
„Dortmund ist nach wie vor eine unglaublich lebenswerte Stadt“
Gregor Lange beschreibt seine Heimatstadt trotz aller Debatten als Ort des Miteinanders. Dortmund sei geprägt von Vielfalt und jahrhundertelanger Erfahrung im Umgang mit kultureller Unterschiedlichkeit. „Das ist etwas, was in Dortmund eigentlich nach wie vor eine Stimmung ausmacht, die eher auf ein Miteinander ausgerichtet ist als auf ein Gegeneinander“, sagt der Polizeipräsident.
Gleichzeitig warnt er vor gesellschaftlichen Entwicklungen, die dieses Gleichgewicht gefährden könnten. Bundesweit nehme die Polarisierung zu, auch in Dortmund sei sie spürbar. „Wir tun gut daran, alles dafür zu tun, dass das so bleibt und nicht in irgendeiner Form die stärkere Polarisierung auch hier stärker wird“, betont Lange. Dortmund sei vielfältig, lebendig und im Wandel – von der Innenstadt über die Parks bis zur Nordstadt.
Ein sicherer Ort – mit wachsender Verunsicherung
Seit mehr als einem Jahrzehnt steht Lange an der Spitze der Dortmunder Polizei. Sein Blick auf die Stadt habe sich dadurch verändert. „Wenn ich durch die Stadt gehe, dann habe ich auch das Thema im Blick: Wie sieht es mit der Sicherheit aus?“

Lange erinnert daran, dass seine Arbeit lange stark vom Kampf gegen Rechtsextremismus geprägt war. Dortmund sei über Jahre ein Negativbeispiel gewesen, wenn es um rechtsextreme Präsenz im öffentlichen Raum ging. ___STEADY_PAYWALL___
Heute nehme er vor allem eine andere Entwicklung wahr: eine emotionalisierte Sicherheitsdebatte. „Dabei geht manchmal verloren, dass das Sicherheitsempfinden viel schlechter ist, als es die Lage überhaupt hergibt.“ Objektiv sei das Risiko, in Dortmund Opfer einer Straftat zu werden, gering.
Paradox: Obwohl die Kriminalität sinkt, wächst die Angst
Zwischen 2014 und 2019 sei die Kriminalität in Dortmund massiv zurückgegangen: „Wir hatten einen Rückgang um 21.000 Fälle, etwa 30 Prozent weniger“, sagt Lange. Nach der Pandemie seien die Zahlen wieder gestiegen, langfristig liege Dortmund aber deutlich unter früheren Belastungen.
Dass sich trotzdem viele Menschen unsicher fühlten, habe andere Gründe. „Das Sicherheitsgefühl leidet immer dann besonders, wenn Krisen tatsächlich erkennbar werden.“ Lange verweist auf internationale Konflikte wie den Krieg in der Ukraine oder den Krieg im Gazastreifen, aber auch auf wirtschaftliche Sorgen. Sicherheitsempfinden werde nicht nur durch Kriminalität beeinflusst, sondern durch viele Randfaktoren.
Vulnerable Gruppen spüren Unsicherheit zuerst
Besonders betroffen seien bestimmte Bevölkerungsgruppen. „Die vulnerablen Gruppen einer Gesellschaft sind die ersten, die ein stärkeres Unsicherheitsgefühl entwickeln“, erklärt Lange.

Dazu gehörten auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. In polarisierten Debatten fürchteten sie, Ziel von Angriffen aus rechtspopulistischen oder rechtsextremen Kreisen zu werden.
Dieses Unsicherheitsgefühl zeige sich auch im Stadtbild. Lange beobachtet, dass sich Teile der Bevölkerung abends aus der Innenstadt zurückziehen. „Das, was ich als soziale Kontrolle bezeichne, wird dort vermisst“, sagt er. Das habe weniger mit Kriminalität zu tun als mit Wahrnehmung und fehlender Durchmischung.
„Dortmund ist nach wie vor eine sichere Großstadt“
Um Vertrauen zurückzugewinnen, setzt die Polizei auf eine faktenbasierte Kommunikation. „Dortmund ist nach wie vor eine sichere Großstadt, auch im europäischen Maßstab“, betont Lange. Keine deutsche Großstadt gehöre zu den 25 kriminalitätsbelastetsten Städten Europas.
Gleichzeitig verschweige die Polizei negative Entwicklungen nicht. „Wenn Straftaten steigen, kommunizieren wir das ganz ehrlich.“ Die Polizei habe ihre Präsenz deutlich erhöht, zusätzliche Kräfte nach Dortmund geholt und neue Konzepte entwickelt. Dazu gehörten Videobeobachtung an bekannten Brennpunkten und ein zentral gesteuertes Gewaltkommissariat.
Dass diese Maßnahmen greifen, lasse sich belegen. „2023 sind die Zahlen erst einmal angestiegen, weil mehr Straftaten sichtbar wurden“, erklärt Lange. Inzwischen habe sich die Entwicklung gedreht. In der Straßenkriminalität gebe es stadtweit einen Rückgang von rund 14 Prozent, im Innenstadtbereich sogar von bis zu 18 Prozent. Auch Raub- und Gewaltdelikte seien deutlich rückläufig.
„Durch keinen Platzverweis wird ein Drogensüchtiger geheilt“
Trotz aller Erfolge warnt Lange davor, gesellschaftliche Probleme auf die Polizei abzuwälzen. „Ich sorge mich um eine Verpolizeilichung der Problemlösungen“, so der Polizeipräsident.

Themen wie Drogensucht, Obdachlosigkeit oder psychische Erkrankungen ließen sich nicht mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen lösen.
„Wir brauchen Drogenkonsumräume und Hilfestellungen, sonst schieben wir Probleme nur“, so Lange. Erst wenn soziale und gesundheitliche Angebote griffen, könnten polizeiliche Maßnahmen sinnvoll wirken.
Über Extremismus und das Vertrauen in den Rechtsstaat
Beim Extremismus sieht Lange Fortschritte, insbesondere beim militanten Neonazismus. „Viele Rädelsführer sind in Haft oder haben Dortmund verlassen.“ Neue Gefahren entstünden jedoch durch rechtsextreme Ansprachen junger Menschen. Die Normalisierung extremistischer Positionen sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Sein Wunsch für die Zukunft ist klar formuliert: „Dass wir uns das Thema Respekt nicht nur als Label auf die Fahne schreiben.“ Demokratie, Vertrauen und ein respektvolles Miteinander seien die Grundlage für Sicherheit. „Das würde die Polizei am meisten entlasten.“
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